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Nr. 59.
Samstag den 10» März
1900
Politischer Wochenbericht.
Am deutschen Kaiserhofe hat während der ver- ftoffenen Woche die feierliche Bekleidung des Kronprinzen mit den ihm vom Herzog von Veragua überbrachten Insignien des spanischen Ordens vom Goldenen Vließ stattgefunden. Bei dem darauf folgenden Festmahle brachte Kaiser Wilhelm einen Trinkspruch auf König Alphons und die Königin-Regentin von Spanien aus, desfen herzlicher und warmer Ton aufs Deutlichste die freundschaftlichen Beziehungen widerspiegelte, die seit langer Zeit zwischen Deutschland und Spanien bestehen.
Ebenso brachte die vorige Woche einen neuen Beweis des sympathievollen, durchaus einträchtigen Verhältnisses, das zwischen der deutschen Regierung und dem Oberhaupte der katholischen Kirche obwaltet. Am 2. März hat Papst Leo XIII. seinen 90. Geburtstag und zugleich den 22. Jahrestag seines Pontifikats gefeiert. Kai'er Wilhelm übersandte dem Papste aus diesem Anlasse ein Glückwunsch-Telegramm, und der Papst antwortete alsbald, daß er in diesem Glückwünsche mit lebhafter Freude einen neuen Beweis der freundschaftlichen Gefühle des Kaisers erblickte, und erwiderte den Glückwunsch zugleich mit der Bitte an Gott für das Wohlergehen des Kaisers und der ganzen kaiserlichen Familie.
Der Leiter der katholischen Kirche hat sicherlich auch allen Grund, mit der durchaus paritätischen Behandlung, die dem Katholizismus in Deutschland und speziell in dessen größtem Bundesstaate, in Preußen, zutheil wird, vollauf zufrieden zu sein. An dieser Thatsache vermögen auch die alljährlich erneuten Klagen einzelner Centrumsmänner, die soeben wieder im preußischen Abgeordnetenhause vorgebracht worden sind, nichts zu ändern. In den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses ist der Kultus-Etat dem Eisenbahn-Etat gefolgt, dessen Spezial-Berathung Gelegenheit gab, die außerordentlich weitreichende Fürsorge der preußischen Eisenbahn- Verwaltung für ihre Angestellten und Arbeiter in unanfechtbarer Weise dazuthun. Im Reichstage fanden ebenfalls zumeist Etats-Verhandlungen statt, unter denen die Berathung des Etats für Kiautschou sich besonders eingehend und interessant gestaltete.
Auch im Auslande sind gegenwärtig allenthalben parlamentarische Berathungen in lebhaftem Gange. Im ö st e r - reichischen Parlamente hat sich an die programmatische Erklärung des Ministeriums Körber eine ausgedehnte Debatte geknüpft. Bemerkenswcrth erscheint hier insbesondere die äußerst persönliche Weise, in welcher sich die Czechenführer im Herrenhause aussprachen. Leider aber dürfte ihr Einfluß nicht stark genug sein, um der unversöhnlichen Haltung des Jungczechcnthums im Abgeordnetenhause ein genügendes । Gegengewicht zu bieten. Die Sitzungen der italienischen!
Kammer wurden an erster Stelle von der Berathung des sogenannten „Decreto-Leggc", das heißt der Bekämpfung des Umsturzes und der Obstruktion dienenden Maßnahmen, ausgefüllt. Das englische Parlament endlich führte die Berathung des Budgets zu Ende und bewilligte der Regierung einen Kriegskredit von 700 Millionen Mark.
Solche gewaltigen finanziellen Opfer legt, ganz abgesehen von dem Verluste an Menschenleben, der südafrikanische Krieg dem englischen Volke auf, und noch ist ein Ende nicht abzusehen. Der Niederlage Cronjes und dem Entsätze Ladysmiths ist ein Sieg Roberts in Osfontein gefolgt. Ob indessen dieser Erfolg nachhaltige Bedeutung besitzt, müssen erst weitere Nachrichten erweisen.
