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Geilatze zu Nr. 288 des Hanauer Anzeiger.

Hanau den 1V. Dezember 1900.

Aus drn Schrecksustaxen von Peking.

(Nach den Berichten des Gesandtschafts«rztes Dr. Velde.)

Als sich bie ersten Schrecken erregenden Nachrichten aus Chin« von der Nicdcrmetzelung aller Gesandten in Peking gli unrichtig herausstellten, athmete die gesammte gesittete Welt auf, um aber bald wieder in eine immer bänglicher werdende Spannung versetzt zu werden. Die undurchdring­liche Einschließung der Gesandtschaft sammt allen in Peking anwesenden Fremden durch eine ungeheuer überlegene chine­sische Truppenmacht »ar eine Thaisache, deren furchtbare Bedeutung bei dem bekannten Charakter des vorläufig un­faßbaren Gegners täglich zunahm, je länger die Aussicht auf Entsatz in die Ferne rückte. Da man weder een den Proviant- und Munitionsverhältnissen der Delagerer noch von ihrer sonstigen Lage etwas Bestimmtes wußte, so fehlte cs nicht an Befürchtungen fchlimmstcr Art, die sich allerdings später zum größten Theil als übertrieben herausstellten. Nunmehr hat der der deutsche« Gesandtschaft in Peking beigegebene Stabs­arzt Dr. Beide über die allgemeinen Gcsundhcitsverhältnisse sowie über die Thätigkeit und Beobachtungen in dem inter­nationalen Hospital während der Belagerung einen Bericht veröffentlicht, dem wir folgende interessanten Angaben ent­nehmen :

Durch die Unterbrechung der Eisenbahnlinie Tientsin Peking am 3. Juni waren die in letzterer Stadt befindlichen Fremden von dem persönlichen Verkehr mit der Außenwelt abgeschnittkn. Die telegraphische Verbindung bestand bis zum 10. Juni; einigermaßen regelmäßiger schriftlicher Verkehr war bis zum 13. Juni möglich. Von da ab gelang cs nur ganz vereinzelt, Nachrichten durch Boten nach Tientsin zu schicken und solche von dort zurückzuerhalten. Vom 20. Juni 4 Uhr nachmittags ab, als nicht mehr die Boxer allein, sondern auch chinesische Truppen die Fremden angriffen, war die Ab­sperrung eine vollkommene. Die Einschließung erfolgte an zwei getrennt liegenden Plätzen, dem Gesandtschaftsviertel und der katholischen 'Missionsanstalt Pcitang, und war so voll­ständig, daß während der ganzen Tauer der Belagerung zwischen diesen beiden innerhalb der Stadt gelegenen Orten keinerlei Mittheilung möglich war. Die größte Ausdehnung des belagerten Gebietes von Nord nach Süd betrug etwa 600 m, von Ost nach West ebensoviel, die Flächenausdehnung etwa 3/s qkm. Von der besetzten Fläche gingen während der fast zwei Monate dauernden Belagerung nur einige 100 qm verloren. Die Zahl der eingeschloficnen Fremden betrug ungefähr 1000, darunter 400 Offiziere und Mannschaften der Schutzwachen und 200 Frauen und Kinder. Dazu kamen an einheimischen Dienern und chinesischen Christen etwa 3000 Personen. Während letztere im Suw-angfu und den angrenzenden chinesischen Häusern untergebracht waren, hatte der größte Theil der Europäer, darunter fast ausnahmlos sämmtliche Frauen und Kinder, den Schutz der englischen Gesandtschaft ausgesucht, welche dem feindlichen Feuer vcrhält- nißmäßig weniger ausgesetzt war.

Die Witterung war den Belagerten günstig. Nur an wenigen Tagen war die Luftwä'mc übermäßig hoch, höher als die Blutwärme gesunder Menschen; auch heftige Regen­güsse kamen nur in geringer Zahl vor. Da zu Beginn der Unruhen Niemand an die Möglichkeit einer zwei Monate währenden Belagerung gedacht hatte, war man mit der Be­reitstellung der erforderlichen Nahrungsmittel nicht rechtzeitig vorgegangen. Zwar gelang es noch in den letzten Tagen, eine größere Menge Weizen und Reis in Sicherheit zu bringen, doch mangelte es an Schlachtvieh und an Futter für die vorhandenen Thiere. Günstig war der Umstand, daß viele Familien sich größere Vorrâthe an europäisiert Lebens­bedürfnissen und Konserven hielten, sowie daß sich innerhalb der Vertheidigungslinie zwei europäische Läden mit Nahrungs­mitteln befanden. Pferde und Maulrhicre waren in aus­reichender Menge vorhanden, und so erfolgte die Ernährung vorwiegend durch Pferdefleisch, Reis und Brod. Milch und frische Gemüse fehlten vollständig. Die augenfällige Herab setznng des Körpergewichts, weiche bei allen Belagerten ein­trat, ist neben der seelischen Erregung weniger auf Unzuläng­lichkeit der Nahrungsstoffe, als auf den Mangel an Nd- wechselung der Speisen zurückzuführen. Für die Chinesen war schließlich der Reis nur noch in Ausnahmcfällcn vorhanden; dieselben erhielten in der letzte« Woche täglich 50 Gramm Weizen. Viele lebten in den letzten Tagen nur von einem Gemüse von Baumblättern. Ain Ende der Belagerung waren in den Gesandtschaften noch Lebensmittel für etwa 14 Tage vonâihig. . £ ' &

