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M. 196
Donnerstag den 23. August
1900
AmMch-s.
StcrHMr-'sLs ^ancm.
BekanntMachungen drs OberbürgerNeisteramtes.
Bekanntmachung.
Die während der Herbstferien in dem Mädchenschul- hause, Bebraer Bahnhofstraße, vorzunehmende Vcr- leflnng von neuen Fußböden soll auf dem Wege der öffentlichen Ausschreibung vergeben werden.
Bedingungen und Arbeitsauszüge liegen von heute an im Stadtbauamt, Abth. I, Rathhaus-Zimmer Nr. 23, werktäglich während der Sprechstunden von 10—12^2 Uhr vormittags, für Bewerber zur Einsicht auf; daselbst sind auch die Arbeitsauszüge gegen Entrichtung der Schreibgebühren erhältlich.
Verschlossene, mit entsprechender Aufschrift versehene An-
geböte, sind längstens bis zum Eröffnungstermin Montag den 27. d. Mts., vormittags 11 Uhr, im Zimmer Nr. 23 des Rathhauses einzureichen, obengenannter Zeit die Eröffnung der Angebote etwa erschienener Bieter erfolgt.
Hanau den 20. August 1900.
Stadtbauamt, Abth. I.
Schmidt, Stadtbaurath.
woselbst zu im Beisein
13301
Tagesschau.
Zucker- und Branntweinsteuer.
In dem ersten Drittel des laufenden Etatsjahres hat die Zuckersteuer einen Ertrag von 38,5 Mill. Mk. ergeben. Würde die Einnahme in gleicher Weise für das ganze Finanzjahr anhalten, so würde auf eine Jahreseinnahme aus dieser Steuer in Höhe von 115,5 Mill. Mk. zu rechnen sein. Damit würde nicht nur der Etatsansatz beträchtlich überstiegen
sein, es würde auch die Zuckersteuer die erste Stellung unter
den Verbrauchssteuern eingenommen haben. Die Branntwein- i Stab und Kompagnien zu je 120 Mann nach Taku einzu- verbrauchsabgabe, die bisher an dieser Stelle stand, hat im! schiffen. Am Nachmittag waren die Truppen auf S. M. S.
ersten Drittel des laufenden Etatsjahres nur 35,7 Millionen erbracht und ist damit hinter dem gleichen Zeitraume des Vorjahres um fast 3 Millionen Mark zurückgeblieben. Das Einnahmebild für diese beiden Steuerarten hat sich gegenüber dem Vorjahre vollständig verschoben. Im ersten Drittel des Etatsjahres 1899 wurde bei der Branntweinverbrauchsabgabe eine Jsteinnahme von 37,5 Millionen, bei der Zuckersteuer nur von 32,9 Millionen verzeichnet; die erstere war der letzteren also um 4,6 Millionen voraus. Im laufenden Etatsjahre hat die Einnahme des ersten Jahresdrittels einen Vorsprung der Zuckersteuer vor der Branntweinverbrauchsabgabe um 2,8 Millionen Mark ergeben. Das Verhältniß zwischen beiden (Steuerarten hat sich demgemäß zu Ungunsten der letzteren «m 7,4 Millionen Mark verschlechtert.
