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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- and Fandüreis Kanan»
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertag mit belletristischer Beilage.
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DevaâorL »ckâuL: 6. Schr»L^ i» Hanau.
Nr. 7.
Mittwoch den 9. Januar
1901.
Eröffnung des preufs. Candtags.
Berlin, 8. Januar.
Der preußische Landtag wurde heute Mittag 12 Uhr im Weißen Saale des Kgl. Schlosses mit folgender Thronrede durch den Ministerpräsidenten Grafen Bülow eröffnet:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern deS Landtages!
Se. Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung des Landtages der Monarchie zu beauftragen geruht. Die Finanzlage des Staates ist fortdauernd günstig. Das abgeschlossene Rechnungsjahr 1899 hat ebenso wie die vorangegangenen Jahre trotz des starken Steigens der Ausgaben auf allen Gebieten staatlicher Thätigkeit einen beträchtlichen Ueberschuß ergeben. Für das laufende Jahr darf ein Gleiches erwartet werden. Der Staatshaushalt für 1901, dessen Entwurf Ihnen alsbald vorgelegt werden wird, hält in Einnahme und Ausgabe das Gleichgewicht. Eine erhebliche Vermehrung der Einnahmen, zu welcher, wie in den Vorjahren, überwiegend die eigenen Betriebs-Verwaltungen des Staates neben gesteigerten Steuer-Einkünften beitragen, hat es gestattet, dem Ausgabebedarf aller Verwaltungszweige in weiterem Umfange Rechnung zu tragen und insbesondere einmalige und außerordentliche Aufwendungen in reichem Maße verzusehen.
Die wirthschafilichen und finanziellen Ergebnisse der Staatseisenbahnen sind zufriedenstellend und auch für das nächste Jahr ist ein günstiges Resultat zu erhoffen. Zur Erweiterung und Vervollständigung des Staalseifenbahnnetzes und zur Förderung von Kleinbahnunternehmungen werden wiederum erhebliche Mittel von Ihnen erbeten werden.
Die Steigerung der Provinzialabgaben erfordert in Ver- , bindung mit der durch Kreis- und Gemeindesteuern hervor- gerufeum Belastung die ernste Beachtung der Staatsregierung. Auf eine Abhilfe hinzuwirken, ist umsomehr geboten, als diese Belastung in den an sich wirthschaftlich schwächeren Landes- theileu besonders in die Erscheinung tritt und sich in Folge der schwierigen Lage der Laudwirthschaft in verschärftem Maße fühlbar macht. Die Staatsregierung beabsichtigt daher, in Ergänzung der Dotationeßesetzgebung den Provinzen für bestimmte Zwecke weitere Staatsrenten zu überweisen, insbesondere zur Ausgleichung der Verschiedenheiten in der Ausstattung mit Mitteln für den Wegebau. Si-e wird bemüht sein, dem Landtage noch in dieser Tagung eine entsprechende Vorlage zu machen.
Die bei "den Verhandlungen des Hauses der Abgeordneten über die Kanal Vorlage des Jahres 1899 ausgesprochenen Wünsche haben der Staatsregierung Veranlassung gegeben, einen neuen und erweiterten Plan aufzustellen, der bestimmt ist, den Bedürfnisfen der vei schiebenen bandestheile der
Monarchie auf dem Gebiete der Wasserwirthschaft durch den Bau von Kanälen und Verbesserung der Flußläufe gerecht zu werden. Der dem Landtage alsbald vorzulegende Gesetzentwurf fügt demgemäß den Rhein-Elbe-Kanal hinzu, den Bau eines Großschifffahrtsweges von Berlin nach Stettin, die Herstellung einer leistungsfähigeren Wafserstraße zwischen der Oder und der Weichsel und die weitere Regulirung der Warthe von der Mündung der Netze bis Posen, die Verbesserung der Vor- fluth in der unteren Oder, sowie in der unteren Havel und den Ausbau der Spree.
