11. Juni.
Dienstag
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Sache nichts zu thun. Die Mutter aber meinte bei ihrem ersten Verhör vor dem Staatsanwalt, „die Sache sei doch zu unbedeutend, um darüber so großen Lärm zu schlagen."
Zu dem Roman der Manrerstochter von Hochfelden trägt in Ergänzung vorstehenden Berichtes der Straßburger Korrespondent des „B. L.-A." noch folgende Einzelheiten nach, die den Nimbus der Romantik nur noch erhöhen. Die abenteuerliche Angelegenheit dürste auch in der römischen Aristokratie durch die Stellung, die dort die Familie des verstorbenen Gatten der Hochfeldener Maurerstochter einnimmt, großes Aufsehen erregen. Denn mehrere Mitglieder der Familie Pienciani bekleiden hohe Staatsämter und die peinliche Aufmerksamkeit, die seiner Zeit die tolle Heirath des jungen Grafen Pienciani in Paris erregte, wurde dadurch vermehrt, daß der Vater des jungen Grasen Pienciani Bürgermeister von Rom war und die Familie in engen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Papst Pius IX. stand. Die Täuschung, in der sich die Tochter über das Schicksal ihrer Mutter befand, muß von sämmtlichen Familienmitgliedern in mehr als raffinirter Weise durchgeführt worden sein. Im Erbbegrübniß trug ein prunkvoller Leichenstein den Namen und das Datum des Todestages der noch Lebenden. Der Gatte war an der Seite des leeren Grabes seiner früheren Frau beerdigt worden und hat sein Geheimniß mit ins Grab genommen. Erst dessen Anfang Mai d. Js. verstorbener Bruder hatte auf dem Todtenbett seiner Nichte eröffnet, daß ihre Mutter, seine frühere Schwägerin, noch lebe, und ihr den Aufenthaltsort angegeben. So erfuhr die Tochter, die ihr ganzes Leben lang geglaubt hatte, ihre Mutter sei todt, zu gleicher Zeit von zwei Seiten das Geheimniß. Denn zwei Tage darauf wurde die junge Gräfin auch durch die Behörden über das Schicksal und den Aufenthaltsort ihrer Mutter informirt. Nach der Trennung von ihrem Gatten hatte übrigens die Hochfeldenerin, die mit ihrem Tausnamen Bock heißt, noch geraume Zeit in einer ihr von der Familie Pienciani zugewiesenen Villa in der Campagna gewohnt, wo eine zahlreiche Dienerschaft zwar für ihre Bequemlichkeit sorgte, zugleich aber auch dafür, daß sie das Gebäude nie verließ. Da hatte sie es vorgezogen, in ihr Heimathdorf zurückzukehren, dem sie nun wieder unter so überaus romanhaften Umständen entführt werden sollte.
Verworfene Revision» Das Reichsgericht verwarf die Revision des Buchdruckereibesitzers Robert Graßmann- Stettin gegen das Urtheil der Nürnberger Strafkammer vom 23. März, durch welches die Unbrauchbarmachung der von ihm mMMsmaMHWEHaM^^ m iiiim...... mmi nimm
verfaßten, Aufsehen erregenden Druckschrift „Auszüge aus der Moraltheologie Liguori" ausgesprochen worden war.
Im Streit erschossen. Die „Pfalz. Presse" melbet: Auf einem Jagbaussiuge nach Hohenecken erschoß am Samstag Nachmittag der Kaufmann Leininger aus Unterfranken nach heftigem Wortwechsel den Weinhändler August Scherner aus Dahlsheim mit dem Jagdgewehre; Leininger stellte sich hier selbst dem Gerichte.
Hus Flab und fern.
