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Nr. 162
Freitag den 15. Juli
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1898
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Portemonnaie nebst 1,20 Mk. baar und 28 Ps. in Konsummarken.
Entflogen: Zwei Brieftauben und zwei Koburger Lerchen.
Hanau am 15. Juli 1898.
Noch immer Dreyfus.
Nach den Erklärungen des Kriegsministers Cavaignac in der Deputirtenkammer am 6. Juli sprachen sich die meisten Pariser Blätter zuversichtlich dahin aus, daß die Dreyfus- Angelegenheit nun endgiltig „begraben" sei. Aber Dreyfus, Picquart, Esterhazy sind heute mehr an der Tagesordnung als je, und ganz Paris spricht von nichts anderm, als von der „begrabenen" Sache.
Während das frühere Ministerium Möline vor allem den formalen Standpunkt der res judicata: Dreyfus ist nach Gesetz und Recht verurtheilt, festhielt, hat Cavaignac alle Zweifel an der Schuld des Exhauptmanns vom großen Generalstabe mit der Berufung auf den materiellen Inhalt gewisser Beweisstücke niederschlagen wollen. Er theilte der Kammer drei ausgefangene Briefe, in denen von der Canaille D. die Rede ist, sowie die Aufzeichnung eines Gendarmerie- Hauptmanns mit, der von dem verurth-ilten Dreyfus das Geständniß gehört haben wollte, er habe unbedeutende Aktenstücke als Köder, um wichtige dafür einzutauschen, ausgeliefert. In dem dritten der aufgefangenen Briefe war Dreysus mit vollem Namen als der Spion der fremden Macht bezeichnet.
Es ist aber wider allen Brauch und unsinnig, anzunehmen, daß der fremde Militärattache, von dem der Brief herrühren soll, so unvorsichtig den wirklichen Namen seines Vertrauensmannes einem Briefe anvertraut haben sollte, und dies obendrein zu einer Zeit, als Dreyfus schon verurtheilt war und über seinen Fall in der Kammer eine Interpellation stattfin- den sollte. Jeder Unbefangene mußte sich sagen, daß dieser Brief wahrscheinlich gefälscht sei, und daß bei so schwachen Beweismitteln die Schuld des Dreyfus erst recht zweifelhaft erscheinen muß. Dem angeblichen Zeugnisse des Gendarmerie- Hauptmannes steht das Zeugniß des Gefängniß-Direktors Forcinatti gegenüber, der immer nur den Dreyfuß seine Unschuld betheuern gehört hat. Außerdem hat der Vertheidiger des Dreyfus, Demange, dem. Justizminister jetzt eine eigenhändige Aufzeichnung des Dreyfus über eine Unterredung unterbreitet, die dieser nach seiner Degradation mit dem Major Paty de Clam gehabt und in der er den Versuch, ihn zu dem Geständuiß der Lieferung von Aktenstücken jm Dienste der Gegen-Spionaze zu bewegen, entschieden zurück
gewiesen hat.
Die materielle Dürftigkeit der von Cavaignac vorgebrachten Beweismittel steht aber erst in zweiter Reihe gegenüber der Thatsache, daß Dreyfus uur auf Grund einer problematischen Aehnlichkeit seiner Schrift mit der des sogen. Bordereau ver- urtheilt worden ist und daß weder er noch sein Vertheidiger von andern Beweismitteln Kenntniß erhielten. Das ist es, was manche Geister in Frankreich am meisten beunruhigt, daß nämlich die Verurtheilung auf ungesetzmäßige Weise zu Stande gekommen war, durch geheime Mittheilungen von Briefen an die Richter.
