Zweites Blatt.
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1901
Die Denkmalsfeier in Kiel.
Kiel, 20. Juni.
Unter dem donnernden Salut der im Kieler Hafen vor Anker liegenden Kriegsschiffe ist heute im Park der Marine- akademie die Hülle vom Denkmal des Großen Kurfürsten gefallen. Das Denkmal, ein Bronceguß, nach dem Modell von Bildhauer Haverkamp, steht an der Wasserseite des Grundstücks der Akademie; der Kurfürst hält den Blick auf die ein- und anslaufenden Schiffe gewendet, die eine Hand am Knauf des Degens, in der anderen den Feldherrnstab. Sein Haupt bedeckt der bekannte Kurfürstenhut. An Stelle von Reliefs weisen die Seiten des Sockels Aussprüche des Großen Kurfürsten auf, die von dessen Interesse für die Ausdehnung der Interessensphäre Kurbrandenburgs auch auf die See Zeugniß geben; die vordere Seite des Sockels trägt die Inschrift: „Der Große Kurfürst 1640—1688". Auf der linken Seitenfläche steht: „Seefahrt und Handel sind die fürnehmsten Säulen eines Staates. 1. 1. 1686", auf der rechten: „Wollen (auch in Consideration unseres Ansehens, welches dabei in- leressirt ist, sowie aus anderen Respekten, daß das begonnene Werk der Flotte fortgesetzt werde. 30. 9. 1681." Die Rückseite trägt die Worte: „Sie gesturus sum principatum, ut sciam, rem populi non esse meam privatam.“
Um 9 Uhr begaben sich der Kaiser und die Kaiserin mit den Mitgliedern des Königlichen Hauses an Bord der „Hohenzollern" an Land. An der Akademiebrücke empfingen Admiral von Köster und Vice-Admiral von Arnim die Majestäten und geleiteten sie zum Denkmalsplatze, wo der Kaiser die in Paradestellung aufgestellten Truppen mit den Worten begrüßte: „Morgen, Seesoldaten!" „Morgen, Matrosen!" „Morgen, Schiffsjungen!" „Morgen Kadetten!"
Die Rede des Kaisers.
Nachdem der Kaiser die 1600 Mann, die summa sum- marum in Paradestellung angetreten waren, begrüßt hatte, hielt er die nachstehende Ansprache, welche die Kaiserin und die Prinzessin Heinrich von dem für sie errichteten Pavillon aus anhörten:
„Zerstampfte Saaten, verwüstete Fluren, niedergebrannte Dörfer, Krankheit, Noth und Elend, so sah es in der sandigen Mark aus, als der im ersten Jünglingsalter stehende junge Kurprinz durch den plötzlichen Tod seines Vaters an die Spitze der Regierung berufen wurde. Fürwahr, keine benei- denswerthe Erbschaft, eine Aufgabe, die eines gereiften, ausgewachsenen, mit allen Verhältnissen vertrauten Mannes bedurft hätte und für ihn fast zu schwer gewesen wäre. Unverzagt trat der Jüngling an diese Aufgabe heran, und mit wunderbarer Geschicklichkeit gelang es ihm, dieselbe zu losen. Mit eiserner Energie, das Ziel vor Augen, das er sich ein-
mal gesetzt, durch nichts sich ablenken lassend, hat der Kurfürst sein Land emporgehoben, gestärkt, seine Bevölkerung wehrhaft gemacht, seine Grenzen vom Feinde gesäubert und sich bald eine solche Position erworben, daß ihm die Mitwelt, und zumal seine Gegner, noch bei seinen Lebzeiten den Beinamen des Großen gegeben haben, einen Beinamen, der sonst nach schwerem, verantwortungsvollem Leben dem Herrscher nach dem Tode von seinem dankbaren Volke beigelegt wird. Und dieser Jüngling, der zum gewaltigen Manne ausreifte, der sein Land in dieser schweren Arbeit aufgerichtet hatte, war der erste Fürst, der auf die See hinauswies, war der Begründer der brandenburgischen Flotte. Da ist es wohl eine Ehrenpflicht, wenn die deutsche Flotte ein Standbild unter sich aufrichtet, und wenn Offiziere und Mannschaften derselben an dem Anblick dieses Standbildes sich erbauen und in ihren Gesinnungen festigen lernen. Gott hat es also gefügt, daß der Kurfürst in den Niederlanden seine Jugend verbrachte, die Arbeit, den Fleiß, die Verbindungen nach außen, den Nutzen des Handels schützen und pflegen lernte. Was er dort bei dem