Der Versuch irgendwelcher Intervention erscheint angesichts der Haltung Englands gänzlich aussichtslos, und das Bemühen eines Theiles der französischen Presse, Deutschland zu einer solchen zu veranlassen, dient nur dem Zwecke, uns mit England zu verfeinden und so eine dem französischen Rachekriege günstige Situation herbeizuführen. Offen hat der französische Kammerpräsident Deschanel jüngst wieder in einer zweiten Rede den Rachekrieg gegen Deutschland als das unverrückbare Ziel französischer Politik verkündet. Deutschland weiß also, wie cs die französischen Lockungen zu bcwerthen hat, und wird sich ihnen gegenüber auch fernerhin durchaus kühl verhalten.
Kohlennoth.
Ueber die aktuelle Angelegenheit der K o h l e n n o c h wurde in der letzten Sitzung der Handelskammer Wiesbaden eingehend berathen.
Die Handels- und Gewerbekammern von Ludwigshafen und München, sowie die meisten badischen Handelskammern haben sich an ihre Landesbehörden gewandt mit der Bitte, auf Beseitigung der jetzt herrschenden Kohlennoth insbesondere durch Aufhebung der Ausfuhrtarife für Kohlen hinzuwirken. Aus dem Bezirke der Handelskammer Wiesbaden sind ebenfalls zahlreiche und eindringliche Klagen über die Mißstände im Kohlenhandel laut geworden. Die Hauptklage ricktet sich gegen die herrschende Unsicherheit in der Beschaffung von Kohlen und der Ausbeutung der Nothlage durch übermäßige Erhöhung der Kohlenpreise, namentlich durch die Großhändler. Der Handelskammer liegen eine Reihe Originalbriefe der Großhändler und des Kohlensyndikats vor, welche das Vorgehen beider Theile beleuchten. Der Kohlenmangel und die Ueber- forderungen in den Preisen sind auf folgende Ursachen zurückzuführen: 1. die zu geringe Ausdehnung der Kohlenförderung durch die Kohlengruben, die in keinem Verhältniß steht zu dem wachsenden Bedarf der Industrie, 2. die Geschäftspraxis sowohl des Kohlensyndikats wie der Kgl.
Bergwerksdireküon in Saarbrücken, möglichst nur an Großhändler abzugeben und denen den Monopolvertrieb für Kohlen für gewisse Gegenden zuzuweisen, 3. dem zu großen Anwachsen der Ausfuhr von deutschen Steinkohlen mit Hülfe der Ausfuhrtarife für Kohlen. Die Steinkohlenförderung Preußens hat feit 1892 bis 1898 nur um 37 pCt., im Durchschnitt jährlich also nur 6 pCt. zugenommen. Der Bedarf ist aber gerade in den letzten Jahren in viel höherem Maße gewachsen. Während früher die Fabriken von den Zechen und von dem Kohlensyndikat direkt beziehen konnten, werden nunmehr die Fabriken an die Großhändler verwiesen, welchen bestimmte Absatzgebiete zur Bearbeitung übertragen sind. Diese Großhändler haben nun in letzter Zeit den Fabriken überhaupt keine Verkaufsofferten mehr gemacht, sondern die Fabriken waren gezwungen, um Offerten bei den Großhändlern nachzusuchen. Dabei spielte sich gewöhnlich der Lauf der Dinge folgendermaßen ab. Zunächst bekam der Fabrikant gar keine Antwort, nach wochenlangem Warten wurden ihm Kohlenmengen zu einem erhöhten Preise, meist 40 bis 60 Mark der Doppel - Waggon theuerer als im Vorjahre, angeboten. .,Dabei wurden noch Abzüge bis zu ’s der Menge gemacht, indem die Händler behaupteten, infolge Abzüge des Syndikats an den Lieferungsmengen nicht die gewünschte, früher bezogene Menge liefern zu können. Außerdem behält sich das Syndikat das unerhörte Recht vor, Kohlen, die bis zu einem bestimmten Termin nicht geliefert sind, überhaupt nicht liefern zu müssen. Machte der Fabrikant nicht sofort von der Verkaufs-Offerte Gebrauch, so lief er Gefahr überhaupt keine Kohlen zu erhalten. So