AVonnements- Preis:
Jährlich 9 M.
Halbjährl. 4 ^ 50 .* Vierteljährlich
2 °« !>5 ^Z.
Für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag.
Die einzelne Nummer kostet 10
Amtliches Organ für dfaöf- unS LanöKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Einrückuugs- gebühr
für Stadt- und Landkreis Hanau 10 ^ die 4gespaltene Garmond- zeile oder deren Raum, für Auswärts 15 ^.
Im Reklamentheil die Zeile 20 ^, für
Auswärts 30 ^.
«r. 147.
fW^asiMtsöS# «-v^«i»Ä«^^Äsi^s8MWv^8z8iM^«»««!!^<^Ä»iti«>»»M-^^M»-»««««^
Dienstag den 28. Juni
1898
Amtliches.
SlcrHM^eis ^attaxt.
HrkLMtWachuuM drs Oberbürgermeisteramtes.
Am Mittwoch den 29. Juni 1898, nachmittags von 5 Uhr ab, findet im unteren Sitzirngssaale des Neustädter Rathhauses, Zimmer Nr. 1, öffentliche Sitzung des Geverbegevichts statt, in welcher Partheien etwaige Strei- tig leiten, Klagen rc. zur Schlichtung anbringen können.
Hanau den 28. Juni 1898.
Der Vorsitzende des Gewerbegerichts
Dr. Gebeschus. 9610
Gesunden: Eine Velozipedlaterne. Ein kleines Portemonnaie nebst 30 Pf. Inhalt.
Zugeflogen: Ein Kanarienvogel.
Hanau am 28. Juni 1898.
Die linksliberalen Parteien nach den Reichstagswahlen.
In dem Roman Pelham von Bulwer tritt als episodische Figur ein Schriftsteller Wormwood auf, der die Fähigkeit hat, allen Leuten etwas zu sagen, was sie gerade in dem betreffenden Momente nicht hören mögen. So sitzt er bei Tische neben dem behäbigen Feinschmecker Lord Guloseton, der eben mit Behagen einen Hummer verzehrt. „Was? Sie essen Hummer?* fragt Wormwood. „Ich wage nie welche zu essen, weil man vom Hummer zu leicht den Schlag bc- kömmen kann. Und wenn ich gar erst so dick wäre wie Sie . . . Dem dicken Lord vergeht natürlich sofort der Appetit. Selbstverständlich geht Jeder in weitem Bogen um den unangenehmen Gesellen Wormwood herum.
An diesen Wormwood wird man oft durch das Benehmen der linksliberalen Gruppen, insbesondere derer um Richter und der süddeutschen Volkspartei erinnert. Wenn sich das deutsche Volk über etwas freut gleich sind die Herrschaften dabei, Einem den Appetit zu verderben. Man freute sich z. B. über die geschickte und ohne Blutvergießen gelungene Besetzung von Kiautschou, gleich bekam man zu hören: „Was werden aber I Rußland und England dazu sagen? Denkt ihr denn garnicht daran, daß die Kostenrechnung Nachkommen wird?* Oder man freut sich darüber, daß das deutsche Heer noch immer unerreicht ist. Gleich wird man daran erinnert, daß der Deutsche pro Kopf jährlich eine Mark mehr für das Heer ausgibt, als der Franzose. Oder man freut sich darüber, daß öffentliche Bauten mit einem Glänze hergestellt werden, wie es einem stolzen und großen Reiche entspricht. ■ Gleich wird eine melancholische Miene angenommen,
Feuilleton
Johann ohne Land. Zur Erinnerung an die Wahl des Erzherzogs Johann von Oesterreich zum deutschen Reichsverweser, 29. ^urn 1848.
Von Robert Oberhubt . tN-chdr. verb.)
