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Amtliches Organ für Stsöt- unö LanöKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 190 Mittwoch All 17. August 1898
AmMchtS.
SlcrHM^ers ^anait.
MKÄAtAschMge^ des OLerbürgermeisteramtrs.
Wasserwerk.
Auf Grund des § 25 des Statuts Vetr. die Benutzung der städtischen Waffer- leitung zum Privatgebrauch wird die Entnahme von Waster aus der Wasserleitung für die Begietzung oder Berieselung von Gärten, Hosen, Wegen u. f. w., für den Betrieb von Springbrunnen, sowie für Luxuszwecke jeder Art unter Hinweis auf die Strafandrohung des § 11 der Polizeiver ordnung vom 7. März 1896 (Geldstrafe bis zu 30 Mark) verboten.
Hauau, 17. August 1898.
Der Magistrat
Dr, Gebeschus. 12094
Wasserwerk.
Der übermäßige Wasserverbrauch der letzten Wochen hat die Brunnen des Wasserwerks derartig erschöpft, daß die Pumpert gestern bereits Lust gesogen haben und der Wasserzustutz spontan aufhörte. Auch heute früh um 9 Uhr waren die Brunnen und das Reservoir — abgesehen von dem für Feuerlöschzwecke nöthigen eisernen Bestand — leer, so daß es unmöglich ist Wasser bis zum Mittag abzugeben.
Wir ersuchen unsere Mitbürger dringend jegliche Wasservergeudung zu unterlassen und richten auch an die Gewerbetreibenden die Bitte, nach Möglichkeit den Wasserverbrauch für gewerbliche Zwecke zu beschränken, andernfalls wir gezwungen find, die Entnahme vor» Wasser aus der Wasserleitung für gewerbliche Zwecke zu verbieten.
Hanau, 17. August 1898.
Der Magistrat
Dr« Gebeschus. 12093
FenMotsn.
Japans moderne Litteratur.
(Nachdruck verboten.)
Japan, das sein Parlament und seine Universität, das in Osaka sein Glasgow und in Tokio sein PariS hat, hat natürlich auch seine moderne Litteratur. Modern? Nun, freilich nicht modern im Sinne unserer europäischen Litteraturen, wohl aber im Zusammenhänge der Entwickelung des j» panischen Schrifttums. Und diese moderne japanische Littera» tur ist deshalb ganz besonders interessant, weil, sie den seltsam verworrenen Zustand, in dem sich das geistige Leben deS Landes gegenwärtig befindet, sehr anschaulich wiederspiegelt, und uns deutlicher, als irgend etwas anderes zeigt, daß die jähe Europäistrung Japans nur als etwas Aercherliches an» zusehen ist und der eigentliche Volksgeist von ihr bisher nur in recht bescheidenem Maße berührt worden ist.
Sehr einträglich ist die Litteratur in Japan eben nicht, da ein Roman von 300 Seiten mit nicht mehr all etwa 60 Mk. honorirt wird. Dennoch erfreut sich da» Land nicht nur zahlreicher Litteraten, sondern hat auch feine „Boheme", enthusiastische junge Leute, die nach dem Ideale suchen, poetische Phantasten, die ihr Leben nicht anzuwenden verstehen, halbe Menschen, die oft dem Alkohol oder dem Opium zum Opfer fallen, oft auch in der Klaffe der Soshi's aufgehen, jener spezifisch japanischen Politiker, die die Feder gelegentlich ein* mal mit dem Dolche vertauschen. UebrigenS fördern die Vornehmen und Begüterten, sowie auch die offizielle Welt, voran die Minister, durch-Unterstützung junger Talente die Litteratur nach Kräften, und eine Besserung der sozialen Lage der Schriftsteller ist daher wohl nur eine Frage der Zeit.
Wasserwerk.
Vom Donnerstag den 18. d. Mts. ab wird Wasser aus der städt. Wasserleitung nur in folgenden Stunden abgegeben:
morgens von 5 bis 7^2 Uhr, mittags von IIV2 bis 1 Uhr, abends von 6 bis 8 Uhr.
Eventuell wird das Wasser unter geringerem Druck abgegeben, so daß es nur im Erdgeschoß der Häuser erhältlich ist.
Hanau den 17 August 1898.
Der Magistrat
Dr. Gebeschus. 12095
DiLllflmchrichteu aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Rundreisebillet. */» Ctr. Zink. Eine Blechmarke mit Zeichen P. H. 99.
Angeflogen: Ein Kanarienvogel.
Verloren: Ein Zehnmarkstück.
Hanau am 17. August 1898.