Das Angebot deS Oberstlieutenants Picquart, vor dem Richter die Belanglosigkeit der beiden ersten Briefe und die Fälschung des dritten zu beweisen, hat zur Verhaftung Picquarts geführt, aus welchem Rechtsgrund ist schleierhaft. Gleich- zei'ia ist auch Esterhazy, dessen Handschrift bekanntlich eine verblüffende Aehnlichkeit mit der des Borderau hat, sammt feiner Geliebten verhaftet worden, jedoch nicht wegen dieser Aehnlichkeit, sondern wegen des Verdachtes, Briefe und Depeschen, die sich auf Picquart beziehen, gefälscht zu haben. Die Esterhazy-Presse hofft, wahrscheinlich mit Recht, daß durch das Verfahren der Verdacht entkräftet, also eine res judicata zu Gunsten von Esterhazy geschaffen werden wird.
Der ganze Spektakel in Paris ist nur aus einer krankhaften Geistesverfassung der Franzosen zu erklären. Für jeden unbefangenen Ausländer handelt es sich um eine verwackelte Kriminalsache, die Pariser aber beschwören dre Ehre der Armee und erklären das Vaterland in Gefahr, wenn nicht Dreyfus sondern ein anderer Offizier der Verräther gewesen sein sollte. Dem chauvinistischen Toben der Menge steht bte Gewissensangst weniger gegenüber. Mögen sie's treiben, un-sie wollen, Deutschland hat, wie bekannt, mit Dreyfus nichts zu thun aebabt für uns ist der Fall eine rein innere Angelegenheit &£ L für tm Sch-W»- to Itriminnlifhn unb den Scharfblick des unbetheiligten Politikers ein dankbares Beobachtungsfeld bietet.
T K g - s s ch K u.
Von der Marine. Laut telegraphischer Meldung an das Oberkommando der Marine ist S. M. S. „Condor", Kommandant: Korvetten-Kapitän von Daffel, gestern bei den Seychellen angekommen und beabsichtigt, am 6. August nach Desroches in See zu gehen; der Reichspostdampfer „König" mit der abgelösten Besatzung S. M. S. „Condor", Transportführer: Lieutenant zur See Mommsen, ist gestern in Rotterdam angekommen und beabsichtigte, noch am selben Tage die Heimreise fortzusetzen; der Reichspostdampfer „Bayern"
mit den abgeliften Mannschaften S. M. Schiffe in Ostasien, i^d aufs Neue zum Aufflackern bringen. Genährt wird Transportführer: Kapitän-Lieutenant Lützmann, hat gestern ib« Heilung, den Prinzen Georg trotz des anhaltenden Pro- von Shanghai die Heimreise fortgesetzt. ' testes der Pforte zum Gouverneur der Insel zu machen,
Eine wichtige Neuerung auf dem Gebiete der durch das Gerücht,beruhe mürbe sich in Kurzem mit einer
Volksbildung wird von Seiten der Regierung durch Er-
richtang einer staatlichen Volksbibliothek geplant. Aus öffentlichen Mitteln unterhalten und vom Staate verwaltet, soll die neue Auftakt in größerem Maßstabe angelegt werden. Die Erfahrungen des Auslandes auf dem Gebiete der öffentlichen Bibliotheken, besonders die in England und Amerika gemachten, werden den neuen Einrichtungen zu Gute kommen. Die Bibliothek soll im Osten der Monarchie errichtet werden, um gleichzeitig die nationalen Bestrebungen der Regierung zur i Stärkung des deutschen Volksthums zu fördern. Als ihr
Sitz ist Thorn in Aussicht genommen. Die unmittelbare Förderung der Volksbildung durch Errichtung allgemein zugänglicher Bibliotheken und Lesehallen werde bis jetzt ausschließlich den Gemeinden und privaten Bestrebungen überlassen. Da dem Urterrichtsminister, dem die Ausführung des Planes obliegt, entsprechende Mittel kaum zur Verfügung stehen, so dürfte die Einstellung der erforderlichen Summe in den Staatshaushalt für 1899 zu erwarten sein.