Bei dem dichten Zusammenwohnen so zahlreicher Menschen auf beschränktem Räume war die sorgfältigste Beobachtung der Hygieruichen Vorschrift nöthig, um den AuSbruch cpibe Mischer Krankheiten zu verhindern. Der Gesundheitszustand war denn auch ein verhältnißmâßig günstiger. Allerdings erkrankte infolge des Mangels an frischer Kuhmilch der griff te ^eil der Kinder unter zwei Jahren an Brechdurchfall und davon starben. Ruhr kam ungefähr 16 Mal vor und Zwar bei den Matrosen èiner bestimmten Station, von denen^ zwei starben. Von sonstiger Krankheit verzeichnet der Bericht drei Fälle von Unterleibstyphus, die aber alle llutariig . verliefen. Ein Kind starb an Scharlachfieber. B eitere übertragbare Krankheiten tarnen nicht vor. Die Ge

sammtsterblichkeit an Krankheiten bcrug 7 oder, auf das Jahr berechnet, 42 pro Tausend. Nach Abzug der Altersklasse unter 2 Jahren, welche 500 pro Tausend Sterblichkeit aufwies, bleibt für die Uebrizen indessen nur eine Jahresstcrblichkcit von 12 pr» Tausend bestehen.

Die ärzliche Behandlung im Hospital lag in den Händen des englischen Gesandtschaftsarztes Dr. Phaole und des Stabsarztes Dr. Velde. Ter französische Hesandtschaftsarzi Dr. Matiguon versah den Dienst in der französischen und deutschen Gesandtschaft, der russische in der russischen, der japanische (am letzten Tage verwundet) in dem Suw-angfu bei Japanern und Italienern. In der amerikanischen Ge­sandtschaft war zuerst ein mit der Schutzwache angenommener Assistenzarzt und, als dieser am 30. Juni durch einen Knochenschuß in den Oberschenkel schwer verwundet worden war, ein Missionsarzt thätig. An gutem Pflegerpersonal war kein Mangel. Ein englischer, ein deutscher, ein amerikanischer und ein italienischer Lazarethgehilfe wechselten sich in den Dienstleistungen ab. An der Spitze des weiblichen Personals stand eine wohlgeübte englische Krankenpflegerin, welcher vier englische bezw. amerikanische weibliche Aerzte und 6 andere Damen, sowie zwei katholische Schwestern französischer Na­tionalität beigegeben waren. Alle kamen ihren Obliegenheiten mit der größten Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit nach und wurden auch bei der heftigsten Beschießung und unter der unmittelbaren Wirkung des feindlichen Feuers von ihrer Be­sonnenheit und Ruhe nicht verlassen. Man kann ihrer Thätigkeit nur mit der höchsten Achtung und Anerkennung gedenken. Die Einrichtung des Lazareths begann man am 20. Juni.

Die Gesammtziffer der in das Hospital aufgenommenen Personen betrug 166; davon waren tobt eingeliefert 5; an Wunden starben innerhalb 24 Stunden 13, nach längerer Zeit 4; schließlich gingen an Krankheiten (Ruhr) zu Grunde 2, sodaß die Zahl aller Gestorbenen 24 beträgt. Von den Aufgenommenen litten an Wunden 126, an Krankheiten 40. Den verschiedenen Nationalitäten gehörten an:

Militär

Zivil

Zusammen

Amerikaner.....

16

1

17

Deutsche .....

20

1

21

Engländer .....

43

12

30

Franzosen.....

13

4

17

Holländer.....

1

1

Japaner.....

10

4

14

Italiener .....

17

17

Oesterreicher ....

6

6

Russen ......