Erschrick nicht, lieber Leser! Nicht von jenem Johann ohne Land sollst Du unterhalten werden, der, als rankevoller Bruder des Königs Richard Löwenherz Dir aus Walther Scotts Jvanhoe in unfreundlicher Erinnerung ist. ^em, wir geben selbstherrlich diese Bezeichnung einem viel braveren Manne, weil sie gleich den wesentlichsten Gründ anglb^ weshalb er in der einzigartigen Stellung, die er vor Jahren durch den Beschluß der deutschen Nationalversammlung erhielt, nichts erreichen konnte. Ja, Erzherzogsohannhat als deutscher Reichsverweser die deutsche Sache nicht gesordert, aber doch verlohnt es gar wohl, sich an MmTWs^M zu erinnern. War er doch als Nelchsverwestr ein Vorläufer des später herrlich erblühten deutschen Kaiserthums.
Als einen solchen Vorläufer hatten ihn sicht auch die patriotischen Männer gedacht, die ihn am 29 Juw 1^8 mit großer Mehrheit zum Reichsverweser enrannten C e waren zu der Erkenntniß gekommen, daß dle Nattonalver- sammlung in Frankfurt nach außen hin yur^Eindruck machen könne, wenn sie eine Spitze besäße. Es soll e e ne ZentM gemalt geschaffen werden, die ^dem spater zu wählenden d '^r"''w^E^ wamm würdigte th» die aus den tüchtigsten *n«n b--R°A>» b-st-hy»- £«» furter Versammlung ihres Vertrauens? Soweit er b g 8 Aktionen in die Oeffentlichkeit getr^n war,hatteer uM! h gut abaescknitten. Das österreichische Kaiserhauo schien z seinem Genie ein recht übertriebenes Vertrauen zu haben,
auf die zwei Milliarden Mark Reichsschuldeu hingewiesen, *unb das Reich wie ein verbummelter Lebemann abkonterfeit, dem kein Mensch mehr einen Groschen borgen möchte. Es versteht sich von selbst, daß das Volk sich von den unangenehmen Gesellen, die ihm die Freude am Reiche zu verleiden suchen, schließlich abwendet.
Das haben auch wieder die Wahlen zum Reichstage dargethan. Die freisinnige Volkspartei wird sich zwar darauf berufen, daß sie ihren Besitzstand gut behauptet, ja sogar einige Mandate mehr errungen hat, als 1893. Aber einmal hat die Partei bei den Stichwahlen ein unerhörtes Glück gehabt, z. B. in Berlin, wo einer ihrer Kandidaten mit 100, ein anderer gar nur mit 50 Stimmen Mehrheit gewählt
wurde, und zweitens ist sie, wie gerade Berlin beweist, nicht nur von links, sondern auch
von rechts mit aller Kraft unter -
stützt worden. Aus eigener Kraft hätte sie nicht einen einzigen Abgeordneten durchbringen können, denn auch der Aboeoronete Schmidt wurde in Bingen nur dadurch im ersten Wahlgange gewählt, daß er sofort die Stimmen der Centrumspartei erhielt. Ungünstig haben auch die anderen linksliberalen Gruppen abgeschnitten, die freisinnige Vereinigung und die süddeutsche Volkspartei. Daß die freisinnige Vereinigung an Mandaten hinter der Volkspartei noch mehr zurückgeblieben ist, als 1893, ist vielleicht bedauerlich, denn die Vereinigung hat wenigstens bei nationalen Fragen (Heeresvorlage, Dampfersuboention, Marinevorlage) sich auf den richtigen Standpunkt gestellt; aber die Partei leidet einmal noch unter dem Umstände, daß sie früher mit der Volkspartei vereint war, zweitens daran, daß sie die rücksichtslosen Rippenstöße der Richterschen Gruppe nicht energisch genug abzu- wehren wagt. Der Verlust der süddeutschen Volkspartei wird ziemlich überall ungetheilte Befriedigung erregen.
Alles in allem haben also die linksliberalen Gruppen, ganz besonders, was die Zahl der auf sie im ersten Wahl- gange entfallenen Stimmen anlangt — und dies ist ja eigentlich das einzig maßgebliche Kriterium für die Volksstimmung — noch schlechter abgeschnitten, als 1893. Das will viel sagen, denn schon 1893 bedeutete einen sehr starken Rückgang gegen 1890, und 1890 wiederum stand weit hinter dem besten Jahr des Linksliberaltsmus, 1881, zurück.
