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Samstag den 19. Mai
1900
Amtliches. Handelsregister.
Re« einzelragen sind:
1. die Firma F. Bott L Co., offene Handelsgesellschaft m Kesselstadt, und als ihre Inhaber der Ciseleur Friedrich Bott in Kesselstadt und der Kaufmann Friedrich Wei sm antet in Hanau;
2. die Firma Eiswerke I. H. Günther L C o., Kommanditgesellschaft, Hauptniederlassung in Frankfurt a. M., Zweigniederlassung in Hanau und als ihr persönlich haftender Gesellschafter der Kaufmann Jakob Heinrich Günther in Frankfurt a. M., der allen: zur Vertretung der Gesellschaft ermächtigt ist.
H»a» den 16. Mai 1900.
Königliches Amtsgericht 5. 8239
GäMtmachung.
Ein Jagdhund (Bastard), braun mit weißen Pfoten, männlich, ca. 6 Monate alt und ein Bernhardinerhitnd, männlich, braun gefleckt, sind hier als zugelaufen angemeldet.
Langendiebach den 18. Mai 1900.
Die Ortspolizcibehörde. 8255
Die marokkanische Frage.
Zwei Ereignisse der jüngsten Zeit haben die Aufmerksamkeit in verstärktem Maße auf Marokko gelenkt, jenes Reich an der Nordwcstecke Afrikas, das außer Abeffynien das einzige Küstenland des ehemals dunkeln Erdtheils ist, wo noch keine europäische Macht eine Oberhoheit ausübt. Das eine war die Besetzung der Oase Tasilelt vor dem Ostabhange des Hohen Atlas durch eine französische Expedition, das andere die Nachricht vom Tode des marokkanischen Großvesiers.
Marokko ist nach seiner Lage am Atlantischen Ozean vor den Thoren Europas und nach seiner Boden-Beschaffenheit ein außerordentlich begehrenswertes Land, und wenn es noch nicht unter die Hoheit einer zivilisirten Macht gekommen ist, so sind daran hauptsächlich zwei Umstände schuld: die Eifersucht der Mächte, die dort Interessen haben, und die schauderhaften innern Zustände des Landes, die cs bisher für fremde Einflüsse beinahe unnahbar gemacht haben.
Die ältesten Beziehungen zu Marokko hat Spanien aus der Zeit der maurischen Kämpfe her; der Zusammenbruch der spanischen Kolonialmacht hat aber natürlich die Konkurrenz Spaniens in Bezug auf Marokko bedeutend geschwächt. Dagegen ist Frankreich durch die Eroberung Algiers in die un
mittelbare Nähe Marokkos gerückt und verfolgt beharrlich das Ziel, sich durch das Hinterland von Marokko einen Weg von Algier nach seinen Besitzungen am Senegal zu bahnen. Außerdem kommen Italien als alte Kulturmacht für die Nordküsten Afrikas, England mit seinen See-Interessen und schließlich Deutschland mit seinem Handel und als junge Kolonialmacht in Betracht.
Marokko hat eine Reihe wichtiger Küstenorte, aber keinen einzigen ausgebaulen Hafen. Die fremden Gesandten sitzen in Tanger, weit entfernt von Marakesch, der Hauptresidenz des Sultans. Eine feste Thronfolge-Ordnung besteht nicht, infolge dessen hören blutige Thron-Streitigkeiten und Kriegszüge gegen aufrührerische Stämme kaum auf. Was man sonst Regierung nennt, ist dort ein wahres Blut- und Erpressungs-System, das aus Selbsterhaltungstrieb darauf bedacht ist, die Berührung der meist dem Islam dienenden Einwohner mit der Außenwelt zu hindern. Deshalb wird auch die Hebung der Bodenschätze unterdrückt, die ehemals hohe Kunstfertigkeit lebt nur in kleinen Handwerks-Betrieben fort, es gibt keine Posten, keinen Telegraphen. Der Sultan ist ein junger Mann von ungefähr 20 Jahren; als Kind auf den Thron gekommen, stand er ganz unter dem Einfluß des GroßvestèrS Leo Hamed, der für die Einkerkerung anderer Thron-Anwärter sorgic. Die Nachricht von dem Tode des Großvesiers ist zwar noch nicht bestätigt, jedenfalls aber ist er schwer krank und man glaubt, daß nun neue blutige Wirren ausbrechen werden.
