Zweites Matt.
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Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
Nr. 140
Bezirks Hernsprcchauschluß Nr. 98.
Mittwoch den 19. Juni
Bezirks-Fcrnsprechanschluß Nr. 98.
1901
Das Gefecht der der großen Mauer, ii.
Houschs, 20. April.
Am 18. April stiegen wir zeitig zu Pferde. Unser Marschziel, ich meine das Marschziel des Armee-Oberkommandos, war das 24 Kilometer von Ting entfernte Sinle und der Niti dorthin an und für sich wenig schön. Durchquerte unser Weg doch ein Meilen breites altes Flußbett mit [untiefem weißen Sand, auf welchen die Sonne heiß niederbrannte. Interessante Momente gab es aber auch in dieser Wüstenei! Vor uns mar- schirte eine sich lang hinziehende Kolonne. Besondere Marschdisziplin herrschte in derselben nicht; das sah ein militärisch geschultes Auge sofort. Bold hatten wir die Kolonne eingeholt. Mit den Offizieren wurden im Vorbeireiten höfliche Grüße ausgetauscht; auch ein Theil der Mannschaften grüßten uns. Es waren Franzosen, Zuaven, die sich von Paotingfu aui dem Vormarsch befanden. Ihr allerdings sehr schweres Gepäck führten sie auf Maulthierkarren mit sich. Die Offiziere ritten wahre Miniatur-Ponies; Tonkin-Hengste, zierliche Pferdchen von vielem Temperament. Letzteres kann man den feurig courbettirenden Thierchen gewiß nicht absprechen; aber eigenthümlich sah es aus, wenn dabei einzelne der Leiter mit den Füßen fast den Boden berührten. Immerhin bildete diese Begegnung ein ganz interessantes Intermezzo! Wie sich doch die Zeiten ändern! . . . Deutsche und Franzosen auf gemeinsamem Kriegspferde freundlich aneinander vorüberziehend! . . . Lange währte es nicht, da hatten wir sie überholt und desgleichen auch 50 Berittene vom 16. französischen Marine-Jufanterie- Regiment. Man sieht, „berittene Infanterie" spielt jetzig in allen Armeen eine große Rolle und, der Wahrheit die Ehre, — ohne dieselbe ist auch in China schwer auszukommen. Unsere deutsche berittene Infanterie hat jedenfalls hier schon ganz Hervorragendes geleistet; zwanzig Mal mehr beispielsweise wie die äußerlich so brillant cidjustirte englische — Kavallerie. Es ist übrigens charakteristisch, daß sich unsere Mannschaften, wo immer sie auf dem chinesischen Kriegsschauplatz zugleich mit französischen und englischen Truppen zusammenkamen, stets zu den ersteren hielten und die Engländer links liegen ließen. Den besten Beweis lieferten die bekannten Vorgänge in Tientsin! . . . Endlich liegt die Flußbett-Sandwüste hinter uns. Staubig, sandhaltiger weist, sich auch noch die weitere Straße, aber die Umgebung ändert sich. Die Dörfer sind von frischgrünenden Baumgruppen umgeben; die Gegend ist nicht mehr so entsetzlich öde. Sauber gehaltene Felder tauchen immer häufiger auf mit üppig emporschießender Saat. Feldarbeiter sieht man nur vereinzel: und weiter ab von der Straße beschäftigt. Die Dörfer selbst scheinen ganz ausgestorben zu sein. Die männliche Bevölkerung ist in ihnen wohl noch vorhanden, hält sich aber versteckt, oder reißt bei unserem Nahen aus. Ihre Weiber dagegen haben die Herren Langzöpfs längst in Sicherheit gebracht. Und das hat seinen guten Grund. Sind unsere braven Jungen ihnen doch wundersamer Weise als „Russen" gemeldet worden, und von den Russen befürchtet der chinesische Ehemann für Frau und Töchter das Schlimmste, während wir Deutsche ihnen in Bezug auf das weibliche Geschlecht für weniger gefährlich gelten. Dafür genießen wir aber den ehrenvollen Ruf, „verdammt gut zu schießen"!
