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Amtliches Grgsn für $faSt- unS Lsnökreis Hsusu
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 278
Mittwoch den 28. November
1900
Amtliches.
^anö&rew Cattau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
In Dietzenbach (Kreis Offenbach) ist die Maul- und Klauenseuche erloschen.
Hanau den 27. November 1900.
Der Königliche Landrath
V 11508 v. Schenck.
Städlkr-eis ^aivaxu
Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Wegen der am 1. Dezember cr. statisindendcn Volks-, Vieh- r»nd Obstbaumzählung wird der Wochen- markt vom Samstag den 1. Dezember auf
Freitag den 30. November 1900
verlegt.
Hanau den 6. November 1900.
Der Magistrat.
Dr. G e b c s ch u s. 18232
Bekanntmachung.
In der Nacht vom 18. auf den 19. d. Mts. sind in den städtischen Anlagen mehrere Bäumchen abgebrochen worden.
Wir sichern Demjenigen, der die oder den Thäter so bezeichnen kann, daß eine gerichtliche Bestrafung erfolgt, eine Ktlsh««z Mit 50 Mark M.
Hanau den 26. November 1900.
Der Magistrat.
J. A.: Schmidt. 19316
Bekanntmachung.
Im Jahre 1901 werden die Eintragungen im Handelsund Genossenschaftsregister durch
1. den „Deutschen Reichsanzeiger",
2. den „Hanauer Anzeiger",
3. die „Hanauer Zeitung", für die kleineren Genossenschaften nur durch die Blätter zu 1 und 2 veröffentlicht werden.
Hanau den 24. November 1900.
Königliches Amtsgericht 5. 19296
MmdM und verlorene Gegenstände etc.
Gefunden: 2 Thürschlinken.
Verloren: 1 goldene, verschlungene Brosche mit einer Perle. 1 Portemonnaie mit 2 Mark und einigen Pfennigen. Am Sonntag auf dem Wege Hanau—Neuwirthshaus 1 goldener, ovaler Damenring mit Rubin und vier weißen Steinchen.
Hanau den 28. November 1900.
Bismarck und Bülow
Es gibt bei uns „Politiker", die cs nicht der Mühe für werth halten, selbst zu überlegen, was der Gesammtheit nützt, sondern die sich ein Schema gemacht haben, nach dem sie a8e Fragen der hohen Politik beurtheilen. Zu diesen Leuten gehören die sogenannten „Bismarck - Kenner", die unsere Politik nur dann billigen, wenn sic an der Seite Rußlands gegen England gerichtet ist. Die Macht Rußlands wird in den ihnen nahestehenden Blättern weit überschätzt, während England als ein Koloß mit thönernen Füßen erscheint, den ein Windstoß über den Haufen werfen könne; Rußland ist, nach der Meinung jener „Politiker", immer selbstlos gegen Deutschland, England stets perfide. Bei jedem Schritte unserer Diplomatie fragen sie ängstlich: Was wird Rußland dazu sagen? Das nennen sie dann „Bismarckische Politik" treiben.
Dem Andenken des großen Staatsmannes wird damit ein schlechter Dienst geleistet. Hätte sich die Politik Bismarcks in jenen einfachen Bahnen bewegt, dann wären ihre Erfolge wahrlich nicht so groß gewesen. Der Staatskunst aber läßt sich kein bestimmter Weg vorschreiben, sie muß sich den Verhältnissen anpasscn; ein Mittel, welches heute einem Lande zum Nutzen gereicht, kann ihm — morgen angewandt — zum Schaden ausschlagen. Nun war Bismarcks Politik in der Hauptsache auf das Festland beschränkt, sie war bestimmt durch die Rücksicht auf das revanchelüsterne 1 Frankreich. Heute umspannen unsere Interessen den ganzen Erdball. Durch den ungeahnten Aufschwung unserer Industrie und unsers überseeischen Handels, durch die Gewalt der politischen Ereignisse sind wir gezwungen, Weltpolitik zu treiben, wenn wir nicht von der politischen Bühne verdrängt werden wollen.
