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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Nr. 258,

Samstag den 3 November

1900

Zum Resormationsfest.

4. November.

Wir feiern an diesem Sonntage das Reformationsfest. In dankbarer Freude dürfen wir uns und andere daran er­innern, was Gott vor bald vierhundert Jahren an dem deutschen Volke gethan hat, als er uns Männer gab von prophetischem Werthe, den einzigen, den unvergleichlichen Martin Luther voran, und als er das Werk der Kirchen- Verbesserung gelingen ließ, soweit es damals möglich war. Es ist nicht wahr, es widerstreitet den geschichtlichen That- fachen, daß die Reformation einen revolutionären Charakter getragen, daß sie mit der alten Kirche gebrochen habe.

Die Reformation, wenigstens die deutsche, war ein durch und durch konservatives Werk. Bewahren, wieder aufrichlen wollte sie, was an der bestehenden Kirche das Echte, das Werthvolle, das wahrhaft Christliche war, und nur deßhalb war es nöthig, das Unechte, das Widerchristliche, das mit eingedrnngen war, zu beseitigen. Niemals hat den Reforma­toren, indem sie auf die ältesten, offenbarten Urkunden des christlichen Geistes als auf die allein zuverlässige Quelle der christlichen Wahrheit zurückgriffen, niemals hat den Fürsten, Ständen und Städten, der ganzen christlichen deutschen Be­völkerung, die sich der Reformation zuwandte, der Gedanke vorgeschwebt, sich aus dem Zusammenhänge der Kirche und aller in ihr gearbeiteten Schätze christlicher Erkenntniß und christlicher Sitte lösen zu wollen. Mit besonderer Auswahl wollte die Reformation alles Gute, in Gottes Wort Be­gründete oder auch nur mit Gottes Wort Verträgliche, alle reine und echte Lehre, alle lautere und fromme Sitte fest­halten und sich dabei von den vergangenen Jahrhunderten belehren lassen. Das Gewissen sollte ausschließlich gebunden fein durch Christum und sein heiliges Wort.

Es heißt darum die Menschen täuschen, wenn man ihnen vorredet, die Frömmigkeit und Andacht des evangelischen Christen und die des katholischen Christen seien in allen Stücken entgegengesetzt, oder das Mittelalter, sei es auch das spätere Mittelalter, habe auf dem Gebiete der christlichen Wahr­heit und des christlichen Lebens nur Irrthümer und Miß­bildungen hervorgebracht. Im Gegentheil : Die protestantisch gesinnten Christen haben für ihr inneres Leben den frühern Jahrhunderten, auch denen des Mittelalters, viel zu danken und die wahrhaft Frommen der katholischen Kirche aus allen Jahrhunderten sind der Frömmigkeit der Protestanten ver­wandt.

Die evangelische Kirche hat in ihrer Liebesarbeit, in ihren äußern Mitteln, in ihrer Stellung innerhalb der weltlichen Kräfte seit einem Jahrhundert gewaltige Fortschritte gemacht. Eben deßhalb muß man es mit doppeltem Nachdruck aus­sprechen : Bestand, Wachsthum und innere Macht der Kirche

beruhen auf ihrem geschichtlich überlieferten Schatze von Heils- wahrheiten nnd Heilsmuteln. Darum genügt es nicht, nur dessen zu gedenken, was uns in der Reformation an un­schätzbaren Gütern verliehen worden ist. Mit diesen Gütern ist uns auch eine Aufgabe gestellt und ein Beruf anvertraut; wir sollen nicht nur das Ueberkommene rein und unverfälscht bewahren, wir sollen es auch in seinem eigenen Sinne und Geiste fortbilden und immer fruchtbarer machen nach den Mitteln, die diese Zeit uns zu Gebote stellt.

PoNttschtr Wochenbericht.

