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Nr. 270 Samstag den 17 November 00

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Deutschland und Frankreich in China.

Ein englisches Blatt hatte dieser Tage die Tendenznachricht gebracht, es habe sich gegen das deutsch-englische Abkommen eine Art Vierbund gebildet, bestehend aus den beiden Zwei- bundstaaten, den bereinigten Staaten sott Amerika und Japan. Da bei den chinesischen Wirren außer den sechs europäischen Großmächten noch Amerika und Japan bethciligt sind, s» ist ja freilich für einen phantasiebegablen Politiker eine so gute Gelegenheit gegeben, Machtkonttcllalionen zu kombiniren, wie sie sich in absehbarer Zeit so leicht nicht finden dürfte. Selbstverständlich ist die phantastische Erfindung des englischen Blattes sehr schnell dementirt worden.

Das gründlichste Dementi wenn auch diese offizielle Veröffentlichung keineswegs in der Absicht erfolgt ist, Zeiiungs- enten abzuschlachten har der englischen Lügenmeldung das gleichzeitig erschienene französische Gelbbuch entgegengesetzt, wenigstens soweit Frankreich bei der betreffenden Meldung in Frage kommen kann. Dieses Gelbbuch beweist nämlich eine sehr erfreuliche Uebereinstimmung zwischen der Leitung der auswärtigen Politik Deutschlands und Frankreichs in der chinesischen Frage. An zwei Stellen der offiziellen Verlaut­barung tritt dies besonders hervor: einmal, daß, wie der französische Botschafter in Berlin seiner Regierung berichtet, Graf Bülow in der ersten Hälfte des Oktobers sich mit der bekannten Note Dclcassâ's einverstanden erklärt, und zweitens, daß Delcassâ seinerseits sich Ende Oktober mit dem deutsch­englischen Abkommen einverstanden erklärt. Thatsächlich befand sich Delcassâ mit scin-w Note, wenn auch nicht in allen ihren Punkten, so doch in der Hauptsache, daß er nämlich eine energische Sühne für die begangenen Missethaten verlangte viel mehr im Einklänge mit Deutschland, als mit dem verbündeten Rußland, daß ja in der Chinasrage überhaupt in mehreren Hinsichten Wege gewandelt ist, die der öffent­lichen Meinung in Frankreich wenig zugesagt haben. Zwischen Deutschland und Frankreich aber bestand von vornherein in allen wesentlichen Fragen eine Uebereinstimmung, und ebenso hat bis jetzt im Gebiete der Wirren selbst zwischen den deutschen und den französischen Truppen ein durchaus be­friedigendes kameradschaftliches Verhältniß bestanden.

Selbst.menn aber das sachliche Einverständniß Frank­reichs mit dem Vorgehen Deutschlands nicht in dem Maße vorhanden gewesen wäre, wie es thatsächlich vorhanden ist, hätte Frankreich dennoch gerade jetzt Gründe genug, Intriguen gegen Deutschland und Konstellationen, die zu Reibungen mit Deutschland führen könnten, zu vermeiden. Da ist zunächst ein Grund auf dem Gebiete der inneren Politik: die un­glaubliche Zerfahrenheit, die gleich bei dem Beginne der parla­mentarischen Tagung hervorgetreten ist und die ganz ehrlich von den französischen Blättern aller Parteirichtungen zuge­

geben wird. Die Kammersitzung vom letzten Donnerstag hat gezeigt, daß das Damoklesschwert über dem französischen Mi- nisterium schwebt, und ein Ministerium, das heule nicht weiß, ob es Morgen noch bestehen wird, würde leichtfertiger, als eS selbst bei französischen Ministerien der Brauch ist, handeln, wenn es sich in unabsehbare Abenteuer und Intriguen ein­ließe. So kann es schon aus Gründen der inneren Politik für Frankreich nur erwünscht sein, wenn das chinesische Ge­schäft sich so rasch und glatt als möglich abwickelt, was durch Quertreibereien zwischen ben Mächten wahrlich nicht gefördert werden könnte.

