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Amtliches Organ für Stadt- unS LsnöKreis Hsnau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 216
1898
Hierzu „Amtliche Beilage" Nr. 58.
Dienstmchlichtcn aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Portemonnaie mit Inhalt und zwei kleinen Schlüsselchen.
Hanau am 16. September 1898.
Die Genfer Mordthat und die Sozialdemokratie.
Der ruchlose Verbrecher, welcher in sinnloser Mordgier das Leben der Kaiserin von Oesterreich in Genf dahinge- opsert hat, gehört in der That zu jener verrotteten Gemeinschaft, die unter dem Namen „Anarchisten" seit einer Reihe von Jahren dvrch Verübung unerhörter Frevelthaten die zivilistrte Welt in Furcht und Schrecken zu setzen gesucht hat. Der Meuchelmörder Loccheni rühmt sich gar noch seines bestialischen UebersallS aus eine wehrlose Frau, durch den er andern „ein Beispiel" gegeben haben will. Kurz, das Auftreten und Gebühren des Bösewichts ist so widerwärtig und roh, daß Grauen uns ergreifen mußte bei dem Gedanken, es könnten noch andere Exemplare dieses anarchistischen Gelichters der gleichen Sinnesart wie der Genfer Mordgeselle in unserer Mitte unbehindert weilen. Daß dies in Wirklichkeit der Fall ist, unterliegt keinem Zweifel. Der Anarchismus inmitten der Kulturwelt ist eben eine ewig dräuende Gefahr, deren Beseitigung oder wenigstens Abstumpfung den Staaten und Völkern die Pflicht der Selbsterhaltung, sowie die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ruhe gebieten müssen. Ueber den zweckmäßigen Weg zur Abwehr der anarchistischen Seuche wurden jetzt, zunächst nur in der Presse, Erörterungen gepflogen, die hoffentlich diesmal nicht, wie bei frühern Gelegenheiten, in den Sand verlaufen werden.
Bezeichnend ist das Verhalten der Sozialdemokratie, die wohl empfinden mag, daß ein wirksames Vorgehen gegen die Anarchisten auch in ihre eigenen Agitationskreise störend eingreifen müßte. Die sozialdemokratischen Organe haben daher ihren ganzen Schreibopparat in Bewegung gebracht, um etwaige Zwangsmaßregeln gegen die Anarchisten zu hintertreiben oder wenigstens die Sozialdemokratie vor jeder Verantwortung für das gemeingefährliche Treiben der Anarchisten reinzuwaschen. Der „Vorwärts" hat sich bei dieser Aufgabe, welche einen nicht gewöhnlichen Grad journalistischer Geschick- lichkeit beansprucht, in einen solchen Feuereifer hereingeredet, daß es jetzt sogar allen Ernstes behauptet, Anarchismus und Sozialismus ständen zu einander wie das, Feuer zum Wasser. Mehr noch, die Sozialdemokratie sei von jeher die erbittertste Feindin aller anarchistischen Bestrebungen gewesen, ihr allein habe der Staat es zu verdanken, daß der Anarchismus auf verhältnißmäßig enge Kreise beschränkt geblieben sei, während die Bourgeoisie zum Anarchismus in geistiger Verwandtschaft stehe. Um das Maß des Ungereimten voll zu machen, fehlt hierzu eigentlich nur noch die Behauptung, daß die Bourgeoisie den Mörder Luccheni zum Verbrechen gedungen habe.
