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Nr. 213
Mittwoch dm 12 September
19d0
Hierzu
„Amtliche Beilage" Nr. 37
AMtliches.
LärrH^sre» ^anau.
BekanntMgchnngen des Königlichen Landrathsamtes.
Zum 10. Oktober d. J. wird ein geübter Kanzlist mit "schöner Handschrift gesucht.
Bewerbungen unter Beifügung eines Lebenslaufes, der Zeugnisse und der Gehaltsansprüche sind alsbald an den Unterzeichneten einzureichen.
Hanau den 17. September 1900.
Der Königliche Landrath
D. Schenck.
Gefundene und verlorene Gegenstände etc.
Gefunden: 1 Notizbuch mit verschiedenen Papieren, Militärpaß, Jnvaliditâtskarte re., lautend auf den Namen Eugen Bender aus Kleinostheim.
Verloren: 1 Glascrdcmant. 1 Korallenarmband mit goldenem Schloß. 2 gleiche Photographien.
Vom Wasenmeister am 10. d. Mts. eingefangen:
1 graublauer Pinscher m. Geschl.
Hanau den 12. September 1900.
Zur chinesischen Frage
äußern sich die „Times" an leitender Stelle: „Die Räumung von Peking, um der Kaiserin und ihrer blutdürstigen Klique von Reaktionären zu ermöglichen, in ihre« Palast zurückzukehren, ohne durch die Anwesenheit der „fremden Teufel" belästigt zu werden, würde natürlich die große Masse des chinesischen Volkes davon überzeugen, daß die Barbaren furchterfüllt vor dem Antlitz des Himmelssohnes entflohen sind. Die „Dèbats" glauben, wie wir mit Ueberräschung bemerken, daß dies nicht viel ausmachen würde. Die Regierung und die Mandarinen würden verstehen, daß die Räumung kein Rückzug wäre, und auf die Meinung der Bevölkerung komme es nicht an. Eine derartige Anschauung scheint uns durchaus unhaltbar. Einige der Mandarinen würden natürlich sehen, daß wir uns nicht aus Furcht vor den Chinesen zurückgezogen haben, aber andere sind so unwissend bezüglich der Vorgänge außerhalb des himmlischen Reiches, daß sie sich kaum diese Thatsache vergegenwärtigen würden. Alle würden sicherlich ihr Aeußerstes thun, um das Ansehen Chinas zu bewahren und dies dadurch erreichen, daß geschäftig Erzählungen von chinesischen Siegen und europäischen Niederlagen unter
Feuilleton.
Die Pariser Weltausstellung.
XXI.
Französisches Kunstgewerbe.
Das französische Kunstgewerbe hat seit Jahrhunderten in Europa eine tonangebende Rolle gespielt. Der kunstsinnige König Franz I. hat in den Tagen der aufblühenden Hochrenaissance mit Aufwand vieler Mühe italienische Anregungen nach Frankreick verpflanzt. Eine Menge Gipsabgüsse antiker Vorbilder und "die Anwesenheit großer Künstler wie Leonardo da Vinci und Benvenuto Cellini mußten dazu dienen, die französischen Kunsthandwerker zu gleicher Schaffensfreude und ähnlichen Leistungen anzuspornen; italienische Baumeister haben die Grundrisse zu vielen Pariser Palästen geschaffen, und die beiden Medizäertöchter, welche Königinnen von Frankreich wurden, sorgten späterhin für weitere reichliche Zufuhr an italienischen Arbeitskräften. Jederzeit haben die Großen der französischen Krone darin gewetteifert, für Beschützer der schönen Künste zu gelten, und es ist allgemein bekannt, wie sehr es sich die französische Regierung jederzeit hat angelegen sein lassen, alle jene Gewerbe zu fördern, die eine besonders hohe Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft bedingen. Die Manufakturen von Sèvres, die weltberühmten Gobelins, die hochentwickelte Spitzen-Industrie, die mühseligen Stickereien, die unmuthigen Bronzen — das Alles legt Zeugniß davon ab, wieviel bleibenden Wohlstand Frankreich dem Hause Bourbon verdankt. Ueber all dem Glanz und der Pracht, die sie über Frankreich auszuschütten verstanden, ist die Thatsache fast in Vergessenheit gerathen, daß es ein selbständiges deutsches Kunstgewerbe von großer Leistungsfähigkeit gegeben hat, lange bevor das französische ins Leben gerufen wurde.
