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Nr.98.

Amtliches.

^>taM&#ew ^anau» VeksuutWIchMgeu des OberbürgermeisteraMtes-

Am Freitag den 29. April er., nachmittags von 5 Uhr ab, findet im unteren Sitzungssaale des Neustädter Rathhauses, Zimmer Nr. I, öffentliche Sitzung des Gelverbegerichts statt, in welcher Partheien etwaige Strei- tig Zeiten, Klagen rc. zur Schlichtung anbringen können.

Hanau den 26. April 1898.

Der Vorsitzende des Gewerbegerichts

Dr. Gebeschus. 6597

Deutscher Reichstag.

(Sitz ung vom 27. April.)

Der Reichstag hat heute zunächst den Nachtragsetat in erster Lesung berathen. Abg. Lieber (Ctr.) beantragt, die Vorlage der Budgetkommission zu überweisen. Die Forde­rung für Kiautschou erfordere noch nach verschiedenen Seiten hin Aufklärungen, die am besten in der Kommission erfolgen könnten. Er vermisse im Nachtragsetat die Forderungen für die Aufbesserung der Gehälter der Postunterbeamten, die der Reichstag wiederholt gewünscht habe. Staatssekretär Frhr. v. T h i e l m a n n führt aus, die Einnahmen des Reiches im laufenden Jahre würden einen solchen Ueberschvß ergeben, daß der Nachtragsetat dadurch leicht gedeckt werden könne.

Abg. Richter (freis. Volksp.) betont, da Kiautschou jetzt fünf Millionen erfordere, müsse man auf anderen Ge­bieten der Kolonialverwaltung Sparsamkeit walten lassen. Die Zusammensetzung der Summe müsse sorgsam geprüft werden. Einnahmen könne man dort namentlich durch Berg­werke und Eisenbahnen erzielen, zu deren Arlagekosten b;e Unternehmer heranzuziehen seien. Die Zurückhaltung bezüg­lich der Forderungen für die Postunterbeamten stehe in Kon­trast zu den Mehrforderungen für die Geistlichen in Preußen. Abg. Paasche (natl.) spricht seine Genugthuung darüber aus, daß der Abg. Richter die Erwerbung von Kiautschou und die Kosten dafür nicht bekämpft habe. Auch er bedauere das Fehlen der Forderungen für die Postunterbcamten. Abg. Liebknecht (sozdem) hält Kiautschou nicht für sehr werth­voll. Das deutsche Volk kümmere sich weder um Kiautschou noch um die anderen Kolonialerwerbungen. Wenn man die Begründung der Erwerbung von Kiautschou mit der Behand­lung vergleiche, der deutsche Bürger in Deutschland ausgesetzt seien, so müsse er sagen, eine größere Heuchelkomödie sei noch nicht aufgeführt worden. Im Laufe der weiteren Ausführ­ungen, bei denen der Redner vom Präsidenten wegen unge­höriger Redewendungen zur Ordnung gerufen wird, kommt der Abgeordnete auf die politischen und wirthschaftlichen Ver­hältnisse zu sprechen, indem er bemerkt, daß die Zustände bei

Donnerstag den 28. April

uns schon seit Jahrzehnten zu Massenauswanderung Veran­lassung gäben. Der Redner wendet sich dann der auswärtigen Politik zu und sagt, die Staatsmannschaft, welche durch aus­wärtige Erfolge ihren inneren Bankerott zu verbergen suche, grabe sich selbst das Grab. (Zischen.)

Staatsminister Gras v. Posadowsky erwidert, er be­wundere den Muth des Abg. Liebknecht, der stets von einer gewaltthätigen Regierung spreche, während die Sozialdemokratie doch selbst sehr gewaltthätig vorgehen wolle, wenn sie, was freilich nie geschehen werde, zur Herrschaft gelangen würde. So schlage Herr Liebknecht in einer Schrift beispielsweise die Expropriirung Krupps vor. Die Auswanderungen seien auf ganz andere Ursachen zurückzuführen, sie seien eine ständige Erscheinung in allen anderen Ländern. Die heutigen Aus­führungen des Abg. Liebknecht träten jedes patriotische Ge­fühl nieder und bestätigten, daß die Sozialdemokratie eine revolutionäre Partei sei und bleibe. Dies möge die bürger­lichen Parteien veranlassen, zusammenzuhalte«, um eine un­erträgliche Albeiterdespotie abzuwehren.

