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Nr. 36.

Montag den 12. Februar

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1900

Amtliches.

^anMreiö ^anau.

Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.

In dem Gehöft des Landwirths Andreas Rcuhl I in Bischofsheim ist die Maul- und Klauenseuche erloschen. Die ungeordnete Gehöftssperre wurde aufgehoben.

Hanau den 12. Februar 1900.

Der Königliche Landrach.

V 1320 v. Schenck.

Betrifft : Die Jagd ans wilde Kaninchen.

Es ist in den letzten Monaten mehrfach vorgekommen, daß Mannspersonen im Bereich des Landkreises Hanau bei der Jagd auf wilde Kaninchen betroffen worden sind.

Zur Vermeidung von Bestrafungen mache ich die Kreis- eingesessenen darauf aufmerksam, daß im Gebiet des vor­maligen Kurfürstenthums Hessen das wilde Kaninchen zu den jagdbaren Thieren gehört. Es folgt hieraus, daß der Fang und die Erlegung dieses Thieres im Regierungsbezirk Cassel lediglich den Jagdberechtigten zusteht.

Hanau den 31. Januar 1900.

Der Königliche Landrath.

V 708 v. Schenck.

GesuMne und veltoreue Gegenstände etc.

Gefunden: 1 Kneifer.

Verloren: 1 dunkelbraunes Portemonnaie mit einem Goldstück, einem Dreimark- und zwei Einmarkstücken und mehreren kleinen Schlüsseln.

Entflogen: 1 Paar schwarze Clinger Wcisköpfe und 1 rothe Taube.

Zugelaufen: 1 schwarzer Spitz mit weißer Brust und rothem Halsband.

Hanau den 12. Februar 1900.

Deutscher Reichstag.

(Sitzung v o m 10. F e b r u a r.)

Die erste Berathung der Flottcnvorlage wird fortgesetzt.

Abg. Graf Schwerin -Löwitz (kons., schwer verständlich): Das Schicksal der Vorlage scheint nach den Ergebnissen der vorgestrigen Debatte entschieden zu sein. Die Aussichten für die Kommission sind auch nicht allzu freundlich. Ich be­schränke mich deshalb darauf, einige Bemerkungen über die Haltung meiner Freunde, die vielfach mißverstanden ist, zu machen. Es scheint hier über die Nothwendigkeit der Ver­mehrung der Flotte an sich Einstimmigkeit bei fast allen Parteien zu herrschen. Aber wir befinden uns bei der Lage der Landwirthschaft keineswegs in einer Hurrahstimmung. Wir gönnen der Industrie gewiß alles Gute, aber ein Ver­gleich der Lage der Landwirthschaft mit der der Industrie muß bei uns doch ein Gefühl der Bitterkeit erregen. Die Begründung der Vorlage legt das Schwergewicht auf die wirthschaftlichen Interessen und zu wenig Gewicht auf die nationalen Interessen. Ich kann auch der Begründung der Vorlage, daß unsere Exportindustrie des Schutzes der Flotte bedarf, nicht zustimmen. Ich befinde mich im Gegentheil hier­in Uebereinstimmung mit dem Abg. Richter. Ich halte eine vorübergehende Blockade unserer Häfen keineswegs für aus­geschlossen, aber ich meine, daß sie von keinem Staat längere Zeit wird durchgeführt werden können, denn die Aufwendungen dafür würden in keinem Verhältniß zu den, Nutzen stehen. Abg. Schädler wünschte, daß die Kosten auf die Interessenten gelegt mürben; in erster Linie ist gewiß der Sechandel daran intcressirt, aber auch die von der Linken werden dock nicht leugnen können, daß auch die Arbeiter hervorragend au der Vorlage interessirt sind. Für uns kommt es hauptsächlich darauf an, daß es sich hier um Forderungen des internatio­nalen Selbstgefühls und der Aufrechterhaltung der Macht- stelluug Deutschlands handelt. Auch in außereuropäischen Konflikten komnit unsere nationale Ehre in Frage, und des­halb dürfen wir der Regierung die nothwendigen Machtmittel nicht versagen; denn das bedeutet ein Aufgebcu unserer Welt- machtstellung. Der Staatssekretär ist wegen seiner Erklärungen von 1898 scharf angegriffen worden. ' Was nützt uns aber seine Erklärung von 1898, wenn wir durch die Ereignisse der letzten zwei Jahre selbst zu der Ueberzeugung gekommen sind, daß eine FlottcnvcrMrkung nöthig ist. 'Hat doch selbst Her^Richter gestern zugegeben, daß er nicht prinzipiell gegen die ^lotteiwerstârkung ist. Allerdings kann ich Herrn Richter nicht darin recht geben, daß es sich bei den neuen Handels­verträgen besonders um eine Herabsetzung der Zölle handeln kann.