Volke verbreitet würden. Sie haben es gethan und thun es noch jetzt, wo sich der Hof und die Kaiserin auf der Flucht befindet. Welcher Schritt könnte ihnen besser bei dieser Propaganda helfen, als wenn die europäischen Truppen plötzlich aus der Hauptstadt gezogen würden, um dem Hofe und seiner Eskorte von „schwarzen Flaggen" Platz zu machen? Die „Dèbats" glauben, daß es auf die Meinung der großen Masse des Volkes nicht ankomme. Warum lügen dann die Mandarinen, um sie zu beeinflussen? Weil die Mandarinen wissen, daß in dem Glauben ihre letzte Hilfsquelle zur Aufrechterhalning des alten Systems liegt. Wir stimmen mit den Mandarinen überein. Wir glauben, daß selbst in China »ie Meinung der großen Masse in der internationalen Politik von äußerster Bedeutung ist, und daß die Maßregeln der Mächte dem chinesischen Volke verständlich gemacht werden müßten. Sie werden es verstehen, wenn wir auf dem Platze bleiben, wo wir sind, das heißt in der chinesischen Hauptstadt, von wo aus wir die chinesische Herrscherin vertrieben haben. Sie werden verstehen, wenn wir uns weigern, abzuziehen, bis wir nicht nur die Angreifer, sondern die Häupter der ganzen Verschwörung bestraft haben, seien sie auch in den höchsten Stellen zu suchen. Sie werden verstehen, wenn wir eine angemessene Entschädigung verlangen unb dafürsorgen, daß diese soweit wie möglich aus der richtigen Tasche kommt, und wenn wir die Monumente chinesischer Arroganz und chinesischer Abschließung, die Mauern von Peking, zerstören. Vor Allem werden sie cs verstehen, wenn wir nicht von der Forderung abweichen, Reformen ciugeführt zu scheu, welche eine „feste Regierung" ermöglichen, ohne die die Aufrechterhaltung dcr internationalen Beziehungen und der zukünftigen Ruhe und Ordnung im Lande nicht möglich ist. Aber sie werden es nicht verstehen — vielmehr, sie werden es durchaus mißverstehen, wenn die Regierung der Kaiserin Wittwe als triumphirend hingestellt werden kann."
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Li-Hung-Tschang als Unterhändler.
Bis vor Kurzem war die Ansicht verbreitet, Li-Hung- Tschang werde nicht nach dem Norden Chinas fahren, um die Verhandlungen mit den Vertretern der Mächte an Ort und Stelle zu führen. Die Aufmerksamkeit richtete sich infolgedessen auf den Prinzen Tscking, der unter dem Schutz der janischen Truppen nach Peking zurückgekehrt ist. Jetzt hat sich Li-Hung-Tschang doch entschlossen, diese bedeutungsvolle Fahrt anzutreten, so daß demnächst wohl die Verhandlungen beginnen können.
Ganz leicht scheint dem Vizekönige die Abreise übrigens nicht geworden zu sein, obwohl, wie aus Washington gemeldet wird, der Kaiser abermals durch ein anscheinend aus Paotingfu datiries Edikt ihn mit der unbeschränkten Vollmacht
Freilich, auch die Franzosen hatten schon vor Franz I. schöne Anläufe zur Entfaltung eines eigenen Stils genommen. Aber damals entstand jene Lehrformel, daß nur in Anlehnung an die Vorbilder des sogenannten klassischen Alterthums wahrhaft Schönes geschaffen werden könne. Der große Michelangelo freilich halte diese Vorstellung verlacht, indem er sich das Vergnügen leistete, eine antike Statue zu schaffen, die viel bewundert wurde, bis man entdeckte, daß sie von Michelangelo herrühre. Man vergaß eben damals, wie es noch jetzt geschieht, daß es in Griechenland und auch in Rom neben der mustergiltigen auch viel mittelmäßige Kunst gegeben hatte und daß es, namentlich im Kunstgewerbe, für jede Generation am Besten ist, ihren eigenen Seelen-Jnhalt in die Arbeit hineinzulegen und sich an Vorbilder nur so lange zu binden, wie die Meisterschaft über das Handwerksmäßige noch nicht erlangt ist. Durchschreitet man die weiten Räume, die in dem großen Bau auf der Jnvaliden-Esplanade dem französischen Kunstgewerbe gewidmet sind, so wird man sich der Erkenntniß nicht verschließen können, daß, wenige Ausnahmen abgerechnet, das französische Kunstgewerbe gegenwärtig viel zu sehr an überlieferten Vorbildern festhält, um noch jene führende Stellung auf dem Weltmarkt behaupten zu können, die ihm bis vor Kurzem ganz bedingungs- und neidlos eingeräumt wurde.
Zum guten Theil dürfte diese Erscheinung mit der Thatsache zusammenhängen, daß Frankreich Republik ist. Gerade hier geht der Ehrgeiz aller Reichen und Wohlhabenden dahin, ein Haus oder ein Schloß zu besitzen, das ungemein prächtig ist, doch aber das Gepräge trägt, als ob es ein von vielen Vorfahren ererbter Besitz sei. Infolgedessen verlangt man auf allen Seiten Gobelins womöglich im altflandrischen Stil, Bronzen im Stil Louis XIV., Polsterstühle spätestens aus den Tagen der Königin Marie Antoinette und Spiegel etwa im Geiste des Empire, d. h. Napoleons I., der bekanntlich
betraut hat, und ihn ermächtigt hat, jeglichen Vorschlag zu wachen, ohne sich zuvor an den Kaiser wenden zu müssen. Er hat verschiedene Einwcndungcn gemacht, und cs ist bezeichnend, daß alle seine Vorschläge, im Einvernehmen mit Rußland, darauf Hinzielen, den Mächten begreiflich zu machen, daß eine Räumung Pekings für die Verhandlungen die geeignetste Basis sei.
