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Nr. 239. Donnerstag den 13. Oktober 1898
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„Amtliche Beilage" Nr. 64.
„Reform-Partei ^ Wider Willen.
Die freisinnige Presie ist unverbtsierlich. Während jeder unbefangene Mensch aus den Verhandlungen ixs sozialdemo- kratischen Parteitages entnehmen muß, daß die Führer der Uwsturz-Partei ihre revolutionären Ziele völlig aufrechterhalten und nur aus taktischen Gründen die Erörterung dieser nicht in den Vordergrund schieben mögen, will die freisinnige Presie aus den Wendungen einzelner Redner in Stuttgart, die eine stärkere Betonung der Forderungen für die Gegenwart verlangten, entminter, daß die Ma use- ru n g der Sozialdemokratie, das heißt ihre Umwandlung aus einer revolutionären Partei in eine friedliche Reform-Partei, bereits weit vorgeschritten ist. Für ein solches Verhalten sind, wie ein Hamburger Blatt zuireffend hervor- hebt, recht materielle Gründe bestimmend.
Die Sozialdemokratie ist bei den Wahlen ein unentbehrlicher Bundesgenosse der Freisinnigen und wird für diese noch werthvoller, nachdem sie sich den Anschein zu geben verstanden hat, als würde sie dem Freisinn anch bei den Landtagswahlen behilflich sein. Deshalb muß die Sozialdemokratie vom Freisinn geschont werden, und da dieser unmöglich eine Partei schonen dürste, welche den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung auf ihre Fahne geschrieben hat, so darf die Sozialdemokratie eben keine Revolutions- partei sein. Sie muß sich für den Freisinn gemausert haben.
Der „Vorwärts" sagt nun zwar noch in seiner letzten Dienstags-Rummer: „Thatsächlich ist an dem Gerede der liberalen Presse nichts Wahres. Die prinzipiellen und taktischen Anschauungen, welche in Stuttgart zu Tage traten, sind dieselben, welche die Partei stets geleitet haben. . . . Die Sozialdemokratie ist, was sie war und sie wird bleiben, was sie i st!" — Das sozialdemokratische Hauptblatt stellt also fest, daß die Sozialdemokratie eine revolutionäre Partei ist — die freisinnige Presse aber wird trotzdem wieder versichern, daß sie das besser wüßte und an der von ihr ausgestellten Behauptung festhalten. Man wird sich nachgerade an diese Eigenthümlichkeit des Freisinns gewöhnen und wird für die praktische Politik daraus den Schluß ziehen müssen, daß bei einer wirklichen Bekämpfung der Sozialdemokratie auf den Freisinn nicht zu zählen ist.
Tagesscharr.
Konferenz der Landesdirektoren. Aus der am Dienstag begonnenen Konferenz der Landesdirektoren der
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Die Kaiserreise nach Palaflina.
15. Jerusalem V.
Heilige Orte.
(Fortsetzung.)
Ich traf auf meinem Rückwege viele russische Pilger; wenn aus der Zahl der russischen Pilger auf das Interesse geschloffen werden darf, welches das ruisische Reich an dem gelobten Lande und feinen heiligen Städten nimmt, so ist dasselbe ein großes, das eines Tages mit bestimmten Förde tungen hervortreten wird. Dem entspricht auch heute schon das Urbergewicht des griechischen Klerus in der Grabiskirche; verglichen mit der Stellung, welche dieser einnimmt, kaun van diejenige des römischen Klerus eine sehr bescheidene nen- ven, aber auch diese Bescheidenheit dürfte eines Tages um schlagen und aus die Verdienste und Opfer der Kreuzzüge Hinweisen, die durchaus katholisch waren. Doch ist daS Jn- ler«ste dieser beiden Kirchen mehr an Reliquien, Gebäude und Orte gebunden. _,,.._..
Die deutschen Katholiken interestiren sich besonders für las Cönaculnm in Jerusalem. Dieser uralte Bau ist in deutschen Blättern Gegenstand vielfacher Erörterung geworden, ^kil die Katholiken fordern, der Deutsche Kaiser solle ihnen Uese ehrwürdige Reliquie gelegentlich seines Besuches im Orient vom Sultan herausfordern, und zwar auf Grund kiveS ebemaligen Besitzes desselben sieiteps der Franziskaner, ^as „Cönqculum" ist, wie der lateinische Name andentet, vach der Üeberlieserung der geheiligte Ort, an welchem der Heiland mit seinen Jüngern daS heilige Abendmahl (coena) »'halten hat. Diese Ueberlieferung hat zwar keinen streng
preußischen Provinzen wird Folgendes berichtet: Bisher hat zwischen der Reichs Post und Telegraphenverwaltung und den Provinzialverwaltungen der Zustand eines latenten Krieges bestanden. Die ReichS-Post- und Telegraphenverwaltung hatte für ihre Zwecke die Kunststraßen in Anspruch genommen, demzufolge an denselben Veränderungen vorgenommen. Die Provinzen fühlttn sich dadurch beeinträchtigt und erhoben Widerspruch. So konnten unliebsame Zwischeufälle nicht vermieden werden, und es ergaben sich Verzögerungen bei Anregung wichtiger Telegraphenlinien. Um diesen Ucbelständen abzuhelfen, hat die Reichs-Post- und Telegraphen-Verwaltung eine Vorlage ausgearbeitet, die dem Reichstage vorgelegt werden soll, vorher aber den Landesdirektoren zur Begutachtung unterbreitet worden ist. Um die Wohlthaten deS Telegraphen- Fernsprechverkehrs auch kleineren Städten und auch Landgemeinden zuzuführen, wird die Vorlage auch auf Kreischausseen und Kommunikationswege ausgedehnt. In der sehr eingehenden Besprechung im Reichspostamt, die Dienstag von 10 Uhr 3?oi mittag bis 2 Uhr Nachmittag währte, gelang es bei gegenseitigem Entgegenkommen, ein vollständiges Einver- ständniß in den Grundzügen zu erzielen. Am Mittwoch wurden die Berathungen fortgesetzt.
