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Br«Mkr»ortl. Redakteur : G. Schrecker in .haasm.

«l. 126.

Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.

Samstag den 1. Juni

Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98. 1901

Keschämt.

Die französischen Nationalisten haben sich darüber geärgert, der deutsche Kaiser den Geburtstag des Zaren in Metz efeiert und dazu die Mitglieder der russischen Botschaft in Berlin eingeladen hat. Von deutscher Seite lag dieser Ver- mstaltung gewiß keine bestimmte Tendenz zu Grunde; unser £ Kaiser befand sich zu der Zeit gerade in den Reichslanden, md da der Geburtstag des Zaren da, wo sich Kaiser Wilhelm ben befindet, mit einem Mahle gefeiert zu werden pflegt, so and die Feier diesmal in Metz statt. Die Empfindlichkeit -er französischen Revanche-Träumer zu schonen, konnte für den i deutschen Kaiser kein Grund sein, seinen Aufenthalt in den Reichslanden zu unterbrechen. Die Franzosen haben nun dreißig Jahre Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, daß Metz veutscher Boden ist; gefällt es ihnen nicht, daß der russische ^Botschafter dort einem Mahle zu Ehren seines Herrschers bei­wohnt, so braucht uns das nicht weiter zu kümmern, es sei denn, daß wir von neuem ad notam zu nehmen haben, wie in Frankreich das russische Bündniß immer wieder in dem aggressiven Sinne einer Wiedereroberung Elsaß-Lothringens ausgelegt wird.

Zu der Bekundung der engen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Kaisern Wilhelm und Nikolaus in Metz sind noch andere Ereignisse hinzugekommen, die sich wie Mehl- thau auf die üppig wuchernde nationalistische Agitation her- niedergesenkl haben. Unmittelbar darauf sprach sich der leitende auswärtige Minister Oesterreich-Ungarns so klar und bestimmt über das Verhältniß zu Deutschland und Italien aus, wie es die Freunde des Dreibundes nur wünschen können. Die Reden des Grafen Goluchowski haben bewiesen, wie sehr die in letzter Zeit geradezu grotesken Wühlereien nationalistischer und panslavistischer Blätter ihren Zweck, den Zweibund als den Protektor Oesterreich-Ungarns gegen das böse deutsche Reich hinzustellen, verfehlt haben.

Hierzu kommt nun noch die Demüthigung, die unser 4 Kaiser mit seinem Trinkspruch auf die französische Armee am Mittwoch nach der Parade in Berlin in Anwesenheit des französischen Generals Bonnal den Revanchemännern bereitet hat. Unser Kaiser verlas hierbei eine Depesche des Kaisers Nikolaus, in der dieser der undankbaren, aber mit Würde und Geschick durchgeführten Aufgabe des Grafen Waldersee seine volle Sympathie bezeugt. Die Empfindlichkeit, die man in Paris wegen des Metzer Festmahls gezeigt hatte, konnte nicht besser beschämt werden als durch den Hinweis unseres Kaisers auf die deutsch-französische Waffengemeinschaft in China.

Feuilleton.

Ins freie!

Eine hygienische Frühjahrsbetrachtung von Dr. med. F. Bernhart.

(Nachdruck verboten.)

Alljährlich, wenn der Lenz seinen Einzug hält, regt sich mächtig in Aller Herzen die Wanderlust, Jedermann sehnt sich aus der Straßen Enge hinaus in die schöne Natur, deren erstes Erwachen immer von Neuem wieder seinen unvergäng­lichen Zauber auf uns ausübt. Aber es ist nicht allein die erhebende Wirkung auf unser Gemüthsleben, die uns ins Freie lockt, Wandern gilt auch für gesund und mehr vielleicht noch als in früheren Zeiten sind Wanderungen heute ein viel­verordnetes und hochgeschätztes Heilmittel. Es ist ja leicht einzusehen, wie beim Wandern zu Fuß oder auf dem Rad eine Fülle der mannigfachsten, in allen Größen abzustufenden Wirkungen auf die verschiedenen Funktionen unseres Organis­mus ausgelöst wird. Da ist zunächst schon die regelmäßige, ausgiebige Muskelthätigkeit des Fußgängers oder Radlers; alle Muskelarbeit ist mit einer vermehrten Zufuhr von Blut zu dem betr. Muskel verbunden, je umfangreicher das Muskel­gebiet, um so mächtigere Blutmassen müssen ihm auch Zu­strömen. Dadurch werden natürlich andere Gefäßgebiete ent­lastet, Stauungen, die da oder dort bestehen, werden gelöst, Rückfluß des Blutes zum Herzen wird befördert, die Thätig­keit dieses Organs unterstützt uud so manche nervöse, durch Stauungszustände im Gehirn bedingte Störung beseitigt.

