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Erstes Blatt.

Geneml-Anzeiger

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»intrljShritch 1,80 Mk., nwnatlich 60 Pfg., für auS- wiruge «donneâ mit dem betreffs«! Postaufschlag. .

Oie eiKjslM Nummer festet 10 Pfg.

Geruckt und v«l«gt in der Vuchdrmkerei deS «rei». ev. Waisenhaus in Hrrnau.

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. Für Stadt» und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf» g^paltrne Petttzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg^ im Reklamenrheil die Zeile 25 Pfg, für Auswärts 35 Pfg.

Erscheint täglich Aufnahme der Sonn- und Fetermge, mit belletristisch« Beilage.

Serantoortl. Redaktnir: G. Schrecker in Hanau.

Rr. 97

Bczirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.

Freitag den 26. April

Bezirks-Ferusprechanschlnß Nr. 98.

1901

Gefundene und verlorene Gegenstände etc.

Verloren: 1 schwarze Damenkrepprüsche mit zwei Goldnädelchen, letztere gez. L. M.; gegen Belohnung abzugeben.

Entlaufen: 1 junger, hellgelber, schottischer Schäfer­hund mit weißer Brust und weißen Pfoten. Auf dem Wege NeuwirthshausHanau 1 kleines Spitzhündchen m. Geschl., mit gelben und weißen Flecken, Halsband mit Schellchen, auf dem Halsband der NameMolli" gestickt.

Hanau den 26. April 1901.

Das Griesheimer Explosions llnglnck.

Ueber das entsetzliche Unglück in Griesheim haben wir be­reits gestern Abend und auch heute Morgen in Extra- Ausgaben die uns vorliegenden telephonischen und telegraphischen Meldungen zur Kenntniß gebracht. Nachstehend geben wir in theilweiser Wiederholung der bereits veröffentlichten Nachrichten eine Zusammenstellung der Nach­richten :

Frankfurt a. M., 25. April. Um ^4 Uhr nach­mittags etwa hörte man, so berichtet dasJntelligenzbl.", über ganz Frankfurt zwei donnerartige Schläge und mehrere andere folgten. Die Einen hielten düs Getöse in der That für Donner, während Andere eine Explosion muthmaßten. Nie­mand aber dachte sicherlich an die Größe eines Unglücks, wie es über die chemische Fabrik Griesheim in wenigen Minuten hereinbrach. Man muß sich eine Vorstellung machen von der Größe des Griesheimer Fabrik-Unternehmens.

Ueberall herrscht dort in dieser düsteren, kleinen Stadt für gewöhnlich eifriges Hin- und Hergehen und -Fahren, geregeltes immerwährendes Schaffen, das zischende Brausen der Maschinen und die stille, geregelte Arbeit der Säurenbereitung in der so­genannten alten Fabrik und die bei Weitem unheimlichere, aber sorgfältig bewachte und geordnete Thätigkeit, die noth­wendig ist zur Bereitung rauchlosen Pulvers. Heute ist das Meiste von all dem eine Ruine.

In wildem, glühendem, rauchverhülltem Schwall wäl- â zen sich noch zur Stunde die dunkelrothen Flammen zwischen den leeren Mauern von etwa vier großen Ge­bäuden, überall auf den Straßen der Fabrik liegen Eisenstücke, Holztheile, Ziegelsteine, als hätte sie ein Regen niedergeschleudert. Hier ist ein Wellendach gekräuselt und hin­weggebogen, dort gewähren die zerplatzten Fensterscheiben Ein­blick in ein Kesselhaus, in dem die fünf Kesselbauten sämmtlich geborsten sind, eine etwa einen halben Meter dicke Röhre, die Säure leitet, die auf einem Gerüste durch die Lust führt und scheinbar intakt ist, ist an einer Stelle geborsten, und von ihr aus geht ein athemberaubender, erstickend scharfer Brodem in die Luft.

Es ist nicht nur umbequem, sondern auch gefährlich, sich dem Feuerherd zu nähern, von dem zunächst häufiger, später seltener kleine Explosionen ausgehen.

Dort hat die Verheerung furchtbar gehaust. Ein Neubau der neue Reduktionsraum ist ein Trümmerhaufen. Von anderen Gebäuden fehlen die Dächer, Wände sind ein­gestürzt, gewaltige Kesselzylinder liegen übereinander und über­all zwischendurch Balken, Steine Eisenfetzen und am Haupt­ort des Unglücks furchtbar verbrannte oder verstümmelte Todte.