Gegen Mittag erreichten wir Sinle, einen für chinesische Verhältnisse ganz netten Ort, in welchem ein französisches Feldpost- und Fcldtelezeaphenbureau etablirt war. Auch mit unserem Quartier und Quartierwirth konnten wir ganz zufrieden sein. Der Mann, ein Salzkaufmann, war vernünftig genug gewesen, ruhig an Ort und Stelle zu bleiben und empfing uns mit verschiedenen Erfrischungen: Thee, Kuchen, Eiern und Obst. Das war doppelt angenehm, da unsere Gepäckkarren noch nicht zur Stelle waren. Wir griffen also tüchtig zu und hatten es uns gerade etwas bequem gemacht, als General v. Gayl eine Depesche erhielt, deren Inhalt uns alle wie ein Donne schlag aus heiterem Himmel traf. Sie kam aus Peking und enthielt die Nachricht von dem Brande im Kaiser- palast und dem entsetzlichen Tode des Generals von Schwarzhoff. Im ersten Moment wollten daraufhin die sämmtlichen Herren des Armee-Oberkommandos sofort nach Peking zurückkehren; dann aber beschloß General v. Gayl, der die dienstlichen Geschäfte des so jäh dem Leben Entrissenen übernehmen mußte, nur mit dem Major Bauer und dem Dolmetscher Bos die Rückreise anzutreten, während die anderen Herren die Expedition weiter mitmachen sollten. Sobald die Pferde gefüttert, stiegen der General und seine Begleiter wieder in den Sattel und ritten nach Xing ab. Nähere Details hatte die Depesche nicht enthalten; doch mußten sowohl General von Gayl wie Oberstleutnant v. Boehn und her Major Lauenstein nach der Lage ihrer Wohnungen im Palast annehmen, baß auch ihre ganze Habe ein Raub der Flammen geworden, eine Annahme, die sich später als zu richtig erwies. Das einzige, was ihnen geblieben, bestand in
den wenigen Sachen, die sie zur Expedition mitgenommn: hatten.
Am anderen Morgen waren wir kaum auf dem Marsche, da erreichte uns eine neue Hiobspost. Zwei Mann der 1. Eskadron des Ostasiatischen Reiterregiments, die Gefreiten Kuhns und Schmidt, waren der fanatisirten Bevölkerung eines Chinesendorfes zum Opfer gefallen. Die Reiter gehörten einem weiter vorgeschobenen Posten von 15 Mann an, her einen Flußübergang besetzt hatte. Drei dieser Reiter waren teichtsinnigerweise unbewaffnet in das nächstgelegene Dorf gegangen, um Pferdefutter zu holen. Zwei von ihnen betraten dort einen wohlhabend aussehenden Damen; der dritte Mann mar aus Zufall etwas zurückgeblieben, hörte plötzlich aus bem Damenhofe Hilferufe und fand dessen Thor, als er sofort herbeieilte, verschloßen. Alle seine Versuche, cs einzustoßen oder zu öffnen, mißglückten. Er holte nun eilends Succurs. Jetzt stießen die Mannschaften das Thor ein, kamen aber schon zu spät. Im Hofe lagen die Leichen ihrer beiden Kameraden mit zertrümmerten Schädeln. Der eine war mit einem scharfen Instrument, der andere mit Steinen niedergeschlagen worden und die Thäter natürlich verschwunden. — Leider steckten die Reiter den Damen, in dem die Schandthat geschehen, nicht sofort in Brand. „Leider" sage ich, denn General von Kettler hielt, als ihm der Fall gemeldet wurde, jenes Dorf, als eventuelles Truppenquartier, vorläufig no^ für zu wichtig und verfügte, die Strafe an Dorf und Bewohnern solle erst auf dem Rückmärsche vollzogen werden. Das machten sich natürlich die Chinesen zu Nutze und entfernten währenddem aus ihren Häusern Alles, was nicht nieth- und nagelfest war.
O. Dannhauer im „B. L. A."
politische Rundschau.
Attfiösimg eines dsuttchfsinvlichcrr Schulvor- ftauDes. Die Posener Regierung hat, dem „Posener Tagebl." zufolge, den katholischen Schulvorstand in Schroda wegen Bethätigung deutschfeindlicher Gesinnung aufgelöst und die Mitglieder ihrer Aemter enthoben.
