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General-Anzeiger.

Awitichts Organ für LLadt- und Zan-Kreis Hanan.

Waisenhauses in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feierte^ mit brLetriWch« Beilage.

Berantwvrlt. Lrdâeur: S. ©Reeder « H«a«u.

Nr. 15.

Dreissig Jahre Kaiser und Reich.

18. Januar.

An demselben Tage, wo vor zweihundert Jahren das Samenkorn gelegt wurde, das den Stamm des preußischen Königthums zu seiner heutigen Pracht gedeihen ließ, sind dreißig Jahre deutscher Reichsgeschichte verflossen, aus deren erster Seite der leuchtende Schlußstein eines glorreichen Krieges, die Kaiser-Proklamation vom 18. Januar 1871, verzeichnet steht. Daß der 18. Januar auch zum Wiegenfest des wiedererstandenen deutschen Kaiserreichs gemacht wurde, lag in der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages begründet: Das Preußen der Hohenzollern war allein im Stande, die Grundlage für die Einigung der deutschen Volksstämme zu einem höheren Staatsleben zu legen. Ehe preußischer Staats­geist das Gemeingut der Deutschen geworden war, rieb sich die Nation in endlosem Hader auf; sie bot das Bild tiefster politischer und wirthschaftlicher Ohnmacht.

Seit 30 Jahren ist es gottlob! anders. Erfüllt war am 18. Januar 1871 das Sehnen und Ringen, das aus den heißen Kämpfen der Befreiungskriege unbefriedigt hervorge­gangen. Tiekaiserlose, die schreckliche Zeit" war vorüber, ein Herrscher wieder auf Erden". Auf der Wahlstatt von Sedan hatten die deutschen Heerschaaren den Kaiser gekürt, seitdem hatten die deutschen Fürsten und freien Städte im Verein mit der staatsklugen Mäßigung des großen Kanzlers die Formen gefunden und gebilligt, unter denen die Kaiserwürde zeitgemäß wieder aufleben konnte. Unter dem Vorantritt des Königs von Bayern boten sie dem ruhmgekrönten königlichen Führer im Silberhaar die Kaiserkrone. König Wilhelm nahm fie an, nicht als Gegenstand eines persönlichen Ehrgeizes, sondern in der Erfüllung der Pflicht des Königs von Preußen gegen das gemeinsame Vaterland. Huldigend senkten sich am 18. Januar im Versailler Schlosse vor dem Kaiser die Fahnen, die bei Sedan den Oberfeldherrn der deutschen Heere mit mächtigem Siegesräuschen umweht hatten.

Wahrlich, ein Ausgang, wie die kühnste Poesie ihn nicht größer und hohheilsvoller hätte ersinnen können! Im tiefsten Frieden übermüthig herausgefordert, dennoch ungern und zögernd zum Schwerte greifend, war König Wilhelm an der Spitze des zu Schutz und Trutz vereinten Deutschland von Sieg zu Sieg geeilt, und während die deutschen Stämme im Feindeslande weltgeschichtliche Schlachten schlugen, wachten treue und scharfe Augen, sorgte eine feste Hand, daß die Feder nicht verdarb, was das Schwert gewann.

Die Wiege des Reiches umstand eine Schaar gigantischer Gestalten, wie die Weltgeschichte deren nicht viele gesehen hat: der hochbetagte König, der Kronprinz, Bismarck, Roon und Molkte, die Heerführer Friedrich Karl, Kronprinz Albert von

Feuilleton.

Zum 200 jährt gen Gedenktage des Königreiches Preussen.

Am 18. Januar 1901 feiert das Königreich Preußen seinen zweihundertjährigen Gedenktag. Dieser Tag lenkt den Blick zurück auf die näheren geschichtlichen Begebenheiten und Um­stände, unter denen einst die Erhebung des Kurfürstenthums Brandenburg zum Königreiche Preußen sich vollzog.