Wenn die linksliberalen Parteien wiederum mehr an Rückhalt beim Volke verloren haben, so liegt dies an dem bereits hervorgehodenen Fehler der unausgesetzten nörgelnden Kritik. Es soll gewiß nichts dagegen gesagt werden, daß eo. Fehler und Ungehörigkeiten einer Regierung oder ihrer Organe ein Wort der Abwehr finden. Aber es darf etwa nicht alles, was die Regierung thut, als ein Fehler verschrieen werden, und darf nicht bei jeder Ungehörigkeit, die sich irgend ein Beamter zu schulden kommen läßt, ein Lärm erhoben werden, als ob eS in Deutschland schlimmer und willkürlicher zuginge, als in den entlegensten Theilen Sibiriens,
der kaum 18jährige Prinz im Jahre 1800 zum Generalissimus I Prinzen geradezu entsetzt war. Vier Jahre lang mußte Jo- der österreichischen Armee in dem Kriege mit Frankreich gc- Hann mit den Vorurtheilen des Kaiserhofes kämpfen, bis end-
lich 1823 Kaiser Franz seine Einwilligung gab. Die offizielle Bewilligung besagte aber nicht etwa, daß der Hof nun innerlich mit der Ehe des Prinzen einverstanden gewesen wäre. Der Erzherzog mußte vielmehr in halber Verbannung leben, in der er aber, wie wir gesehen haben, ein nützlicheres Da-
sein führte, als wenn er am Wiener Hofe von einem Feste zum anderen geeilt wäre. Es war kein Wunder, daß die Geschichte der Ehe des Erzherzogs ihm in vielen Kreisen die lebhaftesten Sympathien erwarb. Dazu kam, daß der Erzherzog in dem Rufe einer treuen deutschen Gesinnung stand. Dies wurde vornehmlich durch den berühmten Trinkspruch bewirkt, den er im Jahre 1842 bei der Grundsteinlegung der Neubauten zum Kölner Dome gehalten hatte. Damals sprach er in Gegenwart Friedrich Wilhelm IV. den Satz aus: „Kein Preußen, kein Oesterreich, ein großes, einiges Deutschland, so fest und frei wie seine Berge." Man kann sich denken, welch gewaltigen Wiederhall bei der Stimmung jener Zeit diese Worte fanden. Auch der Umstand, daß er wegen seiner deutschen Gesinnung bei dem Wiener Hose in halber Ungnade stand, erhöhte natürlich die Sympathien für ihn. Es ist bezeichnet» für jene Zeit, daß ein ihn huldigendes Gedicht verboten wurde, weil es die folgenden Verse enthielt:
„Wer klimmt hinan den Wolkensteg Verwegen auf dem Gemsenweg? Das ist ein deutfcher Mann, Ist unser Prinz Johann.'
Es war eben damals für einen österreichischen Prinzen etwas gar zu Ungehöriges, ein deutscher Mann zu sein.