Der Petersburger chinesische Gesandte tclcgraphirte Li- Huug-Tschang, Rußlands Räumung Pekings setze befriedigende Versicherungen voraus, daß der Hof sofort nach Peking zu° rückkchren werde. Er möge schleunigst alle Mächte in Uebereinstimmung mit Rußland bringen, da, falls Rußland seine Entscheidung abändern müsse, dies einen bedeutenden Prestige- Verlust bedeuten würde. Li hat dem Thron ein Gesuch um sofortige Rückkehr unterbreitet. In einer Depesche an den Vizekönig von Wutschang erklärt er aber, die Rückkehr sei schwierig wegen der Absicht der Mächte, die reaktionären Führer zu ergreifen, wenn er dies erwähne, werde der Hof nicht kommen, und wenn er es nicht erwähne, werde man ihn später als Verräthcr anschcu. Chinesische Beamte erhielten telegraphische Meldung, daß Prinz Tsching am 6. September infolge dcs kaiserlichen Edikts nach Peking zurück- kchrle. — Die „Times" melden aus Tokio, Japan antwortete Rußland, es sei nicht abgeneigt, seinen Gesandten aus Peking zurückzuzichen und weitere vom Konzert empfohlene Schritte zu ergreifen, auch sei es bereit, seine überflüssig scheinenden Truppen zurückzuzichen, da seine geographische Lage stets prompte Maßregeln gestatte. Gerüchtweise Deriaule, Rußland wolle fünfzehntausend Mann in Tschili überwintern.
Bezeichnend für Rußlands entschiedenen Friedenswunsch ist cs auch, daß, nach einem Telegramm, die Fürstin Scha- kowSky, die Präsidentin des russischen Rothen Kreuzcs, welche sich mit 200 Schwestern zur Einrichtung von Hospitälern nach dem Baikalsee begeben sollte, die Anweisung erhalten hat, diese Expedition aufzugeben, da alle weiteren kriegerischen Aktionen eingestellt würden.
Gegenüber der Annahme, daß, nachdem Prinz Tsching sich unter dem Schutz der fremden Truppen nach Peking begeben, auch dic anderen Mitglieder der Kaiserlichen Familie dorthin zurückkchren würden, gibt auch der amerikanische General Chaffce der Meinung Ausdruck, daß das niemals geschehen werde, daß vielmehr die diplomatischen Verhandlungen während der Dauer der Okkupation von Peking an Ort und Stelle nicht wieder ausgenommen werden könnten. Der General betont, daß es besser sei, die Hauptstadt nur vorübergehond als Stützpunkt der Streitkräfte zu benutzen. Ob dies Urtheil von militärischen Erwägungen beeinflußt ist, oder ob es als ein Eingehen auf den russischen Vorschlag zu betrachten ist, sei dahingestellt.
gegenwärtig in Frankreich das beliebteste monarchische Ideal darstcllt. So wird es begreiflich, weshalb der ganze französische Flügel des „Möbelpalastes" fast von einem Ende zum andern mit Sachen angefüllt ist, deren Formensprache aus der Vergangenheit stammt und die deshalb den Menschen der Gegenwart nichts von ihrem eigensten inneren Leben verrathen. Dabei muß indessen unumwunden eingeräumt werden, daß der handwerksmäßige Theil dieser Arbeiten von außer- oi deutlicher Vollendung ist — so sehr, daß wir in Deutschland immer noch viel davon lernen können.
Auf ganz besonderer Höhe steht der französische Bronzeguß. Man weiß ja, daß diese Bronzen auch in Deutschland noch immer viel gekauft werden. Ucberall, wo es sich darum handelt, den Ausdruck von Pracht und Eleganz zu erhalten, der ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen gegen die Kunst als zum guten Ton gehörig betrachtet, wird man in diesem veralteten Formenkram stecken bleiben. Man will durch seine Umgebung, durch den Schmuck der Wohnungen lediglich ein wenig amnsirt werden. Daß sich nur ja der Künstler oder Kunsthandwerker nicht unterstehe, groß, erhaben und ticfinnerlich stein zu wollen, wie cs manchmal den deutschen Querköpfen in den Sinn kommt. In den tonangebenden Kreisen der guten französischen Gesellschaft hat man sich längst von diesen inhaltlosen Ueberlieferungen abgewendet und die Freude an schlicht geformten modernen Vasen u. s. w. an ihre Stelle gesetzt. Möchte auch in Deutschland mehr und mehr Uebcr- druß an allen protzigen und „seelenlosen" Nippes und Erzeugnissen der sog. Kleinkunst um sich greifen, möchte man vor Allem lernen, dcr Anfertigung solcher Sachen nicht mehr Vorschub zu leisten, indem man sie womöglich noch als Prachtgeschenke zu Jubiläen, Hochzeiten, Geburtstagen u. s. w. benutzt. —n.