17

1

18

Summe

142

24

166

Kammer über das genannte Gesetz beschäftigen werbe. Das hohe Haus (die zweite Kammer) werde also voraussichtlich noch vor dem Feste Gelegenheit erhalten, sich mit dem Gesetz aufs Neue zu befassen, und die Berathung hoffentlich zu all­seitiger Zufriedenheit durchzuführen. Die Regierung habe auch heute keine Veranlassung, von dem-frühcr eingenommenen Standpunkte abzugehen.

Offenbach, 7. Dezbr. In der gestrigen Stadtver- ordnelensitzung kam das Projekt der Errichtung eines eisernen Stegs über den Main zur Verhandlung. In einer früheren Sitzung war die Bürgermeisterei beauftragt worden, u. A. bei Len interessierten Gemeinden a«znfragcn, ob sie einex Bei­trag zum jährlichen Aufwand für die Errichtung eines eisernen Stegs über den Main leisten wollten. Die Gemeinden haben alle abgclehnt und einige haben dabei auf die Brücke hingewiesen, zu der sie gleichfalls Beiträge geleistet haben, und die auch ohne diese Beiwäge gebaut worden wäre. Es wird der Versammlung nun empfohlen, vom Bau des Liegs überhaupt abzusehcn und statt dessen lieber Motorboote für den Verkehr zwischen beiden Ufern anzuschaffen, falls die Fähre sich zukünftig als unzureichend erweisen sollte.

© Aus dem Kreise Offenbach, 7. Dezbr. Die Bevölkerungszunahme in einigen bebeutenberen Gemeinden des Landkreises Offenbach dürfte einiges Interesse beanspruchen. Nachstehend das Resultat der letzten Zählung mit beigefügtem Ergebnisse aus 1895: Klein-Krovenburg 2067 (1944), Groß-Sieinheim 2379 (2121), Klein-Auheim 2146 (1948), Heusenstamm 2231 (1911), Rumpenheim 1108 (1038), Klein-Lteinheim 2359 (1941), Neu-Isenburg 7960 (6365), eeligenxabt 4115 (3840).

)-( Hainstadt a. M., 7. Dezbr. Infolge der hef­tigen Regengüsse der letzten Tage ist der Main innerhalb 48 Stunden um 80 Zentimeter gestiegen und vielfach aus seinen Ufern getreten. Es steht weiteres bedeutendes Steigen zu befürchten. Ter bisherige niedrige Wasserstand hat die Schifffahrt ungünstig beeinflußt und in Anbetracht des hoch- gehenden Stromes und der vorgerückten Jahreszeit halten die Schiffer des Obcrmains den Antritt neuer Thalfahrten jetzt für bedenklich.

ß Klein-Krotzenburg, 7. Tzbr. ^ Perlen- industrie gewinnt in unserer Umgegend immer größere Ausdehnung. In den Fabriken für Pcrlenarbeiicn zu Seligen­stadt und Zellhauicn sind zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigt. Eine ungleich größere Zahl aber beschäftigt allcnihalbcn die Hausindustrie, die ganz bedeutende Verdienste abwirft. Einzelne hervorragend gewandte Personen können täglich 4 bis 7 Mark mitunter verdienen. Die Uebernehmcr von Lieferungen verlegten neuerdings ihr Arbeitsgebiet auch aus die benach­barten Gebirgsdörfer desFreigerichts", wo billigere Arbeits­kräfte in großer Zahl beschäfügt werden. Auch verschiedene Cigarrenfabrikfirmcn der Umgebung gründeten in neuerer Zeit im Freigerichte Filiale, welche vielen Gebirgsbewohnern zu Derdicnfiquellen wurden.

^ Seligenstadt, 7. Dezbr. Nach der jüngsten Volks­zählung stellt sich unsere Bevölkerungsziffer nunmehr auf 4115, gegen 3840 im Jahre 1895. Damals hatte sich die Seelenzahl um 131 und inzwischen um weitere 275 vermehrt. Der gegenwärtig auf hiesigem Rathbausè offenliegende Gemeindkvoranschlag pro 1901 schließt mit 121000 Mark in Soll unb Haben ab. Das Gemcindevermögcn beziffert sich auf rund 700 000 Mark, dem rund 150 000 Mark Schulden gegenüberstchen.

ß Zeükansen, 7. Dezbr. Auf Anordnung der Kaiser­lichen Oberposldirekiioit zu Darmstadt erhalten die Gemeinden Zellhauicn, Mainflingen und Klein-Welzheim vom 15. De­zember d. J. an Stelle des bisherigen Landpostboieudienstes täglich zweimalige Fahrpostverbindung mit dem Poüaime zu Seligenstadt. Aus dieser zeitgemäßen Verkeyrserleichierung erivackitn unserer Gemeinde mit ihrer bedeutenden Haus­industrie sehr erhebliche Vortheile.