Zum lebhaften Bedauern der Staatsregierung haben die Ermittelungen darüber, ob und in welcher Gestalt der masurische Schifffahrtskanal zur Ausführung zu bringen sei, noch nicht zum Abschluß gebracht werden können, da über den wirthschaftlichen Werth einer solchen Anlage in der Provinz Ostpreußen selbst noch gewichtige Zweifel bestehen und aus Rückfichten der Landeskultur große, bisher nicht beseitigte Bedenken gegen den Bau erhoben worden find.
Um die Verbesserung der Wasserstraße zwischen O bersch l e s i e n und Berlin weiter zu fördern und die dazu geeigneten Mittel — Anlegung von Staubecken und lheilweise Kanalisirung oder Regulirung des Oderstromes — zu erproben, wird die Bewilligung eines hierfür ausreichenden Betrages gefordert werden. Die Durchführung der erwähnten Projekte wird ein zusammenhängendes, die große« vaterländischen Ströme verbindendes Netz von Wasserstraßen schaffen und der Landeskultur wie den Verkedrsinteressen dienen. Die Staatsregierung gibt sich der Hoffnung hin, daß die erweiterte Vorlage die Zustimmung der Landesvertretung finden wird.
Dem Landtage wird der Entwurf eines Gesetzes betr. die Umlegung von Grundstücken in Frankfurt a.M. zugehen. Der Entwurf verfolgt im Anschluß an frühere Verhandlungen beider Häuser den Zweck, der in dieser Stadt herrschenden Wohnungsnoth durch Schaffung von Baugelände abzuhelfen. Wenngleich die Vorlage sich zunächst nur auf die Stadt Frankfurt a. M. bezieht, so erhält der Gesetzentwurf, der vom Prsvinziallandtage der Provinz Hessen-Nassau einstimmig gebilligt worden ist, dadurch eine allgemeinere Bedeutung, daß sein Geltungsbereich auch auf andere Gemeinden, falls dies von ihnen beantragt wird, im Wege königlicher Verordnung wird erstreckt werden können. Wenn hiernach eine für eine einzelne Stadt und ein bestimmtes Gebiet derWohnungs- fürsorge besonders dringliche Frage vorab zur Erledigung gebracht werden soll, so erheischt doch die Gestaltung der Woh- nungsverhältnisse, namentlich in den dicht bevölkerten und überwiegend industriellen Gegenden weitere, die verschiedensten Gebiete kommunaler und staatlicher Fürsorge berührende Maßnahmen. Die Staatsregierung ist in der Erörterung darüber
begriffen, welche Anordnungen im Verwaltungswege zu treffen und welche einer gesetzlichen Regelung zuzuweisen sein werden, um die hervorgetrètenen Mißstände zu mildern und namentlich dem Wohnung sbedürfnisse der m i n d e r jb e- mittelten Klassen nach Möglichkeit abzuhelfen. Die Heranziehung gewerblicher Unternehmungen zu Vorausleistungen für den Wegebau soll für die ganze Monarchie thunlichst einheitlich und gleichmäßig geregelt werden. Ein hierauf gerichteter Gesetzentwurf wird Ihnen voraussichtlich noch in dieser Tagung unterbreitet werden können.
Auf dem Gebiete des M e d i z i n a l w e s e n s wird Sie eine Vorlage zur Ausführung des Reichsseuchengesetzes beschäftigen.
Die besonders geartete Entwickelung der Haupt- und R e s id e n z st ad t Berlin und ihrer größeren Vororte, die bereits im vorigen Jahre zu einer Umgestaltung der polizeilichen Verwaltung geführt hat, laßt eine den örtlichen Verhältnißen angepaßte Neuordnung auch auf den übrigen Gebieten der allgemeinen Landesverwaltung erforderlich erscheinen. Ihre Mitwirkung hierzu wird erbeten werden.
Meine Herren!
