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Amtliches Organ für Atsöt- unö LauöKreis Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Nr. 55.

Dienstag den 6. März

1900

Hierzu

Amtliche Beilage" Nr. 11.

Amtliches.

^taöt&reis ^anau.

Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.

Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung

am Donnerstag den 8. März 1900, nachmittags 5 Uhr

im oberen Saale des Rathhauses.

, Tagesordnung:

1. Feststellung des außerordentlichen Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1900.

2. Bewilligung von 1320 M. auf E. 0. pro 1900 für Abortanlage im Stadttheater.

3. Prüfung der Heizungsanlage im Stadttheater.

4. Verlegung der Baufluchtlinie der Waldstraße zwischen Leipzigerstraße und Grünen Weg.

5. Veränderung der Baufluchtlinie für den Durchbruch zwischen Hahnenstraße und Neue Anlage.

6. Veränderung der Baufluchtlinie der Philippsruher Allee.

7. Neupflasterung der Fahrstraße zwischen Neustädter Markt­platz und Paradcplatz bei Einstellung von 6415 M. in E. 0. für R.-J. 1900.

8. Bewilligung von M. 5560 Mehraufwand an elcktr. Kabeln bei Anschluß des Ostbahnhofes gegen den Vor­anschlag.

9. Bestreitung von 436,97 M. aus der Elektrizitätswerks­kasse für Schmelzsicherungen wegen der Kreuzungen der städt. Starkstromleitung mit den Fernsprechleitungsdrähten.

10. Bewilligung von M. 2400 aus der Gaswerks- und M. 2850 ans der Wasserwerkskasse für 1899, zwecks Verlegung der Gas- und Wasserleitung im Grünen Weg nach den Neubauten der Gemeinnützigen Bau­gesellschaft.

11. Abkommen mit dem Brauereikonsortium wegen viertel­jährlichen Abschlagszahlungen an Biersteuern re.

12. Betrifft Neuregelung der Grund- und Gebäudesteuer.

13. Erhöhung der Vergütung für das Reguliren und Auf­ziehen der städtischen Uhren von 230 M. auf 400 M.

14. Nachbewilligung von 44,33 M. auf Tit. I für 1899 Aus Vorjahren", zwecks Beschaffung ^von Jnvaliden- versicherungsmarken für den Glöckner Schäfer.

15. Abkommen mit der israelitischen Gemeinde wegen Unter­bringung ihres Leichenwagens bei Entfernung der Leichen-

wagenhalle in der Nordstraße am Mesenberg'schen Gebäude.

16. Betr. Uebernahme des Trichinenschauamts durch die Stadt.

17. Ortsstatut, betr. die nicht lebenslänglich angestellten Be­amten, zur endgültigen Zustimmung.

18. Nachbewilligung von 2000 M. für Beschäftigung ar­beitslos gewordener Diamantschleifereiarbeiter.

Um 4Vs Uhr Sitzung des Finanz- und Bauausschusses, dazu Punkt 1 vorstehender Tagesordnung»

Hanau den 2. März 1900.

Der Stadtverordneten-Borsteher.

Canthal. 3776

Grundstücksverpachtung in Kilianstädten.

Die in der Gemarkung von Kilianstädten belegenen domainenftskalischen Acker- und Wiesen-Grundstücke zur Ge- sammtfläche von 96,2964 ha sollen in den bisherigen 270 Pachtabtheilungen anderweit vom 20. Oktober 1900 ab auf 12 Jahre öffentlich meistbietend verpachtet werden.

Termin hierzu ist auf Montag den 12. März d. I., vormittags 9 Uhr, in die Gastwirthschaft des Andreas Zeh sen. in Kilianstädten anberaumt.

Auf angemessenes Gebot erfolgt der Pachtzuschlag ohne Abhaltung eines weiteren Termins.

Hanau, am 26. Februar 1900.

Königliches Domainen-Rentamt.

J. V.: Reinhardt, Regierungs-Sekretär. 3580

Gefundene und verlorene Gegenstände etc.

Gefunden: 1 Militärpaß, lautend auf den Namen des Musketiers Adolf, Rudolf Schüddemage, 1 weißes Taschentuch, gez. A B.

Zugcla ufen: 1 Bernhardiuerhund, weiß, mit gelbem Abzeichen m. Geschl.

Hanau den 6. März 1900.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus. (S i tz u n g vom 5. M ä r z.)

Die Spezialberathung des Eisenbahn-Etats wird forrgesctzt.

Beim TitelUnterhaltung und Ergänzung der Inventarien" bringt Abg. Kittler (fr. Vp.) lokale Wünsche für die Stadt Thorn vor. Ter Tiicl wird ohne weitere Diskussion bewilligt.

Ebenso der Rest des KapitelsVom Staate verwaltete Eisen bahnen".