Dem Siege der Sozialdemokraten bei dem Reichstags- Ersatzwahlen in Brandenburg-Westhavelland und in Berlin wird von den sozialdemokratischen Blättern eine große Bedeutung beigelegt. Das deutsche Volk soll so heißt es daein vernichtendes Urtheil wider, die Selbstsucht der herrschenden Klassen und die Wahnvorstellungen einer ruhm­süchtigen Abenteuer-Politik" gefällt haben. In Wahrheit sind die sozialdemokratischen Erfolge nur eine Frucht ihrer ver­hetzenden Wühlerei. Was in den beiden Wahlkreisen an Aufreizung zum Klassenhaß von den Sozialdemokraten geleistet worden ist, das spottet der Beschreibung. Allerdings wurden sie von den Freisinnigen wirksam unterstützt. Der sozial­demokratische Sieg in Brandenburg ist sogar direkt auf das Konto der Freisinnigen zu schreiben, weil ein großer Theil von diesen es bei der Stichwahl verzog, statt für den Konservativen, für den Vertreter des Umsturzes ein­zutreten.

Daß das deutsche Volk keineswegs gesonnen ist, im Fahr­wasser der Sozialdemokratie zu schwimmen, hat die Feier des hundertjährigen Geburtstages des genialen Schlachten-Denkers Moltke gezeigt, die soweit die deutsche Zunge klingt unter reger Betheiligung aller Kreise der Bevölkerung, in erster Linie des Kaisers, begangen wurde. Das beweisen ferner die Proteste der vaterländischen Blätter gegen das nichtswürdige Verhalten der Sozialdemokraten in der chinesischen Frage. Fürwahr die Langzöpfe Kirnten keine bessern Sachwalter haben, als die sozial­demokratischen Blätter. Die Röthe des Zornes und der Entrüstung muß jedem Deutschen ins Gesicht steigen, wenn er imVorwärts" unsere braven Soldaten, die im fernen Osten gegen chinesische Hinterlist kämpfen, um die Ermordung unsers Gesandten und die an unsern Missionaren verübten Schandthaten zu rächen, mit den Hun­nen verglichen und mit Räubern und Brandstiftern auf eine Stufe gestellt sieht.

Die Haltung der Sozialdemokratie wirkt um so abstoßen­der, als unsere Diplomatie noch wie vor redlich bemüht ist,

als ehrlicher Makler in China zu wirken. Das deutsch- englische Abkommen ist ein Beweis dafür. Schien cs auch einen Augenblick, als ob das Abkommen neue Schwierigkeiten schaffen werde, weil man in Frankreich und Rußland zuerst anzunchmcn geneigt war, daß der Vertrag eine Spitze gegen Rußland enthalte, so haben die Verhand­lungen unter den Mächten die Mißverständnisse völlig aus dem Wege geräumt. Mit dem deutsch-englischen Wommen ist eine neue, feste Grundlage geschaffen, um sich mit der chinesischen Regierang zu verständigen. Die Führung dieser Verhandlungen haben die Mächte einstweilen ihren Vertretern in Peking überlassen, weil diese am besten die Verhältnisse übersetzen und die Zugeständnisse der Chinesen auf ihren Werth prüfen können.

Inzwischen nimmt der Krieg in Südafrika seinen blutigen Fortgang. Seit den Buren jede Hoffnung geschwunden ist, aus der Hand Englands Gerechtigkeit ober auch nur Billigkeit zu erlangen, seit ihre Farmen verbrannt, ihre Herden geraubt, ihre Frauen und Kinder fortgeschlcppt worden sind, hat sich des schwerfälligen und gutmüthigen Volkes eine Erbitterung bemächtigt, wie sie nur die Ver­zweiflung hervorrufen kann. Sie haben nichts mehr zu verlieren als das Leben und sie verkaufen es theuer genug.