Wären die Beweise der Sozialdemokratie für die angeb- liche Unvereinbarkeit des Anarchismus mit dem Sozialismus nicht eitel Spiegelfechterei, wäre es dem „Vorwärts" wirklich Ernst mit dem Kampfe gegen die anarchistischen Feinde jeder Gesittung, so müßte man auch erwarten, daß selbst die Gefolg- fchaft der rothen Fahne ein strenges Vorgehen gegen die verbrecherischen Tendenzen des Anarchismus billigt. Aber weit gefehlt ! Sobald die Mittel zur Unschädlichmung der anarchistischen Konventikel zur Sprache kommen, protestirt die Sozialdemokratie mitheiliger Entrüstung gegen dieForderung, dieanarchistische Propaganda lahmzulegen. Die Schuld an den anarchistischen Missethaten wird den sozialen Verhältnissen aufgebürdet, die bem Emporsteigen der unteren Bevölkerungsklassen hinderlich sein sollen. „Den sozialen Untergrund solcher Thaten gilt es i« erfassen." Die Logik dieser Ausführungen stellt die Dinge geradezu auf den Kopf. Die Gesellschaft soll nicht die Verbrecher mit der ganzen Schärfe gesetzlicher Handhaben ver- falgen, sondern sich derart umbilden, daß die Herren Verbrecher keinen Grund mehr finden, ihre Mitmenschen an die
zu fassen. ä n
Wie man hieraus ersieht, möchte die Sozialdemokratie *t0^ aller erheuchelter Gegenwehr gegen den Anarchismus letzterem eine Freistätte innerhalb der Kulturwelt auch ferner- M bewahren. Die geistige Verwandschaft zwischen der gemäßigteren sozialistischen und der radikalen anarchistischen Um- ''urzpartei ist auch zu deutlich wahrnehmbar, als daß beide
Richtungen einander umzubringen trachten sollten. Freilich ist der Anarchismus wegen seiner von thierischen Instinkten beherrschten „Propaganda der That" den parlamentarischen Umsturzmännern zu Zeiten sehr unbequem, dennoch sind beide Früchte desselben Gistbaumes. Die Aufreizung gegen Staat' und Gesellschaft wird auf sozialdemokratischer Seite nicht ^minder hartnäckig und eifrig betrieben, als von den Anarchisten. Der gleichen Saat des Hasses und wilder Leidem schaft müssen auch Früchte derselben Gattung entsprießen. Im Kampfe gegen den Anarchismus wird man auch den Sozialismus zurückdrängen müssen. Durch die unschuldsvolle Miene, die gegenwärtig von der sozialdemokratischen Presse aufgesteckt wird, dürften sich nur Kinder und Thoren täuschen lassen.
Tagesfchau.
Ueber den militärischen Geist in der deutschen Armee. In interessanter Weise äußert sich ein Berichterstatter der Londoner „Daily News", der den Kaisermanövern bei Minden beiwohnte, über den militärischen Geist in der deutschen Armee. Er berichtet: „Gestern empfing der Oberst eines Regiments den Kronenorden. Die Offiziere und Mannschaften waren voller Jubel und tranken auf Glück und langes Leben des Obersten aus Krügen, welche groß genug gewesen wären, um damit einen Schlepper vom Stapel zu lassen. Die Gegenwart des Kaisers wirkt bei den Truppen elektrisch. Er ist der Erste auf den Beinen. Stets begrüßt er die Soldaten mit einem: „Guten Morgen!" Es hallt dann vernehmlich die Antwort von den Reihen: „Guten Morgen, Majestät!" In diesem Zeitalter der Insubordination ist es erfreulich, die Achtung zu sehen, welche jeder Untergebene seinem Vorgesetzten erweist. Man spricht sich freimüthig über alles, was sich ereignet, aus, hört aber niemals die herben Urtheile, welche britische Subalterne über ihre Vorgesetzten äußern. Der würdige protestantische Prediger konnte mit Recht seiner Gemeinde heute Morgen in der Kirche sagen, daß das Vaterland ruhig sein möge. Nachdem er auf die Ausdauer und Strapazen hingewiesen, welche der Kaiser wie seine Truppen ausgehalten, Schloß er, daß die Deutschen mit der Losung: „Mit Gott für König und Vaterland" nichts zu befürchten hätten."
