Zweites Blatt.
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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stabt und Landkreis Kavan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
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Nr. 28.
Samstag dcn 2. Februar
1901
politischer öüocbenbericbt.
Die Erhöhung der Getreidezölle ist das Thema, das die innerpolitische Lage beherrscht und beherrschen wird, bis die Entscheidung gefallen ist. Im preußischen Abgeordnetenhause spricht man darüber ebenso lebhaft wie im fl3Md ëiage und wenn anfangs auch die Debatte von einem Gegenstand ausgeht, der mit der Zollfrage nichts zu thun hat; dem Schicksal, den Getreidezöllen zugeführt zu werden, vermag sie sicher nicht zu entrinnen, obwohl kein Redner beansprucht, Ketvas neues vorzubringen, oder gar erwartet, die Gegner umzustimmen.
Um das Gehalt des Staatssekretärs des Innern zu bewilligen, brauchte der Reichstag nicht weniger als zehn Tage. Die zusammen 40 Mitglieder zählenden freisinnigen Frak iom n schick en 13 Redner vor, die durch 57 Abeoldnete vertretene Sozialdemokratie sogar deren 22! Die übrigen Parteien, die auf die Auslassungen jener Redner antworten mußten, waren bedeutend zurückhaltender. Die konservative Fraktion beteiligte sich mit 7, die Reichs- partei, mit 4, das Zentrum (106 Mitglieder) mit 12, die nationalliberale Frakiion mit 10 Rednern an der Debatte. Daß durch das übermäßige Reden die Volkswohlfahrt nicht gefölde t wird, lügt auf der Hand. Oder ist etwa von den Sprechern btr linksstehenden Parteien in den 10 Tagen auch nur ein neuer Gedanke zutage gefördert worden? Zeichnete sich nid t vn imehr die Mehrzahl ihrer Reden lediglich durch Oberflächlichkeit, Oede und Breite aus?
In bir auswärtigen Politik ist es ziemlich still. In Peking habendieErörterungen überdie Finanzfrage begonnen. Vorläufig stehen die Verhandlungen noch im Stadium bir Voruntersuchung. Es dreht sich darum, fest- ^zustellktt, was China leisten kann, einen Ueberschlag von dem zu gewinnen, was die einzelnen Mächte zu fordern beabsichtigen, und schließlich zu ermitteln, wie weit diese Forderungen mit btr Leistungsfähigkeit Chinas inEinklang zu bringen sind. Die Friedens Verhandlungen gehen wegen der Umständlichkeiten und Listen der Orientalen nur langsam vorwärts. Trotzdem halten wir daran fest, daß der Ausgang ein günstiger sein wird und daß in nicht allzuferner Zukunft unsere Truppen nach Europa werden zurückkehren können. Graf Waldcrsee behauptet mit bemunder rings wendiger Umsicht uni Geduld seine über die Maßen schwierige Stellun r unter all den Eifersüchteleien, die ein Koalit onskrieg m t fit bringen muß, zu dem sich auch politische Nebenbuhler wie England und Rußland zusammengesunden haben.
Ob König Eduard VII von England jemals in die Loge kommen wird, den Titel „Oberster Herr von und über Transvaal", der ihm in einer in Pretoria öffentlich ver-
Karneval.
Kulturhistorische Skizze von Ludwig Epstein (Jülich.)
(Nachdruck verboten )
Karneval heißt ursprünglich die in Italien mit Lustbar- keiten ausgefüllte Zeit von den Heiligen Drei Königen (6. Januar) bis zum Aschermittwoch, womit die vierzigiägigen Fasten be- giunen, in denen man auf Fleisch prisen virzichtet. In späterer Zeit wurde jedoch die Dauer des Karnevals mit seinen eigen- thüm'ichen Fi ftlid feiten auf die letzten drei bis acht Tage vor Aschenniunoch bi schränkt. Man suchte sich für eine Periode von E> tbehrungen im Voraus schadlos zu halten. Die Formen und Gebräuche, unter denen dies bis in die neueste Zeit geschieht, stammen ohne Zweifel von heidnischen Frühlingsfesten her; sie erinnern theils an die Lupeicalien und Bacchanalien des südlichen Europa, theils an die Frühlingsfeste der nördlichen Völker.
