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Freitag den 7. September

1900

Der Zweibund in Europa und Ostasien.

Kaiser Nikolaus von Rußland hat in seinem Handschreiben an den Präsidenten der französischen Republik bei der Ver­leihung des Andreas-Ordens die russisch-französischen Bünd- niß-Bezichungen von neuem in feierlichen Worten bekräftigt. Diese von den Franzosen hoch aufgenommenen Zusagen sollen dafür entschädigen, daß der Zar Herrn Loubets den Orden nicht persönlich überbringt und auch die Pariser Weltaus­stellung unbesucht läßt, sie sollen ferner bei unseren westlichen Nachbarn eine günstige Stimmung für russische Geldbedürfnissc schaffen helfen. Denn die Erklärungen des Finanzministers Witte, Rußland habe Geld genug für den Krieg in China, sind dahin zu verstehen, daß Rußland die Mittel für seine militärischen Unternehmungen in der Mandschurei noch immer aus seiner eigenen Tasche nehmen kann, wodurch diese aber eben leer und für ausländisches Geld, namentlich französisches, aufnahmefähig wird. Drittens soll das augenfällige Heran­rücken Rußlands an Frankreich den Eindruck Hervorrufen, daß Rußland mit seiner Behandlung der chinesischen Wirren und namentlich auch in der Frage der Räumung Pekings nicht allein steht.

In der That finden sich in den ministeriellen Pariser Blättern jetzt, nach dem zarischen Handschreiben, Anspielungen, daß Frankreich am besten thun^ würde, in dieser Frage sich unbedingt von Rußland ins Schlepptau nehmen zu lassen Herr Delcasse, der Diinifter des Aeußern, möchte aber die Verantwortung nicht allein übernehmen. Er will seine end- giltige Entschließung von dem Gutachten des französischen Ge­sandten Pichon in Peking abhängig machen. Erklärt Herr Pichon es für möglich, so wird auch Frankreich seine Truppen nach Tientsin zurücknehmen. Wenn aber der französische Gesandte auf Grund seiner Kenntniß der chinesischen Ver­hältnisse sich gegen die Räumung ausspricht, so wird Herr Delcasse die Durchsetzung des russischen Willens gegen eine parlamentarische und militärische Opposition nicht übernehmen wollen.

Auch die neueste Kundgebung der russischen Regierung imJournal de St. Pötersbourg" ist für eine zur Annahme der Anschauungen Rußlands geneigte westeuropäische Macht insofern eine harte Zumuthung, als darin, im Widerspruch mit den Thatsachen " und ohne Versuch eines Beweises, die Behauptung zu Grunde gelegt wird, die fremdenfeindlichc Bewegung in China sei lediglich von den Boxern, also von Rebellen" ohne Verschulden der chinesischen Regierung ins Werk gesetzt worden.

Uebrigens stellt diese neue Erklärung wieder die allseitige Friedensliebe Rußlands mit feierlichen Worten in den Vorder­grund. Auch das Handschreiben des Zaren an Loubet Ver­mied jede Wendung, die von einer dritten Macht hätte übel

vermerkt werden können; was besonders das Verhältniß des Zweibundes zu Deutschland betrifft, so würde beim Vor­handensein auch nur der geringsten Spannung sicherlich nicht gerade jetzt zur Theilnahme an unsern Kaisermanövern eine französische Offiziers-Deputation eingetroffen sein, der man bei uns in liebenswürdigster Weise die Honneurs macht. Auch die zur Fahnenweihe nach Berlin gekommene Abordnung des russischen RegimentsWyborg", dessen Chef unser Kaiser ist, bleibt während der Manöoerzeit in Deutschland, was einem persönlichen Wunsch beider Kaiser, Wilhelms und Nikolaus, entspricht und auf die ungetrübte Fortdauer wechselseitiger freundschaftlicher Gesinnungen hinweist.

Ein deutscher Offizier in englischer Beurtheilung.