Weiterhin übt das regelmäßige Marschiren an sich schon einen gewissen regulirenden Einfluß aus auf die Athmung, und dieser Einfluß kann noch bedeutend gesteigert werden, wenn der Fußgänger darauf bedacht ist, zwischen der Zahl der Athemzüge und der Schritte eine gewisse Regelmäßigkeit ein­zuhalten. Wir wissen nun, daß die Lunge so gut wie jedes andere Organ geübt werden muß, wenn sie auf der Höhe ihrer

politischer «lochenbericht.

Es war eine angenehme Pfingstüberraschung, die der Kaiser dem deutschen Volke mit der Rückberufung derLinien- s ch i f f s - D i v i s i o n aus den chinesischen Gewässern und der Auflösung des ostasial. Expeditions­Korps bereitete. Wir stehen vor dem Abschluß unserer sogenannten ChinaAktion, die infolge des chinesischen Boxer- Aufstandes zur Wahrung unserer Interessen in China, zum Schutze unserer dort anwesenden Landsleute und der christlichen Missionen, sowie nicht am wenigsten zur Sühnung der durch die Ermordung unsers Gesandten dem deutschen Reiche zuge­fügten Schmach vor Jahresfrist unternommen wurde.

Der Zweck der Expedition ist erreicht. Das vom Grafen von Bülow in seinen beiden Rundschreiben vom Juli und September vorigen Jahres aufgestellte Programm ist durchgeführt. Die Mörder des Frhrn. v. Ketteler sind bestraft ; außerdem wird die chinesische Regierung durch eine Gesandt-, schaft mit dem Bruder des Kaisers an der Spitze das Ober­haupt des deutschen Reiches um Entschuldigung bitten und durch die Errichtung einer Kapelle am Orte der That in der Bevölkerung das Gedächtniß an die schwere Schuld lebendig erhalten. Der zweite Punkt des Programms enthielt die Verhinderung ähnlicher unseligen Vorgänge in China. So­weit es möglich war, ist auch diese Forderung erfüllt. Die Züchtung aufständischer Banden, die Hinrichtung hochgestellter Mandarinen, die Bestrafung schuldiger Ortschaften, vor allem aber die Einnahme von Peking dürften den Chinesen zur Warnung dienen. Die Befestigung des Gesandtenviertels in Peking, die Schleifung des Forts an dec Peihomündung sind ebenfalls dazu angethan, Unruhen zu verhindern oder wenigstens zu erschweren. Berücksichtigt man ferner, daß auch der Ersatz unserer Kriegskosten nach Möglichkeit gesichert ist, so wird man gern in das Lob einstimmen, das dem Grafen Bülow für seine Erfolge, die er unter den schwierigsten Verhältnissen errungen hat, in den nationalen Blättern ge­zollt wird.