Um seine Politik nicht mit Schwierigkeiten zu belasten, vermied daher Fürst Bismark alle Schritte, die über Europa hinausführten. Er lehnte alle Forderungen zur Erlangung eines kolonialen Besitzes bis zum Jahre 1884 rundweg ab und zeigte da, wo sich die deutschen überseeischen Interessen mit England kreuzten meist eine Nachgiebigkeit, die jetzt
einem deutschen Staatsmann zum Vorwurf gereichen würde. Bismarcks Taktik, durch kleine Geschenke Freundschaften zu erhalten, hat zwar seine Regierung vor Zwiespalt mit England bewahrt, aber sie hat dem deutschen Reiche eine halbe Welt getestet; sic hat uns in Südamerika und in Afrika ins Hintertreffen gebracht. Und als dann mit der Erwerbung von Landstrichen in Teutsch-Südwest-Afrika der Anfang einer deutschen Kolonial - P,link gemacht war, da folgten keine thaten, die den selbstbewußten Worten jenes Telegramms irgendwo entsprochen hätten, das Fürst Bismarck am 24. April 1884 an den deutschen Konsul in Kapstadt sandte. Im Gegentheil, England ging über Bismarcks Note einfach zur Tagesordnung über, indem es das Hinterland von Deutsch-Südwest-Afrika besetzte. Uebcrall zeigte die Bismarckische Politik die Tendenz, jedem Zusammenstoß mit England aus dem Wege zu gehen. Als der erste Kanzler aus dem Amte schied, lagen, wie neulich eine koloniale Zeitschrift zutreffend bemerkte, die Verhältnisse der deutschen Kolonial-Politik so, daß der Caprivische Sansibar-Vertrag nur noch vertragsmäßig festlegte, was unter Bismarck schon geschehen war.
Die Politik des Grafen Vülow hat mit den bis- marckischen Ueberlieferungen der kleinen Geschenke an England gebrochen. Die deutsch - englische Vereinbarung über China hat gezeigt, daß der neue Kanzler unsere überseeischen Interessen auch England gegenüber wohl zu wahren versteht. Das deutsche Reich will sich nicht mehr beiseite schieben lassen, es steht gleichberechtigt neben allen Weltmächien. Für diese Errungenschaft verdient Graf Bülow den Dank aller Vaterlands-Freunde. Mit Vertrauen wird man seine weitere Thätigkeit begleiten in der sichern Ueberzeugung, daß das Steuer des Reiches in guten Händen liegt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 27. November.
Rechnung-sachen. — SeemannsorSnung.
Am Bundcsraihsiische die Staatssekretäre Graf Posada w s k I) und v. Thielmann.
Präsident Graf B a l l e st r c m eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten.
Abg. Büsing (nat.-lib.) beantragt die Absetzung des ersten Punktes von der Tagesordnung, nämlich die Denkschrift über die Ausführung der seit 1875 erlassenen Anleihe- gesetze, da die Denkschrift längere Erörterungen Hervorrufen dürfte.
Abg. Kanitz (kons.^widerspricht dem.
Die Abgeordneten Sattler, F r'i tz e n - Düsseldorf und Singer unterstützen den Antrag, welcher ange- ncynmen wird.
Feuilleton*
Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin.
Eine sehr bemerkenswerthe Veröffentlichung haben wir dem Fürsten Herbert Bismarck zu danken, der soeben bei Cotta (Stuttgart) in einem stattlichen, mit elf trefflichen Portrait- beilagen gezierten Bande 506 Briefe herausgab, die sein Vater innerhalb einer Zeitraums von 43 Jahren an seine Braut und spätere Gattin gerichtet hat. Es sind unschätzbare menschliche Dokumente, die uns den eisernen Kanzler in zartfühlender Liebe und Herzlichkeit als Bräutigam, Gatten und Vater zeigen.
Einer der ersten und schönsten Briefe dieser Sammlung ist der vom 17. Februar 1847 datirte, von Schönhausen aus an Johanna von Puttkamer gesandte Brief, von dem wir einen Theil hier zum Abdruck bringen wollen:
Einzig geliebte Jeanette, Friederike, Charlotte, Elenore, Dorothea I
Ich will Dir auch einmal des Morgens schreiben^ und zwar an einem trüben, regnenden Morgen will ich die Sonne wenigstens in mir scheinen lassen, indem ich nur an Dich denke. Es ist halb neun und hier 16 Fuß vom Fenster so dunkel, daß ich kaum schreiben kann. Da mußt Du, schwarze Sonne, von innen sehr hell scheinen, wenn’! gehen soll. Wie kann schwarz leuchten? Nur in Gestalt von polirtem Ebenholz, geschliffener Lava ; so glatt und hart bist Du nicht; mein Bild mit der schwarzen Sonne ist also falsch. Bist Du nickt eher eine dunkle, warme Sommernacht, mit Blüthenduft und Wetterleuchten? Denn stern- und mondhell möchte ich kaum sagen, das Bild ist mir zu gleichmäßig ruhig. — Ich
werde gestört. Ich habe den ganz n Morgen Pferdehandel getrieben, und cs gemacht wie die Damen bei Siegmund oder Rogge; nachdem ich mir von dem Händler einige 20 im tollsten Regen auf glattem Eis habe verführen lassen, kaufte ich nichts, obschon es lauter Däncnrossr waren. Bei ! Pferden übrigens fällt mir gleich ein, reiten mußt Du, und wenn ich mich selbst in ein Pferd verwandeln sollte, um Dich zu tragen. Habt Ihr denn keinen Arzt dort, der Deinem Vater die Nothwendigkeit davon einleuchtend macht? Steck Dich hinter den, daß er erklärt, Du müßtest blind »erden, wenn Du nicht reiten solltest, oder etwas sonst; er kann, obne zu lügen, sagen, daß es im Interesse Deiner Gesundheit nöthig ist.