fleißigen, einfachen Volke der Seefahrer deutschen Stammes gelernt, das übertrug er auf sein Land. Fürwahr, in der damaligen Zeit ein ganz gewaltiger Entschluß, der bei seinen Unterthanen und bei seinen Zeitgenossen zuerst wohl kaum verstanden wurde. Die brandenburgische Flotte erblühte unter seinem gewaltigen Schutz und Willen, unter den Händen bewährter Niederländer, des Admirals Raule und seines Bruders. Allein nach dem Tode des Kurfürsten sank auch seine Schöpfung dahin, es ward ihm nicht bestimmt und auch ihr nicht, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Die Nachfolger an der Krone mußten sich erst ihr Recht erkämpfen, in der Welt mitzureden und ihr Volk in ihren Grenzen in Frieden ungestört zu regieren. Das hatte zur Folge, daß der Blick von der See abgelenkt wurde, daß in heißem Ringen Jahrhunderte lang die Mark und Preußen zusammengeschweißt werden mußten. So entstand durch Gottes Fügung und durch die Arbeit der Nachfolger des Großen Kurfürsten, basirend auf dem gewaltigen Grund- und Eckstein, den er gelegt hatte, die Hausmacht, die das Haus Hohenzollern befähigt hat, das deutsche Kaiserthum anzutreten, die Hausmacht, die dem Deutschen Kaiser gebührt, damit er in der Lage sei, mit kräftigem Nachdruck überall für des Reiches Wohlfahrt zu sorgen und mit seiner Flagge die Gegner in Respekt zu setzen. Aufgerichtet steht das Denkmal vor der Akademie. Die Jugend, der die Zukunft gehört, die Jugend, die die Früchte unserer Arbeit ernten soll, die die Samenkörner, die wir jetzt gelegt haben, dereinst aufziehen und die Ernte mähen soll, die Jugend soll ihre Blicke auf diesen Fürsten lenken und sich an ihm erbauen, gottesfürchtig, streng, unerbittlich streng gegen sich selber und gegen Andere, fest vertrauend auf den Gott, von dem er
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sich seine Wege weisen ließ, unbekümmert um jeden Rückschlag, um jede Enttäuschung, die er in seinem Christensinne nur als eine Prüfung von oben ansah. So hat der Große Kurfürst gelebt und so sollet Ihr es nachthun. Der Hauptgrundsatz, der ihn befähigte, trotz aller Widerwärtigkeiten, trotz aller Rückschläge, trotz aller schweren Erfahrungen und Prüfungen niemals den Muth und die Hoffnung zu verlieren, das war der rothe Faden, der sich durch sein Leben zog, der in seinem Wahlspruche sich äußerte: Domine, fac nie scire viam, quam ambulem. So heiße es auch von den Offizieren und Mannschaften Meiner Marine! So lange wir auf dem Grunde arbeiten, können wir unbekümmert jede schwere Phase der Entwickelung der Marine und unseres Vaterlandes, die uns Gottes Vorsehung vielleicht noch vorbehalten hat, überwinden. Das sei der Weg, den Ihr wandeln sollt. Das sei der Grund, auf dem Meine Marine aufgebaut ist. Das befähige Euch, im Streite zu siegen und in Widerwärtigkeiten auszuhalten, bis die Sonne wieder durch das Gewölk hervorbricht. So übergebe Ich jetzt das Denkmal an die Marine- Akademie. Sie möge es hegen, pflegen und in Ehren halten, damit dereinst auch Charaktere aus ihr hervorgehen, die dem gleichen, der jetzt vor Euch stehen wird. Es falle die Hülle 1"
Einige Stellen der Rede waren von starker Wirkung, * so die von dem Eindruck der Seepolitik und der Flottenbegrün- dungsbeschlüsse des Großen Kurfürsten auf dessen Zeitgenossen, die diese zu würdigen und zu verstehen zu kurzsichtig waren. Ferner die Erwähnung, daß von dem Fürsten, den das Denkmal darstelle, der Eckstein zu der Hausmacht geschaffen worden sei, die dem deutschen Kaiserthum die Wege geebnet habe und die ihm gebühre. Schließlich die markanten Schlußworte: „So falle die Hülle! Drei Hurrahs!" bei denen das Denkmal hervortrat, die Kapelle des Seebataillons mit der Kaiserhymne einsetzte und vom Hafen her betäubender Kanonendonner die Luft erbeben machte.