Neben diesem Grunde der inneren Politik besteht noch ein anderer Grund, der auf dem Gebiete der äußern liegt. Die carlistischen Unruhen der letzten Wochen haben wieder einmal dargethan, daß es in Spanien jeden Augenblick drunter und drüber gehen kann. Je schwächer aber Spanien ist, desto weniger ist es in der Lage, den Rest seines kolonialen. Be­sitzes dauernd festzuhalten,. und desto eher ist es bann möglich, daß es auch die von ihm besetzt gehaltenen Punkte an der marokkanischen Küste aufgeben muß! Fällt die Rivalität Spaniens weg, so wird die Absicht Frankreichs, sich Marokkos zu bemächtigen, der Verwirklichung immer näher gebracht, wenn auch freilich England immer noch ein energisches Wört­chen dazwischen reden würde. In jedem Falle ist die Frage der Konsolidirung des französischen Besitzstandes in Nord- und Nordwestafrika für Frankreich unvergleichlich bedeutsamer, als die chinesische Frage. Und deshalb wird Frankreich sich wohl hüten, in einem Augenblicke, wo die Möglichkeit der Durchführung längst gehegter Pläne in Nordafrika näher­gerückt erscheint, in China Zettelungen anzustellen, die doch vielleicht seine Kräfte mehr als erwünscht in Anspruch nehmen könnten.

Politischer Wochenbericht.

Der Reichstag ist in dieser Woche wieder zusammen­getreten; er wurde vom Kaiser in eigener Person eröffnet. Die wichtigen Ereignisse, die sich in den letzten Monaten auf dem Gebiete der auswärtigen Politik abgespielt haben, gaben hinreichend Anlaß, der Sprache der Thronrede einen hohen Schwung zu geben. So wie hier die Vorgänge in China räumlich am stärksten hervortrctcn, so dürfte sich auch das Interesse der Session nach dieser Richtung konzentriren. Erst wenn das Zolltarif-Gesetz an den Reichstag gelangt sein wird, sind heftige ivirthschaftliche Kämpfe zu erwarten. Seemanns- Ordnung, Privat-Versicherungsivesen, Unfall-Gesetze und Ur­heberrecht sind keine Fragen, die zu scharfen Erörterungen führen können, ihre Wirkung umfaßt nur engere Kreise, nicht die Gesammtheit. Der Kaiser hat gesprochen, nun hat der Reichstag das Wort!

Gleich bei der Berathung des Gesetz-Entwurfs über die Kosten der China-Expedition wird der Reichstag die Gelegenheit^ haben, seinen Patriotismus zu beweisen. Aus- wärtigen Verwicklungen gegenüber haben die Partei-Gegen­sätze zu schweigen, muß das gedämmte Volk wie ein Diann zusammenstehen.

Ein erfreuliches Vorbild der Einmüthigkeit baben die in China interessirten Diätste gegeben, indem sie sich über die China vorzulegenden Friedens-Bedingungen verständigt haben. Die Forderungen entsprechen in der Hauptsache den Wünschen Deutschlands. Unsere Diplomatie kann also auf ; einen neuen Erfolg blicken. Es fragt sich nun, wie die ^chinesische Regierung die Bedingungen aufnimmt und wie sie sie für den Fall der Annahme durchführt. Bisher sind allerdings die Hoffnungen auf eine Klärung der chinesischen Wirren nur gering. Die Absicht des chinesischen Hofes, von Cingan Fu aus die Flucht lüdwestwärts ins Innere des Reiches fortzusetzen, ist unzweifelhaft geworden. Am Hofe selbst haben die Rebellen derart Oberwasser, daß sie offen erklären, von einem Nach geben könne feine Rede sein, und keiner der hochgestellten Hauptschuldigen, bereit Tod von den Verbündeten verlangt wird, würde ausgeliefert werden, solange China es hindern könne. Unter diesen Umständen wird Graf Waldersee noch viel Arbeit haben.