Ein trichterförmiges großes Loch im Boden ist das Merk­mal einer der beiden größten und entsetzlichsten Explosionen, die kurz hintereinander folgten. Wie sie entstanden, darüber hört man sehr verschiedene Aeußerungen, da die Beamten der Fabrik selbst über die Ursache Schweigen bewahren.

Am häufigsten kehrt die folgende Version wieder: Kurz vor der Vesperpause, also vor halb vier, begann es in dem Fabrikgebäude zu brennen, in welchem die Pikrinsäure herge­stellt wird, die einen Bestandtheil des rauchlosen Pulvers bildet. Auch andere Rohstoffe rauchlosen Pulvers, Bi- und Tri-Notron z. B., werden dort fabrizirt. Während das Feuer um sich griff, begann die Pause; die Mehrzahl der Arbeiter ging zum Speisehaus der Fabrik, Einige saßen schon dort beim Vesper, Andere waren auf dem Weg dorthin, während die Beamten,

Kaufleute oder Chemiker in den nicht gefährdeten Gebäuden ruhig weiter arbeiteten. Die Fabrik besitzt ihre eigene trefflich organisirte Feuerwehr; diese suchte dem Feuer in dem brennenden Gebäude von der Hinterfront aus Einhalt zu thun; nun soll Professor Lepsius den Löschmannschaften be­fohlen haben, schnell das Feld zu räumen, da eine Explosion zu befürchten sei. Während sich nun die Feuerwehrleute und die zuschauenden Arbeiter Hals über Kopf zu retten suchten, erfolgte die 'furchtbare Detonation. Unter unbeschreiblich heftigem Luftdruck wurde die Säure nach allen Seiten hin geschleudert, Gebäude stürzten ein und begruben die Lösch-

Mannschaften, die in ihrer Nähe die gefährliche Arbeit thaten und die nun mit dem Tode ihren kühnen Opfermuth zu büßen hatten.

Was eigentlich explodirte, das war bis zur Stunde nicht festzustellen. Wie gesagt wird, sollen es zuerst vier etwa dreiviertel Meter lange Artillerikpatronen gewlsen sein, deren Inhalt vom Feuer ergriffen wurden und die dann wie Feuergarben in die Luft schossen und die weitere Explosion von sechs Fässern rauchlosen Pulvers oder Pikrins zur Folge hatten. Die Folge war eine entsetzliche. Bis weithin in die Bureaux der kaufmännischen Beamten ergoß sich der Hagel von fliegen­den Eisen- und Holztheilen, und abgesehen von den Unglück­lichen, die in nächster Nähe der Explosion den Tod fanden, wurde auf den Straßen der Fabrik Mancher von einem fliegenden Theil getroffen und schwer verletzt und manch An­derem durch stürzende Balken oder Steine Gliedmaßen oder gar der Schädel gebrochen. Selbst in den Bureauräumen kam es zu Verletzungen wie von einem Geschoß. Es ist unmöglich, die Zahl der Todten genau festzustellen, da man nicht weiß, ob und wie Viele noch unter den Trümmern be­graben liegen. Bis jetzt hat man zwölf Todte aufgefunden und etwa 35 bis 40 Schwerverwundete verbunden, von welchen Mancher wohl nicht mit dem Leben davonkommen wird. Schon zwanzig Minuten nach 4 Uhr war die Rettungsgesellschaft zur Stelle, die auch mehrmals ihre Verbandsstelle verlegen mußte, da ihr der Rauch die giftigen Säurewolken entgegen­trieb. Ihre Arbeit geschah zunächst in der sogenannten Feuerwache der Fabrik, aber auch hierhin flogen die Eisen- theile, die etwa sechs kleinere Explosionen dorchin schleuderten, zwischen die opfermuthigen Mannschaften und nöthigten sie mehr als einmal zur Flucht. Die Verwundeten kamen oder sie wurden nach Absuchung des weiten Unglücksfeldes im Freien und in den Räumen entdeckt. Ein Mann, dem eine schwere Wunde mit Schädelverletzung quer über den Kopf ging, lief blutüberströmt bis nach Höchst, seinem Wohnort. Schon nach kurzer Zeit sah man überall Leute mit blutbefleck­ten Verbänden um den Kopf oder den Arm in der Binde. Ebenso anerkennenswerth wie das schnelle Eingreifen der zuerst herbeigerufenen Rettungsgesellschaft ist die sofor­tige Hilfsthâtigkeit des Samariter - Vereins, der etwas später zur Hilfe gerufen wurde, und die Schnelligkeit, mit der sofort eine große Anzahl meist jüngerer Aerzte aus Frankfurt am Main und der übrigen Umgegend zur UnglückssteUe eilten. Auch die Samariter-Vereine von Höchst und Griesheim waren schnell bei der Hand. Rasch waren etwa sechs Verbandsplätze errichtet, die dann ebensoviel Stätten des Jammers bildeten. In einer Wirthschaft in Griesheim nahe der Bahn arbeitete der Samariter-Verein; auf strohbedeckten Wagen wurden die Schwer­verletzten zur Bahn gefahren. Um einen Arbeiter, der mit todtblassem Gesicht dasitzt, den Arm, den Kopf und das Bein verwickelt, jammern eine Frau und zwei kleine Mädchen. Das Unglück ist herzzerreißend. Nach Frankfurt verkehrten nur Verwundeten-Züge, im Ganzen vier. Sonst war der Verkehr auf der Strecke Höchst-Franksurt von 4 bis 8 Uhr ge­sperrt.