P a t c n t - E r t h e i l u n g e n.

Nr. 117 188. Verfahren zur Darstellung eines schwarzen Baumwöllfaibstoffes. Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M., vom 21. Januar 1898 ab. Kl. 22b.

Nr. 117 116. Verfahren zur Erhöhung der Dichte von Halbwoll-Filzen. Leopold Cassella & C o. in Frank­furt a. M., vom 18. November 1899 ab. Kl. 8i.

Nr. 116 974. Verfahren zur Darstellung eines neuen Drsinfekuonsmitiels. Kalle & C o. in Biebrich a. Rh., vom 3. 'November 1899 ab. Kl. 30i.

Nr. 116 881. Verfahren zur Darstellung von mit Fluor substituirten Eiweißkörpern. Pharmaceutisches Jn- stitut Ludwig Wilhelm Gans in Frankfurt a. Du, vom 22. Januar 1898 ab. Kl. 12p.

Nr. 116 949. Vorrichtung zum Stellen der Straßcn- bahnweidteu vom Wagen aus. E. Wevrach in Frank­furt a. M., Ostendstraße 41/43, vom 8. Dezember 1899 ab. Kl. 20i.

Nr. 116 916. Anordnung beä Griffbretts bei Zithern und ziiherähnlichen Instrumenten. E. Christian in Cassel, Obere Königstraße 17, vom 20. Mai 1900 ab. Kl. 51c.

Von den im Hospital behandelten Verwundungen waren hervorgerufen

durch Gewehrkugeln ......97

Artilleriegeschosse.....18

abgesprcugie Steine 10

die blanke Waffe (Speer) . . 1.

Bezeichnend sind die Angaben des Briefes über Angriffs­art des Feindes. Von Schußwaffen und Geschossen kamen auf chinesischer Seite so ziemlich alle Arten zur Verwendung, welche seit Erfindung des Schießpulvers angefertigt worden sind: Lunicnflinlen, Perkussionègewehre, Wallbüchjen, Mauscr- gewehre M. 71, 88 und 98, Manlichergcwchre u. f. w., Feldschlangen und Vordcrlade-Gcsa,ütze mit eisernen Voll kugeln von */2 bis 10 kg Gewicht, Kruppsche Geschütze von 39 cm und Schnellfkuergeschütze, und schließlich als merk würdigste Waffe Brand» ak-Rn. Am meisten Eifer wurde von den Chinesen auf Brandstisten verwendet, das sie u. a. auch mit Handgranaten betrieben; wo irgend möglich, wurden von gedeckter Stellung aus die brennenden Gebäude noch mittels einer Feuerspritze mit Petroleum berieselt. Außerdem sprengten sie an der französischen Gesandtschaft 2, am Penang 5 Minen, von betten die größte einen Trichter von 20 m Durchmesser am oberen Rande und 8 m Tiefe aufwarf. Glücklicherweise schossen die Chinesen mit den Gewehren meist ohne zu zielen und viel zu hock, so daß eine erhebliac Zahl der Geschosse in ihre eigenen, von der entgegengesetzten Seite rnn eilenden Reihen kingtschlagcit fein muß. sichre Geschütz« verstanden sie offenbar nicht zu bedienen und richteten auch damit verhält nißmäßig wenig Unheil an; ihre Minen waren gleichfalls lhcilmetse recht schlecht angelegt. Die am Pcitang ge egten Minen waren indcsscn einwandèfrci; durch eine derselben wurden fünf Italiener und etwa 75 chinesische Christen ver­schüttet, von denen nur ein italienischer Offizier nach *.« Stunden lebend ausgegraben werden konnte. Zu ermähnen ist schließlich noch, Lag nicht nur regelrechte Geschosse, sondern auch gehacktes Blei, Stücke van Thürschlisscrn, Schrauben u. dgl. aus den Kanonen unb Wallbüchsen gefeuert wurden.

Ans Provinz und Racktbargebieten.

Darmstadt, 7. Dezbr. Bei Eröffnung der heutigen Sitzung nagte Abg. Weidner an, ob die Regierung geneigt sei, mit der Kammer noch vor Weihnachten in eine Bc raihung des Gesetzes über die G e h a I t c d er B o l k6 schul- le h rer einzutreten. Stamsmini cr Rotte erwiderte, er hoffe, daß die Erste Kammer demnächst eine Sitzung abhalken unb sich darin auch mit dem noch unerledigten Beschluß der Zweiten