Friedrich Wilhelm der große Kurfürst hinterließ seinem Sohne Friedrich III. ein wohlgeordnetes, blühendes Staatswesen. Kurfürst Friedrich III. trat die Regierung mit den edelsten Absichten an. Sein höchstes Bestreben ging dahin, das über­kommene Ansehen des brandenburgischen Kurstaates nach Mög­lichkeit zu vermehren; er trachtete nach der Königskrone. Gerade damals war eine Reihe anderer Fürstenhäuser mit neuen Ehren und neuer Machtfülle bedacht worden. Kurfürst August II. von Sachsen ,war 1697 zum Könige von Polen gewählt worden, Kurfürst Georg von Hannover hatte Aussicht, König von England zu werden, und auch der Kurfürst von Bayern strebte nach neuen Ländern und Kronen, sollte denn Brandenburg allein zurückbleiben in dem unruhigen Vorwärts­drängen der deutschen Fürsten? Aber zum Erwerbe der Königs­krone bedurfte es der Zustimmung des deutschen Kaisers. Diese war nur dadurch zu erlangen, daß Brandenburg sich verpflichtete, die Erbfolge-Ansprüche des kaiserlich-österreichischen Hauses auf Spanien zu unterstützen. So wurde also von Friedrich III. im spanischen Erbfolgekriege den Habsburgern ein Hilfskorps gestellt, und in Folge dessen gab der Kaiser seine Einwilligung zur Annahme des preußischen Königstittls.

Entsprechend der Bedeutung des Ereignisses wurde die Feier der Erhebung Brandenburg-Preußens zum Königreiche mit großem Glanze vollzogen. Bereits am 15. Januar ward

Freitag den 18. Januar

Sachsen, ^Manteuffel, Blumenthal, Göben. Sie alle sind da­hingegangen, König Albert von Sachsen allein ist von jenen großen Männern uns erhalten geblieben ; seiner Verdienste um Kaiser und Reich wird man heute ganz besonders dankbar ge­denken. W -

In Schlachtengluthen ist das Reich geboren, um ein Hort des Friedens zu werden. Erfüllt haben sich die Worte, mit denen König Wilhelm I. in Versailles die Kaiserwürde über­nahm :Uns aber und unsern Nachsoglern an der Kaiserkrone wolle Golt verleihen, allezeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit «und Gesittung." Das Kaiserthum der Hohenzollern hat das deutsche Reich zu ungeahnter Größe, zur Vormacht des Friedens und der Kultur erhoben. Wenn da am 18. Januar aller Herzen unserem Kaiser entgegen­schlagen, soistdiesnurdie elementare BekundungdeutscherTreueund Dankbarkeit. Und sie wird Stand halten zur Ehre unseres Kaiserhauses, mögen die Wogen der Zeit noch so brandend emporzüngeln an dem Fels des deutschen Nationalstaates.

Zur Feier des Krönungsjubilaums.

Berlin, 17. Januar. DerR eich sanzeig er" schreibt: Zwei Jahrhunderte sind morgen, am 18. Januar 1901, seit dem Eintritt des preußischen Königthums in die Geschichte verflossen. Ehrerbietig und dankbar begrüßen wir an dieser Stelle die zum Jubelfeste der preußischen Krone zahlreich eingetroffenen hohen Vertreter auswärtiger Mächte; an ihrer Spitze den erlauchten Großfürsten Wladimir von Rußland und den Thronfolger des verbündeten Oesterreich- Ungarn. Ein ebenso herzliches Willkommen sei den deutschen Fürsten und Würdenträgern entboten, die als Abgesandte unserer Verbündeten im Reich bei dieser denkwürdigen Feier um den König versammelt sein werden. Das Lob der preußi­schen Monarchie, die morgen im Mittelpunkte so vieler ehren­voller Kundgebungen steht, ist ihre Geschichte. Ohne Ueber- hebung darf hier ausgesprochen werden, daß die Nachkommen des Burggrafen von Nürnberg sich mit ihren Brandenburgern und Preußen die Königskrone redlich haben verdienen müssen. Preußen hatte über den Rahmen des Kurfürstenthums hinaus echt königliche Aufgaben zu erfüllen. Die Siege Friedrichs des Großen, zu denen ihm sein längst nicht mehr verkannter Vorgänger Mittel und Werkzeuge geschaffen hatte, ließen schon den nationalen Beruf des jungen Königreichs außerhalb seiner Grenzen vor dem weiteren Vaterlande verheißungsvoll auf­leuchten. Aus diesen Großthaten erwuchs das Gefühl einer deutschen Volksgemeinschaft und die Hoffnung auf Erfolglosig­keit aller fremdländischen Bevormundungsversuche; ja in den