Die englische Admiralität veröffentlicht den Bericht des Admirals Seymour über die Ereignisse in Tientsin vom 30. Mai bis zum 27. Juni. Der Bericht ist sehr umfangreich und gibt Einzelheiten über das erste Vorrücken auf Peking unter dem Befehle Seymours und spricht von der Mitwirkung der verschiedenen Nationalitäten. Seymour sprach die Hoff­nung aus, daß das gemeinsame Vorgehen beitragen werde zur Kräftigung der internationalen Sympathien; er schrieb an alle Offiziere und Kommandanten bet betreffenden Truppenabtheilungen, um ihnen für ihre treue Mitwirkung zu danken. Ganz besonders thut Seymour des deutschen Kapitäns zur See von Usedom Erwähnung. Er richtete auch an den deutschen Vizeadmiral Bendemann ein Schreiben, in dem er das tapfere Verhalten des deutschen Kapitäns rühmend hervorhebt. Den Inhalt des Briefes berichtet fol­gende Korrespondenz:

London, 6. Septbr. Obwohl es unpassend für mich erscheinen mag, über das Verhalten eines nicht meinem Be­fehl unterstellten Offiziers zu berichten, kann ich doch meinen Brief nicht schließen, ohne Eurer Exzellenz sowohl meine per­sönliche Bewunderung der Befähigung und unerschöpflichen Energie, welche Kapitän von Usedom vom Kaiserlichen Kriegs­schiffHertha" während der ganzen Expedition bewies, als auch meine hohe Anerkennung des Werthes seiner Dienste auszusprechen. Die verbündete.Truppenmacht bei der Schlacht von Langfang am 18. Juni stand unter seinem Befehl, während ich selbst einige Meilen entfernt war. Bei diesem entschlossenen Angriff auf uns, dem ersten, wobei die Kaiser­lich chinesischen Truppen sich den Boxern anschlossen, wurde Kapitän von Usedom verwundet. Seiner geschickten Führung und seinen Arrangements zum Zurückziehen der Züge, sobald es nöthig wurde, ist die damalige Vermeidung einer Kata­strophe zuzuschreiben. Als dem Range nach der nächste nach mir unter allen anwesenden Offizieren, habe ich ihn oft mit

großem Vortheil nm Rath gefragt und ernannte ihn auch offiziell zum Nachfolger als Leiter der Expedition, wenn ich fallen sollte, und fühlte dabei, daß unser allgemeines In­teresse nicht leiden würde. Als mein Flaggenkapitän durch eine Wunde kampfunfähig wurde, ersuchte' ich Kapitän von Usedom, mir die Ehre zu erweisen, als Chef meines Stabes zu fungiren, was er annahm und wobei er mir die werth- vollsten Dienste leistete. Was den Muth und die Disziplin aller Offiziere und Mannschaften Seiner Kaiserlichen Majestät, welche uns begleiteten, anbetrifft, so kann ich nur sagen, daß sie der hohen Traditionen des großen Deutschen Reichls voll und ganz würdig waren. Gezeichnet E. H. Seymour, Vize­admiral.

Ankunft Der deutschen Verstärkungen.

Wolffs Bureau meldet aus Shanghai vom 6. Septbr.: Soeben landeten der Stab und die erste und dritte Kom­pagnie des ersten Bataillons vom ersten ostasiatischen In­fanterie-Regiment unter Major Graham. Beim Empfang durch den deutschen Generalkonsul war eine französische Ehren­wache ausgestellt. Die Musik der englischen Truppen spielte. Es folgte ein Marsch der deutschen Truppen durch die Frem- denniederlassungen mit der Diufit1 unseres Geschwaders. Vor dem Jltisdenkmal wurde ein Hurrah auf den Kaiser ausge­bracht. Beim Einrücken in die Quartiere fand eine Be­grüßung durch den deutschen Gesandten und den Geschwader- chef statt.

Einzelheiten ans Peking.

