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«I. 133.
Freitag den 10. Juni
1898
Öt3
Hierzu
„Amtliche Beilage" Nr. 42.
Dicilstnachrichten aus bau Kreise.
Gefunden: Ein goldner Ring mit der Inschrift St. Josef. Eine silberne Herrn-Remontoiruhr. Ein ca. 1—IV, Meter rothkarrirtes Band, in einem Laden liegen geblieben.
Verloren: Ein silbernes Medaillon, gez. G. M.; dem Wiederbringer eine Belohnung.
Hanau am 10. Juni 1898.
Unehrlichkeit der sozialdemokratischen Wahlagitation.
Wenn wir uns in der Hoffnung nicht irre machen lassen, daß der Ausgang der jetzigen Wahlbewegung nicht den nationalen Parteien, wohl aber den Umsturzdemagogen eine Enttäuschung bereiten werde, so rechnen wir dabei, außer mit der gesunden Einsicht der Wähler, auch mit der Thatsache, daß bisher der Wahlfeldzug seitens der nationalen Parteien ohne taktische Fehler geführt worden ist. Vergebens späht die Sozialdemokratie, deren Führer im Reichstage s. Z. bekanntlich offen eingestanden haben, daß ihre Partie hauptsächlich von den Fehlern der Gegner lebe, nach einer schwachen Stelle des wahlstrategischen Aufmarsches der staatstreuen Richtungen aus, wo sie den Hebel einsetzen könnten. Ihren Schlagworten, die von allerlei düsteren Attentatsplänen der „Reaktion" gegen „das bischen" Recht nnd Freiheit, das dem deutschen Volke verfassungsmäßig gewährleistet sei, zu berichten wissen, ist durch die prompte Widerlegung von den zuständigen Stellen die Zugkraft genommen. Ersatz dafür aber weiß man nicht zu schaffen, weil selbst die findigste Phantasie der Umsturzapostel sich als unzureichend erweist, dem deutschen Volke, gegenüber der klaren und bestimmten Sprache der Thatsachen zu Gunsten der Politik des Schutzes der nationalen Arbeit, das sozialdemokratische Tendenzmärchen von der unaufhaltsam fortschreitenden Verelendung der Massen irgendwie mundgerecht zu machen. Natürlich sind unsere öffentlichen Zustände noch recht weit von dem Ideal der Vollkommenheit entfernt, aber die gesunde Vernunft des Volkes zieht daraus nicht mit der zerstörungswüthigen Sozialdemokratie den Schluß, daß das Bestehende der Erhaltung durch die Bank nicht werth sei, sondern sagt sich, daß gerade, weil es noch so mancherlei zu bessern und auszubauen gibt, in dem neu zu wählenden Reichstag diejenigen Parteien der ausschlaggebenden Mehrheit theilhaft werden müssen, welche, den guten Willen und die Befähigung besitzen, im Verein^ mit der Regierung überall da, wo das Interesse der Ge-^
Feuilletsn
Sommersest des Uaterl. Frauemerrins.
(Zweiter Tag.)
Hanau, 9. Juni.