Trotzdem war der Andrang von Frankfurt aus, als das Unglück ° einmal bekannt war, ein immenser. Unaufhörlich rollten Droschken und Fahrräder herbei. Noch sind die Namen der Todten nicht ermittelt. Sonst ist Griesheim wie ausgestorben ; nur an den Zugangsstellen zum Brand drängten sich die vom Militär zurückgehaltenen Menschen. Die Fensterläden sind geschlossen, auf den Straßen liegen Glassplitter, namentlich vor einem Tabakladen, an dem die große Erkerscheibe in tausend Stücke gegangen ist. Als der Donner der Explosion' über Griesheim hinwegrollte, ent­stand eine beispiellose Verwirrung. Man stürzte aus den Häusern, wo die Möbel und Wände zitterten und die Scheiben sprangen, auf die Straße und von der Straße flüchtete man in die Häuser.

Jede neue Explosion verursachte neuen Schrecken. Schaaren- weise wanderten die Griesheimer nach Frankfurt und warteten, namentlich am Fahrthor, in Hellen Haufen auf die Züge, welche die Verwundeten bringen sollten. Doch diese waren schon früher am Hauptbahnhof angelangt, wo die Rettungs­gesellschaft seit etwa vier Monaten ein Depot eingerichtet hatte, das sich nun bewährte, um schnell den Transport der Verun­glückten nach dem Krankenhause zu bewerkstelligen.

Fürchterlich gestaltete sich die Auffindung der todten Lösch­mannschaften. Unter den Trümmern des eingestürzten neuen Reduktionsgebäudes lagen halb nackt mit gerösteten Gliedern die entsetzlich zugerichteten Todten. Ihr Gesicht war in Folge der Säure wie mit einer geblich-grünen Moosschicht überdeckt. Nur der Erste, den man fand, schien noch schwach zu athmen. Die Anderen, die man zum größten Theil erst holen konnte, nachdem die Balken, die sie verdeckten, zerhauen waren, lagen oft genug zu Dreien oder Vieren verschlungen. . Neuu

DLe heutige Stuw«?«r umfaßt außer dem Uuterhattungsblatt 10 Seiten

Todte holte man aus dieser Stätte, während in einem großen Fabrikgebäude nach dem Maine zu und drei anderen eben so großen an der Seite die Flammen schmälten, aus Kesseln in dicken Garben hervorschossen und alle Augen­blicke eine neue Explosion zu befürchten war. Eine solche kam auch kurz nach 7 Uhr. Man hatte einen Graben mit Hilfe von Militär und Arbeitern in aller Eile aufgeworfen, um das Benzin abfließen zu lassen. Hierin schlugen die Flammen, die eine Art Explosion hervorriefem Trotzdem gingen die Bergungsarbeiten mit Hilfe von Militär, Aerzten und Arbeitern anderer Fabriken unerschrocken weiter.