Bei dem KapitelMinisterialabtheilung für das Eisen­bahnwesen" rügt cs Abg. Reichardt (nl.), daß Verbindungen, die früher von den Nordseebädern über Magdeburg bestanden, jetzt vielfach über andere Linien geleitet werden. Ferner wünscht er die Einstellung von Schlafwagen in Linien, die über Magdeburg führen. Abg. von Mendel -Steinfels (k.) bittet um größere Fürsorge für die ViehtranSporte. Die Viehwagen müßten sofort nach der Ankunft entladen werden. Bei längeren Strecken müßten zur Vermeidung von Verzöge­rungen die Umexpedirnngcn an den Landesgrenzen vermieden werden. Transporte von Württemberg nach Preußen müßten jetzt viermal umexpedirt werden. Ferner fordert Redner eine Herabsetzung der Tarife für Zucker vom Znlande nach den Häfen. Die Detarifirung müsse aber nur dem deutschen Zucker zugestandcn werden; der ausländische Zucker dürfe keinesfalls daran thcilxehmen. Abg. v. Srandy (k:) be­fürwortet Eingaben der Handels- und kandwirthschaftskammern von Schlesien, Posen und Westpreußcn um Herstellung neuer Verbindungen zwischen diesen Provinzen. Das Kapitel wird bewilligt ebenso der Rest des Ordinariums. Zm Exira- Ordinarium beschwert sich Abg. Barth -Kiel (fr. Vg.) dar­über, daß der Erweiterungsbau am Bahnhof Neumunster, für den in diesem Etat bereits die dritte Rate gefordert werde, überhaupt noch nicht in Angriff genommen worden sei. Der Verkehr auf den sechs dort einmündenden Linien sei so gross, daß nicht länger damit gezögert werden dürfe. Geheimrach Schroeder entgegnet, es sei eine zweimalige Umarbeitung des Projekts nöthig geworden. Nunmehr werde aber mit dem Bau bald begonnen werden. Abg. Ring (k.) fragt an, ob der vicrgelcisige Ausbau der Görlitzer Bahn, für den be­reits mehrere Raten bewilligt wurden, von der Regierung auf­gegeben sei. Minister v. T h i e l e n erwidert, die Regierung halte an dem Plane fest, aber es habe ein ganz neues Pro­gramm ausgestellt werden müssen. Abg. Hirt (k.) fordert den Neubau des Bahnhofs in Schweidnitz. Abg. Baensch- Schmidtlein (k.) tritt für den Umbau des Bahnhofs in Hirsch­berg und für Einstellung von Nussichtswagen ans den Riesen- gcbirgsbahncn ein. Geheimrath Schröder erwidert, der Umbau in Hirschberg werde in den nächsten Erar eingestellt werden. Abg. E r n st (fr. Vg.) wünscht eine Unterführung beim Bahnhof Schneidëmühl. Abg. v. Savigny jC.) möchte die im Etat vorgeschlagene Erweiterung des Bahnhofs in Paderborn noch weiter ausgedehiu wissen. Gehcimrath Schroeder entgegnet, diese weiter gehenden Wünsche könnten erst später erwogen werden. Abg. Dr. Rügen- b er g (E.) befürwortet schnellere Verbindungen zwischen Aachen und Köln. Minister v. Thielen sichert wohlwollende

Feuilleton.

Die Berufswahl unserer Kinder.

I.

Der K u n st h a n d w e r k e r.

Alljährlich, wenn die Tage der kirchlichen Einsegnungen nahen, wird in tausend deutschen Familien die Frage der Berufswahl besonders lebhaft erörtert. Nicht immer freilich mit Erfolg, denn die erschreckend große Anzahl gescheiterter Existenzen, die jeder Berufszweig in allen Klassen unsers Volkes mitznschleppen hat, legt deutlich Zeugniß dafür ab, daß cs an der nöthigen Gewissenhaftigkeit bei der Entscheidung einer so hochwichtigen Lebensfrage fehlt. Nur geringe Be­kanntschaft mit dem modernen Leben gehört dazu, um die traurige Wahrnehmung zu machen, daß die Fälle, wo ein echtes Ideal, eine vertiefte Lebensanschauung den Ausschlag gibt, fast die Ausnahme bilden. Man spricht mit einem Se­kundaner, richtet irgend eine auf Elektrizität bezügliche Frage an ihn und erhält zur Antwort:Ich null Oberförster wer­den, darum brauch' ich mich mit Physik nicht zu plagen." Das hoffnungsvolle junge Pflänzchen hält sich als zukünf­tigen Oberförster vollauf berechtigt, während der Phvsikstundeu zu faulenzen und glaubt, seinen Daseinspflichtcn genügen zu können, wenn er weniger von Naturivissenschasten versteht, als eine einigermaßen normale Schülerin einer Hähern Mädchen­schule. Seine Mutter, die das Gespräch mit anhört, findet es vollauf berechtigt, daß das Söhnchen sich jede überflüssige Mühe spart. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, daß eine derartige Vernachlässigung der Charakterbildung nothgc- hrungen zu Mißerfolgen oder doch zu bloßen Schein-Erfolgen im Berufsleben führen muß.

statt zu tragen. Kaufmännisch geschulte Unternehmer besorgen den Verkehr mit der Kundschaft, zahlen dem geschulten Zu­schneider ein Jahresgehalt, das bis zu 10000 Mark steigen kann, und liefern dein geschickten Schneider gegen pünktliche Bezahlung Arbeit ins Haus. Wer aber nicht tüchtig nähen gelernt hat, wird immer ein armer Konfektions oder Flick­schneider bleiben.