Evang. Pfarrvereine. Der gestrige Verbandstag evangelischer Pfarrervereine Deutschlands in Danzig faßte eine Resolution, in welcher mit Bezug auf die Kaiserfahrt nach Palästina die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß sie auch zum Schutze der evangelischen Christen in der Türkei beitragen werde.
Gustav Adolf-Verein. Nach einem von annähernd 10000 Personen besuchten Festgottesdienst im Münster zu Ulm begrüßte Präsident Freiherr von Gemmingen im Namen be3 Königs und Hofrath Knebel im Namen der Königin von Württemberg die 51. Hauptversammlung des Gustav Adolf-Vereins. Sodann wurden an den Kaiser sowie an den König und die Königin von Württemberg Huldigungs-Telegramme abgesandt. — Weiterhin wurde beschlossen, die große Liebesgabe im Betrage von 19 287 Mk. der Gemeinde Osielsk in Posen zu- zuwenden und der aus Braunschweig überbrachten Einladung im Jahre 1899 zu folgen.
Schutz- und Trutzbündnitz zwischen Japan und China? Der japanische Premierminister Marquis Jto ist in Tientsin eingetroffen und wird sich binnen kurzem nach Peking begeben. Die Chinesen bringen diesen Besuch in Zusammenhang mit einem Schutz- und Trutzbündniß zwischen Japan und China. Es heißt, Marquis Jto sei beauftragt, unter der Hand Untersuchungen anzustellen und darüber zu berichten, ob die Möglichkeit vorhanden ist, daß China den verlorenen Einfluß wiedergewinne und ein brauchbarer Bundesgenosse werde. Zweifellos ist in der letzten Zeit in Peking eine starke Neigung zu Japan hin eingc- treten, dessen Reformen der Kaiser von China aufmerksam studirt.
Potttische und unpolitische Nachrichten.
(Depescheu-Surea« .Herold'.)
Berlin, 15. Septbr. Der Kaiser ist heute früh 8 Uhr in Prenzlau eingetroffen. Auf dem Marktplatze vor dem Denkmal Kaiser Wilhelm I. hielt er auf die begrüßende Ansprache des Bürgermeisters eine Rede, in welcher er u. A. betonte, daß es ernste Zeiten seien, in denen wir lebten und daß genug zu thun sei. Besonders müsse darauf geachtet werden, daß den Umsturzgelüsten entgegengetreten werde. Wie nöthig dies sei, bewiese das fluchwürdige Ereigniß in den letzten Tagen. Deshalb sollten grade die Bürger immer mit
Treue und vollem Vertrauen zu seiner Person und Regierung halten. Der Kaiser sprach sodann die freudige Genugthuung aus, sich auf die Märker unter allen Umständen verlassen zu können. Nachdem der Kaiser noch dem Bürgermeister für seine Begrüßungsworte gedankt, begab er sich nach einer Anhöhe bei Guestrow, um daselbst den Verlauf der heutigen Herbstmanöver der Garde zu beobachten.
Berlin, 15. Septbr. Der „Post" zufolge ist an maßgebender Stelle von der von der „Kölnischen Volkszeitung" gebrachten Absicht Deutschlands, einen internationalen Kongreß zur Berathung gemeinsamer Maßregeln gegen die Anarchisten einzuberufen, nichts bekannt. Auch die „National-Zeitung" erfährt zuverlässig, daß die Mittheilung der „Kölnischen VolÜ- zeitung" in allen Theilen unbegründet ist und fügt hinzu, daß weder von deutscher, noch von anderer Seite eine solche Anregung erfolgt sei. Von deutscher Seite werde auch nichts derartiges veranlaßt.
Berlin, 15. Septbr. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine lange Reihe von Ordensverleihungen aus Anlaß der großen Herbstübungen an Offiziere rc. des VII. und X. Armeekorps.
Wien, 15. Septbr. Die Meldung der Reichswehr, daß seitens der Rechten die Initiative zu einer Verständigung mit der deutsch-liberalen Partei ergriffen werden soll, wird in betheiligten politischen Kreisen als unzutreffend bezeichnet.