Konnte die früher von Frankreich besetzte Oase Tuat noch als herrenlos betrachtet werden, so wurde Tasilelt, ein von Berbern und Arabern bewohnter Landstrich, bisher zweifellos zum marokkanischen Gebiete gerechnet. Frankreich hat also, unter Ausnutzung der englischen Verlegenheiten in Südafrika, den Anfang zur Auftheilung Marokkos gemacht, allerdings an einer für andere Nationen am wenigsten zugänglichen Stelle. Es fragt sich, ob andere Mächte Kompensationen an der Küste fordern werden. Für die deutsche Politik, die dort wiederholt nach der Ermordung deutscher Händler einzuschrcitcn hatte und erhebliche Interessen wahrzunehmen hat, könnte da eine Aufgabe erwachsen, die umso schwieriger wäre, je länger sich die nothwendige Vermehrung unserer See-Streitkräfte hinauszöge.
Kronprinz Wilhelm
Berlin, 19. Mai. Ueber den Kronprinzen ist in diesen Tagen der Feste unendlich viel geredet und geschrieben worden. Aber eigentlich nichts Intimes, nichts aus dem man sich ein wirkliches Bild der Persönlichkeit dieses jungen, oft erwähnten und eigentlich doch — einen ganz kleinen Kreis ausgenommen — ganz unbekannten jungen1
Mannes hätte machen können. Die erste Veröffentlichung, welche nach allen Richtungen hin mehr gibt, lesen wir in einem Aufsätze des bekannten Berliner Berichterstatters der „Neuen Zür. Ztg.". Wir lesen da: Beim Einzüge des Kaisers von Oesterreich fesselte die Schaulust der guten Berliner am meisten die offene Karosse, in der an der Seite seines Oheims, des Prinzen Heinrich, der junge deutsche Kronprinz saß. Der junge Mann ist bisher so wenig in die Oeffentlichkeit gekommen, daß ihn von Angesicht zu Angesicht kaum einer der Berliner kannte, wenn man auch einigermaßen auf sein Aeußcres durch die neuesten Photographien vorbereitet war, die seit einigen Tagen in allen Berliner und Potsdamer Bilderläden hängen. Der erste allgemeine Eindruck war: zu welcher stattlichen Länge hat sich der kleine Knabe von früher jetzt hcrausgcwachsen! Er ist gröser als sein prinzlicher Oheim und dieser ist schon wieder größer als der Kaiser. Der junge Kronprinz schlägt also in der Statur der hochgewachsenen kaiserlichen Mutter nach, die eine sehr stattliche Dame ist. Wir haben somit Aussicht, wieder einen Monarchen zu erhalten, der körperlich um Haupteslänge über allem Volke emporragt, so wie sein Großvater und sein Urgroßvater, die gutes Gardemaß hatten. Noch ist er ja schmal und schlank, ganz jünglinghaft, mit vorläufig völlig bartlosem Antlitz, auf welchem zurückhaltende Bescheidenheit und ein Zug noch nicht ganz verlorener Kindlichkeit ruht. Es ist ein einfaches, liebenswürdiges JünglingSgesicht, mit hübschen, etwas ernsten Augen; das glatte blonde Haar ist militärisch kurz geschnitten und schlicht zurückgekämmt. Von einem eben erst Achtzehnjährigen, der mit strenger Gründlichkeit erzogen und ängstlicher vor jedem unkontrollirten Austoben behütet wurde, wie der einfachste Bürgersohn, läßt sich nicht viel sagen. Er ist zunächst ganz ein unbeschriebenes Blatt. Es ist gute Tradition, daß die hohenzollernschen Prinzen, besonders jene, denen einstmals der Thron winkt, eine außerordentlich sorgfältige Erziehung erhalten und von frühester Jugend auf schärfer herangenommen werden als durchschnittlich ein gewöhnliches Menschenkind. Nachstehendes beruht auf Mittheilungen, die mir von kundiger und aufmerksam beobachtender Seite zutheil wurden. Es mag darin Einiges sein, was selbst in deutschen Blättern vielleicht noch nicht zu lesen war. Danach ist der Kronprinz von Charakter ernst, pflichttreu und lernbegierig, letzteres mehr als seine Brüder. Er ist liebenswürdig gegen seine Geschwister und ohne Hochmuth gegen seine Umgebung, obgleich ein gewisses Gefühl für Würde und für die Bedeutung seiner Stellung schon ausgeprägt ist, welches sich gelegentlich früher recht drollig darin äußerte, daß er glaubte, in Gegenwart Anderer einen feierlichen Ernst bewahren zu müssen, selbst wenn die zärtlich geliebte Mutter sich über irgend etwas im Theater
