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Nr 148.
Donnerstasi den 28. Juni
1900
Gefundene und verlorene Gegenstände etc.
Gefunden: 1 braune Pferdedecke mit Lederbesatz. 1 schwarzer Damengürtel mit gelbein Schloß. 2 Schulhefte, das eine mit dem Namen Matthias Schetter, das andere mit der Bezeichnung Wasserwerk II.
Verloren: 1 Packet mit 4 Pedalen auf dem Wege Hanau-Heusenstamm. 1 goldener Ring mit rothem Stein. 1 rehbrauner, steifer Filzhut.
Entflogen: 1 kleiner, amerikanischer Vogel mit rothem Kopf.
Hanau den 28. Juni 1900.
Die chinesischen Wirren und die sozialistische Weltanffaffung.
Gleich nach dem Beginne der gegenwärtigen chinesischen Wirren bemühte sich der „Vorwärts" darzuthun, daß die Chinesen eigentlich völlig im Rechte wären und daß die Mächte an der trostlosen Situation die Schuld tragen. Diese sinnige Auffassung scheint aber nicht nur persönliches Eigenthum des „Vorwärts", sondern die Anschauung der deutschen Sozialdemokratie überhaupt zu sein. So schreibt die „Sächs. Arbeiterztg." in Anlehnung an einen Brief des Bischofs Anzcr, in dem die Meinung ausgesprochen wird, daß die Besetzung von Kiautschou der Fremdenfeindlichkeit neue Nahrung zugeführt habe, u. a. folgendes: „ES darf nicht vergessen werden, daß Bischof Anzer selbst noch bis in die neueste Zeit zu den Befürwortern der Annexionspolitik gehört hat, sodaß ihm ein guter Theil der Schuld für die Entfachung des Fremdenhasses infolge der panzcrfäustigen Eingriffe in chinesisches Gebiet aufs Konto gesetzt werden muß ... So muß man denn gegenüber dem Streite, wer die Schuld an der gegenwärtigen Aufwallung des Fremdenhasses in China trägt, wohl oder übel zu dem Heineschen Schluffe kommen: „Doch es will uns schieb bedünken, daß Diplomat und Mönch, daß sie alle Beide den Blutgeruch verbreiten". (So elende Verse hätte beiläufig Heine nie verbrochen. A. d. R.) . . . Entkleidet man die Anzersche Schilderung der schön- särberischen Hoffnung auf die Reformaera, so liegt doch auch darin das Eingeständniß, daß die weltliche Panzerfaust unter Segenspendung der geistlichen Sammetpfote das Unheil in China in Fluß gebracht hat. Ausbaden müssen es das chinesische Volk und die Völker Europas, die ausgezogen sind, um den Chinesen ihre Güter zu nehmen, um damit die Taschen habgieriger Kapitalisten zu füllen."
Es sei völlig darüber hinweggegangen, daß dieser sozialistische Erguß in einem Augenblicke, wo deutsches Blut in China geflossen ist und wo das Leben vieler Deutscher schwer bedroht ist, einen vollständigen Mangel an nationalem
Empfinden dokumentirt. Es hätte auch gar keinen Zweck, sich darüber aufzuhaltcn, denn dem deutschen Sozialismus würde jedes Verständniß dafür, daß man über eine derartige Vaterlandslosigkeit empört sein muß, abgehen. Es soll hier nur dargcthan werden, wie unglaublich oberflächlich die philosophische und historische Auffassung der Sozialdemokratie ist.
