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Mittwoch den 14. September

1898

Dicnstmchrichteil aus dem Kreise.

Entlaufen: Ein Foxterrier mit schwarzem Kopf, w. Geschl. Ein hellgelber Pinscherhund mit weißer Brust, ge­stutzten Ohren, m. Geschl.

Zugelaufen: Ein kleiner Pinscher, weiß, m. Geschl.

Verloren: Eine goldne Broche, gegen Belohnung ab- zugeben Vorstadt 4 III.

Hanau am 14. September 1898.

Anarchismus.

Die grauenhafte Ermordung der Kaiserin von Oesterreich in Genf durch einen ruchlosen anarchistischen Mordbuben lenkt wieder einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf das gemeingefährliche Treiben jener Gemeinschaft verzweifelter Existenzen, die als Anarchisten ein politisches Glaubens- bekenntniß zu vertreten wähnen. Der Anarchismus ist dem­selben Boden wie der internationale Sozialismus entsprossen, hat aber im Laufe der Zeit einen selbstständigen Entwicklungs­gang eingeschlagen. Wie die Sozialdemokratie will er die bestehenden staatlichen und sozialen Ordnungen sammt und sonders beseitigen, um den Kommunismus zur Herrschaft zu bringen. Jedes Privateigenchum soll aufhören, es sollen der Gemeinbesitz, die Gütergemeinschaft aller Volksgenossen, der gemeinsame Antheil aller an den Produktionsmitteln, sowie an den Produkten und der daraus entspringende gleichmäßige Lebensgenuß aller an dessen Stelle treten. Die Anarchisten sind aber ferner der Meinung, daß diese nie zu erreichende unterschiedslose Gleichheit aller ohne irgend eine äußere Regelung, ohne Zwang, Ueber- und Unterordnung sich werde ausxechtcrhalten lassen. Je, schrankenloser in dem wirren Menschenhaufen das einzelne Individuum seinen Instinkten und Begierden, Neigungen und Leidenschaften sich hingeben darf, desto größeres Wohlsein soll die zügellosen Rotten be- glücken.

Die Anschauungen der anarchistischen Propheten sind, wie man hieraus erkennen wird, so hirnverbrannt, daß es wirk­lich sich nicht der Mühe lohnt, sie ernsthast in Betracht zu ziehen. Man könnte über solche Verschrobenheiten getrost hinwegsehen. Nun aber lassen die Anarchisten sich nicht daran genügen, in den verstohlenen Konventikeln ihrer An­hänger die Herrlichkeiten einer kommunistischen Zukunft aus- zumalen, sie wollen ihren Zielen auch praktisch näherkommen. Hierzu ist ihnen jedes Verbrechen und jede Gewaltthat recht. Ihr mörderisches Wüthen mit Dolch und Dynamit hat sich seit einer Reihe von Jahren besonders gegen die Häupter der Höchstgestellten gewendet. Der Präsident der französischen Republik Carnot, der spanische Ministerpräsident Canovas und andere sind der Mörderbande zum Opfer gefallen.

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Fenilletsn.

Chartum.

Von Otto Leonhardt.

(Nachdruck verboten.)

Nun weht die englisch-ägyptische Flagge wieder über Chartum, über einem Ruinenfelde, das freilich einst die Stätte eines regen und blühenden Lebens war und vermuth­lich nun bald auch wieder werden wird. Wo jetzt Schutt­haufen unter verwildertem Gebüsch lagern, werden wieder Straßen entstehen, das laute Treiben des Marktes wird das Schweigen der Einöde ablösen, Kirchenglocken und Muezzin­rufe werden bis in die Wüste hinein ertönen, lange Karawa- nenzüge durch die Ebene der Stadt zuziehen, und Chartum wird wieder das werden, wozu es nach seiner Lage und Ge­schichte berufen ist: das Zentrum des gesammten nordostafrika - uischen Handels. Selten hat wohl eine Stadt in einer ver- hältnißmäßig kurzen Existenz so w-chselvoll- Schicksale erlebt, als Chartum.