kommt es, daß einzelne Fabriken noch heute nicht ihren Bedarf für 1900 decken konnten und wahrscheinlich sehr hohe Preise werden anlegen müssen. Für einzelne mittlere Fabriken des Bezirks beläuft sich die für Kohlen zu erwartende Mehrausgabe auf 30,000 Mk., für die größten Fabriken wird die Mehrausgabe in die Hunderttausende gehen. Für den ganzen Bezirk, der rund 200,000 Tonnen Kohlen mit der Bahn und rund 300,000 Tonnen mit dem Schiff empfängt, ist eine Mehrausgabe von Is s bis 2 Millionen Mark, wovon die Industrie 3/< zu tragen hat, */* den Haushaltungen zur Last fällt, anzusetzen. Für das ganze deutsche Reich wird die Mehrausgabe auf 250 bis 300 Millionen Mark anzusetzen sein, wenn die Großhändlerpreise allgemein durchdringen. Dabei soll die Qualität der Kohlen bei den Lieferungen nicht immer eingehalten werden. Da nicht anzunehmen ist, daß die Industrie eine so ungeheure Mehrbelastung, wie sie die Erhöhung der Kohlenpreise zur Folge haben muß, durch Erhöhung der Fabrikatpreise wieder einzubringen im Stande sein wird, so muß dies wiederum auf die Wettbewerbsfähigkeit mit dem Ilusland einwirken, was umso
Feuilleton.
Professor Victor Ainu Huber, geboren am 10. März 1800 in Stuttgart, gestorben am 19. Juli 1869 in Wernigerode.
An die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages mancher Männer, deren Name auf allen Lippen schwebt, wird in unseren Tagen erinnert. Auch solche Namen werden genannt, deren Gedächtniß doch nur in beschränkten Kreisen fortlcbt. Zu den . Männern, die in einer gewissen Verborgenheit gelebt, dennoch aber durch ihren Einfluß gerade auf die im Vordergründe stehenden, führenden Persönlichkeiten eine eigenartige Bedeutung für die Entwicklung des gesammten öffentlichen Lebens im nun vergangenen Ja rhundert gewonnen haben, gehört Viktor Aimtz Huber.
Eine merkwürdige Erscheinung tritt bei dem Namen Huber vor das Auge Derer, die ihn gekannt haben.
Schwerfällig in Gestalt und Bewegung, hat dieser Mann die zartesten Perlen spanischer und französischer Volkspocsie auf seinen Wanderungen erlauscht und gesammelt. Heftig im Vertreten seiner Ueberzeugung, so daß' man sich vor ihm fürchtete in öffentlichen Versammlungen, schrieb er Briefe voll zartester Feinheit, innigster, herzbewegender Liebenswürdigkeit.
Merkwürdige Gegensätze waren in seinem Wesen und Leben von Anfang an verbunden. Wird doch kaum ein zweiter Mensch zu nennen sein, bei dein es bis ins erwachsene Alter zweifelhaft war, ob er evangelisch oder katholisch, ob das Französische oder Deutsche seine Muttersprache sei, wo er eigentlich sein Vaterland habe. Ist doch als Vorarbeiter und als Bahnbrecher für die gemeinsame Arbeit zur Lösung der sozialen Aufgaben kaum einer ihm ebenbürtig in unserem Volk, "ud zugleich hat eine Lassalle mit wahrhaft glühenden Worten
Er machte — eigentlich als Mediziner — eine Reis c nach Paris. Dori entwickelte sich zuerst seine Gabe, das soziale Leben im Kleinen und Einzelnen wie im Großen und Ganzen zu beobachten. „Guckkastenbilder und sonst allerlei" nannte Huber kleine, knappe Schilderungen des Lebens im Pariser Arbeiterstande und sonst in Paris, die seine Mutter zuerst aus seinen Briefen in Cottas Zeitschriften veröffentlichte. Cotta erfamtie diese feinen, meisterhaften Schilderungen sofort als einen Schuß ins Schwarze, honorirte gut und ermuthigte zu weiteren Reisen und Schilderungen. Später Huber ganz die Leitung der Augsburger Allgem. Zeitung zu übertragen war sein Plan, auf den aber Huber nicht einging, um seine Freiheit zu wahren.