-Jm klebrigen hat mir Dein Brief vom 12. ganz be- sondere Freude gemacht. Pro primo, weil ich nicht ein so verwöhntes Menschenkind bin, wie Du, und kaum zu hoffen wagte, daß ich auf den meinigen, den Du nach dortiger Post- cinrichtuug erst am Donnerstag Abend erhalten konntest, ob= , schon er am Mittwoch in Stolp eintraf, daß ich auf dcu ein ; Sonntag schon Antwort haben würde. Meinen herzlichsten ^Dank dafür, und bleibe so bei; ferner bemerke ich mit besonderer Genugthuung, daß Dein Brief an mich in den Jahren des Wachsthums ist. Als ich ihn dai erste Mal sah, wer er ein Blatt groß, das nächste Mal zwei, jetzt drei. Laß ihn immer wachsen, bis er bindestark zu mir kommt.
i Du hast wohl recht, mein Herz, Mißtrauen ist die bitterste, schrecklichste Qual, es ist nicht- Anderes, als der Zweifel, die erste Saat eBe3 Bösen, angewandt auf den Verkehr der ' Menschen unter sich, die Quelle fast aller Bitterkeit und Feindschaft. Es steht irgendwo geschrieben: Wer seinen I Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie soll er Gott lieben, den er nicht sicht? ich möchte dasselbe im Bezug auf das Vertrauen statt der Siebe sagen. Wir haben sogar in der
' argwöhnischen Justiz das Sprichwort: quivis bonus habetur,
donec malus probetnr. Jeder wird für gut gchalien, bis ' seine Schlechtigkeit bewiesen ist. Also wenn Du nichts als ein unbarmherziger Richter gegen mich sein wolltest, sollst Du mir schon vertrauen, bis Du die Erfahrung gemacht hast, daß ich Mißtrauen verdiene. Wen» Du mich aber liebst, so sollst Du mir sieben Mal siebzig Mal vergeben, wenn ich auch wirklich gegen Dich gesündigt habe. Wirst Du das können? 490 Mal, ich werde es so oft, wenigstens für grobe Vergehen, nicht verlangen. Wenn Du übrigens in der That zu Mißtrauen geneigt bist, so brauchst Du Dich meinethalben darin nicht übernatürlich zu bekämpfen, die Zeit wird das Heilen, und wenn Dir meine Vergangenheit vielleicht kein Vertrauen zu meiner Beständigkeit einflößt, so wirst Du Dich bald davon überzeugen, daß Du wenigstens an meiner Ehrlichkeit nicht zweifeln darfst. Außerdem wird Dein etwaiges Mißtrauen deshalb immer unschädlich sein zwischen uns, weil mich (ich könnte Dir die psychologischen Gründe, wenn die Post nicht so drängte, ausci«anderse,en) Dein Mißtrauen nicht im mindesten fränfen wird, der ich sonst fast Keinem ohne die schlagendsten Beweise traute, zu Dir ein unerschütterliches und unerschöpfliches Vertrauen habe. Der Say „Treue ist das Feuer selber, welches den Kern der Existenz ewig belebt und erhält", ist übrigens eine jener nebligen, schweblichtcn Phrasen, bei denen cs schwer ist, sich eine bestimmte Vorstellung zu machen, und die nicht selten Böses wirsen, weun sie, namentlich von Frauen, die als Mädchen das «eben fast nur durch die Brille der Dichter geschaut haben (daS Leben der weiteren Welt meine ich), aus der Poesie als Maßstab in die Wirllichkcit übertragen werden.
Doch verzeih' mir, der graue Regen übt seinen Einfluß auf mich, daß ich unwillkürlich in den grämliéen doktrinären Ton eines Alten Onkels verfalle: ich will Dich weder belehren, noch bessern, bleibe, wie Du bist; es ist nur so ein Ergehen meiner Gedanken, was ich ausfprechc.