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Beilage zu Nr. 222 des Hanauer Anzeiger.

Hanau den 23. September 1898.

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Die Jubelfeier der inneren Mission.

Wittenberg, 21. Septbr.

Etwa eine Stunde nach Beendigung der Festgottesdienste fanden sich sämmtliche Festtheilnehmer in dem Schiff der Stadtkirche zur Festversammlung zusammen. Den Vorsitz führte der Präsident des Zentral-Ausschusses für innere Mission, Direktor Gaebel vom Reicheversicherungsamt. Drs Eingangsgebet sprach das älteste noch lebende Mitglied der Begründunpsversammlung des Zentral Ausschusses, Superin­tendent a. D. Graßmann Grimma. General-Superintendent D. Hesekiel-Posen hielt dann die Festrede.

Es erhält dann als Vertreter des Kaisers der Kultus­minister Dr. von Bosse das Wort zu folgender Ansprache:

Verehrte Mitglieder des Zentral-Ausschusses und Sie Alle, meine sehr verehrten lieben evangelischen Festsevossen! Seine Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster Kaiser und Herr, hat die Gnade gehabt, mit Allerhöchstseiner Ver­tretung bei Ihrer heutigen Feier mich zu beauftragen. Es ist das sür mich die höchste Ehre, und ich darf hinzufügen: Auch persönlich sehe ich darin eine überaus gnädige und freund­liche Fügung, daß es mir vergönnt ist, diese hochansebuliche Versammlung öffentlich des lebhaftesten Interesses des Kaisers und Königs zu versichern und gleichzei ig zum AuLdruck zu bringen, welches hohe Inteleffe Se. Majestät an den Arbeiten des Zentral-Ausschusses für innere Mission nimmt. Seine Majestät hat aus Anlaß der heutigen Feier geruht, dem lang­jährigen, hochverdienten früheren Präsidenten, jetzigen Vize­präsidenten des Zentral-Ausschusses, dem Wirk!. Oberkonsistorial- rath Pi of. D. Dr. Weiß den Stern zum Rothen Adlerorden II. Kl. mit Eichenlaub zu überreichen. Und so schmerzlich ich es empfinde, daß dieser Mann nicht in Ihrer Mitte weilt, ebenso freudig beglückwünsche ich Sie, die Männer des Zen- tral-Vorstandes zu der Anerkennung, die für ihn und damit auch für Sie in dieser Allerhöchsten Auszeichnung liegt, und zu dem Interesse, das damit seitens Seiner Majestät an Ihren Arbeiten zum Ausdruck gebracht wird. In der gewaltigen Predigt, die wir heute Morgen aus dem Munde des Herrn Abtes Dr. Uhlhorr-Havnover in der Schloßkirche an den Grabstätten der großen Reformatoren, an der Geburtsstelle der Reformation gehört haben, wurde darauf hingewiesen, daß die innere Mifston und auch der Zentral-Ausschuß den heutigen Tag als den Geburtstag der inneren Mission begeht. An diesem Tage, da die innere Mission und mit ihr der Zentral- Ausschuß sein Jubiläum feiert, muß es gesagt werden, daß die Ausführung des Wichern'schen Gedankens eine Bewegung von kirchengeschichtlicher und weltgeschichtlicher Bedeutung ent­zündet hat. In den hinter uns liegenden 50 Jahren ist ein unermeßlicher Theil an Arbeit geleistet worden. Blitzartig hatten die Wirren des Simmjahres 1k48 den furchtbaren Abgrund enthüllt, an dessen Rand das deutsche Volk stand. Mit prophetischem Blick sahen weitschauende Männer in die Zukunft unseres Volkes und konstruirten daraufhin ihren großen Heilungsplan, der als innere Misston der evangelischen Kirche von Wichern proklamirt und auf dem ersten Kirchen­tage in Wittenberg und später in Berlin begründet und von Wichern mit flammenden Worten empfohlen wurde. Die Ge­staltung, die damals Wichern zuerst vorgeschwebt hat, ist in mancher Hinsicht vielleicht eine andere geworden. Das ideale Ziel, daß die Arbeit der inneren Mission innerhalb der evan­gelischen Kirche diese selbst überflüssig machen sollte, gelangte nicht zur Durchführung. Aber das V-rdienst des Zentral- Ausschusses ist es, die Arbeit der inneren Mission immer für die Zwecke Gottes dienstbar gemacht und damit diesen idealen Wunsch Wicherns doch mit zur Ausführung gebracht zu haben. Mit großer Weisheit hat er jeden schablonenhaften Zug ver­mieden und von der inneren Misston fern zu halten gesucht, dagegen auf E-weckung und Förderung des christlichen und evangelischen Lebens daS Hauptgewicht gelegt. Die Einwen­dungen gegen die innere Mission, die auch von kirchlicher Seite mit großem Ernst erhoben worden sind, sind allmählich überall verstummt. Darum dürfen wir die heutige Feier mit herz­lichem Dank begehen, dessen Grundton selbstverständlich das Soli deo gloria" ist, der aber auch den Männern nicht vorenthalten werden darf, deren treue Arbeit Gott gesegnet und durch sie dem Werke der inneren Mission große Förde­rung hat zu theil werden lassen. Durch die Albeit des Zentral-Ausschusses ist auch ein kräftiger Strom heiliger L ebe durch unsere Kirche geleitet worden. Das wäre der größte Segen, den Gott auf die heutige Jubelfeier legen könnte, wenn Jeder von uns, wenn jeder evangelische Christ daraus einen Neuen unvergänglichen Antrieb empfangen würde sich selbst mit neuer Kraft in den Dienst der inneren Mission zu stellen und mit der Gabe, die ihm gegeben ist, den Dienst an den Armen und Elenden unter unseren Brüdern zu üben. Das wäre eine Gnade, deren Wirkung bis in die Ewigkeit gehen würde. Daß dieser Segen üler uns und über das ganze evangelische Volk und die evangelische Kirche kommen v öze, dazu helfe uns der gnädige Golt! (stürmischer Beifall I)