Die eherne Sprache der Geschütze ließ die Dankesworte fast unverständlich verhallen, die Admiral von Arnim als Leiter des Marinebildungswesens, zu dessen Amtsgebiet die Marineakademie gehört, an den Kaiser richtete. Sie klang in ein dreifaches Hoch auf den Monarchen aus. Der Kaiser, seine Begleitung und sein Gefolge umschritten und besichtigten hierauf unter Führung des Bildhauers Haverkamp das Denkmal. Der Künstler erhielt den Rothen Adlerorden. Man sah den Monarchen hierauf mit Mathias von Köller, dem ehemaligen Minister des Innern und jetzigem Oberpräsidenten von Schleswig-Holstein, sowie mit dem Führer der Seebataillone in China, Generalleutnant von Höpfner, einige freundliche Worte wechseln. Dem Vorstand des Artillerie-Depots in Friedrichsort, Kor- vetten-Kapitän Pustau, theilte er mit, daß er ihm den erblichen Adel verliehen habe. Mit tiefer Verbeugung nahm schließlich
FwiMton.
Mie MUlon-ire reiten.
Von M. Kossak.
(Nachdruck verboten.)
Wenn die Aeste der Bäume sich mit schattigen Laubmassen füllen, der Gesang der Vögel in Flur und Wald erschallt, und unter den wärmenden Sonnenstrahlen ein bunter prangender Blüthenflor dem mütterlichen Erdboden entsprießt, dann treibt es den modernen Menschen hinaus in die weite Welt, die ihm des Schönen und interessanten so viel verheißt ! Das Fernweh ergreift uns Alle, welch' Alters, Geschlechts und Standes wir auch sind, aber die Art, in der wir ihm Genüge thun, ist freilich eine außerordentlich verschiedene. Während der Arme sich mit sonntäglichen Ausflügen in die Umgebung seines Heimathortes begnügen muß, setzen die Begüterten sich ins Eisenbahnkoupee oder Dampfschiff, um ferne Gegenden und Länder zu durchmessen. Aber auch hier wieder — welch' ein Unterschied bezüglich des Komforts, den der Einzelne sich zu gestatten vermag! Wenn wir den mehrfachen Millionär sehen, der von zahlreicher Dienerschaft begleitet, sich aus dem Salonwagen in ein Hotel ersten Ranges begibt, in dem sein Kourier ihm eine ganze Flucht luxuriös ausgestatteter Gemächer hat serviren lassen, so beschleicht uns wohl zuweilen ein Gefühl des Neides, weil wir es so gut nicht haben können. Wahrlich mit Unrecht! Wer weiß, ob dem Manne das Reisen gleichen Genuß gewährt, wie uns, die wir vielleicht das ganze Jahr dazu sparten, denen das Bewußtsein, etwas mühsam Erstrebtes erreicht zu haben, die Freude verdoppelt!
Doch, ich will mich nicht mit müßigen Betrachtungen über den Werth und Unwerth irdischer Güter im Allgemeinen, sowie in der Beziehung zum Vergnügen des Reisens im Besonderen
aufhalten, sondern vielmehr meinen Lesern erzählen, wie diese und jene Millionäre zu reisen pflegen. Es treten selbstverständlich auch bei dieser Gelegenheit allerhand höchst individuelle Liebhabereien zu Tage.
