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M. 111. gmtitg den 13. Mai 1898
Dienpnachnchtcn aus dem Kreise.
Gesunden: Ein Henkelkorb mit etwas Schmalz. Eine wollene' getiegerte Reisedecke. Ein Portemonnaie mit über 2 Mk. Inhalt. Ein farbiges Halstuch.
Zugelaufen: Ein junger gelber Pinscher m. Geschl.
Zugeflogen: Ein Kanarienvogel.
Entflogen: Ein Kanarienvogel; dem Wiedecbringer eine Belohnung.
Verloren: Ein Portemonnaie mit ca. 77 Mk. Inhalt; dem Witderbringer eine Belohnung.
Hanau am 13. Mai 1898.
Die italienische Krisis.
„Italia farä da se“ — Italien wird sich von selbst machen, so hat König Viktor Emanuel begeistert und stolz Prophezeit. Er hatte zu dem italienischen Volke ein ähnliches Vertrauen, wie Bismarck zu dem deutschen, als er meinte, man solle Deutschland nur in den Sattel setzen, reiten würde es schon können. Italien hat das hoffnungsvolle Wort das Ee Galantuomo in dem letzten Vierteljahrtzundert in gewissem- Maß bewahrheitet. Es hat seine Einheit aufrecht erhalten, es hat sich im Rathe der Völker eine angesehene Stellung erobert, und als ein aufrichtiges und friedliebendes Element bewährt, endlich hat seine Industrie und sein Handel eine bemerkenswerthe Entwickelung erfahren. Dennoch wird man sagen müssen, daß Italien noch nicht endgiltig erwiesen hat, in wie weit es sich „von selbst machen" kann. Die gegenwärtige Krisis beweist, wie ernste Schwierigkeiten noch aus dem Wege des italienischen Volkes liegen. Denn um eine Krisis handelt es sich, nicht um momentane durch die Brodtheuerung heroorgerufene Unruhen, auch nicht um lokale Tumulte. Dieselbe Gährung macht sich am Fuße der Alpen und am Fuße des Aetna geltend, und weder die Studenten von Neapel noch die Agitatoren von Mailand haben wegen der Brodtheuerung die Waffen erhoben. Dauernde schwere Mißstände sind es, die den Explosionsstoff dieser Krisis geliesert haben.
Die parlamentarischen Institutionen seien noch heut^der Hort des Landes, hat König Humbert aus dem schönen Feste zu Turin geäußert. Und wahr ist es, daß sie dem Lande ein großes Maß politischer Freiheit sichern, ebenso unzweifelhaft aber haben sie Italien die gleichen Mißstände bescheert, die die parlamentarischen Einrichtungen in Frankreich, in Spanien, in Griechenland mit sich gebracht haben. „Nepotismus, egoistisches Streberthum und Gewissenlosigkeit." Auch in der italienischen Kammer beruht die Parteigruppirung im wesentlichen aus dem öte — toi que je m’y mette = Prinzip: Jedes drängt sich zum Troge, um daraus zu trinken. Der Eine will ein Aemtchen, der Andere schanzt, um sich dahin beliebt zu machen, den Unternehmern seines Wahlortes öffentliche Arbeiten zu, für die sie bezahlt werden, ohne etwas dafür zu leisten, der Dritte ordnet seine kleinen persönlichen Verlegenheiten mit Hilfe der Staatsgelder. Wie eine Reinigung dieses Augiasstalles möglich werden soll, ist nicht abzusehen, da man die reine und gewaltige Persönlichkeit nicht entdecken kann, die diesem Werke gewachsen wäre. Sicher ist nur so viel, daß jede Kammer, so schön auch die Programme waren, auf die hin gewählt wurde, sich allen Reformen abgeneigt zeigte.