Zunächst vergißt die Sozialdemokratie, daß sie mit ihrem „China den Chinesen" — denn dies ist ja doch der Sinn der Ausführungen des sozialistischen Organs — aller revolutionären Entwicklung ins Gesicht schlägt. Im Wesen der Revolution liegt die Propaganda, das Hinaus- tragen der eigenen Weltauffassung in die ganze Welt, das Hincinzwingen, und sei es auch durch Feuer und Schwert, der ganzen Welt in die eigene Weltanschauung. So verfuhr die große französische Revolution, die ihre Lehre von der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit der Welt aufzuzwingen trachtete; so verführt die Sozialdemokratie theoretisch, indem sie das Prinzip des Internationalismus voranstellt, und so würde sie praktisch verfahren, wenn sie erst einmal in einem großen Staate zu Macht gelangt wäre. Dann würde sie unweigerlich von diesem Centrum aus nach allen Himmelsrichtungen vorstoßen, um ihre Lehre und ihre Macht weiterhin zu verbreiten. Wie kann eine so ultraradikale Partei, wie die Sozialdemokratie überhaupt die starre Reaktion predigen, die doch in dem Satze liegt „China den Chinesen" ? Wie kann sie, die angeblich in allen Dingen den Fortschritt anstrcbt, dagegen eifern, daß die zivilisirten Mächte sich anschicken, China aus einem vieltausend jährigen Dornröschenschlafe zu befreien und eine Kultur zu beseitigen, die wohl vor Jahrtausenden diesen Namen verdiente, die heute nichts ist als Unkultur.
Was aber wichtiger ist: die sozialdemokratische Auffassung beweist, daß es der Sozialdemokratie überhaupt noch nicht gelungen ist, sich über den Zweck der Existenz der Menschheit klar zu werden. Das Menschenthum ist auf der Welt nicht um zu leben, sondern um zu leisten. Wollte cs nur dahin- vegetiren, so würde es sich nicht vom Thiere unterscheiden. Ist es nun ein Zufall, daß die großen Leistungen, die den Fortschritt der Menschheit bedeuten, durchweg den Angehörigen der weißen Rasse zuzuschreiben sind? Haben sie nicht die Buchdruckerkunst und das Pulver erfunden, den Dampf und die Elektrizität der Menschheit nutzbar gemacht, die Bewohner aller Erdtheile einander näher gebracht? Würde heute der Japaner von dem Amerikaner, der Chinese von dem Kongoneger etwas wissen, wenn nicht die weiße Rasse mit ihrer Thatkraft alle Schrecknisse des Unbekannten überwunden, alle Hindernisse der Entfernungen beseitigt hätte? China hat allein so viel Bewohner wie ganz Europa zusammen genom
men. Wie kommt es denn, daß dieser Riescnstaat schwächer ist, als irgend ein einzelner der größeren europäischen Staaten ? Die Chinesen haben eben nur vegetirt, während die Europäer geleistet haben. So sind sie der Aufgabe, die dem Menschen- thum von der Vorsehung angewiesen ist, nicht gerecht geworden und so entspricht es nur dem Malten der Vorsehung, wenn das Land jetzt von Denen erschlossen wird, die den Lebenszweck der Menschheit besser verstanden haben.
Endlich sei noch erwähnt, daß das Wort „China den Chinesen", wenn man es bis zur letzten Konsequenz durchführt, das sozialistische Prinzip direkt aufhebt. Denn mit demselben Rechte, mit dem für jedes Volk, mag cs dessen auch unwürdig sein oder nicht, das Recht der unbedingten Selbstbestimmung verlangt wird, muß in Fortführung dieser Konsequenz für den Einzelnen das Recht unbedingter Selbstständigkeit verlangt werden — also das gerade Gegentheil von dem sozialistischen Zwangsstaate, der den Einzelnen ja viel enger an den Zweck des Gesammtstaats anglicdcrt, als es die bestehende Gesellschaft thut. Wenn die Anarchisten das verlangten, so würden sie nur folgerichtig handeln: die Sozialisten beweisen, indem sie die unbedingte Unantastbarkeit Chinas verlangen, ihre grenzenlose Oberflächlichkeit.
Die Wirren in China
Nach China.