So ziemlich die eigenartigsten hatte ein Millionär, mit dem ich seinerzeit bekannt war — beiläufig der erste, den ich überhaupt persönlich kennen lernte. Es war ein Herr aus ursprünglich sehr kümmerlichen Verhältnissen, der nach einem bewegten, um nicht zu sagen abenteuerlichen Leben im Alter von vierzig Jahren ein enormes Baarvermögen und mehrere Güter im Osten Deutschlands erbte. Er war schon in allen bewohnten Theilen der Erde gewesen, aber trotzdem reizte es ihn, auch jetzt als Krösus das Reisen fortzusetzen, doch hatte er die Schrulle, im Gegensatz zu früher, da er oft in den ärmlichen Herbergen sein Haupt zum Schlummer niederlegen mußte, nunmehr auch unterwegs nur unter seinem eigenen Dach zu wohnen. Zu diesem Zweck kaufte er sich hier und dort lauter kleine Häuschen, die er jedes in einem anderen Stil einrichten ließ. In einem Ostseebad erwarb er auf der Düne, hart am Meer, eine Fischerhütte, die bis auf die buntbemalten Kaffeetassen und das grobe karrirte Bettzeug genau so ausgestattet wurde, wie es unter der dortigen Bevölkerung Sitte ist, etwa vierzig Meilen davon, in einer Hafenstadt, wurde ein drei Stockwerke hohes Haus, das aber nur je zwei Fenster in der Front hatte, mit einem engen altmodischen Garten darum, im Geschmack der fünfziger Jahre, für ihn möblirt, ein drittes Haus im Königreich Sachsen wiederum erhielt das Gepräge einer englischen Kottage u. s. w. u. s. w. Stets fuhr ihm eine Köchin und ein Diener voraus, die in dem betreffenden Heim Alles zu seinem Empfange herrichteten und dann später auch für seine Bedürfnisse sorgten. Von seinem jeweiligen Wohnort aus unternahm er kürzere und weitere Ausflüge, bei denen ihm immer ein alter Diener begleitete, der ihn überhaupt nie verließ; es war dies nicht derselbe, der ihm voraus reifte, um die Häuser in wohnlichen Zustand zu bringen. Ich bin sowohl in dem dreistöckigen Hause wie in der Fischerhütte einen
Nachmittag lang zu Gast bei dem Herrn gewesen und diese Besuche werden mir unvergeßliche sein. Man glaubte sich in einer Häuslichkeit zu finden, die seit Urväterzeiten der Familie des Besitzers zum steten Aufenthalt gedient, so komplett war die Einrichtung und so durchaus machten die Häuser den Eindruck des ununterbrochenen Bewohntseins. Da gab es neue, eben erst erschienene Bücher, Tageszeitungen, ein wohlgestimmten Klavier, Blumen auf den Tischen und an den Fenstern, einen Kanarienvogel, ein Bauer u. s. w. Dazu die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der der etwas zeremoniöse und ernste Hausherr sich in dem Heim bewegte — kurz, die Sache wirkte höchst seltsam und verblüffend. Billig ist die geschilderte Liebhaberei aber gewiß nicht gewesen.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit derselben hatten die Reisegewohnheiten des vor etwa zwei Jahrzehnten vielgenannten amerikanischen Millionärs R. F. Cole. Auch dieser logirte auf Reisen stets in seiner eigenen Häuslichkeit, aber ungleich meinem Bekannten, der an einem Wechsel des Stils Gefallen fand, bevorzugte Mr. Cole die denkbarste Einförmigkeit seiner Umgebung. Die Wohnungen mußten sämmtlich genau so eingerichtet sein, wie sein New-Iorker Heim. An der nämlichen stelle stauben allenthalben die gleichen Möbel, Nippes u. s. w., dasselbe Gebäck, das er daheim zum ersten Frühstück aß, wollte er auch auf Reisen haben und die blaurothen Orchideen, welche das Boudoir Mrs. Coles, die ihren Gatten stets begleitete, schmückten, durften auch unterwegs auf ihrem üblichen Platz nicht fehlen. Da Mr. Cole jedoch keinen Werth darauf legte, daß die Häuser, die er bewohnte, ihm gehörten, so wurden sie immer nur für den jedesmaligen Gebrauch gemiethet, die Schwierigkeit für die Leute, denen diese Pflicht oblag, bestand nur darin, allemal solche Wohnungen zu finden, deren Beschaffenheit dein New-3)orker Vorbilde entsprach. Da das häufig nicht gelang, so wurden Umbauten nöthig. Wenn Mr. Cole in Europa reiste, so logirte er auch in Hotels, doch mußten in diesen ebenfalls seine Zimmer seinen Wünschen gemäß um* gestaltet werden.