Und Italien bedarf der Reformen. Die Fortschritte, die sein Handel und seine Industrie seit 1870 gemacht haben, sind nur kleinen Kreisen zu gut gekommen. Italien war im Alterthum daS Land der großen Latifundien; noch heut vereinigt der Großgrundbesitz und der Großkapitalismus in relativ wenigen Händen einen unverhältnißmäßigeu Reichthum; und daß dieser Reichthum zu den Staatsausgaben nicht in der gebührenden Weise durch eine empfindliche Besteuerung herangezogen wird, dafür sorgt die Vetternschast auf dem Monte Citorio und die passend verwandten kleinen Handsalben. Nur Crirpi hat einmal den Versuch gemacht, die groß n Latifundien, sowie die Güter der todten Hand kräftig heranzuzichen, aber der Griff in das Wespennest mißlang und der vielgehaßte Mann hat sich damals nur neue Feinde erworben. Diesen großen Reichthümern gegenüber steht nun aber eine in erschreckendem Maße wachsende Verarmung der Massen. Man hat schon die Behauptung aufgestellt, daß die großen Kulturländer des Alterthums überhaupt zur allmählichen Verdorrurg bestimmt seien, aber einer der besten Kenner Italiens, Viktor Hehn, hat in begeisterter Beweisführung diese Behauptung widerlegt und gezeigt, daß nur Fleiß und Kapital dazu gehörten, um die großen, in Italien brachliegenden Strecken wieder fruchtbar zu machen, die Wälder wieder aufzu- forsten u. s. w. Nun, an Fleiß sehlt's dem italienischen
Volke nicht. Auch könnte der Staat die erforderlichen Mittel bei richtiger Verwsliuvg wohl stillen. Aber ein ungeheures Heer von Müßiggängern, die sich Beamte nennen, die Verschwendung der Staatsgelder zu Wahl- und Parteizwecken, die Höchsi unsparsame Wirthschaft bei allen öffentlichen Arbeiten, — sie verschlingen ungezählte Millionen, und jeder Versuch Der Besserung in dieser Richtung scheitert an dem Widerstände der unzähligen an diesem System schmarotzenden Existenzen.
Besonders unglückliche Umstände haben in den letzten Jahren dazu gewirkt, daß die Uebelstände drückender und drückender empfunden wurden. Frankreichs unfreundliche und unnachbarliche Gesinnung hat den Italienern einen ibrer wichtigsten und natürlichsten Märkte verschlossen, die afrikanische Politik hat Millionen verschlungen und die allgemeine Unruiriedenheit wesentlich gesteigert. Die Theuerung des Getreid-s endlich hat den Funken in's Pulverfaß ge- worfen. Schon vordem haben neben den vielfach republikanisch, sozialistisch und anarchistisch gesinnten Arbeitern der großen Judustri-Cenli en, die in Italien sehr fest zusammen- haltenven Studenten aller Universitäten für die Verbreitung der K.ime der Unzufriedenheit im ganzen Lande gesorgt. Die Studenter Unruhen der sitzen Jahren rücken ebenso, wie die siziliaruschen Tumulte, erst jetzt in das rechte Licht.
So steht Italien in der That vor einer ernsten Krisis. Wir Deutsche, die wir an den Schicksalen des uns verbündeten und seit vielen Jahrhunderten uns besonders theuren Landes aufrichtigen Antheil nehmen, fragen besorgt nach den Kräften, die die stürmischen Wogen beruhigen und das Staatsschiff dauernd einen segensreichen Weg führen können. Zum Glück gibt es eine solche Kraft: es ist die savoyische Dynasti.', der Italien seine Entwickelung zur Einheit verdankt, deren patriotische, opfermuthige urd durchaus ehrliche Gesinnung sich in allen Kalamitäten des Landes bewährt hat, deren Träger oft den besten politischen Blick unter den Staatsmännern der Halbinsel gezeigt und sich so immer wieder das Recht auf ihre Stellung, die sie besitzen, neu erworben haben. Die Dynastie ist in dem unruhigen politischen Leben Italiens der feste Punkt, sie steht inmitten der Ver- irrungen tadellos und ungebrochen da, um sie schaaren sich die besten Kräfte; und daß in den jüngsten Ereignissen die Truppen überall einen musterhaften Geist bewährt haben, gerade das spricht am besten dafür, daß die Dynastie ihre Aufgabe bisher glänzend gelöst Hot. Und König Humbert ist nicht Der Mann, vor der ernsten Aufgabe zurückzuschrecken, die die gegenwärtige Situation ihm stellt.
