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Amtliches Argnn für Htaöt- und LânöKreis Vânau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage
Montag den 22. Januar
1900
Amtliches.
SlâötKveis Äanau.
Unter dem Rindviehbestaude der Oekonomcn Karl Gerl ach und Wilhelm Alt hier ist die Maul- und Klauenseuche erloschen. Die Gehöftssperre ist aufgehoben.
Hanau den 19. Januar 1900.
Königliche Polizei-Direktion.
P. 656 v. Schenck.
^artö&rew ^anau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
In dem Gehöft des G u st a v Matthes in Langendiebach ist die Maul- und Klauenseuche erloschen.
Dieses Gehöft ist freigegeben und gleichzeitig das unterm 2. d. Mts. für einzelne Straßen in Langendiebach gebildete Beobachtungsgebiet aufgehoben worden.
Es herrscht in Langendiebach die Seuche nur noch in einem Gehöft.
Hanau den 22. Januar 1900.
Der Königliche Landrath.
V 624 v. Schenck.
Ausschreiben.
Seit dem 6. d. Mts. wird der Buchhalter Bruno Matzdorff vermißt und zwar unter Umständen, welche einen Selbstmord nicht unmöglich erscheinen lassen.
Matzdorff ist 45 Jahre alt, 1,60 bis 65 groß, untersetzt, hat braune Augen, schwarze Haare und kurzen, dunklen Vollbart, bräunliche Gesichtsfarbe. Die Bekleidung bestand aus dunkelgrauem Sackanzug, dunklem Havelock, schwarzem, steifen Filzhut, schwarzen Schnürstiefeln, Normalunterhemd. Er trug einen Ehering, sowie Taschenuhr mit schwarzer Kette.
Frankfurt a. M. den 13. Januar 1900.
P 504 Der Polizei-Präsident.
GcsuMne und vellorene Gegenstände etc.
Gefunden: 1 graue wollene Pferdedecke mit rothen und schwarzen Streifen, 1 wasserdichte Pferdedecke.
Zugelaufen: 1 gelbe Dachshündin.
Hanau den 22. Januar 1900.
An der Wende des Jahrhunderts.
VI.
Das soziale und w i r t h s ch a f t l i ch e Leben i m 19. Jah r h u n d e r t.
Zwischen dem Anfang und dem Ende des Jahrhunderts liegt es wie eine tiefe, unüberbrückbare Kluft. Es ist den
Jüngeren unter den heute Lebenden schon schwer, ja fast unmöglich gemacht, sich mit ihrer Phantasie in die äußeren Verhältnisse hineinzuversetzen, in denen ihre Eltern oder gar ihre Großeltern aufgewachsen sind. Unsere Zustände sind neu, so zu sagen von gestern, und zugleich sind sie in unausgesetzter Veränderung begriffen. Nie vorher haben die Menschen so schnell gelebt, nie ist die Zeit, die sie durchleben, so inhaltsreich gewesen. Die alles äußere Leben umgestaltenden Erfindungen und Entdeckungen häufen sich von einem Tage zum andern; Niemand kann wissen, ob nicht morgen schon wieder ein neues Unerhörtes kommen wird. Eigentlich sind wir am Ende des Jahrhunderts schon so abgehärtet, daß es für uns auf dem Gebiete der Natur-Wirkungen solches, was schlechthin unglaublich wäre, kaum mehr gibt. Könnte ein Mensch, der bis in das erste Viertel dieses Jahrhunderts gelebt hat, unsere Städte und unsere Häuser, unsere Beförderungs- und unsere Mittheilungs-Anstalten, unsere Beleuchtungs- und unsere Erwärmungsmittel sehen: er würde seinen Augen nicht trauen und Alles für Spuk und Einbildung, für Traum oder Betrug erklären.