Rücksichtsvoll hatte der Himmel seine unvermeidlichen Regengrüße während der Nachtstunden zur Erde gesandt und als der Morgen graute, schob er gutmüthig die unbeliebten Wolken zur Seite und schaute schelmisch mit blauen Augen auf die Menschenkinder hernieder, die ihm auf Gnade oder Ungnade ergeben waren. Es wäre doch recht unangenehm gewesen, wenn das so schön begonnene Fest in seinem zweiten Theile vereitelt worden wäre, denn man war gestern allgemein mit seinem Amüsement nicht fertig geworden und setzte seine Hoffnungen auf den kommenden Tag. Aber es hielt, Gott sei Dank, wenn auch der Himmel manchmal noch ein grämliches : Gesicht schnitt, als ob er sagen wollte: Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich will nur nicht! Wie viele Augen mögen unruhig das Barometer beobachtet haben, wie viele Blicke : mögen augstvoll nach oben geflogen sein, wie mancher schöne Mund mag sich zu einem bangen Seufzer geöffnet haben! s Der Himmel müßte eine unverzeihliche Hartnäckigkeit besessen | haben? wenn ihn solche Bitten nicht mürbe gemacht hätten. I Im Ganzen fand man alles wieder, wie man es gestern ! verlassen hatte, nur schöner noch, anziehender und mit dem Hauch einer schönen Zufriedenheit übergossen. Die Stimmung I der anmuthigen Verkäuferinnen schien gehoben zu sein durch r die glänzenden Erfolge, die sie in ihrem Wirkungskreise er- K rungen hatten, und die Laune der Besucher wuchs im gleichen Verhältniß wie der fröhliche Eifer der Veranstaltenden. Es s bedurfte keiner Aufmunterung, um sich von dieser angeregten | Stimmung anstecken zu lassen, dafür sorgte schon alles, was
sammtheit solches erheischt, die bessernde Hand anzulegen. Daß aus dieser Rechnung der sozialdemokratische Faktor eo ipso ausscheiden muß, liegt in der Natur der Sache. Wohl kann man hinsichtlich der zum Ziele führenden Wege ver- schiedener Art sein, über das Ziel der jetzigen Wahlbewegung, die nächste fünfjährige Legislaturperiode des deutschen Reichstages mit positiver, gemeinnütziger Arbeit für das Heil des Ganzen auszufüllen, weiß sich die indessen weit überwiegende Mehrheit der Wähler einig, und alle sozialdemokratischen Hetzereien werden daran nichts ändern. Sache jedes einzelnen ist es natürlich, seine Stimme demjenigen Kandidaten zuzuwenden, zu dessen Partei ihn Vertrauen oder Neigung besonders hinzieht. Aber wer immer das Eine fest vor Augen und im Herzen behält, daß der neue Reichstag nicht die Aufgabe hat und haben kann, umsturzdemagogische Brandreden zum Fenster hinaus zu halten, der wird sein Vertrauen bezw. seine Stimme nur einem solchen Bewerber zuwenden, der treu zu Kaiser undReich und fest auf dem Boden der Politik des Schutzes der nationalen Arbeit steht. Eine Partei wie die sozialdemokratische, die nur in dem Bestreben groß ist, dem Volke die Luft am Vaterlande zu verleiden, muß deshalb, um sich in der Gunst der von ihr beihörten Massen zu behaupten, mit Verdrehungen arbeiten. Daß sie dazu gezwungen ist, liefert eben den tröstlichen Beweis, daß unser Volk denn doch noch erheblich besser ist, als sein ihm von den „Genossen" ange- dichteter Ruf. Denn letztere würden mit der Entfaltung ihres richtigen Paniers wahrhaftig nicht zögern, wenn sie ihrer Sache gewiß wären und nicht fürchten müßten, durch den Aufruf zur internationalen Revolution einen Mastenabfall herbeizuführen. Da unsere bisherigen wahlpolitischen Be-j trachtungen den sozialdemokratischen Parteihäuptern äußerst^ unbequem sind, sodaß in dem Organe der Umsturzpartei gegen uns das schwerste Geschütz der Verunglimpfung aufgefahren wird, dürfen wir gewiß fein, daß wir uns auf dem rechten Wege befinden.
Politische und Unpolitische Nachrichten.
(Depeschen-Bwrea« „Herold".)
Berlin, 9. Juni. Gegenüber der in einem Theile der Presse aufgetauchten Vermuthung, als befände sich Staatssekretär Posadowsky hinsichtlich der Stellung der Regierung zu den Wahlen nicht im Einklänge mit dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, konstatirt die „Norddeutsche Allgem. Ztg." ausdrücklich, daß Graf Posadowsky seinen sogenannten Wahl- Lrief selbstverständlich nicht verfaßt hat, ohne sich versichert zu haben, daß die darin ausgesprochenen Grundsätze vom Reichskanzler gebilligt sind.