Noch unangenehmere Erfahrungen als die Engländer in Südafrika machen die Amerikaner auf den P h i l i p p i n n e n. Zwar wissen die amerikanischen Blätter von allerlei Erfolgen zu berichten, in Wahrheit aber machen sie nicht nur keine Fortschritte, sondern erleiden bei vielen militärischen Operationen empfindliche Schlappen. In den Vereinigten Staaten hat man allerdings allen Grund, die Mißerfolge möglichst zu ver­schleiern, denn in dem Wahlkampfe n ul den Prösi- d e n t e n s i tz mehren sich auch unter den Anhängern Mc Kinleys die Stimmen, die mit der auf den Philppinnen befolgten Politik unzufrieden sind. Unter diesen Umständen ist es nicht ausgeschlossen, daß Mac Kinley seinen Sitz im Weißen Hause zu Washington seinem Mitbewerber, dem Demokraten Bryan, räumen muß.

Auch in Frankreich hat sich neulich wieder einmal ein Präsidentschafts-Kandidat in Erinnerung gebracht. Waldeck- Rousseau, der Minister-Präsident, hat sich durch seine in Toulouse gehaltene diplomatische Programm-Rede manchen neuen Freund erworben. Das Reden aber macht es nicht allein und Waldeck-Rousseau wird es erst noch durch die That zu beweisen haben, ob er wirklich der kommende Mann in Frankreich ist.

Trübe sieht es in S p a n i e n aus. Die Unruhen, die in Katalonien ausgebrochen sind, machen der Regierung viel Sorge. Die Katalonier waren stets den Kastiliern abgeneigt,

Feuilleton.

Scnbcnuto Cellini.

Noch ein Gedenkblatt zu seinem 400. Geburtstage, 3. November.

Von Theodor Lamprecht.

(Nachdruck verboten.)

Der Name und die Schicksale Benvenuto Cellini's sind in Deutschland bekannter, als die manches bedeutenderen Meisters. Das macht: Goethe hat seine Einführung bei uns übernommen und Cellini's Selbstbiographie durch seine Ueber- setzung zu einem vielgelesenen Buche gemacht. Diese Selbst­biographie voll Kraft und Saft, voll Lebensfülle und Ueber- muth, voll Anschaulichkeit und Reichthum hat uns Alle ein­mal gefesselt und mit lebhaftester Theilnahme sind wir ihrem Helden in die Werkstatt, in das Gefängniß, an die Höfe ge­folgt. Der gute Benvenuto, der recht ruhmrednerischer Natur war, hat sein Licht nicht unter den Scheffel gestellt und, un­behindert durch Bescheidenheit, sich als einen der gefeiertsten und größten Künstler seiner Zeit geschildert. Das war er nun nicht. Er war kein führender Geist. Wohl aber war er ein überaus gewandtes Talent von großer Beweglichkeit und ungewöhnlicher technischer Geschicklichkeit. Wer im Jahre 1500 in Florenz das Licht der Welt erblickte, fand gleichsam schon in der Wiege einen ungeheuren Schatz künstlerischer Kultur vor; diesen Schatz hat Cellini geschickt ausgenutzt, doch hat er ihn nicht eigentlich vermehrt, nicht den Nach­lebenden neue Anregungen gegeben, neue Wege gezeigt.

In einer Beziehung wird dies Urtheil allerdings viel­leicht einzuschränken sein. Hans Sachs hat sich humoristisch- bescheiden einenSchuh-macher und Poet dazu" genannt; man thut unserem Benvenuto kaum unrecht, wenn man ihn einen Goldschmied und Bildhauer dazu nennt. Der Gold­