Wien, 15. Septbr. Bei der Station Bruck an der Mur stießen in der letzten Nacht ein Schnellzug und ein Personenzug zusammen. Ein Kondukteur ist todt, mehrere Passagiere verletzt. In einem Wagen befand sich Schieß- pulver und Petroleumfässer, glücklicherweise ohne zu ex- plodireu.
Aus Stadt- und Landkreis Hanau. Nachdruck unserer Lokalartikel nur mit Quellenangabe „Hau. Anz'. gestattet.
* Kaiserpreis. Nach vorliegender Nachricht hat von den Fuß-Artillerie-Regimentern die 7. Kompagnie des Fuß- Art.-Regts. Nr. 3 (G.-F.-Z.) bei der diesjährigen Schießübung auf der Mahner Haide das beste Schießresultat, und zwar ein ganz vorzügliches, mit 159 Treffern in 29 Minuten, erzielt und damit die Anwartschaft auf den Kaiserpreis für die Fuß-Artillerie erlangt. Von der Garde-Fuß-Artillerie, für die ein Kaiserpreis extra vertheilt wird, soll es die 2. Kompagnie des Garde-Fuß-Artillerie-Regiments sein, die denselben erhält.
* Geldprämien an Eisenbahnbeamte. Für langjährige zufriedenstellende Dienstzeit werden bekanntlich den Unterbeamten der Preußischen Staatseisenbahnverwaltung die sogenannten Dienstauszeichnungsschnüre verliehen. Ebenso wird den ständigen Arbeitern und Hülfsbediensteten nach zurückgelegter 25-, 35- und 50 jähriger Dienstzeit eine einmalige Lohnzulage bei guter Dienstführung ebenfalls bewilligt. Nach der letzten Bekanntmachung konnten wieder im Bezirk der Direktion Frankfurt a. M. in einem Vierteljahr an 30 Personen für eine 25-jährige Dienstzeit, an 5 für eine 35- jährige Dienstzeit und sogar an einen, den Hülfsweichensteller Chr. Becker in Gießen, für eine 50jährige Dienstzeit Geldprämien zur Auszahlung gelangen.
* Fahrräder-Transport auf den Eisenbahnen. Mit Rücksicht auf die neuen Bestimmungen, betreffend den Fahrrad-Transport auf Eisenbahnen, ist höheren Orts angeordnet worden, daß auch die Packwagen Richtungsschilder erhalten, damit die Radfahrer ihre Räder nicht in falsche Packwagen bringen. Namentlich sollen die Richtungsschildes angebracht werden, falls mehr wie ein Packwagen in den Zügen läuft. Hinsichtlich der Fahrräder-Beförderung ist ferner noch bestimmt worden, daß die Packmeister, falls etwa Uebergang auf eine andere Linie beabsichtigt wird oder aus anderen Gründen Umladung stattfindet, die betreffenden Aufgeber von vornherein aufmerksam machen sollen, auf welcher Station das Rad in Empfang zu nehmen und an den anderen Zug zu bringen ist. Hat ein Reisender auf einer Uebergangs- oder Rielftation sein Rad vom Packwagen nicht abgeholt, )o können auf sein Ansuchen auf Grund der Fahrradmal ke zur Ermittelung und Rücksendung de3 weitgegangenen RadeS Depeschen nachgesandt werden. In diesem Falle empfiehlt eS sich, dem betreffenden Stationsbeamten die Fassung der Depesche zu überlassen. Für letztere sind dann ohne Rücksicht auf ihre Wortzahl nur 50 Pfg. zu zahlen, während vie volle Taxe erhoben wird, wenn der Reisende selbst die Depesche schreibt.
* Wichtig für die Geschäftswelt! Wie die Kgl. Preußifche und Großh. Hessische Eisenbahndirektion der Großh. Handelskammer in Mainz mitgetheilt hat, tritt am 20. l. M.