Berlin, 9. Juni. Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zufolge in diesen raiMJlHMWWHgaa««»^ MWI WMil «MM*!I»MW'W-^M»ISI!«
zu dem gemeinsamen Zwecke zusammenwirkte. Als ein besonders dankenswerther Theil des offiziellen Programms erwiesen sich, wie auch am ersten Tage schon, die herrlichen Gesänge des Balser Landmann'schen Frauenchors, die Herz und Ohr der Zuhörer in gleichem Maaße entzückten und mit dankbarem, reichlichem Beifall belohnt wurden.
Wieder konnte man seiner Kauflust freies Spiel lasten und sich mit allen möglichen Dingen, die zwar nicht alle unbedingt zur Nothdurft des Leibes und Lebens gehören, versorgen. Die Besucher schienen fast noch erwerbungslustiger zu sein wie am vorigen Tage, und man hatte ja auch beim Kaufen eine doppelte Freude, denn einmal diente man dem guten Zweck, und dann durfte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, seine Waaren aus so hübschen Händen zu empfangen.
Erschrocken wandten sich alle Köpfe nach dem Himmel, als gegen Abend sich ein dumpfes Grollen vernehmen ließ, das die Aengstlichen mit bangen Befürchtungen erfüllte. Man hatte in dem Drang der Freude die düstere Miene des Firmaments völlig übersehen und für diese Unaufmerksamkeit schien sich der Himmel nun in letzter Stunde noch rächen zu wollen. Aber auch diese Gefahr ging vorüber, und als spät am Abend ein paar Regentropfen in das immer noch lustige Treiben fielen, da hatte man sein Theil am Amüsement schon längst ein geheimst und konnte befriedigt den Schutz seines Daches aussuchen.
Es war wieder ein herrliches Fest, das die Herzen der Theilnehmer noch lange in angenehmer Erregung halten wird, und man hat sich für längere Zeit mit einem Vorrath von Erinnerungen versehen, die, seien sie nun persönlicher oder allgemeiner Art, den Geist noch lang beschäftigen werden. Es war ein Fest, besten äußere Gestaltung sich vollkommen würdig dem edlen Zwecke, der Seele des Festes, anschloß.
Tagen seinen Aufenhalt in Paris beenden und sich zunächst nach Schillingsfürst begeben. Die Rückkehr nach Berlin erfolgt Mitte dieses Monats.
Berlin, 9. Juni. Prinz Friedrich August von Sachsen trifft, der „Post" zufolge, heute nachmittag in Berlin ein, um sich morgen früh beim Kaiser als neu ernannter Generallieutenant zu melden.
Berlin, 9. Juni. Auch seitens der Reichsbehörde sind Anordnungen getroffen worden, um jedem Reichsbeamten die Möglichkeit zu gewähren, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen.
Berlin, 9. Juni. In Belgien hat sich, wie dem „Berl. Tagebl." aus Brüssel telegrapnrt wird, die Militärkrisis noch weiter verschärft. Außer dem General Grafen Oultremom boten auch die Geneiale Vanloo undWillaers ihre Demission an. General Marschal, welchem das Kriegsportefeuille angeboten war, verweigerte dessen Annahme, wmn nicht die Heeresreform sofort durchgeführt werden würde.
Braunschweig, 9. Juni. Die Staatsanwaltschaft hat die im Seidel-Prozeß eingelegte Revision zurückgezogen. Die Freisprechung des damaligen Angeklagten ist nunmehr rechtskräftig geworden.
Bremen, 9. Juni. Der Norddeutsche Lloyd bestellte bei Blohm u. Voß in Hamburg zwei Doppel-Schraubendampfer von 10 000 Tonnen für Fracht- und Passagierverkehr aus New Aorker Fahrt.