schmied in ihm hat sich auch dann nicht verleugnet, wenn er große Werke in Marmor und Erz arbeitete. Selbst sein be­rühmter Perseus, der von der Loggia bei Lanzi her jedem Besucher von Florenz in der Erinnerung ist, zeigt in der be- merkenswerthen, aber auch zur Schau gestellten technischen Ge­schicklichkeit und in der minutiösen Behandlung des Beiwerks den an kleinere Maßstäbe, an peinliche Durcharbeitung und technische Bravourstücke gewöhnten Kunsthandwerker. Und als Goldschmied hat denn Cellini auch sein Bedeutendstes ge­leistet. Auf diesem Gebiete hat er sich solchen Ruhm erworben, daß man eine ganze Reihe von Arbeiten in seiner Art fälsch­lich mit seinem Namen bezeichnet hat, sodaß ein ganzer Cellini­stil entstanden ist. Da nur wenige Werke dieses Stiles nach­weislich von Benvenuto herstammen, so ist es schwer, seine Eigenart als Goldschmied mit voller Klarheit festzustellen. Doch wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß er über die streng architektonische Gestaltung der Gefäße hinaus­gegangen und in der phantastischen Ausbildung einzelner Theile am meisten in seinem Elemente gewesen ist:statt der reinen Arabeske gab er Leben und Beweglichkeit". Dazu ent­wickelte er einen seltenen Geschmack in Fassungen von edlen Steinen und in der Zusammenstellung der Farben. Jenes berühmte, jetzt in Wien aufbewahrte Salzfaß Franz's I., eigentlich ein Tafelaufsatz, auf dem wir den Meeresgott mit einem Schiffe als Salzfaß und ihm gegenüber die Erde mit einem Tcmpelchcn für das Gewürz sehen, während der ovale Untersatz mit Land- und See-Thieren, allegorischen Figuren, Muscheln und Fischen reicht verziert ist, bleibt immer eine der vornehmsten Schöpfungen dieser Kunstgattung.

Cellini hatte aber seine Schwierigkeiten zu bestehen, ehe er auf dem Boden der Gsldschmiedekunst festen Fuß zu fassen vermochte. Sein Vater war ein großer Verehrer der edlen Frau Musika, gehörte zu den Rathspfeifern von Florenz und hätte gern seinen Benvenuto in dem gleichen Berufe gesehen, I

ja, er hoffte, ihn zu einem der größten Genies in dieser Kunst heranzubilden. Des Vaters wegen konnte daher Cellini seiner Neigung zur Goldschmiedekunst lange nicht frei nachgehen unddas verdammte Blasen" hat ihn viel Zeit und Verdruß gekostet. Doch hat er es anscheinend auf der Flöte und demHörnchen" schließlich zu einer recht ansehnlichen Kunstfertigkeit gebracht. Ueberhaupt setzt uns an dem Manne nichts so sehr in Erstaunen, wie die Vielseitigkeit seiner Ta­lente. Er faßte antike Gemmen, goß, ziselirte und emaillirte Kannen, Becken und Schalen, machte Ohrgehänge und Ringe, schmiedete Rüstungen, prägte Münzen und Medaillen, fertigte Marmorwerke, focht trotz einem erfahrenen Soldaten, wußte mit Büchse und Kanone trefflich Bescheid, dichtete und war ein ausgezeichneter Schriftsteller. So sehen wir in ihm einen echten Vertreter des italienischen Vollmenschen der Renaissance: reich gebildet, selbstbewußt ruhmsüchtig, voll unerschöpflicher Lebenskraft, zum Schlagen und zum Lieben stets gleich bereit. Nichts Halbes ist in ihm; in der Gunst des Hofes und in der Noch des Kerkers bleibt er stets derselbe kecke, anschlägige, auf seinen Vortheil bedachte Mann, ein Weltkind durch und durch, bis er des Treibens müde wird und in den Armen der Kirche Ruhe und Frieden sucht. In diesem Sinne hat ihn Goethe überaus geistreich zu dengeistigen Flügelmännern gezählt,die uns mit heftigen Aeußerungen dasjenige andeuten, was durchaus, obgleich oft nur mit schwachen, unkenntlichen Zügen, in jeden menschlichen Busen eingeschrieben ist."

Seinen Lebensgang seiner eigenen meisterhaften Dar­stellung, detaillirt nachzuerzählen, .dürfte mit Recht als eine Vermessenheit bezeichnet werden; wir begnügen uns daher hier damit, die Hauptlinien seines Geschickes in Erinnerung zu bringen. Noch in jungen Jahren wurde er wegen seiner Be­theiligung an einer Schlägerei aus seiner Vaterstadt Florenz verbannt. Fortab hat in der ganzen ersten Hälfte seines Lebens Rom den eigentlichen Mittelpunkt seines Wirkens ge-