Die Fleischpreistreiberei, welche an den verschiedensten Orten, namentlich an solchen mit zahlreicher Arbeiter- bevölkerung manipulirt wird, verfolgt in erster Linie wahl- agitatorische Zwecke. Es wird daher anzunehmen sein, daß nach vollzogener Abgeordneten wähl dieses Schlagwort ebenso rasch der Vergessenheit anheimsallen wird, wie das vor der Reichstagswahl gang und gäbe Schlagwort von dem „agrarischen Großkorn Wucher."
Politische und unpolitische Nachrichten» tDrpesKen'Lnrtar- .Herrld".)
Berlin, 12. Oktbr. Heute Vormittag um 10 Uhr hat in der evangelischen Kirche zu Camenz die Trauerfeier für die verstorbene Prinzessin Albrecht von Preußen stattgefunden. Kurz vorher versammelten sich die zur Theilnahme an der Feier erschienenen deutschen Fürsten und Abgesandte und Spitzen der Provinzialbehörden. Die Kaiserin betrat am Arme des Prinzen Albrecht die Kirche, während der Kaiser allein erschien. Die Trauerrede hielt Oberhof-Prediger Dr. Dryander. Nach Schluß der Feier kniete das Kaiserpaar am Sarge der Verstorbenen zu einem Gebet nieder.
Berlin, 12. Oktbr. Wie eine hiesige Korrespondenz berichtet, ist Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braun- schweig, durch den Tod seiner Gemahlin tief erschüttert, so daß er ernstlich daran denke, von der Regierung von Braunschweig zurückzutreten und sich gänzlich nach Camcnz zurück- zuziehen.
geschichtlichen Hintergrund, allein sie hat sich einmal bet den verschiedenen Gemeinschaften der Christen im Orient festgesetzt. Und einS steht fest: von den ältesten Zeiten an befand sich hier ein Heiligthum, Jerusalems und der Welt Ur- und Mutterkirche, anfangs klein und unbedeutend, später eine größere Basilika. Sie führte verschiedene Namen. Ihr erster Name ist Apostellttche, dann heißt sie Marienkirche oder SionSkirche ober auch kurz die heilige Sion. Sie beanspruchte zu allen Zeiten den Ruhm, die Stätte deS letzten Abendmahles zu bezeichnen und in sich zu schließen. Die Geschichte der Cöricculumrkirche läßt sich bis in die römische Kaiserzeit verfolgen. Nach Epiphavius hat schon Kaiser Hadrian bei feinem Einzüge in daS zerstörte Jerusalem das Cönaculnm als kleine Kirche gefunden. In der konstantinischen Periode wurde die Cönecalumskirche, die auch als Ort der Zusammenkunft der Apostel nach Christi Himmelfahrt galt, "durch eine größere Basilika ersetzt, eine Doppelkirche, auS Ober- und Unterkirche bestehend. Den Pilgern wurden später in dieser Kirche Reliquien gezeigt, so die Dornenkrone Christi, die Säule der Geißelung, der Kelch, mit dem die Apostel die heilige Eucharistie gefeiert. Dann kam der Arabersturm, und die Kirche wurde zerstört. Toch bauten die Kreuzfahrer sie wieder auf, ebenfalls als Doppelkirche. Im 13. Jahrhundert verfiel auch diese Kirche der Zerstörung. Ein Jahrhundert später bauten Franziskanermönche Kirche, Kloster und Hospi tat wieder auf, mußten aber Mitte des fechszehnten Jahrhunderts den Mohammedanern weichen. Da das Cönaculnm auch gleichzeitig ein muhammedanischeS Heiligthum ist, so wird eS den deutschen Katholiken schwerlich gelingen, dieses Gegen- stück sür die evangelische Erlöserkirche durch Vermittlung des Deutschen Kaisers vom Sultan zu erhalten, um dann aus demselben eine Rechtfertigung für die katholische Abendmahls- lrhre, die Traussübstanliation oder Derwandluvgslchre abzu- leiten.
Berlin, 12. Oktbr. Dem „Reichs-Arkzeiger" zusolg« wurde dem Reichsrath der Krone Baymus, Kommerzien- rath von Häßler zu Augsburg, der Kronenorden 2. Klasse verliehen.