Feuilleton*
Die dritte Ausstellung des Kunstvereins im Jahre 1900.
Die schöne Reisezeit naht heran, die so Manchen demnächst auS der Hitze und dem Staube Hanaus in das Gebirge führen wird. Einen kleinen Vorgeschmack Denen, die reisen können und einen hübschen Ersatz Denen, die Mangel an Zeit oder an Geld nöthigt zu Hause zu bleiben, können einige Bilder der jetzigen Ausstellung gewähren. Denn wenn diese ja auch nicht nach allen Richtungen hin bedeutend genannt werden kann, so bietet sie doch an landschaftlichen Gemälden wenigstens ein ganz hervorragendes und auch im Uebrigcn manches doch immerhin recht sehenswerte Bild. Die Ausstellung hat sich bis bis jetzt keines sehr starken Besuches erfreut. Hoffentlich veranlassen diesen Zeilen noch Manchen, das Versäumte nachzuholen. Leider muß sie schon am nächsten Montag geschlossen werden.
Die erste Stelle nimmt wohl ohne Zweifel ein die große Alpenlandschaft von E. T. Compton. Vor dem breiten Berg- masstv der Berner Alpen, das sich in west-östlicher Richtung hinzieht, befindet sich eine Senke, welche die Aar durchfließt. Nachdem die Aar, von Südoften kommend, das enge Hasli-' thal durchfurcht hat, tritt sie in ein breiteres Gelände, in dem sie zwei Seen bildet, erst den Brienzer feee und dann, nach einem ganz kurzen Lauf durch die Ebene, welche die Schweizer das Bödeli nennen, den Thuner See. Nördlich von diesen beiden Seen erhebt sich nun wieder das Gebirge, und von diesen Bergen aus hat man eine gewaltige Aussicht nach den Berner Alpen, von keinem Berge wohl großartiger e ls von dem Rothhorn, das über dem Brienzer See empor-'
Die heutige Nm
steigt und das man zur Unterscheidung von etwa 10 anderen Rothhörnern das Brienzer Rothhorn nennt. Der Künstler führt uns noch rascher, als es die Zahnradbahn vermöchte, auf dieses Brienzer Rothhorn und läßt uns die ganze Gegend, fast wie in einem Panorama, im Glanze der Abendsonne schauen. In nächster Nähe, nach rechts hin, sehen wir einen Theil des Rothhorns mit Felshängen, grünen Matten und einer weidenden Heerde. Tief hinunter schauen wir durch zerrissene Wolkenschleier in die Thalsenke, aus der wir emporgestiegen sind. Wir sehen die Aar weithin ihr aufgeregtes, trübes Wasser in den läuternden Brienzer See hineinführen, sehen die Matten, Wiesen und Ackergesilde in bläulichem Duft zu unseren Füßen. Das ist alles so natürlich, so greifbar, daß es für den Beschauer gar keines Hinweises bedarf, daß derKünstler ihn aus steilerHöhe in die Tiefe hinabblicken läßt. Diese so schwierige Aufgabe ist in einer geradezu berückenden Weise gelöst. Ueber dem Wolkenschleier aber, der das Thal zum Theil unseren Blicken entzieht, erheben sich jenseits, greifbar und doch in weichen Tönen, die nördlichen Abhänge der Berner Alpen mit ihren mannigfaltigen Thalöffnungen und hoch darüber in ewiger Pracht und Majestät erglänzen die Gipfel des Hochgebirges mit ihren Firnfeldern und Gletschern in der Abendsonne. Wir sehen die Gipfel vom Wellhorn im Osten bis über die Blümlisalp hinaus im Westen: Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau und wie sie alle heißen.