Der nächste Redner war der Präsident des Evangelischen Oberkirchenraths, Geh. Rath Exc. D. Dr. von Barkhausen.

Präsident Gaebel bemerkt: Mit innigstem und tiefstem Dank begrüßen wir es, daß Se. Majestät der Kaiser aufs Neue durch die Entsendung Sr. Excellenz des Herrn Kultus­ministers bewiesen hat, wie sehr er ein treuer Freund und

Schrtzherr der evangelischen Kirche nicht nur, sonder» auch der inneren Mission ist, wie ja He Hohenzollern stets das Christenthum hochgehalten haben. N-cht minder beglückt sind wir über die Segenswünsche der Kaiserin. Wissen wir doch Alle, daß die hohe Frau lvrch ihr leuchtendes Vorbild auf dem Throne nicht nur für daS ganze Volk, sondern speziell für die deutsche» Frauen ein nochahwenswerlhes Beispiel ge­schaffen hat, das Tausende befolgen.

Der Ausschuß schlägt die Absentung folgender Tele­gramme vor: 1. An des Kaisers und des Königs Majestät.

@ute Kaiserliche und Königliche Majestät bitten die zur Gedenkfeier der inneren Mission und zum 50jährigen Jubi­läum des Zentral-Ausschusses für innere Mission versammelten Vertreter des evangelischen Deutschlands ihren unterthävigsten Dank dafür entgegennehmen zu wollen, daß ihnen soeben durch Euer Majestät Vertreter Allerhöchst deren fortdauernd warme Theilnahme an den Bestrebungen der inneren Mission bezeugt worden ist. Hier an der Geburtsstätte der Reformation ge­loben wir aufs Neue, im Geiste des unvergeßlichen Wichern unablässig weiter zu arbeiten an der Heilung der Nothstände unseres Volkes in der Kraft des Evang'liums. Gott der Herr bleibe in dieser ernsten Zeit Eurer Moststät treuer Hort und starker Schutz, instesondere arch auf der bevorstehenden Fatrt nach Jerusalem, die ein reicher Segen werden möge für unser Vaterland und die gesäumte evangelische Christen­heit. Der Zentral-Ausschuß Gaebel, Präsident."

2. An die Kaiserin:Eurer Kaiserlichen und König­lichen Majestät bringen die zur Gedenkfeier der inneren Mission und zum 50jährigen Jubiläum des unterzeichrelen Z ntral- Ausschusfes versammelten Vertreter des evangelischen Deutsch­lands ihre ehrfurchtsvolle Huldigung und ihren innigen Dank dar für das bahnbrechende Wirken, durch welches EureMaj. kirchliches Leben weithin neu gepflegt und die Werke christ­licher Barmherzigkeit in unserem Volk gestärkt haben. Der Zentral-Ausschuß."

Professor O. Hering-Halle begrüßte die Versammlung namens der evangelischen Fakultäten an den deutschen Uni­versitäten und Oberpfarrer Medem-Luckau überbrachte die Grüße des Provinziaiausschusses für innere Mission in der Provinz Sachsen und händigte dem Zentralausschuß ein von allen deutschen Provinzial- und Landesausschüssen gesammeltes Geldgeschenk von 16 731 M. zum Zweck der Bildung einer Wichern-Stiftung" ein. (Lebhafter Beifall.)

