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Mage zu Nr. 255 des Hanauer Anzeiger.

Hamu den 31. Oktober 1900.

Wie Freiherr von Ketteler ermordet wurde.

ii.

Am 20. Juni früh verließ Herr v»n Ketteler, begleitet von dem Dolmetscher Dr. Cordes, die Gesandtschaft, um sich zu der von ihm TagS zuvor angekündigten Verhandlung in das Tsungli-Namen zu begeben. Voran ritt ein chinesischer Diener, dann folgten die beiden Herren in je einer grünen, von vier Chinesen getragenen Sänfte. Den Schluß des kleinen Zuges bildete abermals ein berittener chinesischer Diener. Es ging es zuerst zur französischen Gesandtschaft, wo noch eine Ministcrkonfercnz stattfand. Fast hätten sich die übrigen Ge­sandten dem Herrn ». Ketteler doch noch «».geschlossen, sic unterließen es aber, da auf ihre gemeinsame Note bisher keine Antwort erfolgt war. Vor der österreichischen Gesandtschaft stand eine Eskorte von einem Unteroffizier und sechs Mann von unserem Seebataillon für Herrn v. Ketteler bereit. Er schickte sie aber mit dem Bemerken zurück, im Falle eines Angriffs der Chinesen würden die wenige» Mann doch nichls nutzen und zwecklos geopfert werden.

Unbehelligt waren die Sänfte» bis in die Straße gelangt, die von der Hauptstraße zu« fernen abbiegt. Auf der linken Seite stand ein Trupp chinesischer Soldaten, und zwar mandschurische B annertruppcn des Prinzen Tuan. Kaum war die erste Sänfte an ihnen vorbei, so sprang ein Unteroffizier von hinten dicht an dieselbe herein, riß sein Gewehr an die Backe und feuerte dann durch das nur mit durchsichtiger Gaze bezogene linke Luftfenster der Sänfte, das stets i» gleicher Höhe mit dem Kopf des Insassen angebracht ist, einen Schuß i»s Innere. Der ganze Vorfall spielte sich in wenigen Sekunden ab. Entsetzt sprang Dr. Cordes aus seiner Sänfte, um den Gesandten zu Hilfe zu eilen, erhielt aber in demselben Moment gleichfalls einen Schuß von hinten, der ihm durch das Gesäß in den Unterleib ging. Dennoch stürzte er bis zur Gesandtensänfte vor. Herr v. Ketteler, dem der meuchlerische Schuß durch den Hinterkopf und den Hals gegangen war, gab kein Lebenszeichen mehr von sich; der Tod mußte augenblicklich eingetreten sein.

Die Sänftenträger wie die berittenen Diener hatten sofort das Weite gesucht und waren auch daran von der Soldateska nicht weiter gehindert worden, die nun aber ein desto leb­hafteres Gcmehrfcuer auf Herrn Cordes eröffnete. Wie dieser sich trotz seiner sehr schmerzhaften Verwundung vor den un­ablässig feuernden Verfolgern retten konnte, darüber vermag er auch heute noch nicht vollen Aufschluß zu geben. Er biß die Zähne zusammen, flüchtete in eine Seitengasse und schleppte sich,' nachdem hier die Verfolger von ihm abgelassen, bis zur amerikanischen Mission, vor deren Thür er später bewußtlos aufgefunden und in Pflege genommen wurde.

Gegen ^slO Uhr brachten die berittenen Diener die Nachricht von dem Geschehenen in die Gesandtschaft. Im ersten Moment war Alles wie betäubt. Oberleutnant Graf Soden aber, der Kommandant der zum Schutz der Gesandtschaft hicrhergeschickten 50 Seesoldate», setzte sich sofort mit 20 derselben im Laufschritt zur Attentatsstelle in Be»ez»ng, um wenigstens die Leiche des Ermordeten den Chinesen zu entreißen. Anfangs kam er schnell vorwärts. Beim Einbiegen in die Aamenstraße aber wurde er aus allen Häusern mit einem so rasenden Schnellfeuer überschüttet, daß er schließlich nach mehreren vergeblichem Vorstoßen umdrehen wußte.