Niemals in geschichtlichen Zeiten hat die Bevölkerung der Erde in ähnlichem Maßstabe zugenomnien, niemals sind die Menschen auch nur annähernd im Besitze äußerer Mittel des Wohlstandes gewesen wie die heutigen. Der Aermste genießt heute Bequemlichkeiten, die früher den Königen nicht zugänglich waren. Den Uebeln und Leiden der Menschen wird mit einer Kraft gewehrt, an die kein vergangenes Zeitalter denken konnte. Die Nöthe der Theuerung, die Hungersnoih, die Pest, die Schrecken des Krieges selbst, die noch im vorigen Jahrhundert zu den regelmäßigsten Lebenserfahrungen der Menschen gehörten, sind beseitigt oder gemildert. Aerztliche Kuckst und Wissenschaft hat die wunderbarsten Fortschritte gemacht und weiß den Schädlichkeiten, die Leben und Gesundheit bedrohen, mehr und mehr vorzubeugen, die dennoch eingetretenen Störungen auszugleichen. Dem Boden hat man gelernt unvergleichlich hohe Erträge abzuringen, den Hausthieren und Nutzpflanzen die für den menschlichen Bedarf wünschenswerthesten Eigenschaften zu ertheilen : eine eigentliche Mißernte hat man seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Das ganze wirthschafilichc Leben hat eine Stetigkeit und Regelmäßigkeit angenommen, die die großen Zusammenbrüche, wie die großen Glücksfälle von früher nahezu ausschließt; ein so gleichmäßiges Fortschreiten und Gedeihen hat kein früheres Geschlecht gekannt, so weit die Erinnerung zurückreicht. Was irgendwo auf Erden an nutzbaren Gegenständen vorkommt, wird ausfindig gemacht und an den Ort des Bedarfs geschafft, und die Arbeit erzeugt Güter für alle mit einer Leichtigkeit, Schnelligkeit, in einer Massenhaftigkeit, die alles Ahnen und Träumen der Frühern, wenn sie sich ihrer dichtenden Einbildung überließen, weit überragt.
Mit den völlig veränderten wirthschaftlichen Zuständen in engem Zusammenhänge steht die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Am Anfänge des Jahrhunderts war die Masse der Bevölkerung noch in der Unfreiheit, erbunterthânig, leibeigen, das Eigenthums- und Benutzungsrecht von Grund und Boden gesetzlich beschränkt, der Erwerb von Grundeigenthum an den Stand gebunden, Adel-, Bürger-, Bauernstand kastenartig gegeneinander abgesperrt. Die niederen Klassen der ländlichen, aber auch der städtischen Arbeiter lebten in dem überkommenen Zustande der Rohheit und Verwilderung. Da brachte die große Reform-Arbeit der Jahre nach 1807 zunächst für das tief gedemüthigte Preußen die völlige Erneuerung, und die damit begonnene Bewegung Hai sich, wenn auch zeitweise unterbrochen, das ganze Jahrhundert hindurch fortgesetzt und alle Hindernisse niedergeworfen. Der Unterschied der Stände ist gefallen, das Prinzip der Selbstverwaltung in städtischen und ländlichen Gemeinden zum Siege gelangt, die möglichst schrankenlose Freiheit des Eigenthums und des Verkehrs durchgesetzt. Die Zeit, wo man abends die Thore der Stadt sperrte oder den Einziehenden Auskunft über ihre Persönlichkeit,' Heimath, Absicht und Dauer ihres Aufenthaltes abverlangte, wo man zur Reise nach dem Nachbar-Orte sich mit einem Paffe versah, ist noch gar nicht so lange vergangen. Die Hindernde der Freizügigkeit und Niederlassung, der freien Berufswahl und Eheschließung sind erst seit wenigen Jahrzehnten gefallen. In allen diesen Beziehungen sind unsere Verhältnisse noch ganz jung; sie erscheinen uns selbstverständlich, als hätte es nie anders sein können; aber in Wirklichkeit haben wir noch gar nicht die Zeit gehabt, die Schwierigkeiten zu überwinden, die die bloße Neuheit der Zustände, in denen wir leben, mit sich bringt.