Inzwischen schleuderten unaufhörlich die Dampfspritzen der Frankfurter und Höchster Feuerwehr, die direkt am Main auf­gestellt waren und das Wasser aus dem Flusse entnahmen, hre Strahlen in das Feuermeer. ^k^ '

Von anderer Seite wird berichtet: Gegen Abend wurde die Stimmung in Frankfurt unruhiger. Griesheim war, wie man wußte, abgesperrt von einem Militärkordon. Flüchtende Griesheimer, selbst Verletzte, waren nach Frankfurt gekommen, noch sprachlos von dem ausgestandenen Schrecken. Es hieß, die Rettung Griesheims sei aufgegeben, man beschränke sich nur noch darauf, Schwanheim zu schützen. In der Gegend des Hauptbahnhofes wurden Diejenigen, die etwas zu erzählen wußten, von interessirten Gruppen umstanden. Die Tram­bahnwagen nach der Gutleutstraße waren voll besetzt, und so viel auch Zurückkehrende versichern mochten, daß Niemand hin­ein dürfe nach Griesheim, drängte man sich trotzdem schaarenweis vorwärts. Blutroth versank die Sonne hinter den Taunusbergen und ein dunkelrothes Abendroth, das man unter anderen Verhält­nissen für schön gehalten hätte, das aber so Jeden an die Verletzten und Verwundeten denken ließ, lag über den Berghöhen. Als die kurz aufeinander folgenden Explosionen in Frankfurt ge­hört wurden, hielt man sie stellenweise für ein Gewitter und sah in der Wolke von Rauch und Qualm, die sich bald darnach erhob, eine Gewitterwolke. Schwer wie eine solche zog sie über den Main, über Schwanheim und den Wald hinweg und gab im Verein mit dem dunklen Abendroth ein schaurig-schönes Bild. Ging man den Weg am Main hinab von Niederrad nach Schwanheim zu, so wurde man aufgehalten durch Diejenigen, welche des Weges zurückkamen, eiserne D-Träger- theite, gebogen und zusammengedrückt, mit zurückbrachten und erzählten, daß sie diese auf dem südlichen Mainufer aufgelesen hättlen und daß Theile bis in die Nähe der Unterschweinstiege geflogen seien. Bei dem herrschenden Winde konnte man von Zeit zu Zeit auf der dem Wind abgekehrten Seite die Flammen emporlodern sehen und noch immer hieß es, es seien noch weitere Erplosionen zu befürchten, trotzdem die Signale des Militärs in Griesheim schon das Aufheben der umfangreicheren Ab­sperrung ankündigten und die Fähre über den Main ihren Be­trieb ausgenommen hatte.

Die Absperrung von Griesheim ist aufgehoben. Von allen Seiten strömen die Schaaren hinein aber es sind am wenigsten die Griesheimer, meist Neugierige aus Frankfurt. Die Griesheimer Wohnungen liegen verödet. Die Fensterläden sind geschlossen, Glassplitter und zerbrochene Fensterscheiben, deren Zahl sich mehrt, je näher man dem Orte der Katastrophe kommt, liegen auf den Straßen umher. Die Einwohner, das heißt in der Mehrzahl der Frauen und Kinder, die allein in den Wohnungen waren, bleiben fort. Anfänglich herrscht eine beängstigende Dunkelheit in den Straßen, bis der Mond höher steigt und Licht gibt. Die Männer warten meist in Ruhe ab, bis ihre Angehörigen zurück­kehren, die, dem Gebote der Ortspolizei folgend, sich auf den Exerzierplatz geflüchtet haben. Nur Einzelne irren noch fragend und suchend in den Straßen umher. Ergreifend ist es, wenn Frauen sich nach dem Verbleib der Männer erkun­digen, wenn eine weinende Frau mit einem Kind auf dem Arm damit getröstet werden muß, daß der Mann bei den Verunglückten nicht war und sich wahrscheinlich gesund wieder finden wird, oder wenn eine andere alle Veranlassung hat, zu glauben, daß der ihrige, der Feuerwehrmann ist, mit ver­unglückte.

Zu dem Unglück wird weiter gemeldet, daß bis 7 Uhr abends 15 Todte und eine Anzahl Schwerverwundeter geborgen sind. Leider befindet sich noch eine größere Anzahl Ver­unglückter unter den Trümmern. Die Zahl der leicht Ver­wundeten beläuft sich auf über hundert. Das Gerücht, nach welchem verschiedene Benzinkessel explodirt sein sollen, ist nicht zutreffend. Das Unglück entstand durch ein kleines Feuer, dessen Ursache noch nicht aufgeklärt ist, entzündete jedoch mehrere Behälter mit Pikrinsäure, wodurch die gewaltige Ex­plosion entstand. Da man eine Explosion der Benzinlager befürchtete, mußte die Bevölkerung den Ort verlassen. Um 81/» Uhr wurde den ' Bewohnern wieder gestattet, in ihre Häuser zurückzukehren, da eine weitere Gefahr nicht mehr zu befürchten war, jedoch wüthet der Brand im Innern noch fort.