zu Königsberg unter dem Geläme der Glocken und dem Donner der Geschütze, in pomphaftem Aufzuge, die feierlichePublikation" verlesen, welche kundgab, daßdieses bisher gewesene souveräne Herzogthum Preußen zu einem Königreiche aufgerichtet" werde. Am Sonntag, dem 16. Januar, wurde alsdann von allen Kanzeln der göttliche Beistand zum bevorstehenden Krönungs­feste erbeten, und am 17. Januar stiftete Friedrich III. den Hohen Orden vom Schwarzen Adler", der den Wahlspruch Jedem das Seine" trägt. Der 18. Januar aber war der Tag des Krönungs-Aktes selber. Im Audienzsaal setzte sich Friedrich III. eigenhändig die königliche Krone aufs Haupt, um damit symbolisch anzudeuten, daß kein weltlicher oder geist­licher Oberer sie ihm gegeben, daß er sie vielmehr nach eigenem Willen und aus eigener Macht nehme und trage. Hierauf begab sich der König im neuen Ornat in die Gemächer der Königin, um ihr ebenfalls die Krone aufzusetzen. In feier­lichem Aufzuge ging das Königspaar alsdann vom Schlosse nach der Schloßkirche, wo zwei eigens vom Könige zu evange­lischen Bischöfen ernannte Geistliche, ein lutherischer und ein reformirter, die Salbung vollzogen. Eine Reihe weiterer Fest­lichkeiten folgte diesem hochbedeutsamen Akte; auch wurden vom Könige zu bleibendem Gedächtniß neue Armenhäuser und Spitäler gegründet, sowie reiche Gnadengeschenke ausgetheilt. Den Ab­schluß aller Feierlichkeiten bildete endlich der festliche1 Einzug, den das Königspaar am 6. März 1701 in Berlin hielt.

So war der große Schritt vollendet. Der brandenburgische Staat nahm von nun an alsKönigreich Preußen" nicht nur seiner thatsächlichen Macht, sondern auch seinem Namen und Titel nach die ihm gebührende achtunggebietende und selbständige Stellung unter den Mächten ein, die er in glorreicher Weiter­entwicklung bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat und mit Gottes Hilfe auch für alle Zukunft bewahren wird, zu Gesammt-Deutschlands Heil und Ehre.

1901

besten Geistern der Nation lebte bald die Zuversicht, daß aus der Machtentfaltung des preußischen Königthums der Segen einer gesammtstaatlichen Einigung nach langer Zerrissenheit erblühen werde. In den schweren Zeiten napoleonischer Eroberungen war die Seele Deutschlands in Preußen so tief gedemüthigt. Das Königreich entwickelte für die nationale Sache ungeahnte Kräfte als opferfreudiger Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft. Seine schwer errungene Großmacht­stellung hat dann Preußen unter der weisen und ruhmreichen Regierung Wilhelms des Großen den deutschen Gesammt- interessen untergeordnet und am Ende der ehrenvoll durch­laufenen Bahn seiner selbständigen Politik sich dabei beschieden, fernerhin nur ein Bundesstaat zu sein innerhalb des neuen Reiches, das seine Pflichten gegen die Mitverbündeten in un­verbrüchlicher Treue erfüllt. Die besondere preußische Tüchtig­keit, die das Vaterland niemals wird entbehren können, ist aufs Engste verwachsen mit unseren monarchischen Einrich­tungen. Möge Preußens Königthum auch in seinem dritten Jahrhundert, dessen Schwelle es morgen überschreitet, ein Hort des Reiches bleiben und der stärkste Träger deutscher Größe und Weltmacht!