Staatsminister v. B ü l o w erklärt, er wolle auf das Abkommen mit China in der Budgetkommission näher ein­gehen. Was Wei-hai-wei betreffe, so freue er sich, daß Eng­land die Erklärung abgegeben habe, daß es unsere wirtschaft­liche Position in Kiautschou nicht stören wolle. Von einer Austheilung Chinas sein keine Rede, aber wir dürften bei den Festsetzungen der europäischen Mächte in China nicht zurückbleiben. Wir hätten durch die Erwerbung von Kiautschou eine politische und strategische Stellung errungen, von der aus wir die Entwickelung der Verhältnisse in Ostasien ver­folgen könnten. Deutschland werde nirgends den Störenfried spielen, aber auch nicht das Aschenbrödel. Abg. Bebel (sozdem.) sage, die Sozialdemokratie bleibe natürlich dieselbe wie früher. Wolle man das Sozialistengesetz wieder ein­führen, so thue man es. Wenn das Vorhandensein der Reaktion geleugnet werde, so erinnere er an die Debatte im preußischen Abgeordnetenhause über die Freizügigkeit. Man wolle dem Arbeiter dieser mühsam errungene Recht nehmen. Dazu komme die Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts. Gern würde man auch das allgemeine direkte Wahlrecht nehmen. Die Sozialdemokratie suche die Macht nur auf legalem Wege zu erringen.

Staatsminister Graf v. Posadowsky entgegnet, mit dem legalen Vorgehen der Sozialdemokratie stehe die geplante Expropriation aller Besitzenden und aller Unternehmer in krassem Widerspruch. Die Opportunisten müßten sich von ihrem Irrthum, daß die Sozialdemokratie sich gemausert habe, überzeugen. Ein Sozialistengesetz stehe nicht in Aussicht; die besitzenden Klassen müßten einsehen, daß die Sozial- demokratie gegen sie kämpfe, und sie müßten deshalb frei­willig die Regierung in ihrem Kampfe gegen die Sozial­demokratie unterstützen. Auch das geheime Wahlrecht sei nicht

1898

bedroht. Nur die revolutionären Bestrebungen der Sozial­demokratie würden von der Regierung bekämpft.

Abg. v. Kardorff (Reichsp.) begrüßt die energische Haltung der Regierung mit Freuden und betont, unfrei seien heute nur die Arbeiter, die von der Sozialdemokratie abhängig seien. Staatsminister Graf Posadowsky bemerkt auf eine Anfrage des Vorredners, daß die Frage der biologischen Abtheilung beim Reichsgesundheitsamt bei dieser Gelegenheit nicht erörtert werden könne, aber man würde den Wünschen möglichst Rechnung tragen. Abg. Förster (b. k. F.) wendet sich gegen den Abg. Liebknecht und hebt ferner hervor, daß Deutschland in gewissem Sinne Welipolitik treiben müsse, wenn es hinter ben anderen Ländern nicht zurückbleiben wolle. Abg. Bebel (sozdem.) betont nochmals, daß die Sozialdemokratie das revolutionäre, umgestaltende Element repräsentire, während die antisemitische Partei ihrer Natur nach eine reaktionäre Partei sei. Abg. Förster (b. k. F.) glaubt an eine Versöhnung der besitzenden und der arbeiten­den Klassen. Schließlich wird der Nachtragsetat der Budget­kommission überwiesen.