Glauchau, 9. Juni. Der Postdirektor Rascher aus Hohenstein-Ernstthal ist wegen Unterschlagung amtlicher Gelder seit gestern flüchtig. Ein Postassistent, ein Komplize des Flüchtigen, ist verhaftet worden.
München, 9. Juni. Gestern Nachmittag 13äl Uhr stieß bei der Station Kausbeuren ein Personenzug mit einem Güterzug zusammen. Hierbei erlitten drei Reisende leichte Verletzungen. Das Fahrmaterial ist unerheblich beschädigt. Der Verkehr wurde nicht gestört. Der Unfall wurde dadurch veranlaßt, daß der Güterzug in das Geleise des Personen- zuges verbotswidrig einfuhr, obgleich für diesen die Einfahrt in die Station bereits freigegeben war.
London, 9. Juni. Nach einer Meldung der „Times" aus Singapore empfing das dortige Philippinen-Komitee gestern von dem Jusurgentenführer Aguinaldo ein Telegramm worin er miltheilt, daß die ganze Provinz Cavite und mehrere Städte der Provinz Betangas erobert und 2000 Gefangene gemacht seien; 3000 Spanier wurden getödtet, Kanonen und Munition erbeutet.
Madrid, 9. Juni. Infolge der deprimirenden Nachrichten aus Manila kam es in der Kammer zu stümischen Szenen. Trotzdem erklärten sämmtliche Oppositionellen, die Regierung so lange unterstützen zu wollen, als dieselbe keinen schriftlichen Frieden abschließe. Gerüchtweise verlautet, daß
Aus Kunst und Leben.
Schmerzlose Operationen. In der Erleichterung chirurgischer Eingriffe für Arzt und Patienten liegt ein recht erheblicher Fortschritt der medizinischen Wissenschaft. Noch auffallender erscheint der Ab stand gegen frühere Zeiten, wmn man die letzte Etappe der Betäubungsmethodik, loweit sie den Zwecken der ärztlichen Operation dient, in Betracht zieht. An die Stelle der Narkose durch Chloroform, Aether und ähnliche heroische Mittel ist in den letzten Jahren zum Theil die örtliche Betäubung getreten. Man kommt — diese Ueberzeugung gewinnt in ärztlichen Kreisen immer mehr Boden — in vielm Fällen, bei kleinen und großen Operationen, mit einer Methode aus, welche bezweckt, nur den Ort des Eingriffes und seine nächste Umgebung unempfindlich zu machen, dadurch, daß man gewisse Medikamente unter die Haut spritzt. Das bekannteste für diesen Zweck verwandte Mittel ist das Cocaia. In der letzten Nummer der Berlin, klinisch. Wochenschr. gibt ein Berliner bekannter Spezialarzt eine recht anschauliche Schilderung von der wunderbaren Wirkung solcher Cocäin-Einspritzungen bei dem Luftröhrenschnitt. Die Anwendung des Chloroforms setzt manche Patienten, zumal solche, die infolge von Tuberkulose, Krebs rc. an einer hochgradigen Verengerung der Luftwege leiden, bisweilen einem gefährlichen Erstickungsanfall aus, der den Operateur zwingt, seinen Eingriff zu überstürzen. Mit Hilfe weniger Cocameinspritzungen, deren Dosis natürlich dem Alter des Patienten entsprechend gewählt ist, läßt sich der Hautschnitt, welcher die Operation besonders schmerzhaft macht, vollkommen schmerzlos ausführen. „Es ist ja immerhin ein merkwürdiges Gefühl für Uusereinen" — so äußert sich der betreffende Arzt — „jetzt in unserer Zeit, wenn man am wachen Patienten eine derartige Operation ausführt und, was die alten Aerzte ja sicher viel besser gekonnt haben als wir, das Messer in die Haut eines bewußten Patienten versenkt. Wenn man aber erst weiß, daß ihm das nicht weh