Der Präsident Gaebel dankte allen Rednern und schloß dann die Sitzung, an die sich ein Festesten schloß, bei dem der Kultusminister Dr. Bosse auf den Kaiser, Ober-Präsident von Boetticher auf die Kaiserin und der Präsident des Evan­gelischen Ober Kirchenraths Dr. Barthausen auf den Zentral- Ausschuß toastete.

Gleichgültigkeit gelten lassen, aber gerade diese Gründe lasten sich mit Erfolg beseitigen und ist es daher für Jedermann möglich gemacht, der bedrängten gefiederten Welt zu Hilfe zu kommen. Besonders für hochherzige und gemüthvolle Frauen liegt hier ein Gebiet offen, das wohl einer eingehenden Be­arbeitung werth ist. DerInternationale Verein für Vogel­schutz in Bremen" stellt sich die Aufgabe, durch Vermittelung einer möglichst großen Anzahl von Mitgliedern dem Massen­morde in der Vogelwelt, welchem unlautere und nttbrige Motive zu Grunde liegen, sowie den vielfach (allerdings meistens unwisseurlich) begangenen Quälereien der gefangenen Sänger kräftig zu begegnen. Wer ein warmes Empfinden für seine Mitgesäöpfe hat und ganz besonders für die an- muthige, farbenprächtige Vogelwelt Liebe und Wohlwollen hegt, möge sich dem Verein anschließen. Zuschriften und Auf- rahmegefuche sind zu richten an den Vorstand, Fabrikbesitzer Karl Fr. Zöllner in Sternen. Der jährliche Beitrag ist nur Mk. 2 50. Jedes Mitglied wirke noch Kräften in seiner Umgebung durch Verspiel und Belehrung. Fort mit den Vogelleichen und Federn von den Hüten der Frauen! Fort mit den Lerchen, Drosseln und Nachtigallen aus den Küchen und Restaurationen! Durch die Organisation des Vereins werden Rathschläge und Anregungen, welche den Vogelschutz betreffen, unter den Mitgliedern zum Austausch gebracht, so- daß diese voraussichtlich bald die schönste Genugthuung finden, wenn unsere gefiederte Freunde in größerer Anzahl wieder bei uns heimisch werden und das menschliche Gemüth er­freuen durch ihr fröhliches Gebühren und ihre unvergleich­lichen Lieder.

Tretürechnchtlii des£on. Aoz."

Berlin, 23. Sept. Der Kaiser wird heute von Hu- beilussicck obreifen. Man glaubt, daß er morgen früh in Steilen ein treffen wird, um an der Hochzeit der Prinzessin Feodora theil zu nehmen.

Berlin, 23. Sept. DerLokal-Anz." meldet, die Königin von Dänemark hatte in den letzten Tagen verschiedene Anfälle von Geistesstörungen. Die Kranke will Niemanden um sich sehen.

Berlin, 23. Sept. Die Stadtverordneten setzten gestern in der geheimen Sitzung dem scheidenden Oberbürgermeister Dr. Zelle ein Ruhegehalt von 20,000 Mk. fest.

Berlin, 23. Sept. Nach demBerliner Tageblatt* hat der Regierungspräsident Brauchitsch in Erfurt seinen Abschied eingereicht.

Berlin, 23. Sept. DemKleinen Journal" wird aus Paris gemeldet, daß die Lage dort von Stunde zu Stunde kritischer wird. Der Generalstab befindet sich in offener Revolte gegen die Regierung. Die Revisionspresie verlangt unbedingt den Rücktritt des Präsidenten Faure, der der Ver- schwörurg beschuldigt wird. Man erwartet einen Zusaütmen- stoß der Regierungsgewalt mit der Militärgewalt. Oberst Piquart deponirte vor seiner Abführung in das Mrlitär- gesängniß bei Bertulus, dem Kassationsrath und einsm Notar ein Exemplar seiner Denkschrift über die Enthüllungen im Generalstab und den ganzen Drepfus-Rummel.

Wien, 23. Seprbr. Der Reichsrath wird am Montag durch eine kaiserliche Botschaft, welche Graf Thun verlesen wird, eröffnet werden. Entgegen anderweitigen Meldungen wird von unterrichteter Seite versichert, daß der Rücktritt des Handelsministers Baernreither erst dann erfolgen wird, wenn jede Aussicht auf parlamentarische Erledigung des Ausgleichs mit Ungarn ausgeschlossen erscheint.

Budapest, 23. Septbr. Die Polizei wies neuerdings mehrere, meist dem Handwerkerstände ongetörende Anar­chisten aus dem Territorium der Hauptstadt aus.

Graz, 23. Sept. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist geftei n nach Aussee abgereist.