Die Preisvertheilung auf der Pariser Weltausstellung
ist, wie aus gut unterrichteten Kreisen mitgetheilt wird, zur vollsten Zufriedenheit der deutschen Aussteller ausgefallen. Diese Zufriedenheit herrscht mallen Gruppen in gleicher Weise, nicht zum mindesten in den Branchen der Elektrizität sowie der Chemie. Auch in rein materieller Beziehung find die überraschendsten Erfolge seitens der deutschen Aussteller zu verzeichnen. Insbesondere ist hervorzuheben, daß die Aussteller in dem Parke von Vincennes, der wegen seiner Entlegenheit verhältnißmäßig schwach besucht war, von dem Erfolge der Ausstellung in hohem Maße befriedigt worden sind. Viele deutsche Ausstellungsgegenstände, namentlich solche aus der Maschinenzruppe werden nicht nach Deutschland zurückgebracht werden. Durch die vielen theils schon cffektuirten, theils noch in Aussicht stehenden Bestellungen mehrerer Regierungen haben Deutschland unzweifelhaft eine äußerst einflußreiche Stellung in der Weltindustrie erworben. —
Die begeisterte Heeresfolge der britischen Kolonien
in dem südafrikanischen Feldzuge hat eine von den kolonialen Regierungen, als sie sich s. Z. in Chauvinismus formltch überboten, gänzlich außer Ansatz gelassene Begleiterscheinung zu Tage gefördert. In dem Wetteifer, ihre Kontingente Jelb= dienstfähig zu organisiren und möglichst rasch an die Front der kämpfenden Truppen zu schaffen, ist von den Kolonialregierungen nicht, oder doch nicht genügend in Erwägung gezogen worden, daß ein sehr erheblicher Prozentsatz der sich zum Dienst drängenden Freiwilligen aus Elementen bestand, welche zur Zeit außer Stellung und Verdienst waren oder sonstige Gründe hatten, sich nach einem „change of air and
scenery* zu sehnen. Der Patriotismus bildete hier einen günstigen Deckmantel für andere Beweggründe weit minder idealer Natur. Jetzt, wo der Krieg in Südafrika in den letzten Zügen liegt und die Frage nach der Rückkehr in die koloniale Heimath binnen Kurzem aktuell werden dürfte, zeigt es sich, daß eine sehr große Anzahl der kolonialen Mitkämpfer nicht die mindeste Lust hat, dorthin zurückzukehren, woher sie gekommen sind. Sie wollen vielmehr an Ort und Stelle ausgezahlt werden und auf südafrikanischem Boden ihr Fortkommen suchen. Von ihrem Standpunkt aus haben die Leute nicht so ganz Unrecht; denn wer aus Mangel an Beschäftigung zum Kalbfell schwur, wird jetzt keine übergroße Eile mit der Rückkehr in seine alte koloniale Misère haben, wenn er, nach näherer Einsichtnahme in die Lebensbedingungen und Erwerbsverhältnisse Südafrikas, dort die Bürgschaften einer auskömmlichen Existenz zu finden meint. Zur Rückkehr zwingen aber kann diese Leute Niemand. Hieraus ergibt sich ein alle Kolonien gleichmäßig treffendes Dilemma, denn sie leiden alle insgesammt an Bevölkerungsmangel und suchen auf alle Weise Einwanderer englischer Zunge heranzuholen. Aber gerade die jugendkräftigsten, arbeitstüchtigsten Leute auf Nimmerwiedersehen ad majorem Imperii gloriam hinauszusenden und dafür obendrein noch zu bezahlen — das empfindet man jetzt in Australien, Kanada re. als wider die Abrede gehend, und wenn es bei der Erfahrung sein Bewenden behält, daß die Kontingeniirung kolonialer Streitkräfte zu imperialistischen Zwecken gleichbedeutend ist mit dem Risiko eines dauernden Verlustes relativ werthvoller Kulturelemente, so dürften sich es künftig die Kolonien zwei- und mehrmal überlegen, ehe sie ihrer Loyalität für das Mutterland so bereitwillig die Zügel schießen lassen.
Das 3. Seebataillon beim Entsatz von Tientsin.