Berlin, 6. Septbr. Wolffs Bureau meldet: Vom zweiten Admiral des Kreuzergeschwaders ging heute folgende Meldung ein: Kapitän Pohl berichtet aus Peking: ' Der russische General besuchte am 26. v. M. die deutschen Quar­tiere und sprach sich lobend über die Ordnung und die Disziplin ans. Die Unterkunft der Leute ist gut.' Der von den deutschen Mannschaften besetzte Theil der Chincsenstadt ist gereinigt. Es sind beruhigende Proklamationen erlassen wor­den. Jilm 2u D. M. sind zwei Hitzschlâgc vorgekommcn, beim Secbataillon auch einige Fälle von Dysenterie. See- soldat Bergers vom Pekinger Detachement ist seiner Kopf­wunde erlegen. Am 28. v. M. fand ein Durchmarsch durch den Palast statt, der Einmarsch vom Süden, der Ausmarsch im Norden. Die Räume machten einen schmutzigen, verwahr­losten Eindruck. Kostbarkeiten waren nicht vorhanden. Später wurde der Palast wieder geschlossen. Einem Gerücht zufolge ist die Kaiserin erst am 15. Früh entflohen. Am 31. d. M. meldete Pohl: Das 2. Seebataillon ist in Peking eingetroffen. Ich trete nach Uebergabe der Geschäfte an Generalmajor Höpfner mit den sehr angestrengten Landungs­truppen den Rückmarsch nach Tientsin an. Der 2. Admiral

zehnten die Kaiserin-Mutter erkrankte, wurden aus diesen Aerztegeschlechtern die berühmtesten Männer an den Hof be­rufen und aufgefordert, ihr Gutachten über das Leiden der hohen Frau, die sie garnicht zu Gesicht bekamen, nieder­zuschreiben. Man überhäufte sie mit Ehrenbezeugungen, aber die Leibärzte, die sich natürlich für unfehlbar hielten, kümmerten sich nicht um ihre kollegialischen Rathschläge.

Ganz ohne Fachbildung pflegen die besseren Aerzte in China nicht zu sein. Als Lehrzeit verbringen sie einige Jahre bei Präzeptoren, die im guten Rufe stehen, indem sie mit ihnen einen Vertrag abschließen. Sie verrichten bei ihren Lehrmeistern Handlangerdienste, studircn fleißig deren Rezepte, horchen mit Wissensdurst auf die weisen Worte, die den Lippen der heilkundigen Männer entströmen, um sich schließ­lich, wenn ihre Lehrzeit abgclaufcn, ist, irgendwo selbst als Praktikus nicderzulassen. Auf einem rothen Schilde preisen sie dann vor aller Welt ihr ungeheures Wissen an und legen sich nicht selten den Namen ihres hochberühmten Meisters bei. Aber wie viele üben im Reiche der Mitte den ärztlichen Beruf aus, ohne auch nur die allergeringste Vor­bildung dazu genossen zu haben! Das Heft erzählt, wie ein ehemaliger Aufseher im Kiangn an-Arsenal zu einem der beliebtesten Aerzte Shanghais wurde. Nachdem er seinen

Feuilleton.

Chinesische Aerzte.

Mir der chinesischen Heilkunde ist es äußerst traurig be­stellt, die meisten Aerzte im Reiche der Mitte sind nichts als Kurpfuscher. Früher, als man sich noch dem Studium er alten medizinischen Klassiker widmete, gab es noch einen Aerztestand als Zweig des Gelehrtenstandes heute aber dürsten diejenigen chinesischen Aerzte zu zahlen sein, die einen der drei akademischen Grade Nachweisen lormen. Dr. Francis Fest macht im siebenten Bande der in Tokio erscheinenden Mittheilungen der deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens das Umsichgreifen der taoistischen Tendenzen mit ihrem krassenAberglauben hauptsach^ den gegenwärtigen Tiefstand der chm-W-n .H«lkm de v r- antworlich. Da die Bonzen zugleich Aerzte sind, so wird man sich nicht, darüber wundern, daß Beschwörungen bei Krankheiten eine sehr hervorragende Rolle spielen.