Die Bedeutung des Binnenmarkts.
Wohl mit wenigen Begriffen ist in der letzten Zeit ein so starker Mißbrauch getrieben worden wie mit „Industriestaat^ und „Export". Tagtäglich kann man die Ansicht vertreten hören, daß Deutschland unaufhaltsam auf der Bahn zum Jnduftriestaaie begriffen sei, und forscht man dann näher nach, so findet man gewöhnlich, daß Industrie im allgemeinen und Export-Industrie einfach gleichgesetzt werden, oder daß man sich wenigstens über den Umfang und die Bedeutung der intern den weitreichendsten Vorstellungen hingibt. Darin aber steckt ein gewaltigrr Irrthum. Befragt man die Lehrer der volkswirthschaftlichen Wissenschaft, so ergeben diese jedenfalls ein durchaus anderes Bild, als es uns in der land- länfigen Meinung entgegenzutreten pflegt.
Wer nähme nicht von vornherein an, daß Englands wirthschaftliche Bedeutung so gut wie ausschließlich im Export beruhe, und doch trifft eine derartige Auffassung keinesfalls zu. Erst vor kurzem hat ein Vorkämpfer des Export- Zkdustrialismus, Dr. Goldstein, in seinem Buche „Berufs- gl^dernng und Reichthum" zugegeben, daß selbst in England der innere Markt heute weitaus wichtiger sei, als der Absatz ins Ausland.
Eine Litteraturgattung, die in Japan besonders beliebt iftv ist der Essay, und zahlreiche Autoren widmen sich diesem Zweige. Unter ihnen könnte man Fukuzawa etwa mit dem Amerikaner Emerson, Fukushi mit Alphonse Karr, Shiga mit Johnson vergleichen. Der gefeiertste Essayist ist gegenwärtig Fukuzawa, der seinen Ruf zurrst durch seine dramatischen Arbeiten begründete, u. a. durch die „Vierzig Ronin", eine dramatische Satire auf das Harakiri. Er hat einen scharfen Stil und eine bilderreiche Sprache, ermangelt aber vielleicht der Tiefe und Originalität.
Eine wettere Litteraturgattung, die man als eine Eigenthümlichkeit deS japanischen Schriftthums bezeichnen muß, ist die rhetorische. Reden, die bei irgend welchen feierlichen Gelegenheiten gehalten wurden, parlamentarische Leistungen und sogar solche rhetorische Ergüsse, die nie mündlich vorgetragen sondern nur zu Papier gebracht wmden, sie füllen in den Tageszeitungen ganze Spalte» und ersetzen in ihnen etwa das, was bei unS das „Vermischte" ist. Das japanische
Publikum scheint an diesen Haranguen ein ganz unerschöpf- Sohn des Mikado), die in der 68er Revolution eine wichtige liches Gefallen zu finden. Auf diesem Gebiete ragt der Chef- j Rolle spielte. Da ist eine Art patriotischen Chansons im redaktenr der Zeitung „Nippon", Kuga, hervor, ein Schrift- ^Hiränaika" (Denkst Du daran?)^ und selbst seine Wacht
sftller, der über eine große Beredsamkeit verfügt und zugleich ein hervorragender Gelehrter ist. Er ist wohl bewandert in Litteratur des Ostens und des Westens, vertritt aber mit großer Entschiedenheit den Standpunkt des Klassizismus, d. h. der Rückkehr unter den Einfluß der chinesischen Litteratur. Geschickte Debütier, weitgereiste Männer, feine Stilisten finden sich unter diesen Rhetorikern; daS Hauptinteresse aber erregt auf diesem Gebiete gegenwärtig das litterarische Duell zwischen Tayama und Jnouye Trtsojiro. Das sind zwei vollkommene Gegensätze. Tayama, der in seiner äußeren Erscheinung etwas von Thiers und Windhorst hat, ist ein Feuerbrand, Tetsojiro ein Eisberg; jener ein leidenschaftlicher Angreifer, dieser ein kühler Denker, jener schneidig und verwegen, dieser
am Rhein" hat Japan in jenen Strophen über die Zukunft deS Lande-, das „berufen ist, Herr der Welt zu werden." Doch derartige schwungvolle Poeme sind bei alledem seltene Ausnahmen. Im Allgemeinen gefallen sich die Japaner in kleinen lyrischen Kompositionen, die in ihrer Naivetät manchmal kindlich sind, in formalen Spielereien; sie vereinigen Reim und Allitteration, sie suchen in den Versen, selbst auf Kosten deS Sinnes, einen gewissen Tonfall zu erzielen. Als ein Beispiel mag eine derartige Spielerei, „der Schnee deS Fusijama", von dem eifrig nationalen Tetsojiro gelten, die in ganz Japan gekannt und gefeiert ist. Da heißt es;
Kita, Kara, Karega oki ornsa,
und die ganze „Schönheit" dieser Zeilen liegt darin, daß,
Was aber von England gilt, gilt selbstverständlich in noch viel höherm Maße von Deutschland. Niemand wird leugnen wollen, daß sich unser Export in den lebten Jahrzehnten überraschend entwickelt hat, aber stärker als der Export ist dennoch die Aufnahmefähigkeit des innern Markts gestiegen. Dies wird auch von sozialistischen und für die industrielle Entwicklung begeisterten Kreisen eingestanden.