Denn Chartum ist jungen Ursprungs. Einen Ort in der Nähe, die heutige Insel Tuti, erwähnt allerdings bereits Pliuius; an der Vereinigung des Weißen und Blauen Nils selbst aber lag nur ein dürftiges kleines Fischerdorf. Als aber 1823 die Aegypter diese Landschaft erobert hatten, er- launten sie die strategische Bedeutung der Oertlichkeit sofort, und oberhalb jenes Dörfchens wurden dicht am Blauen Nil, ein treffliches Trinkwaffer lieferte, zunächstTroguls", runde Strohhütten für die Soldaten errichtet, die bald wieder­holt erneuert werden mußten, weil die junge Niederlassung uon Feuersbrünsten heimgesucht wurde. Schließlich entschied wan sich für die Anlage soliderer Bauten. Eine Wohnung sur ben Befehlshaber der Truppen, Gefängnisse zur Bändi­

gung der kaum unterworfenen Sudanesen, eine Moschee und in ihrer Nähe eine Kaufhalle wurden erbaut, und um diese einstöckigen Lehmhäuser mit ihren flachen Terrassendächern ent­stand nun in schnellem Wachsthum die Stadt, die nach der schmalen zwischen den beiden Nilströmen sich vorschiebende Landzunge den Namen Ras el-Chartum, Spitze des Elefanten­rüssels, erhielt. Das waren Chartum'S bescheidene Anfänge; bald aber flutheten die Ströme des Handels, die sich vordem Schendi, Sennar u. s. w. zugewandt hatten, der neuen Stadt zu und fast im Handumdrehen war sie zu einem gewaltigen Emporium geworden, dessen Ruf in den Ländern der Su­danesen weit verbreitet war. Der gesammte Elfenbeinhandel fand in Chartum seinen Mittelpunkt; Tamarinde, Sennes- blälter, Straußenfedern und Gummi (aus Kordofan und Sennaar) waren weitere wichtige Handelsartikel. Hierher kamen vom oberen Blauen Nil die kunstvollen Gold- und Silberfiligran - Arbeiten der Eingeborenen, Armbänder und Ringe, Ohrringe und Tassenuntersätze, zu denen der Blaue Nil selbst das Gold lieferte, und hierher die aus Kürbis­schalen hergestellten, reich verzierten- und Trinkgefäße des SudanS. Zugleich siedelte sich in Chartum eine stetig wach sende europäische Kolonie an, die einen großen Antheil an dem Handelsverkehr hatte und zahlreiche Waaren Europas von hier dem Herzen des schwarzen Erdtheils zuführte.

Nähert man sich, den Fluß aufwärts befahreud, Chartum, so sieht man, daß der bis dahin nicht eben breite Nil sich ziemlich plötzlich erheblich erweitert und schon von ferne blickt man in die Mündung des Blauen Nils hinein. Lange Zeit noch fließt das Wasser der beiden Nilströme deutlich neben­einander erkennbar, wie das des Jun's und der Donau bei Passau, im gleichen Bette her; durchsichtig blau, fast meer­grün ist das Wasser des östlichen munteren Gebirgsflusses, milchähulich und trübe das des trägen Hauptstromes. Vom Weißen Nile aus bot Chartum nie einen günstigen Anblick.

Einer dieser wahnwitzigen Wütheriche hat jetzt auch der Kaiserin von Oesterreich ein furchtbares Ende bereitet.

Es ist hohe Zeit, dieser verworfenen Sippschaft schärfer zu Leibe zu gehen. Die anarchistische Lehre will den Umsturz des Bestehenden, reizt die Besitzlosen gegen die Begüterten auf und richtet in fanatischen oder beschränkten Köpfen eine heillose Begriffsverwirrung an, die schließlich den Weg zum Meuchelmorde ebnet. Staaten und Völker befinden sich der vom Anarchismus geübtenPropaganda der That" gegen­über in der Nothwehr. Sie werden zu gemeinsamem Vor­gehen gegen diese radikalste Gruppe der Umsturzparteien sich ermannen müssen, um die intellektuellen Urheber so vieler Frevellhaten unschädlich zu machen.