Berlin, 17. Januar. Nach der Beglückwünschung des Kaisers durch den General von Bock und Polach im Zeug­hause befahl der Kaiser dem Chef des Hauptquartiers, General v.Plessen, die Verlesungder anläßlich des Krönungsjubiläums an die Armee gerichteten Kabinetsordre. Nach der Ansprache begab sich der Kaiser zu den in der vorderen Halle des Zeughauses versammelten, in Berlin garnisonirenden Offizieren der Marine und ließ durch den Chef des Marinekabinets von Senden- Bibran die anläßlich des Jubiläums an die Marine gerichtete Kabinetsordre verlesen. Sodann hielt der Kaiser eine An­sprache, auf die der Chef des Admiralstabes der Marine, Diederichs antwortete. Der Kaiser nahm darauf im Lichthofe militärische Meldungen entgegen.

Berlin, 17. Januar. Im Lichthofe des Zeughauses meldete sich bei dem Kaiser u. A. auch der württembergische Generaladjutant Graf Zeppelin. Nach der Feier im Zeug­hause empfing der Kaiser im Schlosse eine Abordnung des Bundesraths, in dessen Namen Graf Bülow Glückwünsche aussprach, die Präsidien des Reichstags, des Herrenhauses sowie des Abgeordnetenhauses.

Berlin, 17. Januar. Heute Abend fand bei den Majestäten in der Bildergallerie im Königsschlosse Tafel von etwa 120 Gedecken statt. Dem Kaiser gegenüber saß die Kaiserin, der Kaiser zwischen dem Herzog von Gotha und dem Großfürsten Wladimir, die Kaiserin zwischen dem Erzherzog Franz Ferdinand und dem Her­zog von Connaught. Es nahmen ferner theil die hier eingetroffenen Fürstlichkeiten, der Reichskanzler, die Bot-

Sophie Charlotte,

die philosophische Königin von Preußen.

(Nachdruck verboten.)

Bei bcm geschichtlichen Rückblick, zu dem wir uns aus Anlaß des preußischen Krönungsjubiläums angeregt fühlen, tritt unter vielen anderen ruhmvollen Persönlichkeiten die Ge­stalt jener gottbegnadeten Frau, der Königin Sophie Charlotte, Friedrichs des Ersten von Preußen Gemahlin, in besonderem Glorienschein vor unseren Geist. Sophie Charlotte, die schon ihre Zeitgenossen die philosophische Königin nannten, war eine der wunderbarsten und merkwürdigsten Frauen auf dem Throne. Sie wurde am 20. Oktober 1668 auf dem Schlosse Iburg im Hochstifte Osnabrück geboren, das ihr Vater damals als protestantischer Fürstbischof verwaltete, da ihm erst später durch kaum gehoffte Erbschaft die herzogliche Würde von Hannover zufiel. Unter Leitung ihrer Mutter und einer trefflichen Hof­meisterin erhielt Sophie Charlotte eine ausgezeichnete Erziehung. Am Hofe zu Hannover herrschte damals ein reges geistiges Leben, hauptsächlich gefördert durch die Herzogin Sophie. Leibnitz, der große Gelehrte, Philosoph und Weltmann, war ihr vertrauter Freund und Rathgeber, mit ihm besprach die hohe Frau die höchsten Geistesfragen, bei seiner Klugheit erholte sie sich Rath in den wichtigsten Familienangelegenheiten.

In solcher Umgebung und unter solchen Eindrücken ent­faltete Sophie Charlotte frühzeitig ihren regen Geist, der durch den besten Unterricht gepflegt und durch interessante Reisen erweitert wurde. Schon als 12 jähriges Mädchen sah sie Italien, das Land der klassischen Bildung und der Künste, für die sie mit empfänglicher Seele sich begeisterte. Zwei Jahre später lernte sie Paris und den Hof Ludwig des Vierzehnten kennen, der damals als das unerreichte Ideal höfisch feiner Sitte galt. Ludwig selbst war von der liebenswürdigen Er­scheinung der jugendlichen deutschen Prinzessin so entzücktt, daß er ernstlich daran dachte, sie mit einem französischen Prinzen zu vermählen. Die Bemühungen scheiterten an dem