Sehen wir uns einmal einige der wichtigsten Industriezweige Deutschlands etwas näher an. Unter allen deutschen Export-Industrien dürste die chemische Industrie des vordersten Platz einnehmen, aber auch sie führt gerade erst die Hälfte ihrer Erzeugnisse aus. Was ferner die Textil-Jndustrie, ebenfalls eine ausgesprochene Export-Industrie, anlaugt, so wurden 1894—1896 im Mittel für 735 Millionen Mark Textilstoffe und fertige Kleider ausgeführt. Diese Ziffer macht nur etwa 45 Prozent der zu 1600 Millionen Mark angenommenen Eigen-Konsumtion, bezi-hungsweise ungefähr 31 Prozent der Gesammt-Produktion aus. Bei der Metall- und Maschinen-Industrie endlich ist der ausgeführte Theil der Gesammt-Erzengung ein noch weit geringerer. Zu den gleichen Resulaten aber gelangen wir, wenn wir unser Augenmerk auf die Zahl der in der Export-Industrie thätigen Arbeiter richten. Nach äußerst sorgfältigen Berechnungen ist bisher nur etwa V» aller industriellen Arbeiter im Dienste des Exports beschäftigt.
Trotz alledem liegt es uns durchaus fern, die sich stetig steigernde Bedeutung unserer Ausfuhr irgendwie verkleinern zu wollen. Nur auf Herstellung eines gesunden Gleichgewichts in der Schätzung der beiden unsere Produktion bestimmenden Mächte, des Binnenmarktes und der Ausfuhr, kommt es uns an. Dem ausschlaggebenden Einflüsse des Binnenmarktes muß seitens der öffentlichen Meinung unbedingt wieder ein erhöhtes Maß von Beachtung und Anerkennung zu theil werden. Ist aber einmal die vorwaltende Bedeutung des Binnenmarktes festgestellt, so ist damit zugleich auch die Nothwendigkeit seiner Pflege oder des Schutzes der nationalen Arbeit vorgefekchnet. So führen die theoretischen Ergebniffe der Wissenschaft auch unter diesem Gesichtspunkte wieder zu dem praktischen Ziele einer nationalen Wirthschafts- und Handelspolitik hin.
Tagesscha«.
Vom Ableben des deutschen Altreichskanzlers.
Nicht minder erschütternd als auf die deutschen Städtebe- wohner wirkte die Trauerkunde vom Mleben des deutschen Altreichskanzlers auf die Bewohner der entlegensten deutschen Alpenthäler. Als die Nachricht in Lienz in Tirol eintraf, rang die Trauer sofort nach einem beredten Ausdruck. Man wollte die Trauerkunde auf die höchsten Bergspitzen tragen
überlegt und gehaltvoll. Tayama verficht den europäischen Einfluß, dem er Thür und Thor weit geöffnet zu sehen wünscht, Tetsojiro will die Entwickelung des äußersten Ostens allein aus sich selbst heraus; jener ist Kosmopolit, dieser streng national; jener will alle Dämme niederreißen, dieser neue errichten.
Verglichen mit der Blüthe der rhetorischen Litteratur steht die Lyrik weit zurück. Der Dr. de Barzemont, ein vortrefflicher Kenner der japanischen Litteratur, macht treffend darauf aufmerksam, daß die Lyrik ein Echo der Seele sei und daß in der japanischen Seele kein Ideal, keine blauen Träume, keine launenhaften Phantasiern und Chimären lebe». Es ist
eine wesentliche materielle, ja, man möchte sagen, eine mechanische Seele. Sie kennt eigentlich nur einen starken idealen Impuls, den Patriotismus, und den bewährt der Japaner lieber durch die That, als im Gesänge. Immerhin darf man von einer patriotischen Lyrik sprechen. Da ist die japanische Marseillaise „Mia sama, mia sama“ (Sohn des Mikado,