Auch der Krieg in Südafrika ist noch lange nicht zu Ende. Die Herrschaft der Engländer scheint zur Zeit am meisten bedroht zu sein im südlichen und östlichen Theile des Oranje-Staates durch die in großer Lebhaftigkeit sich erhaltende Thätigkeit der Buren, die sich sogar nicht scheuen, die West­grenze zu überschreiten, um die Engländer wieder auf dem eigenen Gebiete anzugreifen ober wenigstens zu beunruhigen. Mit der wieder auftauchenden Nachricht von der Dcmorali- sirung der Buren sprechen die englischen Berichte wohl nur das aus, was sich ihre Verfasser wünschen. Die Ansicht, daß die Generale Botha, Dewet und andere Burenführer nur noch das Ergebniß der Sendung des Präsidenten Kruger nach Europa abwarlcn wollten, um die Waffen nicder- zulegen, wird sich wahrscheinlich ebenso wie die frühern Berichte über die Kriegsmüdigkeit der Buren als irrig erweisen.

In Frankreich ist die Weltausstellung geschlossen worden. Damit hat eine Vorstellung ihr Ende erreicht, die ebenso großartig wie gelungen war. Wir Deutschen haben nicht an letzter Stelle Grund, mit Befriedigung auf das große Stell­dichein der Nationen am Seine-Ufer zurückzublickcn. Mit der Ausstellung scheint aber auch der Gottesfriede in Frankreich vorbei zu sein. Das Ministerium hat bereits seinen ersten Kampflag hinter sich. Es war infolge von zwei Tadeln, welche einzelne Minister trafen, in eine schlimme Lage gebracht worden, ist aber, dank den Sozialisten, schließlich durch eine

Feuilleton.

Die großen Prüfungen.

Ein Kulturbild aus China. Von Rudolf Langenbach

(Nachdruck verboten.)

Ungeachtet der Zuckungen und Unruhen, die das himm­lische Reich im Norden wie im Süden heimsuchen, soll in dieser Woche im ganzen Staate ein friedlicher Wettkampf vor sich gehen, der das Interesse der Mehrheit der Chinesen weit lebhafter beanspruchen dürfte, als die Thaten der Boxer und die Siege der Verbündeten, der über das Schicksal von Hundert- tausenden unter ihnen entscheidet und für die Zukunft des Reiches von hoher Wichtigkeit ist. Denn die großen Wett­prüfungen um diese handelt es sich sieben aus den Millionen Chinesen die kleine Zahl der Erlesenen aus, die Anspruch auf die bedeutenden Aemter haben. Wem es in diesen Tagen gelingt, die enge Pforte zu passiren, der und der allein kann nach der vielhundertjährigen Organisation des Reiches Mandarin, kann Minister, General, Gesandter werden, öo bildet sich jetzt eine neue Mandarinengeneration, und wohl haben wir ein Interesse daran, zu erfahren, was von den Männern dieser Generation verlangt wird, da wir menschlichem Ermessen nach sicherlich, sei es im Guten, sei cs Bösen, mit den Zopfträgern zu thun haben werden, die heut' in Examensnöthen zittern und nach einer Reihe von Jahren vielleicht den Mandarinenknopf tragen.

Bekanntlich ist es in China allein die litterarische Bil­dung, die den Weg zu Amt und Würden eröffnet. Die chine­sische Kultur ist eine versteinerte, ästhetische Kultur. Der Unter­richt kennt keinerlei Realien, nicht Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften oder Sprachen; er kennt nur die chinesische Kalligraphie, den Stil und die Klassiker, deren Lehren in