Die allen Griechen feierten beim Herannahen des Frühlings die Bacchus- ober Dionysoefeste, die nach der Vollendung der Steinl se und des Kelterns — im Monat Poseidon, der etwa unserem Dezember entspricht — statlfanden. Bei düsen Festen, in deren Mittelpunkt festliche Auszüge standen, denen die Idee der Rückkehr des Gottes Bacchus oder Dionysos aus Indien zu Grunde lag, herrschte die tollste Ausgelassenheit. Mit Epheu und Weinlaub, mit Kr änzen und Blumen geschmückt, umtanzte den seng lächelnden WAngott ein Schwarm von roeintrunfenen s Männern in F. auenkleidern, die bekannten Thyrsusstäbe schwingend. Sie stellten Nymphen dar, welche der Sage nach das Bocchuskind erzogen hatten. Andere Wrinselige waren als g< hörnte Satyre ober Stiene verkleidet. Sie trugen Thierfelle und fratzenhafte Larven und stellten die ursprünglichen Wald- menichen oder Nomaden vor, welche der Gott zur Kultur und feineren Gesittung geführt hatte. Aus den Hörnern der Thierfellmasken gingen die Spitzen der Narrenkappen des Mittelalters hervor, und aus den Umzügen, bei denen Lieder voll
lesenen Proklamation beigelegt ist, mit Recht zu führen, möchten wir nicht entscheiden. Vorläufig wenigstens steht der Titel nur auf dem Paoier. Wenn man den Nachrichten, die allmählich von Südafrika immer zahlreicher durchdringen, glauben kann, so muß die Lage der Engländer seit Anfang Dezember noch viel trauriger sein, als bisher zugestanden wurde. Tie Luren erringen einen Erfolg nach dem andern. Aufsehen hat besonders die Zerstörung eines Theils der Johannesburger Goldminen erregt, derentwegen doch der Krieg begonnen wurde.
In Oesterreich ist der neugewählte Reichsrath zu seiner ersten Tagung zusammengetreten. Wie sich die Regierung aus dem Wirrwarr der Parteien herausfinden will, läßt sich nicht absehen. Versucht sie mit Hilfe der knutschen Parteien und vielleicht der Polen eine Mehrheit zu bilden, so treten die Czechen in die Obstruktion ein; will sie anderseits sich auf die slavischen Parteien stützen, so drohen die Deutschen mit jener Maßregel. Möchten doch die Parteien im österreichischen Reichsrathe endlich erkennen, wohin sie mit ihrer Obstruktion treiben. Um das Schicksal Oesterreichs werden jetzt die Loose geworfen.
fürsorge-Grziebung.
Ein treffliches Büchlein ist jüngst in der Nicolaischen Verlags Buchhandlung zu Berlin erschienen. Es führt den Titel „Da4 preußische Fürsorge-Erziehungs-Gesetz und die Mitwirkung der bürg«rlichen Gesellschaft bei seiner Ausführung" und hat den bekannten Soz alpolitiker Geheimen Oberregierungsraih von Massow zum Verfasser.
Der Verfasser geht von der Ueberzeugung aus, daß das neue preußische Fürsorge-Erziehungs Gesetz eine der bedeutsamsten sozialen Thaten darsteUe, und damit hat er unzweifelhaft recht. Alle Arbeit, die der Jugend gilt, gilt zugleich der Zukunft unseres staatlichen und nationalen Lebens Das Fürsorge-Erziehungs Gesetz aber dient unserer Jugend in ganz hervorragendem Maße, indem es ihren verwahrlosten wie gefährdeten Theil gleicherweise zu schützen unternimmt. Hilfe that hier d ingend noth, immer lauter und ungestümer wurden die Rufe nach ihr, nun ist sie gekommen.
Allein die besten Gesetze bleiben Druckerschwärze, wenn sie nicht Leben in der Bevölkerung selbst gewinnen, wenn sie sich bei ihrer Durchführung ni t der lebendigen Theilnahme und thatkräftigen Mitwirkung weiterer Volkskreise zu erfreuen haben. Diese Theilnahme zu erwecken und diese Mitwirkung her beizuführen, dazu ist das in Rede stehende Büchlein geschrieben; es ist ein warmherziger Appell an die Männer und Frauen Preußens, mit Hand anzulegen, daß die hohen und edeln Ziele, deren Verwirklichung das Fürsorge-Erziehungs-Grs tz
derber Schlüpfrigkeit und lustigem Spotte gesungen wurden, entwickelte sich allmählich die Kunslform der Komödie.