Abg. Bebel (Soz.) erklärt, seine Partei lehne die Vorlage ab, weil sie das ganze System verwerfe, weil sie kein Ver­trauen zur Regierung habe, weil schließlich doch die breiten Massen die Kosten zu tragen hätten. Warum appellire man nicht an die Wähler? Würden diese für die Regierung ent- scheioen, dann gut, würden sie aber gegen die Regierung ent­scheiden, dann müsse diese abtreten. Tas würde der natür­liche Weg sein. Aber freilich, davon sei bei uns keine Rede. Aus den gestrigen Aeußerungen des Herrn Tirpitz sei zu entnehmen, daß auf diese Vorlage noch eine dritte und vierte kommen werde. Herr Tirpitz habe gestern versucht, seine Aeußerungen von 1898 abzuschwächen. Das hätte Herr Tirpitz nicht thun sollen. Er solle zu der einen Sünde nicht noch die zweite des Ableugnens hinzufügen. Ein Seekrieg zwischen Deutschland und England sei unmöglich, denn er würde ein Unglück für Deutschland sein. Käme es jemals i zu ernsthaften Zerwürfnissen mit England, so könne er, Redner, sich wohl denken, daß die Nachbarn rechts und links ruhig zuschauen würden. Und wenn Deutschland sich in einem solchen Seekriege verblutet habe, würden Frankreich und Rußland da­rüber herfallen. (Fortgesetzte Zwischenrufe, sodaß Präsident Graf Ballestrem ersucht, die persönlichen Zwiegespräche zu unterlassen.) Redner fährt fort, ihm sei es unbegreiflich, daß in Deutschland ein solcher Engländerhaß Platz greifen könne; England sei doch nun einmal der natürliche Verbündete Deutschlands. Weit gefährlicher würde es sein, wenn England zum Schutz­zoll überginge und auch alle seine Kolonien dazu veranlaßte. Nicht durch die großen Armeen sei uns der Friede bewahrt worden, nicht die großen Flotten würden ihn bewahren, sondern nur der Umstand, daß die Völker mit ihren materiellen, ihren wirthschaftlichen, ihren geistigen, ihren sozialen Interessen bereits so verknüpft seien, daß schon der bloße Gedanke an einen solchen Riesenkrieg, wie man ihn bei der heutigen Ent­wicklung der Zerstörungsinstrumcnte haben würde, überall Angst und Schrecken Hervorrufe. Es sei die größte Dumm­heit gewesen, daß England deutsche Schiffe beschlagnahmte. Man berufe sich auf Handels- und Seestädte zu Gunsten der Vorlage. Aber er sei überzeugt, keine einzige dieser Städte sei mit einem solchen Verlangen vorangegangen, sie seien nur nach­gefolgt. Ein größerer Hohn, ein größerer Widerspruch, eine größere Halbheit seien gar nicht zu denken, als einestheils die Friedenskongresse, anderntheils solche Vorlagen! Redner beftreitet ferner, daß die Vorlage durch die neue Arbeits­beschaffung den Arbeitern nützlich sei. Schon heute wirkten die Ausgaben für die Flotte kulturhemmend. Wenn es der Regierung ernst sei mit dem Interesse für die Arbeiter, wie könne es da kommen, daß in geradezu skandalöser Weise die Arbeiter in den Werften ausgebeutet wurden. Weshalb stelle man nicht mehr Arbeiter ein? Und sei cs etwa Nächstenliebe zu den Arbeitern, daß deutsche Waffen für das Ausland ge­liefert würden, , aus kapitalistischer Profitwuth der Unter­nehmer ? Ter Geist der Vorlage sei derselbe, der die Strophe Nicht Roß und Reisige" beseitigt habe, derselbe, der ehedem im alten Rom geherrscht habe. Würden nicht jetzt auch die Schnurrbärte nach den Sitten des Einzelnen gerichtet? Diesen Geist lehnten die Sozialdemokraten ab und mit ihm die Vorlage. Staatssekretär Tirpitz: Der Abg. Bebel drückte sich so aus, als ob bei der ersten Berathung des Flottengesetzes ge­wissermaßen eine Täuschung Vorgelegen hätte. Dagegen muß ich entschieden Verwahrung einlegen. Tie Begründung des ersten Flottengesetzes hat ausdrücklich mit den damaligen See- Interessen gerechnet und mit den damaligen Gefahren, wie wir sie damals angesehen haben. Wenn die Absicht vorhanden gewesen wäre, jetzt nach zwei Jahren mit einer neuen Forderung zu kommen, so wäre Nichts einfacher gewesen, als daß wir Ihnen nicht ein Scptcnnat oder Sexennat, sondern ein Triennat vorgcschlagen hätten. Abg. Bebel ist auf die mili­tärische Bedeutung zurückgckommcn, die ich der Flotte nach dem Flottengesetz' von 1898 beigelegt habe. In der Be­gründung dieses Flottengesetzes ist ausdrücklich ausgeführt, daß es sich bei Schaffung dieser Flotte und bei Bemessung des Sollbcstandes lediglich und ausschließlich um eine Aus- fallflottc handelte, und ich habe ausgeführt, daß der Charakter unserer Flotte durch das Gesetz in keiner Weise gegenüber bernjenigen Charakter geändert würde, den die Flotte 1873 erhalten hätte. Eine Nusfallflotte hält sich einem über« mächtigen Gegner gegenüber gewissermaßen hinter der Mauer und wagt gelegentlich einen Ausfall, um überhaupt eine Chance zu haben. ' Bci einem solchen Gefecht haben wir damals die Sollstärke in der Form bemessen, wie sie durch das zweite Geschwader gegeben ist. Unsere Auffassung hat sich allerdings darin geändert, daß wir die Gefahren jetzt größer schätzen, als damals. Diese Auffassung hat sich von Monat zu Monat verdichtet und diese Flottcnvorlage erzeugt. Wir meinen, daß