Ebens» wird auch gegenwärtig zum Inhaber einer Kumr- tischlcrei nur ein Mann mit kaufmännischem Unternehmungs­geist geeignet sein. Natürlich muß er gleichzeitig sehr gründ­liche Fachkenntnisse besitzen. Gewöhnlich beschäftig: er einen Zeichner, der auf einer Kunstgewcrbeschule ausgebildet ist; die praktische Arbeit wird durch Maschinen wcscnrli'ch erleid) tert, zum größten Theil aber von gelernten Tischlern ausge- führt. In einer mittelgroßen Berliner Tischler-Werkstatt wird gegenwärtig verlangt, daß z. B. auch der Werkführer genau über historische Stilformen unterrichtet ist, und es ist gleich­zeitig eine bestimmte Kenntniß von Geometrie erforderlich. Geometrische Aufgaben hat auch besonders der Dekorateur beim Zuschneiden zu lösen; der Buchbinder braucht sic eben­falls, "auch der Drechsler, der Lederpreper u. s. w. Kurz, es gilt im Allgemeinen die Regel: kein Handwerker kann heute auf handgreifliche Erfolge rechnen, ohne wissenschaftlich, kauf­männisch/ künstlerisch und technisch geschult zu sein. Man beginnt die Ausbildung gewöhnlich von der technischen Seite, und dieser Weg ist zweifellos immer der empfehlniswerrbesre. Wichtig ist es, den tüchtigsten Handwerker zum Lchrbcrrn zu erhalten, dessen man habhaft werden kann. Man schließe einen festen Lehrkontraki und zahle Lehrgeld, statt darauf zu dringen, daß von vornherein Lohn gegeben werde.

Wo eine Handwerkerscimie erreichbar ist, io!l sie von An­fang an besucht werden. Zeigt eS sich später, daß künülcrische Begabung vorhanden ist, so lasse man ben Besuch einer Kunstgewerbeschule folgen. Es müssen freilich ausreichende

Ach, diese Schein-Erfolge im Berufsleben, wieviel Unheil züchten sie nicht! Möglichst viel Geld wollen die Einen, Ehre und Ansehen die Andern, wieder Andere meinen, wer­weiß wie bescheiden zu sein, wenn sie dem Teufel des festen Einkommens ihre Seele verschreiben. Dem Schein-Erfolg des Geldes, der Ehre oder des festen Einkommens opfert man Lebensglück und Gewissensfreiheit tausender junger Menschen­kinder. Und weil man eben nur nach Schein-Erfolgen strebt, geht man auch in erster Linie darauf aus, diese Schein-Er­folge mit möglichst geringer Mühe zu erlangen. Das echte Lebensglück, so weit cs in einer rechten Berufswahl wurzelt, hängt aber weniger von dem ab, was man thut, als von der Art, wie man es thut. Ein gewissenhaftes, arbeitswilliges Menschenkind kann in jedem Beruf glücklich sein, zu dem es Geschicklichkeit mitdringt und den ernsten Vorsatz, das Höchste zu erreichen, wozu es befähigt ist.

Gerade die Berufszweige, die Geschicklichkeit und einiges Denken erfordern, werden in unserer Zeil vernachlässigt. Vielfach glaubt man, zu gebildet und zu gelehrt zu sein, um sich dem Kunsthandwerk widmen zu können. Und doch hat gerade das Kunsthandwerk es nöthig, daß man ihm tüchtige und leistungsfähige Kräfte zuführe. Unter Kunsthandwerk sind in erster Linie Dekorateure, Kunsttischler, Drechsler, Goldschmiede, Töpfer, Zimmermaler, Glasmaler, Bronzegicßer, Buchbinder, Kunstschmiede, Kunstschlosser u. s. w. zu verstehen. Das Wort Kunsthandwerk ist neuern Datums, und cs wird durchweg auf alle Handwerke angcwendet, die nicht bei nüch­terner Zweckmäßigkeit halt machen, sondern eine Ausgestaltung durch Schmuck und Zierrath zulassen. Natürlich kann ein Schuhmacher auf seine Art ebenfalls ein Künstler sein; je vollkommener und tadelloser er seine Arbeit macht, desto mehr wird er berechtigt sein, ein Künstler zu heißen. Ebenso gibt cs Schneider, die geschickt genug sind, um hundert Mark wöchentlich zu verdienen, ohne das Risiko einer eigenen Werk­