In wenigen Tagen werden zwei Jahrhunderte vollendet sein, seitdem das Königreich Preußen erstand. Diese Erinnerung mahnt uns, festzuhalten und auszubauen, was in langer und schwerer Arbeit unter der Führung ruhmreicher Fürsten für Preußens Größe und Wohlfahrt errungen ist. Seine Majestät der König ist sicher, daß es hierzu in der hingebenden und verständnißvollen Mitwirkung des preußischen Volkes und seiner verfassungsmäßigen Vertretung niemals fehlen wird. Se. Majestät hofft, daß es mit Gottes Hilfe Ihnen gelingen möge, auch bie bedeutsamen Aufgaben der kommenden Session zu glücklicher Erledigung zu führen.
Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet.
politische Rundschau.
Zum Thronwechsel in Sachsen-Weimar- Nach einer Meldung aus Weimar ist dort über den Regierungsantritt des Großherzszs Wilhelm Ernst folgende Proklamation veröffentlicht worden:
„Wir, Wilhelm Ernst, von Gottes Gnaden Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Landesfürst von Thüringen, Markgraf von Meißen, Gefürsteter Graf zu Henneberg, Fürst zu Blankenheim, Neustadt und Tautenburg, thun hiermit kund und zu wissen: Nachdem Gott, der Allmächtige, Herr über Leben und Sterben, Unseren geliebten Großvater, Karl Alexander August Johann, regierenden Großherzsg von Sachsen u. s. w. nach einem durch göttliche Gnade reich gesegneten
Feuilleton.
Wiederfehn.
Mrzze nach dem Leben von M. von Bieberstein.
(Nachdruck verboten.)
Ein strahlender Sommermorgen! Auf Blumen und Gräsern perlende Thautropfen, in denen es funkelte und blitzte, als seien es lauter Freudenthrânen. Ungewöhnlich früh regt es sich heute in der kleinen Villa in der Danzigerstraße des Seebadeortes Zsppot. Eine Dame — sie mochte wohl die Fünfzig schon überschritten haben — war eifrig beschäftigt, eine Guirlande um den Thürpfosten zu befestigen. Das aus rosa Blüthen geflochtene „Willkommen" wurde zuletzt darüber angebracht. Also es wurde heute Jemand erwartet, jemand Liebes natürlich, deshalb lag es auch wie frohe, ungeduldige Hoffnung auf dem Antlitz der Dame, dessen durchgeistigter Ausdruck sonst von manch herbem Leid zu sprechen schien. Sie schritt hinab in das Vorgärtchen, und die schönsten Blumen fielen ihrer Scheere §um Opfer. Ab und zu huschte es glücklich und sonnig über die feinen Züge. War es der bevorstehende Besuch, der ihr Herz so fröhlich schwellen machte?
Ja, sie erwartete heute ihren „Einzigen", war er doch das Letzte, was ihr geblieben von allem Lebensglück. Nach dem frühen Tode ihres Mannes war die Regierungs-Rüthin Gerhard in diese Villa gezogen, deren übrige Wohnungen sie in der Badezeit vermiethete, um so ihre kleine Einnahme zu vermehren. Hier hatte sie ganz der Erziehung der ihr gebliebenen drei Knaben gelebt, bis ein grausames Geschick von Neuem an ihr Herz griff und ihr in tückischer Krankheit die beiden Aellesten raubte. Ihre ganze Liebesfähigkeit hatte sie dann an den Jüngsten und Letzten verausgabt, der, eine warme, gefühlvolle Natur, ihr dies in leidenschaftlicher Zu-
Neigung vergalt. Ein selten innig-verständnißvolles Verhältniß war es zwischen Mutter und Sohn! Doch dies schöne Zusammenleben mußte ein Ende nehmen, wie hart hatte sie mir ihren mütterlichen Gefühlen gekämpft, als zuerst seine Studien und dann der erwählte Beruf eines Schiffingenieurs den Geliebten in die Ferne geführt. Zog es ihn doch unwiderstehlich zum Meere, an dessen Ufern er ausgewachsen! — Nur in kurzen und seltenen Urlaubspausen hatte sie ihn ab und zu bei sich gehabt. Jetzt war es mehr als zwei Jahre nicht geschehen, zwei lange Jahre, in denen sie so oft von ungeheurer Angst erbebt, wenn der Sturm vom Meere her an den Fenstern rüttelte und sie der möglichen Gefahren dachte. War es ein Wunder, wenn der Gedanke des nahen Wiedersehens sie selig eischauerN machte?