Der böhmische Landtag wurde gestern mit einer Ansprache des Oberstlandmarschalls, Prinzen Lobkowitz, eröffnet, in der er zuerst in tschechischer Sprache des Eindrucks der letzten Tage gedachte, sowie der vor der Reise des Kaisers erfolgten Kaiserspende für eine nationale Gallerte. Hierauf fuhr der Redner in deutscher Sprache fort und wies darauf hin, daß der Kaiser seinen Besuch auch über Prag hinaus ausgedehnt habe, damit jeder Schein vermieden werde, als ob der Kaiser eines seiner Völker bevorzuge und das andere hintansetze. Tschechisch fortfahrend sagte alsdann der Oberstlandmarschall, bei dem Besuche des Kaisers habe sich gezeigt, daß die gefammte Bevölkerung des Königreichs ohne Unterschied der Nationalität dem Kaiser gleich ergeben sei, es habe sogar den Anschein gehabt, als ob die Zwistigkeiten zwischen den beiden Nationalitäten auf keine andere Art zum Ausdrucke gekommen seien, als dadurch, daß jede Partei beweisen wollte, daß sie sich von der anderen an Liebe und Anhänglichkeit nicht übertreffen lasse. Solange diese Gefühle in den Herzen der gelammten Bevölkerung andauern, könne an der Lage nicht verzweifelt und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft Böhmens nicht aufgegrben werden. Der Redner schloß mit dem Wunsche, Gott möge den Monarchen noch lange in dieser Frische erhalten. Nach Erledigung der Tagesordnung wird die Sitzung auf Donnerstag vertagt.
Französischs ' Wolkszählrmgssrgebnisis. Der Direktor des Statistischen Amtes Jacques Bertillon publizirt die vorläufig festgestellten Ergebnisse der letzten Volkszählung vom 24. März 1901 und sieht sich veranlaßt, angesichts dieser Resultate, die noch schlimmer als die befürchteten sind, einen Alarmruf auszustoßen. Bertillon theilt mit, daß die Bevölkerungsziffer vom 24. März 38 600000 betrug. Nur jene Departements, die große Städte haben, weisen eine Zunahme auf; in allen übrigen Departements nahm die Bevölkerung ab. Die Einwohnerzahl Frankreichs ohne das Seinebeparfemcnt beträgt ungefähr 35 Millionen, was gegen 1896 nur eine Zunahme von 39 000 bedeutet. Das Seine- depart ment weist eine Zunahme von 292 000 Einwohnern auf, doch ist diese auf die Weltausstellung zurückzuführen, Die Bevölkerung Frankreichs hat alles in allem seit 1896 um etwa 330 000 zugenommen, und dieser geringfügige Zuwachs ist höchst wahrscheinlich einer neuen Fremdeneinwanderung zu danken. „Frankreich", schließt Dr. Bertillon, „ist auf dem Wege, rasch eine Nation dritten Ranges zu werden; seine wirthschaftliche Kraft, seine militärische Macht, sein intellektueller Einfluß sind von einer immer wachsenden Gefahr bedroht. Frankreich ist sich selbst schuldig, gegen diese Gefahr anzukämpfen."
Englisches Unterhaus. Mark Steward fragte gestern an, ob die britische Regierung die Mächte in Kenntniß setzte,
daß sie nicht darin einwilligen werde, daß China den Zoll auf Reis und Opium erhöhe, um die Entschädigung zu bezahlen. Cranborne erwidert, die britische Regierung erklärte, eaß die Auflage irgend eines Zolles auf Reis oder Getreide, das gegenwärtig zollfrei sei, sehr unpolitisch sein würde. Soweit ihm bekannt sei, würde diese Ansicht au von den anderen Mächten getheilt. Bezüglich des Zolles auf Opium sei nicht beaosich ar, irgend einen Wechsel eintreten zu lassen. — Auf eine weitere Anfrage betr. ben zwischen der Pforte und Rußland abgeschlossenen Vertrag, wonach die Pforte der Erteilung von Eisenbahnkonzessionen im nordwestlichen Theile Kleinasiens ausschließlich an russische Gesellschaften zustimmte, erwidert Cranborne, was für ein Abkommen auch immer in dieser Hinsicht zwischen der Pforte und Rußland getroffen sein könnte, so sei dies vertraulicher Art. Die britische Regierung habe darüber keine Nachricht, die geeignet sei, öffentlich bekannt gegeben zu werden.