„Sempre avanti Savoia!" heißt es auch jetzt.
PoMifchs rrnd rrnpolitifche Nachrichter».
(Depescheu-Bureau „Herold".)
Berlin, 12. Mai. Der Kaiser wird sich am Sonntag zu dem Osfiziers-Wettrennen nach Kehl bei Straßburg be- geben und später beim Statthalter in Sstaßburg absteigen. Abends findet großer militärischer Zapfenstreich statt. Nach der Parade wird das Kaiserpaar am Dienstag Nachmittag die Rückreise nach Potsdam antreten, woselbst die Ankunft am Mittwoch fiüh erfolgen wird.
Berlin, 12. Mai. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt offiziös: Amerikanische und deutsche Blätter haben kürzlich berichtet, daß der Kaiser in einer Unterredung mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin die Annahme, die kaiserliche Regierung sei von unfreundlichen Gefühlen gegen Amerika beseelt, zurückgewiesen habe. Wie wir erfahren, hat eine solche Unterredung nicht stattgefunden und beruhen daher die darüber gemachten Angaben aus freier Kombination. Der Kaiser dürste es um so weniger für erforderlich erachtet haben, die ihm zugeschriebene Versicherung abzugeben, als die Amerikaner nach den von deutscher Seite seit Beginn des Krieges wiederholt und zulitzt noch feierlich in der Thronrede vom 6. Mai abgegebenen Erklärungen über den Charakter unserer strikten, vollkommenen und loyalen Neutralität nicht im Zweifel sein konnten. Das sei auch allen englischen und französischen Blättern gesagt, die sich bemüht zeigen, Regierung und öffentliche Meinung des deutschen Reiches als parteiisch gegen den Präsidenten und das Volk der Vereinigten Staaten hinzustellen. Die kaiserliche Politik hat Anspruch auf das Vertrauen, daß sie die mehr als hundertjährige Freundschaft mit dem Staatswesen, in dem Millionen deutscher Landsleute eine zweite Heimath gefunden haben, nicht ohne zwingenden Grund fallen lasten wird.
Berlin, 12. Mai. Die „Post" erfährt von unterrichteter Seite, daß die Meldung von einer auf Samoa ausgebrochenen Revolution sich nicht bestätigt.
Berlin, 12. Mai. Zur Berathung der Frage, betreffend die stärkere Besteuerung der Waarenhäuser, hat Finanzmirnster von Migael eine Anzahl Sachverständige, Händler und Gewerbetreibende, sowie Vertreter der städtischen Behörden Berlins zu einer Konferenz am 18. ds. laden lasten.
Berlin, 12. Mai. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Beraihung des Westfälischen Anerbengesetzes fort und erledigte die §§ 1 bis inkl. 23. Morgen Fortsetzung der Debatce, ferner stehen Petitionen zur Diskussion.
Berlin, 12. Mai. Der Che^ des Generalstabes der Armee, General der Kavallerie Graf von Schlieffen, ist heute Nachmittag nach Metz abgereift.
EütvKNgen, 12. Mai. Gestern Abend starb hier auf einer Firmungsreise der Bischof von Rottenburg, Dr. von Reisen.
Zürich, 12. Mai. Die hiesigen Italiener beschlossen, wegen der Haltung des Bundesraths einen allgemeinen Streik zu arrangiren. Eine Versammlung internationaler sozialistischer und anarchistischer Arbeiter beschloß, die italienischen Revolutionäre finanziell und moralisch zu unterstützen.