Mit Windeseile hatte sich unterdessen die Schreckens­nachricht im Gesandtschaftsviertel verbreitet. Herren und Damen strömten herbei, darunter auch die Gemahlt« des amerikanischen Gesandten, die es übernahm, Frau ». Ketteler das Furchtbare in schonendster Weise mitzuthcilcn. Sie sagte ihr anfänglich nur, Herr v. Ketteler sei überfallen und verwundet worden und von dem Aamenbesuch nicht zurückgekehrt. Es wurde beschlossen, Peking nicht zu verlassen, sondern sich weiter zu vertheidigen und, um dies besser zu können, alle Frauen und Kinder in die englische Gesandtschaft zu überführen, die gleichsam die Citadelle der Vertheidigungsstellung bildete. Dieser Plan wurde auch ohne Zögern ausgeführt. Es war ein geradezu tragischer Moment, als die vom Unglück so furchtbar bcimgesuchte Frau des Ermordeten (kurz zuvor erst war ihr die Mutter und vor einem Jahre der Bruder durch den Tod entrissen worden), mit einem unbeschreiblichen, herz­zerreißenden Lächeln auf den Lippen, a« Arme des nun­mehrigen Geschäftsträgers Herrn von Below das Haus verließ, in dem sie so viel Kummer getroffen! Die deutsche Flagge über dem Eingangsthor der Gesandtschaft ward dann auf Halbmast gesetzt.

Und das Tsungli-Yamen, die vornehmen Mörder, was thaten sie? . . . Wie verhielten sie sich? .. . O, die waren um eine feige Lüge nicht verlegen. Bereits, gegen Mittag langte in der Gesandtschaft eine Note dieser Hallunken an, in der es hieß:

Wir haben gehört, daß heute zwei Beamte^ der deutschen Gesandtschaft auf dem Wege zum Damen unseren Truppen begegnet sind, auf welche sie sofort geschossen haben., (In Wirklichkeit hatte weder der Gesandte noch Dr. Cordes irgend eine Waffe bei sich gehabt.) Unsere Soldaten erwiderten das Feuer. Dabei wurde einer der Beamten in seiner Sänfte erschossen. Wir schickten dann sofort nach der Gesandtschaft,

um zu erfahren, «er der Erschossene sei; doch vermochte unser < Bote nicht bis zur Gesandtschaft zu gelangen.*

Mit dürren Worten antwortete Herr v. Below: Der ' meuchlings von den chinesischen Soldaten Ermordete sei der . Kaiserlich deutsche Gesandte Freiherr v. Ketteler gewesen; er verlange die sofortige Auslieferung des Leichnams.

Hierauf blieb das Tsungli-Damen vorläufig jede Ant­wort schuldig; dagegen beantwortete es die Note der Ge­sandten oem Tage vorher. Es sei erfreut, zu sehen hieß es darin daß die europäischen Staaten sich nicht im Kriege mit ihnen befänden. Mit den Verhandlungen habe cs Zeit, bis die Truppen angekommen wären. Auch auf der Abreise der Gesandten bestand man nicht weiter. Den Schluß der Antwort bildete» heuchlerische Friedensbethcuerungen! Nichtsdestoweniger begann aber genau zu derselben Stunde der wüthende Angriff auf die verschiedenen Gesandtschaften, speziell auf die österreichische, und die Angreifer waren nicht allein Boxer, sondern mit den modernsten Waffen ausge­rüstete Soldaten.

Der schwcrverwnndete Dr. Cordes war aus der amerikanischen Mission in die englische Gesandtschaft übcrge- führt werben. Er litt starke Schmerzen, biß aber die Zahne zusammen und schrieb schon wenige Stunden später auf seinem Schmcrzcnlager mit Bleistift einen genauen Bericht über die Mordszcne nieder.

Es folgte nun die furchtbare Zeit ununterbrochener Kämpfe. Was unsere kleine deutsche Heldenschaar in der deutschen Gesandtschaft unter ihrem Führer, dem Oberleut­nant Grafen v. Soden, leistete, das läßt sich hier in wenigen Worten nicht sagen. Ihnen und ihrem über jedes Lob er­habenen Verhalten will ich einen besonderen Bericht widmen. Von der kleinen deutschen Heldenschaar in Peking können noch nach Menschenaltern die deutschen Väter ihren Kindern erzählen!

Hartbedrängt, arg zusammengeschmolzen durch Tod und Verwundungen, hofften sie von Tag zu Tag auf Ersatz. Er kam nicht! DasWarum er nicht kam" konnten sie nicht begreifen; doch der Mpth sank ihnen darum noch lange nicht.So kämpfen wir eben bis zum letzten Athemzug"

arretirt, die bereit sind, ihn unS «uSzulicfcrn. Hoffentlich gelingt es auch, die Anderen, «och höheren Anstifter zu er­reichen. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß unseres Kaiser- im heiligsten Zorn gesprochene Worte sich erfüllen werben £Ich will nicht ruhen, bis diese Deutschland ange­thane Schmach ihre volle Sühne gefunden hat!"

®<rmif*tt Nachrichte«.