Dk§ VsLkszählrèng in England. Der kürzlich erschienene offizielle Bericht über die Volkszählung in England enthält bemerkenswerthe Angaben über die Ein- und Aus- wanderungsverhältnisse der letzten zwei Jahrzehnte. Während in den Jahren 1881/91 mehr als 1^2 Millionen Menschen ihre großbritannische Heimath verließen, betrug die Zahl der Austvanderer in dem eben beschlossenen Jahrzehnt 1,1 Million. Wenn der Bericht dieses günstige Ergebniß mit Recht aus eine größere Fürsorge der Regierung in sozialer und wirthschaft- licher Hinsicht zurückführen mag, so muß andererseits auch die vermehrte Einwanderung als eine Folge dieser günstigen Er- werösverhältnisse angesehen werden. In dieser Beziehung aber offenbaren die statistischen Ergebnisse, die der Bericht mittheilt, zwei Erscheinungen, die für die wirthschaftliche Entwickelung Englands eher hemmend als fördernd ins Gewicht fallen dürften. Einmal zeigt eine Gegenüberstellung der Ein- und Ausgewanderten einen Verlust von 130749 Männern, dagegen einen Gewinn von 60746 Frauen, was angesichts des Zahlenverhältnisses der beiden Geschlechter in England, wo das weibliche Element die männliche Bevölkerung in noch höherem Grade als bei uns überwiegt, keineswegs als ein günstiges Ergebniß angesehen werden kann. Von noch schwerwiegenderer Bedeutung ist das zweite Moment. Die weitaus größte Mehrzahl der Eingewanderten gehört der besitzlosen Klasse an und dürfte infolgedessen weder in sozialer noch in finanzieller Hinsicht als eine besonders willkommene Stärkung des Staats- lörpers gelten können. _Jn Erkenntniß dieser bedenklichen Erscheinung sind bereits Stimmen laut geworden, die auf das Beispiel Nordamerikas Hinweisen und den Schutz des Gesetzgebers gegen die Einwanderung gänzlich mittelloser Ausländer i fordern.
, Tie wttihschafèlLche Lags Südafrikas. Verschiedene Gerüchte waren schon über den Inhalt des Berichtes Sir David Barbours über die Finanzen des Transvaals und über die Fähigkeit der Minen, einen Theil zur Deckung der Kriegskosten beizutragen, laut geworden. Der Bericht ist, wie schon telegraphisch gemeldet, den Abgeordneten vorgelegt worden. Nachdem Sir David Barbour zunächst eingehend die Einkünfte. und Ausgaben der zwei Republiken vor ihrer Anek- tirung besprochen, sagte er, der Reichthum des Transvaals beruhe fast ausschließlich auf seinen Goldminen und die Steuern müßten zum großen Theile direkt oder indirekt von den Gold- minen ober von bem Reichthum getragen werden, der denselben seimn Ursprung verdanke. Die richtige Politik für das Transvaal sei, das Steuersystem so einzurichten, daß die anfängliche Kapitalauslage und die Betriebsunkosten nicht unuöthig vermehrt würden, und da die Transvaal-Minen auf jeden Fall einen großen Theil der Kosten tragen müßten, so ließen diese Resultate sich am besten erzielen, inbem man die nöthigen Mittel durch eine Steuer auf die Einkünfte aufbringe. Eine Steuer von 10 Prozent auf die Einkünfte der Goldminen würde etwa 450 000 Schilling jährlich auf Grundlage der Einkünfte von 1898 ergeben und im Laufe der Ze.r eine noch viel größere Summe. Eine solche Summe auf die angc- deutete Weise aufzubringen, statt durch Zölle und hohe Eisen- bahnfrachten, würde für die ärmeren Minen ein großer Segen sein und die Entwickelung der Minen-Jndustrie fördern. Die Minen würden selbst bei dieser Steuer von 10 Prozent auf den Profit sich besser als unter der früheren Transvaal-Regie- j rung stehen. Die Aushebung des Dynamit-Monopols allein ' werde die Minen jährlich um 600 000 Schilling bereichern.) Betreffs der Oranjefluß-Kolonie sagt Sir David Barbour, es; würde ihr für einige Jahre nicht möglich sein, die Verwaltungs-s Unkosten zu bestreiten und gleichzeitig den entsprechenden Antheil an den Kosten für die südafrikanische Polizeitrupps zu' zahlen. Jeder Ueberschuß solle dazu verwandt werden, einen j Theil der Kosten für die Polizei zu bestreiten. Die Balance i oder die ganzen Kosten, falls sich kein Ueberschuß erzielens lasse, seien dem Transvaal zur Last zu legen. Wenn im)