Amerikanische Schuhwaaren. Nachdem das preußische Handelsministerium Veranlassung genommen hat, zu der drohenden Einfuhr amerikanischer Schuhwaaren nach Deutschland Stellung zu nehmen, ist auch die sächsische Staatsregierung diesem Beiipiele gefolgt und hat an die Handelsund Gewerbekammern ein Rundschreiben gerichtet, worin auf die Überschwemmung Deutschlands mit amerikanischen Schuhwaaren, die Minderwerrhigkeit des Fabrikats und die daraus entstehenden Schädigungen des deutschen Schuhmachergewerbes hingewiksen wird. Die eingeführten amerikanischen Schuh- waaren sollen öfter auf die Güte des Leders, der Zuthaten und Herstellnngsweise geprüft und die Resultate möglichst durch die Presse verbreitet werden.
Auf dem 22. deutschen Perrückenmacher- und Friseurverbandstag in Berlin empfahlen am Mittwoch die sächsischen und süddeutschen Delegirten die Umwandlung der Innungen in Zwangsinnungen, die Delegirten von Köln und Düsseldorf warnten vor Annahme der Zwangsinnungen, da es einen eigentlichen Hauptberuf als Perrückenmacher nicht gebe, dieselben in der Hauptsache vielmehr einen kaufmännischen Betrüb bar stellten, sogar mehr frisirten als Perrücken machten. In der Abstimmung erklärten sich 13 Provinzial- und Bezirksverbände für die Errichtung von Zwangsinnungen, die Mehrzahl davon nur im Prinzip, die Innungen zu Köln und Düsseldorf stimmten entschieden dagegen. Die Versammlung stimmte diesem Beschlusse entsprechend der Abänderung des Verbandsstatuts im Sinne der Zwangsinnungen zu. Nach Ertheilung der Entlastung für die Kassenrechnung wurde der Verbandshaushaltsplan in Einnahme und Ausgabe auf 5144.97 Mark festgesetzt, und der bisherige Verbands Vorstand durch Zuruf wiedergewählt. Als Ort des nächsten Verbandstages wurde Dresden bestimmt.
Die russischen Ernteaussichten verschlechtern sich von Tag zu Tag. Im Wolgagebiete, den Steppenprovinzen bis tief nach dem westlichen Sibirien herrscht sengende Hitze, sodaß bei dem Regenmangel das Getreide völlig mißratheu ist. Auch aus dem südwestlichen Rußland kommen ähnliche Klagen. Man kann im Durchschnitt kaum noch auf eine Mitte lernte rechnen. Welchen Eindruck diese Thatsache auf Nothstands- distrikce ausüben muß (sie haben die schlechtesten Ernteaussichten), kann man sich leicht ausmalen.
Griechenland. Die „Ethnike Hetairia", die in den letzten Jahren so viel Unheil durch ihre Agitation angerichtet hat, beginnt wiederum Unruhen anzustiften. Sie hat ihre Sendlinge nach Kreta hinübergeschickt und läßt dort unter den Christen die Meinung verbreiten, die jetzige provisorische Verwaltung der Insel durch die Mächte in Verbindung mit der Türkei solle eine definitive sein und es daher nichts zur Zurückziehung der ottomanischen Zivil- und Militärbehörden kommen. Der Zweck, den man dabei im Auge hat, ist natürlich, die Insurgenten dahin zu bringen, daß sie vor weiteren Verhandlungen auf dem Abzug der türkischen Truppen
bestehen und vor Allem den Prinzen Georg als den vom Volke verlangten Gouverneur zu proklamiren. Durch diese Gährung werden selbstverständlich die mohamcdanischen Einwohner der Insel aus das Aeuherste beunruhigt, und sie beginnen darüber Klage zu führen, daß ihnen bisher keinerlei .Einfluß auf die Gestaltung der inneren Verhältnisse des Landes, an denen sie ebenso großes Interesse haben wie die ; Christen, eingeräumt werde. Vielleicht wird daher die Wühl- > arbeit der griechischen Gesellschaft wiederum die so mühsam
hergestellte Ruhe auf Kreta in Frage stellen und den Auf- ! stand aufs Neue zum Ausflackern bringen. Genährt wird
russischen Großfürstin verloben, wahrscheinlich mit der am
29. Januar 1882 geborenen Großfürstin Wladimirowna, der Tochter des Großfürsten Wladimir. Man gibt sich hier der Hoffnung hin, daß die Braut alsdann dem Prinzen die Gouverneurstelle Kretas als Morgengabe zubringen werde. Bezeichnend für die Stimmung des Hofes und der Regierung ist der Umstand, daß von keiner Seite den paugriechischen Treibereien der unruhigen Elemente im Lande ein Hinderniß in den Weg gelegt wird.