Sprüchen und Distichen in mehreren Handbüchern zusammen- gestellt sind. Mit diesem Lehrstoff beginnt der Bube, wenn der Privatlehrer sein wohlgesetztes Gesuch, sich seiner Unwissen­heit anzunehmen, bewilligt hat; mit diesem Stoffe ringt der Jüngling und der Mann in einer ganzen Reihe von Prü­fungen. Denn Viele sind berufen, aber Wenige sind aus­erlesen dies Wort hat hier volle Geltung. Wer den er­sehnten Mandarinenrang erwerben will, der muß durch eine Prüfung nach der andern hindurchgchen: erst durch das Distrikts-, dann das Departements-, schließlich das Provinzial- Examen. Und schon bei den bescheidenen ersten dieser Prü­fungen sind es von der großen Schaar der Bewerber nur 5 Prozent, die man diese unterste Stufe erklimmen läßt; das zweite Examen lichtet dann wieder die Zahl der Anwärter für die nächste Station ganz erheblich. Dennoch sind es in diesem von Menschen wimmelnden. Riesenreiche noch immer viele Zehn- lausende, die, der Scylla der Distritlsprüfung und der Charybdis des Departementsexamens glücklich entgangen, sich nun auch in den Höllenrachen der Provinzialprüfungen wagen wollen.

Denn erst die Ueberwindung dieser Feuerprobe macht den Kandidaten zu etwas. Woyl hat er schon vorher als ,Sin-tz-ai" das Recht der Befreiung von körperlicher Strafe erlangt; aber erst wenn er in dieser großen Prüfung zum Kiüschen avancirt, öffnet sich ihm der Zugang zum Amte, wird er ein hochangesehener Mann, braucht er vor dem Sidler nicht zu knicen. Alle drei Jahre finden diese großen Prüfungen statt,und ihre Wichtigkeit ist schon dadurch ge­kennzeichnet, daß die Prüfungskommissare eigens vom Kaiser ernannte Mitglieder der Hanlin-Akademie in Peking sind, und daß auch die Vizegouverneure und die höchsten Beamten der Provinz dem Examen beiwohnen. Mit fieberhafter Spannung nimmt die ganze Provinz (die mit ihren 30 Millionen Einwohnern einem europäischen Staate gleich kommt)'

an dem Verlaufe dieser Prüfungen theil: bringt doch sider einzelne Sieger in diesem Kampfe seiner Familie, seinem Dorfe, ja, seinem ganzen Distrikte hohe Ehre!

Bedenkt man, daß sich zu den großen Prüfungen im Allgemeinen etwa 812000 Menschen in jeder Provinz melden, so kann man sich unschwer vorstellen, daß für dies Monstreexamen ganz besondere Vorkehrungen getroffen sein müssen. In seinem bei I. I. Weber in Leipzig soeben in neuer Auflage erschienenen WerkeChina und Japan", das sich durch die Anschaulichkeit seiner Schilderungen und den Reichthum seiner illustrativen Ausstattung gleicherweise aus- zeichnet und eine wahre Zierde unserer Reiselitteratur genannt zu werden verdient, gibt Ernst von Hesse-Wartegg eine lebendige Beschreibung der großen Prüfungshalle in Kanton, der die in den anderen Prooinzialhanptstädtcn, in Nanking, Hangtschau u. s. w., in allem Wesentlichen gleichen. Er glaubte zuerst in einem Viehparke zu sein, als er diese von einer hohen, alten Mauer umschlossenen, mit Gras und Un­kraut überwucherte Fläche von etwa 16 Morgen Ausdehnung betrat. Verfolgt man den Weg, der mitten durch dies Areal führt, so sieht man von ihm ungefähr alle 5 Schritte sich lange niedrige, stallartige Gebäude abzweigen, die bis zur Umfassungsmauer reichen. So entsteht eine Art Scheunen­oder Gassenstadt. Durch etwa 100 kleine Queröffnungen in jedem dieser Ställe sind ebenso viele Zellen gebildet. Jede Zelle hat ungefähr ben Umfang eines Schilderhauses oder einer Schweinestalles; sie trägt eine Nummer. Fenster und irgend welche innere Einrichtung hat sie nicht; dafür starrt sie von Schmutz und dient allerlei Ungeziefer zur Behausung. Das sind die Zellen der Prüflinge.

Freilich werben sie zur Zeit der großen Prüfungen ein wenig renovirt, das will sagen: sie werden gefegt, und durch zwei Bretter wird rin Tisch und ein Sitz primitivster Art hergestellt. Auch das Hauptgrundstück selbst wird gereinigt.