Leider mischen sich in die Freudenklänge auch Mißtöne. Einige Zeitungen, die unter dem Vorgeben, Bismarckische Bahnen zu wandeln, den gegenwärtigen Leiter unserer aus- wäriigen Politik planmäßig herabsetzen, erkennen jene offen­kundige Verdienste des Grafen Bülow nicht an. Wie gehässig jene gewerbsmäßigen Schwarzseher arbeiten, kann man daraus sehen, daß sie was ihnen allerdings schwer fallen würde keine Thatsachen anführen, sondern sich in allgemeinen Redensarten bewegen, um Mißtrauen gegen unsere Diplomatie zu erregen und den Grafen Bülow zu ver­kleinern. So meinte ein Hamburger Organ, Deutschland habe an Ansehen eingebüßt; auch seien die Beziehungen zu Leistungsfähigkeit bleiben soll; nur das tüchtig arbeitende Or­gan erhält seine gehörige Menge Blut und Ernährungs­flüssigkeil, eine ausgiebig ernährte Lunge ist aber der Gefahr zu erkranken weniger ausgesetzt und eher im Stande, eine einmal aufgetretene Erkrankung zur Ausheilung zu bringen. Be­kanntlich nehmen ohnehin schon die Spitzen unserer Lungen im gewöhnlichen Leben nur einen geringen Antheil an der Zirkulation und am Athmungsprozeß und darum sind es auch diese Parthien der Lunge, die am leichtesten erkranken. Jeder tiefe Athemzug befördert aber nicht allein die Blutzufuhr zu diesen von der Natur etwas stiefmütterlich behandelten Lungen­theilen, er erleichtert auch den Auswurf von Schleim oder anderen Produkten einer katarrhalischen Reizung und ver­hütet damit die Verschlimmerung derartiger Zustände. Schon seit Jahren wird darum in den Lungenheilanstalten der systematischen Tiefathmung eine hohe Bedeutung als Heilfaktor beigemessen.

Noch eine dritte, ebenfalls sehr wichtige Funktion unseres Organismus wird durch systematische Gehbewegungen in günstigster Weise beeinflußt, das ist die Ernährung, nicht allein insofern, als Fußwanderungen den Appetit anregen und eine erhöhte Zufuhr von Nährstoffen ermöglichen, sondern vor Allem auch darum, weil gleichzeitig die Verdauung, die Auf­saugung und schließlich die Ausscheidung der Nährstoffe be­günstigt wird. Natürlich muß ja auck schon die Anregung der Blutzirkulation und der Athmung durch die damit' verknüpfte Erhöhung aller Lebensfunktionen im Magen- und Darmkanal begünstigend auf den Ablauf des Verdauungs- und Ernährungs- prozeffes einwirken; im gleichen Sinne macht sich auch der Einfluß der thätigen Muskulatur geltend, werden doch beim Marschiren nicht allein die Muskeln der Unterextremitäten, sondern auch die gesammte Bauchpresse in Anspruch genommen' Weiterhin wird mit Beschleunigung und Vertiefung der Athmung auch jener mächtige Muskel, der zwischen Brust- und Bauch­höhle ausgespannt bei seinem rhythmischen Niedersteigen jedesmal einen Druck auf die sämmtlichen Eingeweide des Leibes aus-

unserm wichtigen Nachbarn Rußland, durch unser Auftreten in China nicht gebessert worden. *

In der Regel gehen derartige Verdächtigungen unwider­sprochen ins Land hinaus. Diesmal aber hat sich an ihnen die Wahrheit des Sprichwortes erwiesen, daß von den kurzen Beinen der Lügen handelt. Kein Geringerer als Zar Nikolaus II. selbst hat jene Unkenrufe aufs Bündigste widerlegt, und zwar durch ein Telegramm an unsern Kaiser, worin er diesem seinen herzlichen Dank für die Dienste in China ausspricht und dem Grafen Waldersee volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Auch die übrigen Mächte haben unserm Kaiser Anerkennungen und Danksagungen über­mitteln lassen.

Ein erfreuliches Zeichen für die guten Beziehungen, die gegenwärtig zwischen Deutschland und Frankreich herrschen, sind die T r i n k s p r ü ch e, die zwischen Kaiser Wil­helm II. und dem französischen General Bonnal nach der Besichtigung der zweiten Garde-Jn- fanterie-Brigade gewechselt worden sind. Es ist das erste Mal, daß ein französischer General ein Hoch auf die deutsche Armee ausgebracht hat.