Di- Deutsche Gesellschaft für Volksbäder hielt ihre zweite Jahreshauptversammlung am 27. d. M. i» den Räumen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes zu Berlin ab. Der Präsident Professor Dr. Lassar konnte in feiner Er­öffnungsansprache eine weitere erfreuliche Zunahme der Mit- gliederzahl fcststellen, wie auch daS Interesse an den Be­strebungen der Gesellschaft sich »llcrwärtü kundgibt. Er gab einen Uebcrblick über die Thätigkeit der Gesellschaft in ihrem ersten Geschäftsjahr. Um eine Grundlage für zielbewußte und sachgemäße Arbeit zu schaffen, galt cs vor Allem, zwei fragen zu beantworten: Wo fehlen Volktbädcr? und: Wie baut man am zweckmäßigsten VolkSbäder? Die erste Frage verlangte zu ihrer Beantwortung nicht mehr und nicht weniger als eine vollständige Statistik über das gejammte Badewcsc« im Deutschen Reich. Unter bereitwilligster Förderung seitens der Reichs- und Landesbehörden sowie durch opferwillige Mitarbeit der beamteten Aerzte gelang et dem geschäftsführen­den Ausschuß, das Riesenmaterial in noch nicht dagewescner Vollständigkeit und Zuverlässigkeit zu beschaffen. Der Direk- torialassistent am statistischen Amt der Stadt Berlin, Dr. Hirschberg, übernahm es, dasselbe statistisch zu verarbeiten. Im 4. Heft der Veröffentlichungen der Gesellschaft liegen die Ergebnisse, klar und übersichtlich geordnet, bereits im Druck vor. Professor Lassar gab einige Zahlen daraus. Im ganzen. Deutschen Reich bestehen 2918 Warmbadeanstalten mit gegen 20 000 Wannen, 250 Schwimmbassins und 7300 Brause- zellen. Auf 18 000 Einwohner kommt erst eine Badeanstalt. Gegen 1886 bedeutet das einen Fortschritt. Im Verhältniß : zur Bevölkernngszahl ist die Badegelegenheit indeß winzig. ' Nur etwa V» der Gesammtbevölkerung lebt in Orten mit

hieß die Parole.

Endlich aber kam doch der Befreiungstag und mit warum es so lauge gedauert!

ihm die Erklärung, . . . . . Das war Vi3 Uhr drangen

am als

Reiter durch einen

14. August. Nachmittags

die ersten die indischen unter der Stadtmauer

hindurchgehenden Kanal in die Stadt. Wenige Stunden später war Peking vollständig in den Händen der verbün­deten Truppen, und die so arg bedrängten Europäer in Peking konnten zum ersten Mal seit 64 Tagen wieder ruhig schlafen.

. Wir haben bereits erwähnt, daß Mandarinen, die einige Wochen nach der Ermordung des Gesandten in der deutschen Gcsandlschaft behufs Verhandlungen erschienen, geäußert hatten, die Leiche des Frhrn. v. Ketteler sei geborgen. Dieser Aus- spruch fand nunmehr seine Bestätigung.

Zwei Tage nach der Einnahme theilte auf der Straße ein Chinese dem Gesandtschaflsschreiber Piffrement mit, daß er wisse, wo seine Landsleute den ermordeten Gesandten be­graben. Er führte dann den Schreiber zu einem in der Nähe der Attentatsstelle grabartig aufgethürmten Sandhaufen, und kaum zwei Stunden später wurde denn auch dort bei der alsbald angestellten Nachgrabung ein mächtiger, solider chinesischer Sarg aufgefunden und geöffnet. Die Leiche zu rekognosziren, war nicht schwer. Die Statur, das Kopfhaar, der 3art, die Kleidung und die Verwundung ließen Keinerlei Zweifel aufkommen. Noch am Abend wurde der Sarg in die Gesandtschaft übergeführt und daselbst, nach vorausge­gangener Obduzirnng der Leiche, am 18. August in feier- lichfter Weise beigesetzt. Im Garten der deutschen Gesandt­schaft, auf einem Fleckchen deutscher Erde inmitten Feindes­landes, weit, «eit von der deutschen Heimath, wurde Frhr. von Ketteler zur letzten Ruhe bestattet. Wohlthuend berührte bei dem Begrâbniß die allgemeinste Betheiligung der euro­päischen Kolonie und der in Peking anwesenden höheren Offiziere aller Kontingente. Die Russen hatten auch ihr Militär-Musikkorps mitgebracht.