Wie man aus Stuttgart telegraphirt, fand dort gestern in Anwesenheit des Königs Wilhelm, des Kriegsministers, Generals Schott von Schottenstein, der Generalität, der Regimentskommandeure und vieler anderer Ofstzicre der Stuttgarter Garnison auf dem Kasernenhofe der großen Infanterie-Kaserne die Verabschiedung der am Nachmittage nach China abgehenden Freiwilligen der württcm- bergischen Regimenter statt. Der König schritt nach Begrüßung der anwesenden Offiziere das vier Unteroffiziere, 64 Mann zählende Freiwilligenkorps ab, sprach längere Zeit mit einzelnen Leuten und erkundigte sich nach deren Verhältnissen. Alsdann hielt der König eine längere Ansprache an die Mannschaften, in der er seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Soldaten seines Landes auch im fernen Osten sich bewußt sein werden, was ihre Pflicht und Schuldigkeit sei, daß sie dem Statuen Württemberg Ehre machen, und in bester Mannszucht und voller Hingabe an ihr Vaterland ihre Sol- daienlaufbahn jenseits des Meeres fortsctzen werden. Der Monarch rief den Leuten seine besten, innigsten, von Herzen kommenden Wünsche zu und schloß mit den Worten: „Bekräftigt mir Euer Gelöbniß mit dem Rufe: Seine Majestät der Kaiser, unser oberster Kriegsherr, er lebe hoch!" Nachdem die Klänge der Königshymnc verstummt waren, rief der
Feuilleton.
Die Piiisei Weltausstellung.
X.
Das deutsche Kunstgewerbe.
Fast möchte man sagen: das deutsche Buchgewerbe, denn zweifellos ist das Buchgewerbe ein großer und wichtiger Zweig des deutschen Kunstgewerbcs. Wenn man vom Buchgewerbe spricht, denkt man zunächst weniger an den Inhalt der Bücher, als an die Art ihrer Ausstattung, an die guten Eigenschaften von Papier, Druck, Einband und — in letzter Stute vielleicht — an Zierleisten, Vignetten und was sonst noch zum Schmuck des Buches dient, kurz an alle jene Eigenschaften des Buches, die für die Leihbibliothek »inen Werth haben. . Die Leihbibliothek ist auch bei uns noch immer der gefährlichste ^cind des Buchgewerbes, denn Letzteres geht darauf aus, daß Aucher nicht nur gelesen, sondern auch wie gute Freunde geliebt werden sollen. Das ist leider bei uns in Dcmschland nur in geringem Maße der Fall. Vielleicht entscheidet man jich da und dort, ein Prachtwerk als Festgcschenk ^zu verwerthen. Ob aber dieses Prachtwerk echten bleibenden Schonheitswerlh besitzt, wagt man nicht zu entscheiden. Man kauft, was gerade Mode ist, also was Andern gefällt und wodurch man sich verblüffen läßt. , _ L
Das ist ein sehr schwacher Punkt in der Entwicklung unsers deutschen Geisteslebens. Und auf die Gefahr hm, zu langweilen, muß ich nochmals erwähnen, daß ich bei ^ranzojen, denen ich meinen deutschen Ausstellungs-Katalog zeigte, weit mehr Verständniß für die Schönheit seiner Ausstattung gefunden habe, als bei Deutschen. Das französische Buchgewerbe steht darum nicht höher, als das unsnge. Aber es ist
। ganze deutsche Abtheilung in diesem Bau, deren Ausgestaltung
! bekanntlich der Architekt Prof. Hoffacker geleitet hat. Die Anordnung bot ganz besondere Schwierigkeiten aus dem Grunde, daß die amerikanische Sektion gewissermaßen in den untern Theil der unsrigen eingreift, während unsere deutsche Gallcrie die amerikanische Sektion von eben umklammert. Prof. Hoffacker hat nun die Schwierigkeit, die aus der Lage der Dinge erwuchs, in der Weise gelöst, daß er die Treppen nicht zu einem imposanten Monumental-Aufgang^ gestaltete, sondern sie so legte, daß für das Innere der Sektion ein breiter Raum gewonnen wurde, der eine schöne Monumental- Front zu »oller Wirkung gelangen läßt.