Am frühen Vormittage desselben Tages haben sich am Strande Hunderte versammelt. Die Ankunft des Manöver- geschwaders ist, von Kiel kommend, für heute signalisirt. Nicht umsonst die freudige Aufregung, die sich im ganzen Badeort kund gibt. Bringt doch das Geschwader nach Zoppol den interessantesten Theil, den Höhepunkt der Saison. Viele sind aus ganz Deutschland hierher geeilt, um die Gegenwart ihrer Lieben für einige Zeit zu genießen. Hier ist es die Gattin, die den Gemahl erwartet, — hat sie ihn doch nicht wie andere Frauen zum steten Lebensgefährtin, — dort die Braut, welche den Bräutigam ersehnt, — oder es sind Eltern und Geschwister, die Angehörige bei der Marine haben.
Plötzlich geht durch die Harrenden eine freudige Bewegung — die, mit Fernrohren Bewaffneten haben endlich am ferneren Horizont in der Richtung nach Hela die schwarzen Punkte, welche die Schlachtschiffe bedeuten, entdeckt. Froh ertönt es durcheinander: „Da sind sie, sie kommen, sie kommen!" Beruhigt gehen die Meisten nach Hause, in zwei Stunden kann die Flotte vor Neufahrwasser ankern und die Beurlaubten am Lande eintreffen. Auch der Regierungsräthin wird von Vorübergehenden zugerufen: „Sie sind da, sie kommen!"
Aus den stolzen Schiffen, die jetzt ihren Kurs der freund' lichen Bucht zugelenkt, regt sich heute besonders freudiges Leben. ' Wenn die Manöverzeit auch so manche Anstrengungen ’ mit sich bringt, die Urlaubsstunden an Land wiegen das doch auf. Und Diejenigen erst, die auf ein ganz persönliches Wiedersehen hoffen, wie diesen die Augen leuchten im freien Vorgefühl! Majestätisch rauscht an der Spitze des machtvollen Geschwaders S. M. S. „Brandenburg" daher. Ein schlanker, blonder junger Mann steht am Bug des Schiffes, es ist der Schiffsingenieur. Er schaut so still, so innerlich verloren drein, winkt ihm denn kein verheißungsvolles Glück? Oder ist es nur die innere, Bewegung, die ihn äußerlich so ruhig erscheinen läßt? Tief senkt und hebt sich die breite Brust. Wie das Herz des Schiffes, die Maschine, in unzähligen Schlägen pocht und hämmert, so klopft ja auch sein Herz in ungestümem Drängen mit. Es ist Heimathzauber unb' Sehnsucht nach Mutterarmen, die ihn umfangen halten. Je ferner und schöner die Länder, die er geschaut, desto mächtiger trat die Heimath vor sein inneres Auge. Und größer, immer größer ward die Sehnsucht, schier unbezwinglich — riesengroß, jetzt endlich — endlich, die Erfüllung! Wie langsam die letzten Stunden schleichen! Geduld, Geduld, du ungestümes, pochendes Ding, bald bist du daheim, am Mutterherzen !
Am Nachmittage sitzt Frau Gerhard auf ihrer Veranda mit einer Handarbeit beschäftigt. Auf weiß gedecktem Tische prangen gefüllte Blumenvasen und ein zierliches Kaffeegeschirr. Ach, es ist schon spät, bald wird man es fortnehmen müssen. Immer wieder fliegen die Blicke die Straße hinab. Kommt er heut oder kommt er nicht? das ist die große Frage. Wie schwer die Ungewißheit ist! Da sieht sie einen Bekannten die Straße entlang kommen. Sie wendet sich an ihn mit der Frage, ob die Schiffe schon gelandet sind.
„Ja, wissen Sie es denn noch nicht? Vor Hela ist auf dem Schiff der Kabinetsbefehl eingegangen : sofort den Kurs zu wenden, es ginge nach China!"