die Flotte dieser Vorlage so stark ist, daß sie die Nordsee frcihält. Unsere Seegefechte fallen in die Nordsee gelegt werden. Wenn ich gestern ausführte, daß diese Flotte schwach an Zahl sei, so entspricht das dem Standpunkte, daß unsere Flotte lediglich den Charakter einer politischen Defensive behält ; ich habe aber hinzugefügt, daß wir die Schwäche der Zahl ersetzen wollen durch innere Stärke, die erreicht wird durch vorzügliche Ausbildung und festgeschlosfene Organisation. Da­mit glauben wir unsern Zweck zu erreichen : Die Freihaltung der Nordsee von jeglichem Feinde. Es handelt sich darum, ein Ganzes zu schaffen, nicht einzelne Schiffe der jetzt be­stehenden Flotte zuzufügen, sondern um eine zweite Reserve- schlachtflotte. Darum muß auch das Ziel dieses Baues grund­sätzlich genehmigt sein. Es handelt sich um eine feste ge­schlossene Organisation nach ganz bestimmten Auffassungen. Abg. Bebel har mir vorgeworfen, daß ich mich für die Ent­wicklung unseres Schiffsbaues intcressirt hatte. Ja, das thue ich mit ganzem Herzen, und ich werde es weiter thun. Ich halte eben die Entwicklung unseres Schiffsbaues im weiteren Sinne für die Entwicklung des gesammten Handels für autzerdentlich wichtig. Unser Handel muß rechtzeitig starke Schiffe bauen, um die Weltkonjunktur ausnützen zu können. Von einer Hypertrophie kann keine Rede sein. Unser Handel bezieht immer noch ungefähr 30 Prozent seiner Schiffe vom Auslande; umgekehrt müßte vielmehr das Ausland wo­möglich 30 Prozent unseren Werften entnehmen. Ebenso verhält es sich mit dem Kriegsschiffbau. Wir können nicht nur unsere Kriegsschiffe auf unseren heimischen, vor­zugsweise Privatwerften bauen lassen, sondern wir müssen auch wünschen, daß auch befreunbete Staaten bei uns ihre Kriegsschiffe bauen lassen. Tas ist vortheilhaft im Interesse unserer Industrie und der eigenen Schiffe; den Vortheil der Arbeiter von der Arbeitsgelegenheit bei Schiffsbauleu kann man nur nebenbei anführen. Tic Hauptsache liegt darin, daß die Flotte einen Schutz unserer gesammten Well- wirthschaft geben und damit der gesammten Arbeiterschaft zu Gute kommen soll. Ich stimme aber Herrn Bebel nicht bei, daß alle Arbeiter ohne Weiteres seinen Standpunkt theilen. Sie wissen sehr wohl, daß sie an dem Schutze dieser Welt- wirthschaft und der Entwicklung der Flotte interessirt sind. Diese Ansicht von dem Freundschaftsbedürfuiß mit England hat nicht nur Herr Bebel, sondern auch die