Seitdem sind zirka 14 Tage hingegangen, und die uner­müdlich nach den Mördern angestellten Nachforschungen sind nicht vergeblich geblieben. Sollten noch irgend welche Zweifel darüber bestanden haben, wo die eigentlichen Mordbuben zu suchen sind, so wurden sie vollends durch die Auffindung der bereits telegraphisch avisirten Schriftstücke im Kaiserpalast und im Polizei-Präsidium gehoben. Laut denselben ließ sich nicht allein die Kaiserin-Wittwe während der Schreckenszeit fort­gesetzt Rapporte über die Resultate der täglichen Christen­morde und Einäscherung von christlichen Kirchen, Wohn­häusern rc. einreichen, sondern das Polizei-Präsidium setzte auch für di- Einlieferung jedes männlichen Christen 50, jeder Christenfrau 40 und jedes Christenkindes 30 Taels Belohnung aus, das beste Mittel bekanntlich, um jeden Chi­nesen zuThaten" anzuieuern, mögen dieselben auch im Morden und Brennen bestehen! . . .

So möge den« nun auch Jeden, der an dem Morde irgendwie beteiligt war, die volle Strafe treffen! Der Polizei-Präsident Tschung-Li ist bereits von den Japanern'

öffentlichen Badeanstalten. Die zweite FrageWie baut man Volksbäder?" war nicht minder dringend, wie ungezählte Anfragen bei der Geschäftsstelle aus allen Gegenden Deutsch­lands, selbst des Auslandes, beweisen.. Der geschäflsführende Ausschuß beschloß daher, zur Erlangung mustergilliger Ent­würfe ein Preisausschreiben zu erlassen. Die erfreulichen Resultate desselben, kritisch gewürdigt von den sachverständigen Mitgliedern des Ausschusses, sind zugleich mit weiteren Muster­entwürfen für Volksbäder, vielen Abbildungen, Plänen und Kosten­anschlägen im 3. Heft der Veröffentlichungen mcdergelcgt. Der Präsident schloß mit der Versicherung, daß die Gesellschaft unent­wegt weiter arbeiten werde, um überall im Deutschen Reich auf dem Gebiete des Volksbadewcscns anregend und fördernd zu wirken. Nach Erledigung der geschäftlichen Punkte der Tagesordnung folgten einige interessante Vorträge. Stadt- baumeister Matzdorff, vom Oberbürgermeister der Stadt Berlin zur Versammlung delegirt, sprach über die Entwickelung der städtischen Badeanstalten in Berlin. Er zeigte, wie aus kleinen Anfängen dieser Zweig der Gesundheitspflege sich unter der verständnißvollen Pflege der statischen Körperschaften za imponirender Ausdehnung entwickelt hat. Die städtischen Flußbäder, Brausebäder und besonders die neuen gießen Hallen­schwimmbäder erfreuen sich des lebhaftesten Zuspruchs. Da letztere dem Bedürfniß bei weitem nicht genügen, hat die Stadt die Erbauung von 4 weiteren großen Anstalten be­schlossen, die zum Theil schon ihrer Vollendung cntgegengchen. Das Hallenschwimmbad in der Oderbergerstraße, das gegen 1 Million Mk. kosten wird, schildert der Vortragende ein­gehender unter Vorführung von Plänen größten Maßstabes. Dr. med. Kabierskc aus Breslau, Verfasser einer schönen Schrift über das neue Breslauer Hallenschwimmbad, brach eine Lanze für die Hallenschwimmbäder, welche die so gesunde Leibesübung des schwimmens auch im Winter ermöglichen, und machte aus seiner reichen Erfahrung Vorschläge für deren zweckmäßige Einrichtung und Behandlung. Zum Schluß er­örterte Regicrungsbaumeister Kritzler, einer der im vorer­wähnten Wettbewerb preisgekrönten Architekten, die Anfor­derungen welche an neuzeitliche Volksbäder gestellt werben müssen Wenn auf der einen Seite jeder mit den verfügbaren Mitteln vereinbare Komfort geboten werben soll, ist andrer­seits auf die Zweckmäßigkeit der Raumanordnung unb Grund- r-ßanlage das größte Gewicht zu legen. Bedienung und Auf­sicht werden hierdurch vereinfacht und verbilligt, was von großem Einfluß auf die Rentabilität ist. Größere Anstalten sind so «nzulegen, daß bei schwachem Verkehr einzelne Zellen­gruppen aus dem Betrieb ausgeschaltet werden können; bei allen Anstalten ist auf die Möglichkeit der Vergrößerung Be­dacht zu nehmen.

Anwendung von Röntgenstrnhlen zur Er­kennung von Verfälschungen von Lebensmitteln. Oie hervorragenden Erfolge, welche bie Anwendung der Röntgenstrahlen auf medizinischem Gebiete bei der Durchleuchtung des menschlichen Körpers gezeitigt hat, haben auch bie Che­miker veranlaßt, diese durchdringenden Strahlen zur Diag- nostizirung »en Verfälschungen der Nahrungsmittel zu ver­suchen. Da die Strahlen beim Durchdringen der Stoffe Schatten werfen und die Dichtigkeit dieser Schattenbilder in