Gegenüber allen diesen Ereignissen treten die übrigen Be­gebenheiten der Woche in den Hintergrund. Der Krieg in Südafrika nimmt seinen Fortgang. Daß die Widerstands­kraft der kleinen Burenschaar noch lange nicht gebrochen ist, beweist die von den Engländern unterdrückte, jetzt erst aus burischer Quelle kommende Meldung von einer schweren Niederlage, die die Engländer in der Nähe von Pretoria vor 4 Wochen erlitten haben. Bedenklich für die Engländer ist es, daß nun auch Pestfälle unter ihren Soldaten vorgekommen sind. Unter diesen Umständen würden die Engländer gut ge­than haben, den KapgouoerneurFreiherrn von London und Kapstadt", Milner, in ihrer Hauplstadl nicht so überschwäng­lich zu feiern, wie es geschehen ist.

Das Ende unserer Expedition nach China.

Der Befehl des Kaisers zur Rückkehr unseres Panzer-Ge­schwaders aus China, zur Auflösung unseres dortigen Armee- Oberkommandos und zur Verringerung des ostasiatischen Ex­peditionskorps ist der Anfang vom Ende unseres militärischen Unternehmens gegen China. Ein Rückblick über dessen Verlauf dürfte daher am Platze sein.

Die Nothwendigkeit des Zuges gegen China erkannte das ganze deutsche Volk, von den vaterlandslosen Sozialdemokraten abgesehen, an. Die frevelhafte Ermordung unseres Gesandten in Peking, die in ihrer ruchlosen Niedertracht zum Himmel schrie und jedes menschliche Empfinden auf das Tiefste em­pörte, konnte nur durch ernste Maßregeln beantwortet werden.

übt, das Zwerchfell, zu erhöhten Leistungen angeregt. So wird denn durch den allseitigen, bald zu- bald abnehmenden Druck der Muskulatur auf die Baucheingeweide nicht allein die Zu- und Abfuhr von Blut und Ernährungsflüssigkeit er­heblich beschleunigt, die Zirkulation des Speisedreis und seine endgiltige Ausscheidung befördert, sondern auch die Aufsaugunz der Ernährungsflüssigkeit und ihre Abfuhr in das Lymph- und Blutgefäßsystem.

Wir sehen also eine Fülle der mannigfachsten Wirkungen in allen Gebieten des Organismus als Folge regelmäßiger Geh- oder Radlerbewegung auftreten; weit entfernt, eine bloße Uebung der Muskulatur zu sein, erscheint sie durch Anregung oder Regulirung beinahe aller Funktionen des Organismus als ein mächtiges Umstimmungsmittel des Stoffwechsels. Im Wesen der modernen Heilkunde liegt es nun, von derartigen Heilfaktoren mit Vorliebe Gebrauch zu machen. Wir haben ja längst einsehen gelernt, dak die Zahl der spezifischen, eigen­artig auf eine Krankheit einwirkenden Heilmittel eine sehr be­schränkte ist, als Hauptaufgabe der ärztlichen Kunst erscheint es, das gestörte Gleichgewicht der Organfunktionen theils durch Anregung, theils durch Abhaltung gewisser Reize wieder her­zustellen. Und da bieten nur die physikalischen Heilmittel den hohen Vorzug, daß ein und derselbe Faktor je nach Art und Stärke der Anwendung bei den verschiedenartigsten Krankheiten wirkungsvoll sein kann. Bei Störungen der Athmung, der Zirkulation, der Verdauung und Ernährung, bei nervösen Er­krankungen so gut wie bei Unregelmäßigkeiten des Stoff­wechsels können darum Fußwanderungen oder Radfahrten, in sinngemäßer, dem Einzelfall angepaßter Anwendung von hohem Nutzen sein. Sache des Arztes ist es natürlich bei diesem Heilmittel, wie bei jedem anderen, genau die Häufigkeit der Anwendung und die Größe der Dosis zu bestimmen. Von womöglich noch höherer Bedeutung sind aber Spaziergänge ins Freie zur Vorbeugung vor Erkrankungen, zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit. Wie Alles, was auf die Energie des Stoffwechsels, auf Appetit, Ernährung und Ausscheidung