Der Gedanke des allgemeinen Volksunterrichts ist erst in ! diesem Jahrhundert zur Ausführung gelangt; erst die letzten Jahrzehnte haben die Mittel zu Gebote gestellt, einen Lehrer- stand und einen geregelten Bildungsgang für Alle zu schaffen. Es ist eine Neuerung von unendlicher Tragweite, daß jedem lebenden Menschen mit den Elementen der Verstandes-Bildung der Zugang zu aller höheren Bildung erschlossen worden ist, und mehr und mehr rüstet man sich, die ganze Masse des Volkes zur bewußten Theilnahme an allen Gütern der Kultur heranzuziehen. Die wunderbaren Fortschritte des Maschinenwesens haben der Macht der Presse ihre Ausbreitung gegeben; Alle können lesen, und Allen wird unerschöpflicher Lesestoff zugeführt. Der Blick des gemeinen Mannes reicht über den ganzen Erdboden, und das Gefecht, das heute in Südafrika oder China vorfällt, findet morgen seinen Widerhall in den Gesprächen der Dorfbewohner im entlegenen Gebirgslande. Die staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse aller Länder werden zum Gegenstände der Beurtheilung in allen Schichten
Feuilleton.
Stadttheater in Hanau.
Hanau, 22. Januar.
Der gestrigen Sonntags - Novität wurde vorgerühmt, daß sie in dieser Saison die einzige dramatische Neuheit sei, die bei ihrer Aufführung an den Bühnen überall einmüthigen Beisall gefunden. Dieses beweist, doch wohl, daß man in Bezug auf Heilere Bühuenwcrke mit der Zeit bescheidener wird und dann wohl auch, daß ein ernster kritischer Maßstab au solche leichte Bühncnarbeiteu nicht gelegt wird, selbst wenn sie sich unter der anspruchsvolleren Bezeichnung Volksstück prüsenliren. Das lustige Stück hat hier bei dem Publikum eine wohlwollende Ausnahme und fröhliches Gelachter gefunden, aber besondere Vorzüge, die es vor anderen ' anszcichnete, haben wir nicht finden können. Die Autoren 0.1 Walter und L. Stein behandeln in dem dreiaktigen Schwanke, ,Dic Herren Söhne" betitelt, den schon oft dramatisch verwertheten Conflikt zwischen dem Willen der Eltern und den Neigungen der Kinder in ganz amüsanter Weise. Hier ist es der Sohn des Hoffchtächteriueiperä Rommel, der seiner Neigung entsprechend gerne studiren möchte, aber die Einwilligung seines Vaters dazu nicht erhalten kann, weil dieser ihn zur Ausdehnung seines Geschäftes nöthig' zu haben glaubt, dann der >sohn des Rittergutsbesitzers und Landtagsabgcordneien Gimpcru, der studiren soll, aber so wenig Neigung dazu zeigt, daß ei; schon einigemal- beim Examen dnrchgefall-n ist und lieber Kaufmann werden oder ein Handwerk betreiben möchte. Diese Gegensätze in humoristischer Weise anszugleichen, bildet den Inhalt der schwanknrtigcu Vorgänge der drei Akten des Stückes, das auch mit allgemeiner Aussöhnung und den unentbehrlichen verlobten Paaren sein Ende findet. Die lustige. Handlung des Stückes ist mit zahlreichen komischen Pointen durchstochten uhb cs fehlt auch an treffenden zeitgemäßen Witzworten nicht. Der erste Akt mit seinen drolligen Exposilionsscencn ist der beste, der zweite fällt schon bedenklich ab und in dem dritten sehen sich die Verfasser genöthigt, schon zum Abgebrauchtesten zu greifen, um die Lachlust des Zuschauers rege zu erhalten, hier muß selbst der bekannte Theater-Rheumatismus auS- helfen. Regie und Darstellung nahmen sich des Werkes mit gewohntem Geschick an. Herr Gehrmann hatte das lustige Ensemble musterhaft zu arrangiern verstanden und mit besonderer Sorgfalt die komischen Situationen herauSgebracht. Auch als Darsteller ivar er zuerst auf die drastische Wirkung bedacht, sein Hofschlächter Rommel war eine prächtige