Die Sozialdemokratie ist dem Anarchismus in vielen Stücken gesinnungsverwandt. Auch sie weckt durch die Vor­spiegelung zukünftigen Erdenglücks in den niedern Bevöl­kerungsschichten die Begehrlichkeit, den Neid auf alle Besitzen­den und die Mißachtung jeglicher Autorität. Auch von ihr wird, wenngleich unter Zurückweisung der anarchistischen Kampfesweise, dem Umsturz systematisch vorgearbeitet. Aus der sozialdemokratischen Vorschule ist die große Mehrzahl der Anarchisten hervorgegangen. Der bürgerlichen Gesellschaft muß daran gelegen sein, der systematischen Verhetzung einen Damm entgegenzusetzcn nach dem Grundsatz:Beuge vor!"

Sozialdemokratische Agitation. Wie nicht anders zu erwarten, setzt die Sozialdemokratie alle Hebel in Be­wegung, um unter der Losung, die Koalitionsfreiheit sei nun gefährdet, ihre Gefolgschaft zu sammeln, die sich über die Ge- wisscnssrage, ob sie sich an den preußischen Landtagswahlen unbeschadet der Priuzipientreue betheiligen könne, wieder ein­mal in die Haare gerathen war. Stellt man die lärmende Agitation, die aus Anlaß des Runderlaffes des Staatssekrc- : lärs Graf von Posadowsky seiner Zeit entwickelt wurde, als man ebenfalls wegen der Landtagswahlen und der Agrarfrage dazu sich nicht einigen konnte, daneben, dann ergibt sich so­fort, daß derselbe Spektakel veranstaltet worden wäre, wenn die Fassung der kaiserlichen Rede, an die der Umsturz sich klammert, so gelautet hätte, wie sie offenbar beabsichtigt war. -Der Gesetzentwurf ist höchstens in den ersten Stadien der .Vorbereitung. Und was die gedachte Strafhöhe anlangt, so liegt auf der Hand, daß dafür Vergehen vorausgesetzt wer­den, die sie auch ihrer Schwere nach rechtfertigen. Es wer­den zudem noch einige Wochen vergehen, bis der Bundesrath wieder znsammentritt und dann auch die Ergebniffe der ein­geforderten Beobachtungen über die Ausstandsbewegungen aus allen Bundes staaten vorliegen, was vor nicht allzu langer Zeit wenigstens noch nicht der Fall war.

Tagesschau.

Holländische Festtage. Aus Amsterdam wird be­richtet: Sowohl die Königin als ihre Mutter haben der Be­völkerung Amsterdams ihren Dank sür den herzlichen, ihnen zu Theil gewordenen Empfang ausdrücken lassen; den Armen der Stadt wurde die Summe von 10,000 Gulden und dem Polizeikorps 1000 Gulden g«jpendet. Der Großherzog von Sachsen-Weimar hat unter die hohen Hofbeamten zahlreiche Orden vertheilt. Einen besonders feierlichen Eindruck machte im Haag die religiöse Feier in der Neuen Kirche, die einige Stunden nach dem Einzug in der Residenz statifand. Der Hofprediger van der Flier hielt eine eindrucksvolle Rede, welche bte Anwesenden mächtig ergriff, besonders als er, sich zur Königin-Mutter wendend, die Worte sagte:Sie mögen; abgetreten sein als Regentin, aber niemals treten Sie von der Stelle ab, die Sie in unserem Herzen einnehmen, das Volk wird nicht aufhören für Ihr Heil zu beten." Als der Gottesdienst beendet war, streuten Waisenmädchen Rosen- blätter auf den Weg, den die Königinnen von ihrem Platze! bis zum Ausgange der Kirche zu machen Ratten. Auch der Papst hat der Königin und der Königin-Mutter seine Glück­wünsche auf telegraphischem Wege übermittelt, sie kamen zu^ gleicher Zeit mit denjenigen des Kaisers von Oesterreich an.!