Hierauf wird die Novelle zur Konkursordnung in zweiter Lesung en bloc angenommen. Es folgt die zweite Berathung des von dem Abg. v. S a l i s ch (kons.) bean­tragten Gesetzentwurfs, betreffend Aenderungen der Zivil- und Strafprozeßordnung (konfessionelle Eidesformel.) Ein An­trag Rintelen zu § 443 will den fakultativ.n Gebrauch der konfessionelle» Eidesformel gesetzlich festlege« und dem Schwörenden gestatten, den Schlußworten der Eidesformel eine seinem Glaukensbekenntniß entsprechende Bekräftigungs- formel hinzu.ufügen. Staatssekretär N i e b e r d i n g bittet, es bei dem Kommissionsbeschluß zu belassen, der das geltende Recht beibehält. Abg. B e ck h (freis. Volksp.) spricht sich ebenfalls gegen den Antrag aus. Abg. Spähn (Ctr.) ist für die Einführung einer konfessionelle« Eidesformel. Nach einer weiteren Debatte wird die Verhandlung vertagt.

Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr: Gesetzentwurf, betr. unsere Handelsbeziehungen zu britischen Reich; Petitionen; Fortsetzung der heutigen Berathung.

Tagesschau.

Von der Marine. Laut telegraphischen Meldung an das Ober-Kommando der Marine ist S. M. S. ^Kaiserin Augusta", Kommandant Kapitän zur See Koellner, am 24. April an der Mündung des Min-Flusses eingetroffen und hat sich dort mit den beiden anderen Schiffen der zweiten Division des Kreuzer-Geschwaders Der einigt S. M. S. (Kormoran*, Kommandant Korvetten-Kapitän Brussatis, ist am 25. April in Kiautschou angekommen. S. M. S. Irene", Kommandant Korvetten-Kapitän Obeuheimer, ist am 25. April von Foochow nach Nagasaki in See gegangen.

Ferriüetsn.

Kandgräfin Maria, Uegentin von Hanau.

(Vortrag, gehalten in der gestrigen Jahresversammlung des Hanauer Geschichtsvereins, von Herrn Pfarrer Neßler-Hanau.)

Hanatt, 28. April.

Unsere Maria war die zweitjüngste Tochter Georgs II., welcher zugleicher Zeit Kurfürst vo» Hannover und König von England war. Ihre Mutter, Karoline, war eine Prin­zessin von Anspach, welche früh verwaist unter der Vormund­schaft und zum Theil auch am Hofe Friedrichs I. von Preußen herangewachsen war. Wie für einen jeden Men­schen sein Vaterhaus, der Charakter und die Gesinnung, seiner Eltern von der größten Bedeutung, so auch für unsere Maria, und so beginnen wir mit einigen Bemerkungen über ®eorg II. und feine Gemahlin sowie über das Leben am englischen Hofe.

Ein französischer Schriftsteller, der in der Revue des deux Mondes mit lobenswerther Unparteilichkeit über deutsche Verhältnisse und deutsche Geschichte geschrieben hat, sagte ein« mal, wenn heutzutage ein Seher und Dichter wie Dante Alighieri einen Rundgang durch die Hölle machen wollte, so würde er in dem Vorhofe der Faulen und Unnützen zwar keinen König von Preußen, wohl aber manchen König von England und Fi ankreich finden. Und zu diesen faulen und unnützen Königen, die keinen rechten Charakter halten, a*f deren Thaten daher niemals ein Segen ruhen konnte, muß der Geschichtskundige, wenn er milde urtheilen will, Georg U. von England rechnen. Für seine englischen Unterthanen, wie für sein ganzes Königreich über dem Master hatte er kein «chtes Interesse, wenigstens bei weitem nicht das Interesse «nes Landesvaters, und hielt sich stets viel lieber in Deutsch-