So war der Mann beschaffen, der zum Verweser des deutschen Reiches gewählt wurde. Seine Abholung durch eine Deputation, feine Reise durch Deutschland, die Begrüßung in
macht wurde. Das Vertrauen rächte sich, denn der Erzherzog wurde bei Hohettlinden aufs Haupt geschlagen. Auch in den späteren Kriegen gegen Napoleon entwickelte der junge Fürst mehr Eifer und Muth, als Feldherrngenie. Die Erinnerung an seine kriegerischen Lorbeeren war es also nicht, die die Versammlung zu seiner Wahl veranlaßte. Aber man wußte gar wohl, daß der Fürst in den 30 Jahren, die seit den Kriegen vergangen waren, nicht das unthätige Leben eines einfachen Müssiggängers geführt, sondern durch ernste bürgerliche Arbeit seinem Lande Segen gebracht hatte. Besonders den Süddeutschen und den Oesterreichern war es bekannt, daß das schöne Steiermark dem Erzherzog Johann außerordentlich viel zu verdanken hatte. Seine Thätigkeit war eine vielseitige. Er förderte, wo er nur konnte, die Kunst und die Wissenschaften; er richtete ländliche Musterwirth- schasten ein und gründete landwirthschastliche Vereine. Er war auch unausgesetzt für die industrielle Entwickelung Steiermarks thätig, kaufte, um die Industrie anzuregen, selbst industrielle Unternehmungen an, und gründete Vereine zur Förderung von Industrie und Gewerbe, Zeichnenschulen für Gewerbetreibende usw. So führte er in der stillen Zeit der 30er und 40er Jghre ein ruhiges, wohl angewandtes Leben. Uud doch war dieses Leben von einem romantischen Reize umwoben, der nicht wenig dazu beitrug, dem Erzherzoge die Stimmen auch von Männern zuzuführen, die sonst für einen Anaehörigen der hohen Aristokratie keine Sympathie übrig hatten. Der Erzherzog hatte im Jahre 1819 auf einer Ge- birasreise die Tochter eines einsamen Postmeisters zu Aunee in Obersteiermark kennen gelernt. Der 37jährige Erzherzog faßte sofort zu der 16jährigen schönen Anna Plochl eine tiefe Neiauna und beschloß, sie zu seiner Gattin zu machen. Man kann sich denken, daß der Wiener Hof über die Absicht des
sonst kommt man in den Ruf eines gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Nörglers. Wer Geschmack hat, wendet sich von den Polterern angewidert ab. Wenn das Organ des Herrn Richter den Rückgang des Fortschritts dem Umstand zuge- schrieben hat, daß die Fortschrittler aus vielen Kreisen durch das Anwachsen der Sozialdemokratie verdängt würden, so hat sie damit der fortschrittlichen Partei das schärfste Urtheil gesprochen.
Es ist leider nicht zu hoffen, daß die bürgerlichen Radikalen aus der erneuten Niederlage irgend welche Lehre ziehen. Sie werden fortfahren, mit der Sozialdemokratie in der Verdächtigung und Herabsetzung aller Staatseinrichtuügen zu wetteifern, und sie werden in diesem Wettkampfe immer wieder unterliegen, bis sie schließlich vollständig von der Sozialdemokratie abgelöst werden.
Tagesschau.
In den Stichwahlen haben die Sozialdemokraten bisher zwanzig Sitze errungen; davon
zehn gegen Nationalliberale, sieben gegen Konservative, zwei gegen Reichsparteiler und — einen gegen Freisinnige.
Die Freisinnige Volkspattei hat dreizehnmal mit der Sozialdemokratie in Stichwahl gestanden und zwölfmal dann gesiegt; auch in solchen Wahlkreisen wie Lennep Mettmann, wo der Abg. Fischbeck im ersten Wahlgang nur 10,836 Stimmen gegen 15,871 Sozialdemokraten erhielt und die Nationalliberalen mit 8487 den Ausschlag zu geben hatten. Das Centrum hat bisher keine Stichwahl gegen die Sozialdemokratie verloren. Die Erläuterungen dazu kann man sich erlassen. Die rechtsstehenden Parteien kehren jedenfalls mit reinem Schild aus dem Wahlkampf heim.
Drei süddeutsche Residenzen. Die Wahlen haben der Sozialdemokratie — abgesehen von ihren Verlusten — diesmal neun Wahlkreise mehr gebracht; darunter befinden sich drei Residenzen, die sie diesmal neu erobert hat. Stuttgart fiel bei den Hauptwahlen. In den Stichwahlen folgten dann Darmstadt und Karlsruhe. Auf welche Weise diese beiden letzten Städte in die Hände der Sozialdemokratie gelangt sind, bekunden folgende Zahlen zu-
nächst für Darmstadt: Nationalliberale. Sozialdemokraten Antisemiten . . .
6485 11,700 Stimmen
9013 12,500 „
4346
Vergleicht man damit die Wahlen von 1893, wo in dem ersten Wahlgang die Sozialdemokraten 5997, in der Stichwahl 7521 Stimmen erhielten, und der damalige nationalliberale Kandidat in der Stichwahl mit 12,855 Stimmen gewählt wurde, dann ist der Beweis geführt, soweit er sich