Budapest, 12. Mai. Die Beantwortung der Interpellation wegen der unterbliebenen Neutralitätserklärung Oesterreich Ungarns im spanisch amerikanischen Kriege erklärte Ministerpräsident Banffy heute im Abgeordnetenhause, da Oesterreich Ungarn mit beiden Staaten in freundschaftlichem Einvernehmen steht und dieserhalb unbedingte Neutralität aufrecht erhalte, so sei eine diesbezügliche besondere Erklärung nicht nothwendig gewesen.
AM Madt- UND LaErM $e%&tL -rchdruck anderer Lokiilartikel nur mit Quellrusus-bl „Heu. An?," gestattet
Gutachten des Prof. C. FraenkelHaUe, betreffend die Einleitung der Sielabwäffer einschl. der Fäkalien in den Main bei Errichtung von Sedimentirbecke» (mechanische Klärung.)
Herr Oberbürgermchrer Dr. Geveschus hat stritt Prof. C. Fraenkel Halle durch Schreiben vom 16. November v. Js. aufgefordert, sich gutachtlich darüber zu äußern, „ob der Stadt Hanau die Einleitung der Sielab- wässcr einschließlich derFäkalien in den Main bei Einrichtung von Sedimentirbecken (mechanische Klärung) gestattet werden könne".
Herr Prof. Fraevkel antwortetet „Ich komme diesem Auftrag im folgenden auf Grund der in den einschlägigen Akten befindlichen Angaben, sowie einer am 3. Januar d. J. ausgeführten Besichtigung der ö tlichen Verhältnisse nach, dir wir übrigens schon von früherer ähnlicher Gelegenheit her bekannt waren und bereits.einmal, im Jahre 1892, Veranlassung zu hygienischer Beurtheilung gegeben hatten.
Für eine zutreffende Beantwortung der aufgeworfenen Frage muß zunächst als Grundlage und Ausgangspunkt die Thatsache dienen, daß der Stadt Hanau durch die Verfügungen der Regierung vom 31. Oktober 1887, vom 17. März uns vom 8. August 1893 die ausdrückliche Er- laubniß gewährt worden ist, die Abwässer ausschließlich der Fäkalien ohne besondere vorherige Reinigung und Behandlung in den Main abschwemmen zu dürfen, und daß von dieser Möglichkeit zur Zeit auch allgemeiner unbestrittener Gebrauch gemocht wird, ohne daß sich feit Einleitung der Jauche in den fließenden Mainstrom Unzuträglichkeiten irgend welcher Art zu erkennen gegeben hätten. Es handelt sich hier also weiterhin nur darum, zu entscheiden, ob die städtischen Effluvien durch den Zutritt der jetzt ausgeschlossenen Fäkalien ihre Zusammensetzung voraussichtlich in s0 erheblichem Maße verändern werden, daß die bisher vermißten Uebel- stände nunmehr zu gewärtigen seien.
Das könnte geschehen einmal durch die in den Exkrementen vorhandenen fäuluiß säht gen und ferner durch ihre infektiösen Bestandtheile. Was zunächst den ersten Punkt betrifft, so hat namentlich Pettenloser bei Gelegenheit feinet energischen Agitation für die Einleitung des Münchner Kanalinhalts in die Jsar immer von neuem wieder tzervorge- ' oben und experimentcH erwiesen, daß der Einfluß, den die Fäkalien nuj die Abwässer, auf ihre chemische, für die Frage der Fäuluißfäjigkeit allein entscheidende Beschaffenheit ausüben, in Wahrheit ^in außerordentlich geringfügiger ist. Noch den gebräuchlichen Schätzungen entleert ein Me, sch im ^abre durchschnittlich 34 kg Koch und 430 kg Harn. Allerdings haben neuere Ermittlungen, wie sie Vogel auf S. 15 seines bekannten Lehrbuchs zusammenstellt, etwas bojere Zahlen nämlich 48.5 kg Koth und 438 kg Harn ergeben; aber