China darf sich jederArzt" nennen, der Lust dazu »Ito LMg-m-mm sch-m. sich d-, ®"«^^ zu Generalien zu vererben, auS dem -

man am meisten Vertrauen zu solchen Heilkunstlcrri hatz d.e lKSk?e& solchen ° Kurpfuscherei betrieb. Dem Priester stahl er dann ein ur-

zur peri der Oh Y mindestens drei Generationen altes Rezeptbuch, eignete sich einen Theil der Formeln an hinterRabatten Wie Dr Fest berichtet, gibt es sogar und beeilte sich nun, der leidenden Menschheit die beglückende

w Ei Dörfer von denen jedes Mittheilung zu machen, daß er allen Leiden abzuhelfen vermöge.

M^ All- Männer sind! Im Allgemeinen sind die chinesischen Ae?zte Spezialisten.

HestkünMer und in dem weiKn Reiche so berühmt, daß selbstDer eine behandelt nur Geschwüre, der andere nur Knochen- £ j entferntesten Provinzen Kranke nach jenen merk- brüche, wieder einer widmet sich der Chirurgie und ein aus den en in 8 fvihina zu suchen, die anderer den inneren Erkrankungen. Als unhöflich gilt es,

sieionft" nirgends finden'konnten. Als vor einigen Jahr- sein Fach zu überschreiten. Von dieser Courtoisie erzählt man

Posten verloren hatte und eine Zeitlang obdach- und arbeitslos gewesen war, nahm ihn ein buddhistischer Priester auf, der

ffich folgendes Stückchen. Ein Mann wurde von einem Pfeil getroffen, dessen Spitze fest im Fleisch steckte. In der Eile wurde der nächstwohnende Arzt gerufen, der zufällig Spezialist für Hautkrankheiten war. Infolgedessen schnitt er den Schaft eben mit der Haut ab und bedauerte, daß er nicht im Stande sei, mehr zu thun. Es mußte also ein Chirurg gerufen werden, und da der Pfeil unter der Haut saß, entspann sich womöglich noch eine Debatte zwischen dem Chirurgen und einem Mediziner für das Innere, in dessen Sphäre eigentlich die Behandlung siele."

Arzt und Apotheker sind «ft in einer Person vereinigt, und um so blühender ist dann das Geschäft; denn auf Pillen und Mixturen setzte der kranke Chinese seine ganze Hoffnung und muß dafür oft tief in die Tasche greifen, da echte Tiger­knochen, Bärcnlcber, Bärenklaucn und Bärenpfoten nur mit großen Kosten beschafft werden können. Aus Bäreirpfoten wird eine beliebte Gallerte hergestellt, die als Stärkungsmittel eine unübertreffliche Wirkung haben soll. Aber ohne Reklame geht es bei solchen Dingen auch im Reiche der Mitte nicht ab. Als Beispiel öffentlicher Anpreisung in China möge folgende Bekanntmachung einer großen chinesischen Offizin in Kanton gelten:Da vor kurzem erst Hongkong und die ganze Provinz Kwantung von der Pestseuche heimgesucht wurde, so hat die hohe provinziale Regierung ein Rezept veröffentlicht:die Pestmedizin" genannt, ein Mittel, welches unfehlbar ist. Unsere Offizin hat diese Medizin für die beiden großen Wohlthätigkeit-anstalten Kantons hergestellt, wo sie mit unwandelbarem Erfolge angewendet wurde. In dieser Rezeptformel befindet sich ein Bestandtheil,steinerner Drachen- sohn" genannt, welcher nur in den Berzen der Provinz Chekiang gefunden wird. Durch Hilfe unserer Zwcigoffizin in Hangschau konnten wir eine besonders gute" Art dieses steinernen Drachensohnes" auftreiben und haben daraus, zusammen mit anderen werthvollen Ingredienzien, die Mixtur