Da wir uns nun einmal im Alpenlande befinden, so machen wir auch im raschen Fluge einem der mächtigsten Gipfel selbst einen Besuch. Das mächtige Wetterhorn deutet uns die Richtung an. In seiner Nähe liegt das Rosenhorn. Das hübsche Bild von Gustav Hausmann in Hannover „Das Rosenhorn in der Schweiz" zeigt es uns in nächster Nähe mit seinen gewaltigen Schußfeldern, deren Abflüsse sich in den blauen Alpensee ergießen, der an seinem Fuße im nmer umfaßt außer dem Unterhaltungsbi
Schatten des Abends liegt. Dann trägt uns der Gedankenflug ostwärts nach Tirol zum Ortlcr mit seinen mächtigen Eishängen. Auch ihn zeigt uns ein Bild desselben Künstlers. Beide Bilder sind von großer Schönheit und Naturwahrheit. Gleichfalls aus dem Gebiete der Alpen, jedoch an seinen nördlichsten Ausläufern, da wo sich die Höhen des Herzogcn- standes und die Heimgärten in die moorige Ebene, über der oft die Wolken und Nebel hingen, herabsenken, sammeln sich die Wasser in den grünen Kochclsce. Recht charakteristisch, wenn auch einfach in seinen Motiven, ist das kleine Bildchen von Joseph Hahn in München „am Kochclsce", das recht klar veranschaulicht, wie dort See in Moor und Moor in See übergehen.
Von weiteren, wenn wir so sagen sollen, geographischen Bildern nennen wir eine „norwegische Landschaft" von Therese Fuchs. Da muß freilich der Berichterstatter gestehen, daß er an die Naturwahrheit dieses Bildes nicht recht glaubt. Auch die unbestimmte Bezeichnung läßt das Motiv etwas verdächtig erscheinen. Wasser, Schnee und Berge sind da, aber das macht noch keine norwegische Landschaft. Auch als Phan- tasicstück ist das Bild nicht ganz einwandfrei.
Mehr muthet uns an ein Bild aus der deutschen Heimath von P. Schütz in Düsseldorf „Bauernbrautfahrt in der schwäbischen Alb im Frühling". Die Landschaft ist vom Nordabhang des schwäbischen Jura genommen und sehr naturwahr, auch die reiche Staffage ist getreu und ansprechend, ebenso die freundlichen Häuser zwischen ben Blüthenbäumen, und doch empfindet der Beschauer eine gewisse Störung; es ist gar zu vielerlei auf dem Bilde zusammengedrängt, und unwillkürlich wird man etwas an die Anschauungsbilder für Unter- richtszwecke erinnert.
Eine Landschaft von H. Steen in Ficsan bei Eutin versetzt uns in den Norden unseres Vaterlandes an den Keller- see; es muß dies wohl ein kleiner See der Holsteinjchen att 14 Seiten.