land auf. Doch würde man fehlgehen, wenn man erwartete, daß er hier gethan hätte, was er in England versäumte, daß er sich hier der Regierung und Leitung seines Landes mit mit besonderer Hingebung gewidmet hätte, sondern er war eben lieber in feiner Heimat; auf dem Schlosse Herrenhausen bei Hannover war sei« liebster Aufenthalt und oft während, seine Familie in London war, verlebte er hier genußreiche Tage und Wochen, nicht allein, und hier will ich nun gleich der Verhältnisse gedenken, welche ausgesprochen werden müssen, damit das Bild der Prinzessin Maria, seiner Tochter, in seiner ganzen wahren Größe und Bedeutung vor uns er­scheine. Georg II. gehörte eben zur Schaar jener Kö­nigen, welche ä la Ludwig XIV. dem Grundsätze huldigten: Erlaubt ist was gefällt. Für ihre Unterthanen würden diese Herrscher den Grundsatz als höchst verderblich anerkannt haben, aber für ihre königliche Person war die Moral eine ganz andere, als für die gewöhnlichen Sterblichen. Man kann zur persönlichen Entschuldigung für Georg II. manches anführe«. Es lag im Geist, in der Mode der Zeit, daß sich die Könige über die eheliche Treue glaubten mit souveräner Ver­achtung hinwegsetzen zu können, und wenn diese Meinung in der Lust lag, wenn es andere ebenso thaten, hätte eS eines besonders gestählte« Charakter« bedurft, um den Lockungen zu widerstehen, denen diejenigen «usgesetzt sind, die auf den Höhen des LebenS wandeln. Georgs II. Vater war schon darin seinem Sohne mit wenig schönem Beispiele vorange» gangen, als er in London mit zwei Maitressen einzog, einer starken und einer mageren, die der Londoner VolkSwitz sofort als den Elephant und die Kletterstange bezeichnete. Aber wie dem nun sei, die Thatsache des treulosen, unsitt­lichen Lebenswandels deS KönigS bleibt bestehen, und sehr früh schon hat seine Tochter Maria gesehen und verstanden, wie wenig ihr Vater in seinem Familienleben die Pflichten eines Haus- und Familienvaters wahrnahm. Das Merk-

würdige ist dabei, daß dieser eine grenzenlose Verehrung und Bewunderung für seine Gattin nicht blos zur Schau trug, sondern thatsächlich im Herzen empfand. Lange, lange Briefe von sechzig Seiten und darüber schrieb er seiner Gemahlin, in denen er mit rückhaltsloser Offenheit ihr feine Leiden­schaften beichtete und es beklagte, nicht so gut, nicht so tugendhaft zu sein, wie sie es war. Wollte Gott, so schrieb er ihr französisch, daß ich Ihnen ebenso nacheifern könnte, wie ich Sie bewundere, daß Sie ebenso leicht mich bessern und ändern könnten, wie Sie mich durchschauen und mich verstehen. Die Königin war, nach seiner Meinung, die einzige Frau der Welt, die er als Gattin brauchen konnte, und als sie auf dem Sterbebette ihm zuredete, später in eine neue Ehe zu treten, wies er dies Ansinnen empört unter strömenden Thränen zurück, aber mit der Ungeheuerlichkeit: Non, jaurai des maitresses. Wie mag das Leben der Königin aus­gesehen haben? Zunächst müssen wir konstatire«, daß sie eine nicht gewöhnliche Frau war;. als sie noch als junge Prinzessin am Hofe Friedrichs von Preußen weilte, hegte man in ihrer Umgebung die Absicht, sie mit dem Sohne Leopolds I., Karl, zu vermählen, der damals als König von Spanien anerkannt worden war, und man schickt« ihr einen geschickten Jesuiten-Pater, um sie zum Katholizismus zu be­kehren. Die Bemühungen dieses Paters führten zu lebhaften Meinungsäußerungen zwischen ihm und der Prinzessin. Aber diese, die in der Bibel wohlbewandert war, schlug seine An­griffe aus chren evangelischen Glauben zurück unb blieb pro­testantisch. Die Heirath mit dem späteren Kaiser Karl VI. zerschlug sich. Caroline wurde die Gattin des protestantischen englischen Thronfolgers, und sie ist es, welche, als ihr Gatte zur Regierung kam, die ganze Last der Krone getragen hat. Sie hielt muthig an der Seite dieses ihrer durchaus un­würdigen Gatten aus, um ihn für sein Volk und seine Um­gebung unschädlich zu machen. Die Erwägungen, welche ihr