Rom, 23. Septbr. Bisher hat die Regierung noch keine Beschlüsse gegen das agressive Vorgehen Columbiens ge­faßt. Man hofft, daß die Angelegenheit sich fri-dlich erledigen lassen und daß die Absenkung eines Kriegsschiffes nach dort nicht nothwendig sein werde.

Paris, 23. Septbr. Die Abführung Picquarts nach dem Militärgefängniß ruft allgemeine Entrüstung hervor. Die republikanischen Blätter fordern das Kabinet Briison auf, den Umtrieben des aus Fälschern bestehenden Genei aluabes ein Ende zu machen. Ganz Frankreich fei heute auf Seiten Brissons. Man erwartet für morgen wichtige Entschlüsse von Seiten des Kabinets. In den Cafös und auf den Boulevards werden die Ereigniffe des gestrigen Tages lebhaft besprochen. Die Gemüther sind äußerst aufgeregt.

Antwerpen, 23. Septbr. Vollständiges Stillschweigen wird über die vor einigen Tagen e, folgte Verhaftung von 6 Spaniern beobachtet. Man vermuthet, daß es sich um Anarchisten handelt. Die Blätter fordern Aufklärung hierüber.

London, 23. Sept.Globe" meldet aus Honkong, auf Grund einer geheimen Abmachung, gezeichnet in Peking am 27. März, schloß der Gesandte Hsu einen Vertrag in Petersburg über Port Arthur und Talienwan mit Rußland. Rußland hat ausschließlich die Leitung des inneren Hafens von Talienwan und die alleinige Benutzung des abgetretenen Gebietes. Chinesische Soldaten dürfen russische Gebietscheile nicht betreten.

Verwischte Nachrichten.

Soldaten Frühstück beim Kaiser. Ein Düstel dorfer, der eben im Infanterie-Regiment Nr. 158 feiner Militärpflicht gerügt, theilt folgende imeressaite Episode aus dem letzten Kaisermanöver mit: Die zweite Kompagnie unseres Regiments, bei welcher ich stehe, hatte am 9. d. Mts. die Aufgabe, den obersten Kamm des Wiehengebirges zu besetzen. Unser Zug, unter der Führung des Lieutenants W., faßte auf einer Felsenparthie Posto, hinter uns lag eine kleine Waldwiese. Plötzlich gab es eine frohe Ueber, aschung. Der Kaiser erschien und ließ auf der kleinen Wiese Tische auf- fchlagen, um mit seinem Gefolge das Frühstück einzunehmen. Als der Kaiser uns bemerkte, wir waren etwa 26 Mann, schickte er uns Otst. Wir waren schon seit.oDer Frühe auf den Beinen und ließen uns die Spende trefflich schmecken. Nach zehn Minuten befall er unseren Lieutenant an seinen Tisch und gleich darauf e,hielten wir diese Ueberraschungl Oidre, die schweren Tornister abzulegen, die Gewehre zu- sammenzuietz'n und bei dem Kaiser zu legern. Noch selten ward ein Befehl so rasch ausgeführt! Zwar bubberte uns allen das Herz, indessen das ging wie ein Donnerwetter. In wenigen Sekunden lagen wir im Gras um unseren obersten Kriegsherrn herum, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Darauf besamen wir von einem alten General ge­reicht Marsala, Rothwein, Weißwein, Würste und Obst, und so frühstückten wir guter Dinge an der kaiserlichen Tafel. Der Kaiser, in Königs-Ulanen-Uniform, sah vorzüg­lich aus und schien sehr lustig. Unser Lieutenant bedankte sich nach einer Weile. Der Kaiser schüttelte ihm dremal die Hand und sagte, er solle seinen Hauptmann grüßen und ihm miitheilen, daß wir bei Majestät gefrühstückt. Nach einer Stunde zogen wir fidel zu unserer Kompagnie zurück, wo unser Erlebniß, das sicher keiner von unS so rasch vergessen wird, zuerst ungläubigem Staunen, dann aber ehrlichem Neid begegnete.

Schutz den Vögeln! Mit Bekümmerniß erfüllt es das Herz des Naturfreundes, wenn er beobachtet, wie in jedem Jahr die Schaaren unserer lieblichen Sänger und munteren Bewohner der Wälder, Fluren und Gärten weiter gelichtet werden. Es wirst wirklich kein günstiges Licht auf unsere vielgerühmte Zivilisation, wenn wir gleichmüthig zu­schauen, wie Tausende und Abertausende unschuldiger Opfer dazu dienen müssen, den Gaumen der Feinschmecker zu kitzeln oder Putz- und Gefallsucht der Damen zu befriedigen. Als Entschuldigung mag man allerdings Gedankenlosigkeit und