Figur mit entsprechendem derben Humor ausgestattet. Nächst ihm verdient Frl. Schumann als Gusti genannt zu werden, die mit frischer Natürlichkeit und liebenswürdigem Humor ihre hübsche Parthie dnrch- führte. In dem Rittergutsbesitzer Gimpern lieferte Herr Metz ein fein charakterisirtes humorvoll ausgeführtes kleines Meisterstück schauspielerischer Darstellungskunft. Den verbummelten Studenten Rudolf zeichnete Herr Schwarz in seiner bekannten treuherzigen Darstelluugsweisc mit natürlicher Frische; dem Wilhelm des Herrn Kron fehlte es etwas an dieser Lebendigkeit und Frische. Gut charakterisirt ivar der Weinhändler Range des Herrn Heinich und Frau Hantke und Frl. Muck vervollständigten seine Familie in wirksamer Darstellung; auch Frau Rieger war in der Wiedergabe der Frau Johanna recht glücklich. Die kleineren Rollen befriedigten durchweg.
Aus Kunst und Leben
Zola und der Berliner Thierschutzverein. Der Geschäftsleiter des Berliner Thierschutzvereins, Herr Hans Beringer, hat an Emile Zola ein Schreiben gerichtet, in dem er mit Bezugnahme auf die humanen Tendenzen des Romanschriftstellers und auf die Meisterschaft, mit der Zola wiederholt das Seelenleben der Thiere geschildert hat, um Theilnahme für die Bestrebungen des Thierschutzvereins und insbesondere. um einen wirksamen Hinweis auf die Ausschreitungen der Vivisektion bittet. Von Zola ist darauf die folgende Antwort eingetroffen: „Geehrter Herr! Herr Max Rordau hat mir Ihren Brief nebst Thierschutz-Propagaudasckriftcu behändigt. Leider bin ich der deutschen Sprache nicht mächtig, aber schon aus den Illustrationen Ihrer Büchlein und Flugschriften kann ich Tendenz und Art Ihrer Propaganda genügend erkennen. Zweifeln Sic nicht, daß ich mit Kopf und Herz für Ihre Bestrebungen bin, für Alles, ivas unternommen wird, um das jammervolle Loos unserer Geschwister (de nos petites soeurs), der Thiere zu bessern. Aber ich bin nur Dichter, Romanschreiber, und kann nur auf meinem Arbeitsfelde für die Sache wirken. Ich muß als isolirter Soldat kämpfen, wie ich es verstehe und als zweckmäßig er-'
kenne. Wenn die Fragen, die Sie mir empfehlen, sich mir darhieten, so dürfen Sie überzeugt sein, daß ich sie behandeln und für die Sache eintreten werde, wie ich ja auch bisher in Ihrem Sinne gewirkt habe. Mehr noch dafür einzutrctcn, ist mir allerdings unmöglich bei all den Arbeiten, welche mich überlasten. Ich wünsche Ihren Bestrebungen und Arbeiten Erfolg und Sieg; ich wünsche mit Ihnen, daß die Menschen menschlicher und dadurch glücklicher werden als bisher. Herzlich Ihr Emile Zola.
Barometerstand
mittags 12 Uhr am 20./1.
22./1.
Sehr trocken Beständig
Schön Veränderlich
Regen (Wind)
Viel Regen
Sturm
Wetterbericht.
Voraussichtliche Witterung: Theils heiteres, theils nebeliges, unter TagS wärmeres Wetter.