Vonjxden Griechen kamen die Feste, die man zu Ehren des Bacchus feierte, auch zu den Römern und verwandelten sich hier in die Liberalien und Saturnalien. „Wenn der junge Wein aus der Kelter kam, wandelte Alt und Jung hinaus in die Kampagna; Männer und Frauen, Kinder und Greise hüllten sich in rauhe Thierfelle, Weinlaub oder Epheu kränzte die Stirn ober durchflocht die im berauschenden Tanze flatternden Haare der Frauen, die allen Leidenschaften die Zügel schießen ließen. Bis zum Frühroth ertönte aus der Kampagna der Lärm des Bacchanals, bis zum Frühroth wurden die Becher geleert, und schweifte man von Wollust zu Wollust."
Die Saturualien, eins der ältesten römischen Feste, wurden zu Ehren des Saatgottes Saturnus Ende Dezember gefeiert.. Der Charakter des Festes war eine sinnbildliche Rückkehr zu jenen glücklichen Zeiten, wo unter der Regierung des Saturnus allgemeine Freiheit und Gleichheit unter den Menschnr geherrscht haben sollen; daher herrschten während der Saturnalien ausgelassener Jubel und allgemeines Schmausen in ganz Rom. Man ging mit berußten Gesichtern umher und trug statt der üblichen Toga kaftanähnliche Gewänder oder Kapuzen, die Vorläufer unseres Dominos. Auch die Sklaven nahmen an der allgemeinen Festfreude theil. Sie traten als Herren auf und wurden von letzteren bewirthet, wie denn überhaupt bei diesen Festen der Gedanke vorherrschend war, daß die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf gestellt werden müsse.
Während der Saturnalien fanden neben den öffentlichen Veranstaltungen auch Privatvergnügen statt, zu welchen sich ein auserlesener Kreis von Personen heimlich zusammenfand. Diese bacchischen Mysterien soll Lucius Scipio, der Bruder des Scipio Africanus des Aelteren, in Rom ein geführt haben. Als unerhörte Vorkommwsse zu den Ohren des Senats gelangten, ordnete derselbe die schärfsten Maßregeln dagegen an und erließ ein Verbot der Bacchanalien, welches in einer Verordnung der damaligen Konsuln an einen Magistrat noch
anstrebt, auch thatsächlich erreicht werden. Der Verfasser glieber* feilten Stoff nach zwei Hauptgesichtspunkten. Er fragt zunächst* in welchen Punkten das Fürsorge-Erziehungs-Gesetz vorzugsweise der Mitwirkung der Bevölkerung bedürfe, und sodann, wie sich nach erwiesener Noihw ndigkeit die Mitwirkung am zweckdienlichsten geltend machen lasse.
Die Mitwirkung der bürgerlichen Gesellschaft soll Platz greifen bei der Ermittelung der Fälle, auf welche das Gesetz Anwendung zu finden hat, bei der Anrufung der Behörden behufs Herbeiführung der Fürsorge-Crz'ehung im einzelnen Fall, bei der Unterbringung der Pfleglinge in Familien und Anstalten, wie endlich bei der Bestellung von Fürsorgern. Um an einem einzelnen Beispiele zu zeigen, wie wesentlich die Beihilfe der Bevölkerung für die zweckmäßige Durchführung des Fürsorge-Erziehungs-Gesetzes ist, sei nur an Folgende erinnert. Nach dem Gesetze soll der „Kommunal Verband" für jeden Fall der Famil^en-Erziehung einen Fürsorger bestellen, welcher die Erziehung d s Pfleglings überwacht. Der „Kommunal- Verband" aber sind die Landes-Hauptleute und Landes- Tirek- toren, und diese haben in den Provinzial Hauptstädien ihren Sitz. Wie gut ist es doch da, wenn sich in den zahlreichen über die ganze Provinz zerstreuten Ortschaften Organe der freiwilligen Liebestdäligkeit finden, welche aus intimster Kenntniß der besondern Orts-Verhältnisse heraus die schwierige Aufgabe der BJchrffung geeigneter Fürsorger lösen helfen. Was schließlich die Art und Weise betrifft, in welcher sich die freiwillige Mitwirkung der Beoölker ing am zweckmäßigsten zu äußern vermag, so hat Oberregierungsraih von Massow hierfür bis ins Einzelnste gehende Rathschläge ertheilt. Vor Allem wird cs darauf ankommen, die Kenntniß der Bestimmungen des Fürsorge-Erzieh ings-Ges tzes ins Volk zu tragen, und sodann, die freiwillige Vereins !hâ igteit, welche b eher schon dem Dienste an der Jugend gewidmet war, für die Zw cke der Fürsorge Erziehung zusammenzufass n und auf einteiliger Grundlage zu organimen.