In Spanien schwelgte Huber in Forschungen im Schatze aller Dichtungen, beobachtete das Volksleben, schwärmte mit den freiheitsdurstigen, aber wenig thatkräftigen Spaniern, reiste über Frankreich und Holland nach England, studirte die Lage der Arbcitcrwelt in allen diesen Lindem und wurde vor Allem durch das, was er in England an Organisation der industriellen Arbeit, Genoffenschaftswesen in verstiegenster Gestalt kennen lernte, vorbereitet zu dem, was er geworden, nämlich ein sozialer Prophet oder A p o st e l im edelsten Sinne des Worts, trotzdem er sich immer als einen Prediger in der Wüste gefüllt hat, und — nicht ganz mit Unrecht.
Bis Huber weiteren Kreisen als sozialer Berather und Pfadfinder bekannt wurde, dauerte es noch lange.
In Bremen fand er den Hafen, nicht nur in einer überaus glücklichen Ehe und in einem befriedigenden Beruf als Lehrer an einer höheren Handelsschrlle, vor Allem in der klaren Entwickelung entschieden christlicher, nie wieder schwankender evangelischer Gesinnung. In Rostock, darnach längere glückliche Jahre in Marburg, wirkte Huber als Professor der neueren romanischen Litteratur.
dankbarster Verehrung ihm gehuldigt, freilich — ohne Gegenliebe zu finden.
Viktor Aimtz Hubers Eltern standen nicht nur mit den führenden Geistern der Zeit in Verbindung; sein Vater war ein naher Freund Schillers. In Gemeinschaft mit Körner, dem Vater des Dichters, schrieb der Vater Hubers 1784 als junger Mann den bekannten Huldigungsbrief an Schiller nach Mannheim, der Schillers Uebersiedelung nach Leipzig zur Folge hatte.
Der erste Gatte der Mutter unseres Huber, Georg Forster, stand wieder Goethe nahe. Als Schriftsteller, Weltumsegler geschätzt, zählte Forster in den ersten Jahren seines Ehestandes in Mainz unter den oft und gern in sein Haus eintretenden Gästen neben Wilh. v. Humboldt, Fr. Jacobi und Goethe. Später gerieth Forster in Mainz in sehr bedenkliche Gesellschaft französischer Revolutionäre, folgte ihnen nach Paris und starb dort einsam, fern von den Seinen. Deren Pflege und Fürsorge hatte er schon Jahre lang vorher seinem Freunde Huber überlassen, dem die Wittwe Therese geb. Heyne, des bekannten Göttinger Philologen fein gebildete, edel angelegte Tochter, die Hand zum Ehebundc reichte. Sie hatten von Mainz nach Straßburg, von dort nach- Neufchatel wandern müssen. Dem Ruf des Buchhändlers Cotta folgte Huber der Vater nach Tübingen, dann Stuttgart, endlich Ulm, um bei der Zeitschrift „Weltkünde", auS der die Augsburger Allgemeine Zeitung entstand, leitend mitzuwirken.
Nach des Vaters frühem Tode brachte die schriftstellerisch hoch befähigte und emsig thätige Mutter ihren Knaben in die Anstalt von Fellenbergs nach Hofwyl in der Schweiz, die in Pestalozzis Geist geleitet wurde.
Anfangs ftubirtc der junge Huber Medizin, aber spanisch und französische, auch italienische Sprache und Litteratur waren die Welt, in der er lebte.