Verschiedene hochaufstrebende Bronze-Figuren haben hier in schöner, aufsteigender Gruppirung Aufstellung gefunden, Lorbeer und anderes freundliche Grün ist dazwischen vcrthcilt, breite gepunzte Ledersitzc laden zum Ausruhcn ein, alles Gedrängte, nothdürftig Eingeklemmte und Jahrmarktsmäßige ist vermieden; in gefälligen Ueberschneidungen öffnen sich nach rechts und links verschiedene fein ausgcstattete Möbclkojen, und die Durchgänge zur Ausstellung der Königlichen Porzellan-Manufakturen Berlin, Meißen, Npmphcnburg u. s. w. Der linksseitige Treppen-Aufgang zeigt eine mit echt deutschem Humor dargestclltc Jagd in kräftiger Holzskulptur, die am Treppen-Geländer herunter läuft. Hier erblickt man auch die bekannten Scherrcbcckcr Webereien, wundervolle Glasfenster, die bei höchster Leuchtkraft der Farbe durch reichliches, den Augen wohlthuendes Licht durchfluthen lassen, und nun sind wir auf der obern Gallerte angelangt. Man übersehe zunächst einmal den Inhalt der einzelnen Kojen und lasse die reizvollen Ausblicke und Einblicke auf sich wirken, die sich nach allen Seiten hin öffnen. Der Franzose nennt das einen coup d’oeil und ist unausgesetzt auf der Suche nach einem solchen coup d’oeil. Zweifellos entgeht ihm darüber mitunter manche werthvolle Einzelheit.
nicht abzuleugnen, daß wir in Deutschland, mehr als billig, geneigt sind, die Schönheit eines Buches oder sonstiger Ge- brauchsgegenstände für etwas Ueberflüsstgcs zu halten, für eine Art alberner Spielerei, mit der sich' so vernünftige und praktische Leute, wie wir sind, höchstens im kritisch gönnerhaften, niemals im freundschaftlich genießenden Tone befassen können. Glücklicherweise ist man in den leitenden Kreisen unsers Volkes weit entfernt, diese etwas rüpelhafte Anschauung zu theilen. Die außerordentlich reizvolle Ausstattung des amtlichen Ausstellungs-Katalogs thut es deutlich dar. Er ist so sehr ein Gegenstand zum Bewundern und Liebhaben, daß man wünschen könnte, es möchte ihm in jedem deutschen Heim ein Platz gegeben werden. Schon wegen der vielen Kenntnisse über unsere eigene Gegenwarts-Geschichte, die er in schöner, faßlicher und sachgemäßer Darstellung vermittelt, wäre das zu wünschen, mehr noch um seines künstlerischen Schmuckes willen. Es ist kein Buch mit „Illustrationen" und doch ein Buch, das im Familienkreise mit bleibendem Interesse besehen und gelesen werden kann, denn der Zauber Ludwig Richterscher Innigkeit und „Deutschheit" ist hier mit der sachlichen Ruhe deutscher Wissenschaftlichkeit verschmolzen.
In diesem deutschen Hausbuche im besten Sinne des Wortes wird man sich auch über die vielseitigen Bestrebungen des deutschen Kunstgewerbes nach allen Seiten hin unterrichten können. Da ist die Möbel-Industrie, die vorwiegend im Möbelhause auf der Jnvaliden-Esplanade vertreten ist: anpassungsfähig, beweglich, immer darauf aus, neue Dinge in neuer Form zu sagen und eben deshalb oftmals schwankend und unruhig. Das deutsche Kunsthandwerk hat diesen Zustand weniger verschuldet als die deutsche Kunstkritik, die gerade der Möbel-Industrie während der letzten dreißig Jahre nicht einen einzigen Augenblick Zeit gelassen hat, sich auf sich selbst zu besinnen. Eine reiche dekorative Studie aber bietet die