Politische un^ unpolitische Nachrichten»

(Depescheu'iSurra»Herold'.)

Wien, 13. Septbr. Das hiesige Oberhofmeisteramt hat heute Mittag von der deutschen Botschaft die Mittheilung er­halten, daß Kaiser Wilhelm zum Leichenbegängniß der Kaiserin Elisabeth nach Wien komme. Der König von Sachsen begibt sich ebenfalls zur Trauerfeier nach Wien.

Wien, 13. Septbr. Es wird allenthalben gearbeitet, um der Stadt Wien den Trauerschmuck anzulegen. Heute trat bereits großer Mangel an schwarzen Stoffen ein. In den Tuchfabriken wird Tag und Nacht gearbeitet.

Wien, 13. Septbr. Gestern kamen hier auf dem Nasch- markte Exzesse gegen die bei der Regulirung des Wienstusses beschäftigten italienischen Arbeiter vor. Die Italiener wurden mit Steinen und Koth beworfen. Schließlich schritt die Polizei ein und stellte die Ruhe wieder her.

Wien, 13. Septbr. DerFrankfurter Zeitung" ist das Postdebit für Oesterreich entzogen worden.

Wien, 13. Septbr. Nach demNeuen Wiener Tage­blatt" sagte der Kaiser, als man ihm das Testament der Kaiserin überbrachte: Ich muß diese besondere Frau in be­sonderer Weise ehren. Man glaubt, daß der Kaiser eine große, den Namen der Verewigten tragende Stiftung machen wird.

Dieser Strom erreichte den Damm, den die Menschenhand zum Schutze gegen seine Wasser gezogen hatte, nur während seines höchsten Standes; sonst ließ er einen breiten Streifen seines Bettes- frei liegen, deu gewöhnlich die rohrartigen Halme der Durrah dicht besetzen. Gerade dieser trocken ge­legte Landstreifen, der obendrein am ungenügendsten durch Befestigungen geschützt war, war es auch, der im Jahre 1884 den fanatischen Scharen des Mahdi den günstigsten Angriffs­punkt bot. Durch die Durrahfelder zog man auf einem staubigen Wege hindurch und sah dann inmitten einer öden, schmutzigen und staubigen Ebene sich die Stadt, eine graue, abwechselungslose Häusermaffe, erheben. Weit und breit ist das Land e-en; und wenn noch die ersten Europäer, die die Stadt betreten hatten, den Urwald bis dicht an die Stadt reichend fanden, so verschwand der Wald doch schnell, und so weit das Auge reicht, ist nun die Landschaft vom Walde fast ganz entblößt. Das war Chartum von der Westseite.

Ungleich erfreulicher war der Blick vom Blauen Nil. Dieser frische und gesunde Fluß lieferte der Stadt ihr Trink- wasser und hier halten sich die Reichen und Vornehmen an- gesiedelt: hier lagen der Gouvernementspalast (wenn man dies Wort auf jene niedrigen und einfachen Häuser anwenden darf), das Spital, das österreichische Konsulat und die Ge­bäude der katholischen Mission, deren ganz von deutschen Handwerkern errichtetes Haus das einzige durchweg aus Steinen hergestellte Gebäude Chartums war. Den schönsten Schmuck dieser Baulichkeiten aber bildeten ihre großen, üppig blühenden Gärten, vou denen der der Mission der schönste war. Da standen Dattelpalmen, da fanden sich Weinrebengänge, die das ganze Jahr hindurch Blüthe und Rrudjt zugleich trugen, da blühten Bananen, Feigen, Zitronen, Orangen, Granaten und Tamarinden. Da zugleich auf dem blauen Nil das Schiffsleben sich entwickelte und an einem schön aufgemauerten Kai hier die Anlegestelle sich befand, so