verbündeten Re­gierungen und das ganze deutsche Volk. In welcher Weise das aber mit der Frage der Flottenvcrmchruug zusammen­hängt und in welcher Weise diese Ansicht gegen die Floticnvermehrungen spricht, vermag ich nicht einzusehen. Abg. v. Wangen beim (Bd. b. Landw.) erklärt zu­nächst die bekannte Mittheilung derGermania" als in allen Theilen frei erftlnden und erlogen. Ferner erklärt er, die Landwirthschaft sei aus nationalen Gründen trotz der schweren Opfer, die auch ihr dadurch auferlegt würden, für die Vor­lage. Diese werde aber ergänzt werden müssen durch einen Plan der künftigen Wirihschaftspolitik der Regierung. Richtig sei, daß unter den Laudwirthen vielfach große Mißstimmung wegen der Vorlage Herrsche gerade wegen der jetzigen Wirch- schaftspolitik. Aber er glaube, er könne namens des größten Theiles der Landwirthc versichern, daß sie aus nationalen Gründen für die Vorlage seien. Abg. Szmula (Ctr.) erklärt, er habe in voriger Woche im Landtagsfoyer mit dem Abg. Hahn über die Arbeiterfrage gesprochen. Dabei babe Dr. Hahn gesagt: Wenn wir doch erst die häßliche Flotte weg hätten! Sehen Sie doch, daß Sie möglichst viele Mit­glieder Ihrer Partei gegen die Flotte kriegen! (Lebh. Be- roegung). Er, Redner, habe hiervon in seiner Fraktion ver­trauliche Mittheilung gemacht, sic sei dann in die Presse über- gegangen. Er müsse (Redner spricht lebhaft erregt) seine höchste Entrüstung darüber ausdrücken, daß Frhr. v. Wangen­heim, ohne Zeuge dieser Unterhaltung gewesen zu sein, solche Worte gebrauchte. Ich appellire, so schließt Redner, an das Haus, wem eS mehr glauben will, einem ergrauten 70jährigen Manne oder dem Abg. Dr. Hahn, der sich im ganzen Lande durch seine Hetzereien bekannt gemacht hat (lebh. sensationelle Bewegung im Hause). Abg. Haußmann (südd. Vp.) spricht sich entschieden gegen die Vorlage au». Staats­sekretär Graf Posadow sky wendet sich gegen die Aus­führungen des Wg. Bebel und bemerkt babei, wenn bei der Armeeorganisation solche Bedenken wie bei der FlottenorUni- sation ausschlaggebend gewesen waren, dann würden wir nie ein deutsches Reich und nie einen solchen Aufschwung gehabt haben (Lachen links. Rufe rechts: Sehr wahr!). Lehne das Haus die jetzige Vorlage ab, so bleibe die Regierung eben an das Sexennat gebunden. Abg. Rißler (kons.) erklärt, dap er als süddeutscher Bauer sich sein Votum über die Vorlage Vorbehalte. Abg. v. Hodenb erg (Welfe) hält eine so schnelle Ler-