Am 19. Juni erhielt das 3. Seebataillon Befehl, sich mit
„Irene" eingeschifft. Von Offizieren nahmen Theil: Major
Christ, Kommandeur, und Leutnant Cretius, Adjutant des 3. Seebataillons, die Hauptleute Genè und v. Knobelsdorff als Kompagnieführer, Oberleutnant Hagemeister, Leutnant Friedrich, Marine-Oberassistenzarzt Dr. Nüsse. Das Bataillon begleitete freiwillig der Kaiserliche Dolmetscher Dr. Betz. Keiner von uns, so erzählt ein Theilnehmer der Expedition in der „Kölnischen Ztg.", ahnte damals während der Ueber- iahrt, welche schweren, harten Kämpfe schon wenige Tage nachher uns bevorstehen würden, und sorglos und heiter vergingen die Stunden in der liebenswürdigen Gesellschaft unserer Kameraden von S. M. S. „Irene". Am 21. Juni morgens konnte man auf der Taku-Rheede schon von Weitem mächtige Rauchsäulen bemerken — einige Stunden später lag S. M. S. „Irene" inmitten eines über 30 Kriegsschiffe
starken Geschwaders. Noch raffelten die Ankcrkctten, als an chinesischen Armeekorps gegenübcrstehen, das letztere W n ®= Major Christ durch einen Offizier des Geschwaders der Be-!S«r wahrscheinlich. In unserer rechten flanke bewegte sich fehl an Bord überbracht wurde, daß daS Secsoldaten-De- ziemlich ungenirt chinesische Kavallerie; aus chinesischen Dörfern, tachemcnt sofort zu landen und sich in Tongku sobald als wie aus dem zwischen uns und Tientsin gelegenen, sehr starken möglich mit russischen Truppen int* Vormarsch gegen Tientsin Arsenal, in welchem Millionen an Kriegsmaterial aufgespeichert zu vereinigen habe. Höher schlugen die Soldatenherzen in lagen, hatten die Patrouillen sehr lebhaftes »euer erha <en. dem Gedanken, die in Tientsin verzweifelt kämpfenden Käme-1 Die Bahnlinie Tongku-Tientsin war derartig nachhaltig von
• - ' " ■ - - Boxerbindcn zerstört, wie es selbst unsere Eisenbahnbrigade
! nicht hätte besser machen können. Man denke sich in unsern * Manövern ein Biwak, in welchem Proviant und Bagage vielleicht erst nach Sonnenuntergang eintreffen. Von 7 Uhr vormittag» ab hatten unser Leute, trotz der großen Anstrengungen bei glühender Hitze (29* E), nicht» in den Magen bekommen, ein Nachschub des Proviant» auf der Bahn war unmöglich — die Marine-Infanterie ist nicht wie die Armee mit einer fahrbaren großen Bagage ausgerüstet — die Hoffnung auf seine Koffer u. s. w. hatte wohl Jeder von uns ausgegeben; sie kamen auch nicht in den späteren Tagen, sie wurden schließlich bei dem gänzlichen Mangel an Fuhrwerk einem englischen Transport angeschlossen und gelangten erst am 3. Juli in Tientsin in unsere Hände. Aber der wohl- 1 berechtigte Wunsch, das Kostüm, in welche« wir von Tsingtau ausgcrückt waren, wechseln zu können, erwies sich leider als unerfüllbar; man hatte im Laufe der Zeit uns nur die Atrappen übrig gelassen, d. h. ein Theil der Koffer war seines Inhalts beraubt. C’est la guerre. Einen Trost hatten wir wenigstens; wir sahen später wirklich wie Feldzugssoldaten aus. Indessen alle persönlichen Bequemlichkeiten, Hunger,
raden und Landsleute befreien zu können; fest drückte man
sich beim Abschied die Hand; die Kunde von der Helden- müthigen Haltung der Besatzung S. M. „Iltis", die bei dem Angriff auf die Taku-Forts so schwere Verluste erlitten hatte, stimmte Alle ernst.
Deutsch- und Russen Schulter an Schulter.
Von Taku aus wurde nnser LandungskorpS von S. M. S. „Jaquar" in Schlepp genommen, deutlich waren an den Takuforts die Spuren der heftigen Beschießung zu erkennen, und zahllose Chinesenleichen, die in dem Peih» trieben, zeigten, wie hartnäckig der Kampf getobt hatte. Unter brausenden Hurrahrufen, die von uns kräftig erwidert wurden, fuhren wir an verschiedenen russischen, französischen und englischen Kanonenbooten vorüber; besonders stürmisch begrüßten uns unsere russischen Kameraden, mit denen wir in allererster
Linie Freud und Leid, Kampf und Sieg für die Folge getheilt haben. Bei unserer Ausschiffung auf der Eisenbahn-Endstation Tongku herrschte bereits reges Leben. Der russische Oberbefehlshaber, General Stössel, hatte soeben die Nachricht erhalten, daß Truppen des Generals Mah, von Schanhaik- _ . . , , . . .