Gietzen, 10. Juni. Ein gemeingefährliches Verbrechen erhielt seine Sühne vor dem Schwurgericht. Es handelte sich um die vorsätzlich bewirkte Gefährdung eines Eisenbahntransportes. Angeklagt war der 41 Jahre alte, mehrfach bestrafte Christian Dörr von Flensungen, zuletzt in Bad Nauheim bedienstet. Ihm wurde zur Last gelegt, daß er in der Nacht vom 19. zum 20. März d. Js. 300 Meter von der Station Bad Nauheim ein Wagenrad auf die Schienen gelegt hat. Es ist nur einem Zufall zuzuschreiben, daß der kurz nachher gegen 12 Uhr 50 Min. von Friedberg heranrollende Personenzug nicht entgleist ist. Der Lokomotivführer hatte das Hinderniß auf der Strecke bemerkt, es war zu spät, um den Zug gänzlich zum Stehen zu bringen, wohl aber konnte man die Fahrt verlangsamen und so wurde das Rad von der Lokomotive fortgeschoben, bis es unter diese gerieth und sich im Gestänge derselben festklemmte. Der Angeklagte war von seinem Dienstherrn ent-1 lassen worden. Er stieg des Nachts über die Umfriedigung des Kohlenlagerplatzes seines ehemaligen Arbeitgebers und versuchte zuerst, an dessen Pferd zu gelangen. Das Schloß der Pferdestallthür widerstand jedoch allen Anstrengungen. Hierauf machte sich Dörr an den Kohlenwagen, entfernte von diesem das Rad und legte es zu dem Zwecke, daß es von dem vorüberfahrenden Zuge zerstört werde, auf die Schienen. Das Geschworenengericht verurtheilte den Angeklagten wegen Diebstahl im wiederholten Rückfall, vorsätzlicher Gefährdung eines Eisenbahntransportes, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung zu einer Gesammtstrafe von 5 Jahren Zuchthaus, lOjährigem Ehrverlust und Zulässigkeit der Polizeiaufsicht. Der Staatsanwalt hatte 7 Jahre Zuchthaus beantragt.
X Wimpfen, 9. Juni. Der Delegirtentag der Kriegerkameradschaft „Hassia" wurde heute in unserem festlich geschmückten Städtchen in Anwesenheit sämmtlicher Vertreter der 38 Bezirksverbände, 800 Vereine und 52,000
Mitglieder, abgehalten. Die schon gestern eingetroffenen De- legirten wurden gestern Abend im festlichen Zuge nach der Jakob Ost'schen Gastwirthschaft geleitet, woselbst, die hiesige Stadtkapelle bei fröhlichem Kommers und humoristischen Deklamationen konzertirte. Dieser wohlgelungenen Abendunterhaltung war eine längere Präsidialsitzung vorausgegangen. Die heutigen Verbandsverhandlungen im Saale des „Mathildenbades" wurden nach 9 Uhr durch ein vom ersten Verbandspräsidenten, Oberstleutnant Cramolini, auf Kaiser und Großherzog ausgebrachtes Hurrah und durch herzliche Begrüßungsansprachen seitens der Herren Kreisrath Göttelmann-Heppenheim und des hiesigen Bürgermeisters eröffnet. Huldigungs- resp. Begrüßungstelegramme wurden dem Landesherrn als Hasfiaprotektor und dem Prinzen von Weimar zu Heilbronn übersandt. Der Rechenschaftsbericht des Schriftführers gab zu keinerlei Ausstellungen Veranlassung. Das Gesammt-Baarvermögen der Verbandskasse beläuft sich auf Mk. 130,716. Aus dem Ve- teranen-Unterstützungs-Kapitalvermögen von Mk. 31,965 wurden pro 1900 Mk. 2035 für Unterstützungen verwendet. Das Jahrbuch, von dem 32,232 Exemplare abgesetzt wurden, brachte ein Erträgniß von Mk. 6000. Die statutengemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder Auler, Minnich und Korell wurden per Akklamation einstimmig wiedergewählt. Der nächstjährige Verbandstag findet in Grünberg statt. Die Sterbekasfe wurde bisher leider nur wenig benützt. Der Vorstand schloß mit dem „Deutscher Anker" zu Berlin unter günstigen Bedingungen einen neuen Lebensversicherungsvertrag ab. Das Vertragswesen innerhalb der einzelnen Bezirksverbände ist in stetigem Aufschwung begriffen. Der Voranschlag pro 1901 schließt mit Mk. 40,614 in Einnahme und Ausgabe ab. Die im Vorjahre veranstaltete Gesellschafts-Lotterie warf einen Reingewinn von Mk. 6679 ab und wird im Herbst 1901, einem Prästdial- antrag gemäß, wiederholt. Einige Anträge über interne Verbandsangelegenherten wurden genehmigt. Der auf Gründung eines eigenen Verbandsorgans abzielende Antrag des Militär- vereins Darmstadt wurde zurückgezogen. — Beim frohen Festmahle im „Badhotel Ritter" toasteten die Herren Oberstleutnant Cramolini auf Kaiser und Großherzog, Major Beck auf die Feststadt Wimpfen, Verbandsschriftführer Dr. Vogt-Butzbach aus Herrn Kreisrath Göttelmann und die sonstigen Behörden. Die Stadtkapelle verschönte das Festmahl durch ihre lieblichen Weisen. Die Bewohnerschaft hatte Alles aufgeboten, um den Gästen den Aufenthalt in unseren sagenumwobenen Mauern zu einem möglichst angenehmen zu gestalten, und ihre löbliche Absicht scheint auch in reichlichem Maße sich erfüllt zu haben.
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