Das vorliegende Büchlein ist aus echter, warmer Liebe zum Volke und jur Jugend heraus geschrieben und trägt den Stempel dieses Ursprungs aus jeder Seite an sich. Möge es thatenzeugend wirken und für sein schönes Mono „Helft unsere Jugend reiten und bewahren!" zahlreiche emp'äugliche Herzen finden!
Preußisches L a adesöltsna ar iekolle g i rur.
II.
In der weiteren Berathung bringt Abg. Frhr. v. Wangenhelm-Klein- Spiegel die Mißstände auf den von pr valer Seile verch.staUelen Nahrungs- initle.-Ausstellungen zur Sprache, die er unter an verein bind) die Zahl der Prä- miirungen illustrirte. So wurden z. B. bei der Nahrun^smrUet-Ansstel- lung im Beiliner Meßonlau 69.8 v. H.. bei Kroll sogar 8<i,9 und in
fdriftlid) auf einer Bronznastl, bie nch jetzt in Wien befindet, erhalten ist. Dieses Verbot hatte zur Folge, daß die bacchanalischen Ceremonien immer gehe wer gehalten ten wurden, und die Mitglieder sich an geheimen Z ichen erkannten. Zur Kaiserzeit, besonders im 4. und 5. Jahrhundert, veranstaltete man im Zirkus Maximus zur Feier der Saturnalen glänzende heitren neu, Thie jagten, Glodia- torenkümpfe, mimische Aufführungen u. a. m. Mit der Einführung des Christenthums und der her sä enden Macht der Päpste machte man den Versuch, die Bccch sf sie sowie die Saturnalien abzuschaffen, was aber nicht gelang. Noch h'ute wird in Italien der aus biejm Festen entnancene Karneval, der unter den Nachfolgern des Papstes Pa l II., der zuerst einen allegotischen Karnevals; g veranstalt te, zu höchster Blüthe gelangte, gefeiert, wenn er auch nicht mehr an die Bedeutung' früherer Jahrhunderte heranreickt; aber er ist ein Fest geblieben, an dem sich die ganze Bevö kerung in ber einen ober anderen Weise beteiligt.
Wie die Griechen die Lionysosf ste und die Römer ihre Saturnalien, so feierten unsere Vorfahren, die alten Germanen, wenn der Frühling na()te und die Natur zu neuem Leben zu erwachen begann, zu Ehren der Gö tin des Wachsthums und der Fruchtbarkeit, tièerthiis, ein Fruhlingc fest. Während allgemeiner Friede herrschte, führte ein Priester das Bild der Götiin auf einem von vier K> h n gezogenen Wagen durch das Land. Aus dieser Sitte, die namentlich im westlichen Deutschland herrschte, sowie bin oben g schilderten alt- griechischen und römischen Felten, den < ionysoè f neu und Saturnalien, entwickelte sich im Laufe der Zeit wahischeiulich unser jetziger Karneval.
Im Mittelalter waren Schmauseni'N und Trinkgelage ein Hauptbestandtheil der Karneoalsstier. Die Reichen begannen damit schon am Dreikönigsraa ; die mittleren Stäube beschränkten sich auf die Woche vor Beginn der Fastenzrit, die darum die unsinnige Woche hieß, und die Firmeren auf nur wenige Tage.