man kommend, über Peitsang in der Stärke von 1500Mann Durst und Unterkunft traten in den Hintergrund vor dem gegen den Bahnhof im Anmarsch seien. Sofort erbot sich einen großen Ziel: „Die Kameraden befreien und den
Major Christ, den Schutz des Bahnhofs zu übernehmen, Gegner schlagen."
während der Rest der russischen Kompagnien ausgeschifft wurde. Mit zwei russischen Kompagnien, vier Maschincngc- wehren und der Kompagnie Gens wurde etwa zivci Kilometer nordöstlich Tongku an der Bahn nach Schanhaikwan eine Vorpostcnstcllnng genommen. Stramm und militärisch meldete der russische älteste Offizier seine Abtheilungen zur Stelle, gemeinsam versahen russische und deutjchc Patrouillen die Aufklärung gegen den Feind, ein verstündnißvolles Zusammenwirken und ein gegenseitiges Verstehen als Soldat und Kamerad verband uns vom ersten Tage an mit den russischen Truppen. Drohend standen die Maschinengewehre auf dem Bahndamm, schweigend legten sich die russischen Truppen auf den nassen, lehmigen Boden, erwartungsvoll harrten unsere Leute der Dinge, die da kommen sollten. Sie hätten einen gepfefferten Empfang gehabt, diese schlitzäugigen Kerle, für die als Parole ausgegeben war: „Kein Pardon". Aber sie fühlten sich sicher in ihrem mit Sumpf umgebenen Fort Peit- sang und ein am ganzen Leibe zitternder, gefangener Chinese bestätigte uns das, was wir vermutheten, daß sich die chinesische Besatzung von ihren dicken Fortmauern nicht trennen würde. So wurde denn Leutnant Friedrich mit 50 Seesoldaten und 50 Russen als Feldwache an der Bahn belassen, die anderen Truppen wurden nach Tongku-Bahn- Hof in Ortsunterkunft zurückgezogen. Zwischen Orts- unterkunft in Kriegszeiten und einer solchen bei den heimathlichen Fleischtöpfen besteht aber ein recht großer Unterschied. In den wenigen Schuppen, welche noch nicht von den Russen besetzt waren, hatte sich bereits unser Vetter John Bull breit gemacht, und so mußten wir denn mit einem alten Petrolcumschuppen und etwas Hartbrod vorlieb nehmen. Die eisernen Portionen mußten für ernstere Zeiten aufgespart bleiben. Aber die Stimmung blieb frisch und vergnügt; traf doch abends die Kunde ein, daß Tientsin zwar hart bedrängt, aber noch nicht verloren sei, und daß wir mit Tagesanbruch nach Tientsin aufbrcchen würden. General Stöffel hatte mit einem Theil seiner Truppen und unserer Kompagnie von Knobelsdorfs noch an diesem Abend unter theilwciser Benutzung der Bahn Tschenliantschang erreicht und unserm Kommandeur überlassen, die weiteren Maßnahmen nach eigenem Gutdünken zu treffen. Sein und unser Aller Wunsch war in erster Linie, die schwer bedrängten Kameraden in Tientsin herauszuhauen, zumal da die Nachricht cintraf, daß am Tage vorher ein Versuch der Engländer und Amerikaner unter
schweren Verlusten mißglückt war.
Am 22. bestiegen wir daher mit zwei Kompagnien Russen auf dem Bahnhöfe Tongku einen Zug und erreichten nach vierstündiger Eisenbahnfahrt und vierstündigem Marsch, auf welchem wir durch einen tropischen Gewitterregen bis auf die Haut durchnäßt wurden, das Detachement des Generals Stöffel, mit dem ein gemeinsames Biwak bezogen wurde. Die wenigen Kosaken, die zur Verfügung standen, hatten über den Gegner so gut wie nichts in Erfahrung bringen können, wir konnten daher ebensogut wenigen Tausenden, wie mehreren chinesischen Armeekorps gegenübcrstehen, das letztere schien so