Politische rrrrd unpolitische Nachrichten» (Depeschen-Bureau „Herold".)
Berlin, 14. Juli. Der Kaiser hat der Sammlung, welche der Rothe-Kreuz-Verein zu Gunsten der Verwundeten und Kranken im amerikanisch-spanische» Kriege veranstaltet hat, 10,000 M. Überwerfen lassen.
Berlin, 14. Juli. Ueber die von der Petersburger Zeitung in einem Artikel geltend gemachten angeblichen Beschwerden der russischen Regierung ist der „National»Ztg." zufolge an hiesiger unterrichteter Stelle nichts bekannt. Dem Vernehmen nach bestehen nur Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der jüngsten Verordnung über den Transport von Gänsen. Während die russische Regierung annimmt, daß dieselbe mit dem Geiste der Handelsverträge im Widerspruch stehe, hält die deutsche Regierung an dem Standpunkte fest, daß es sich bei der Verordnung lediglich um eine innerpoli- tische Maßnahme handle.
Köln, 14. Juli. Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Berlin gemeldet: Die Association verbreitet aus Manila vom 9. ds. ein Telegramm, welchem zufolge das deutsche Kriegsschiff „Irene" die Ausständigen durch Gewalt verhindert haben soll, die Spanier anzugreifen. Der amerikanische Admiral Dewey habe daraufhin zwei Kriegsschiffe abgeschickt, bei deren Erscheinen sich „Irene" zurückgezogen habe. Später habe die „Irene" auf Manila Einmischungsgelüste gezeigt, die aber von Dewey zurückgewiesen wurden. Die „Kölnische Zeitung" sagt dazu, diese ganze Nachricht trage den Stempel der Erfindung auf der Stirn und gehöre zweifellos zu den wiederholt ausgestreuten Meldungen, durch welche eine Verstimmung zwischen Amerika und Deutschland herbeigeführt werden soll. In Berlin sei von einem solchen oder ähnlichen Vorfälle nichts bekannt.
Wie»», 14. Juli. Aus Kreisen der Linken verlautet, wenn die Regierung ihre Sprachenvorschläge durch Okcroirung auf Grund des § 14 einführen sollte, würden sie von den Deutschen mit gleicher Schärfe wie die jetzigen Sprachen- Verordnungen bekämpft werden. Angesichts der heutigen Besprechung der Vertreter des verfassungstreuen Großgrundbesitzes mit dem Grafen Thun wird die Möglichkeit nicht als ausgeschlossen betrachtet, daß aus dieser Besprechung der Anstoß sich zu dem Versuche ergeben werde, bte Verhandlungen mit den Deutschen wieder anzuknüpfen. anns-ra-
Budapest, 14. Juli. Der Staatssekretär im HandelZ' Ministerium Wladislaus Voeroes ist seiner Stelle enthoben ""'»«»apcH, 14. SÄ D-r Hmd-l-mI-P-r D«ü-l eröffnete »rufe eine EMMt- Met hen --wn-mm ZM-r.j mit einer längeren Rede, in welcher er betonte, daß Oesterreich-Ungarn absolut nicht daran denke, einen Zollkrieg gegen Oesterreich zu führen, sondern es für das zweckmäßigste halte, daß das Zoll- und Handelsbündniß mit Oesterreich erneuert werde.
Paris, 14. Juli. Die Stimmung unter dem Publikum am heutigen Nationalfesttage ist eine sehr gedrückte. Nur halb so viele Menschen wie sonst sind an den Bahnhöfen, um das Paradefeld zu besuchen.