Berlin, 12. Oktbr. Der Staatssekretär des Reichs- Postamtes wird dem Reichstage eine Vorlage unterbreiten, wonach Kunststraßen, Kreis-Chausseen und Kommunalwege für Telegraphenanlagen zu benutzen sind. Der Entwurf hat die Zustimmung der Landesdirektoren gefunden.
Berlin, 12. Oktbr. Die „Kreuz-Zeitung" bestätigt die Ausweisung ihres Pariser Korrespondenten und bemerkt dazu, die Ausweisung erfolgte nicht wegen seiner Berichte an uns, die dazu sicherlich keinen Anlaß boten, sondern weil er, wie uns von anderer absolut sicherer Seite mitgetheilt wird, einige unvorsichtige, aus den jetzigen Ausftand bezüglichen Telegramme an ein Münchener Blatt gerichtet haben soll. Dem „Lokal-Anzeiger" zufolge hatte der Korrespondent der „Münchener Allgemeinen Zeitung" telegraphirt, es sei in Paris eine Revolution ausgebrochen und ein großes Waaren- Magazin in Brand gesteckt worden.
Berlin, 12. Oktbr. Der Kapitän zur See, Rosendhal, Gouverneur von Kiautschou, ist von dieser Stellung entbunden worden und zur Marine-Station der Ostsee zurückversetzt. Sein Nachfolger ist der Kommandant zur See Jäschke, bisher beim Stäbe des Ober-Kommandos der Marine, geworden. Diese Veränderungen hat der Kaiser unter dem 10. Oktober verfügt.
Berlin, 12. Oktbr. Von postalischer Seite wird berichtet: Seit einiger Zeit bringen verschiedene Zeitungen mehr oder minder ausführliche Einzelheiten über von der Reichs-Post- und Telegraphen-Verwaltung geplante Umgestaltungen der Prrsonaloerhältnisse. Auf Grund zuverlässiger Informationen kann mitgetheilt werden, daß im Reichs-Postamt zwar seit letzterer Zeit Berathungen über diesen Gegenstand gepflogen worden sind, daß aber ein bestimmter Beschluß noch nicht gefaßt wurde.
Berlin, 12. Oktbr. Nach dem im Reichs-Eisenbahn- amt aufgestellten Nachweiiungeu sind im Monat August d. I. aus deutschen Eisenbahnen 217 Betriebsunfälle vorgekommen, bei welchen 64 Personen getödtet und 122 verletzt wurden.
Elbing, 12. Oktbr. Der „Elbinger Zeitung" zufolge ist das Amtsgericht zu Saalfeld in Ostpreußen in der letzten Nacht mit sämmtlichen Akten niedergebrannt.
Rom, 12. Oktbr. Der Papst bereitet eine Encyklica vor, in welcher er die Staaten auffordert, mit den fortgesetzten Rüstungen einzuhalten und dafür die Religion im Volke bester zu verbreiten.
Das protestantische Abendland, insbesondere die deutsche evangelische Christenheit, haben ihre Blicke wieder mehr und mehr nach Palästina gewendet, nicht mit der Inbrunst, welche zu Clermont den tausendstimmigen Ruf: „Gott will es, „Gott will es" weckte, aber mit dem festen, wenn auch nicht ausgesprochenen Bewußtsein, daß die Rückkehr der heiligen Stadt in den Besitz der Christenheit nur eine Frage der Zeit, der Verständigung und der Opportunität ist und mit der Ueberzeugung, daß Jerusalem aus seiner großen Vergangenheit etwas Besseres ernten soll als Haß, Krieg und Verfolgung. An Stelle englischer und amerikanischer Be- kehrungs-Versuche sind deutsche und evangelische Erztehungs- zwecke getreten. Das Evangelium hat im heiligen Lande eine große Mission erhalten, welche, will's Gott, die Deutschen kräftig durchführen werden, und welche durch die Anwesenheit des Deutschen Kaiserpaares in Jerusalem vor aller Welt als die Aufgabe der nächsten Ja-rzehnte hingestellt wird.
16. J-rasalem. VI.
Der Blick vom Oelberge.
Den folgenden Tag gingen wir durch das Stephans- thor nach dem Oelberge, kamen an dem muhamedanischen Begräbnißpkatze und an der Stelle vorbei, an welcher St-phanus, der erste christliche Märtyrer gesteinigt wurde, und gingen den steilen Abhang des Kidronthales, auch Thal Josaphat genannt, hinab, welches Jerusalem an der Ostseite begrenzt. In diesem Thale befindet sich eine unterirdische Kirche, in der die Apostel die Mutter GotteS beerdigt haben sollen uxb von wo sie, ber Sage nach, gen Himmel fuhr. Daneben wurde uns astch die in eine kleine Kapelle verwandelte Grotte gezeigt, in welcher Christus Blut schwitzte. Dann führte uns ein alter Franziskaner in den Garten Gethsemane, der am Fuße des Oelbergs liegt. Von diesem Garten kann