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Amtliches Grgan für Stadt- und LanöKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Freitag den 11. März
1898
«
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Gesunden: Ein Gummistempel. Mehrere Postkarten.
Ein breiter Trauring.
Verloren: Ein Gebund Schlüssel (4 Stück).
Hanau am 11. März 1898.
Mehr Nationalgefühl!
Der Vizepräsident deS preußischen Staatsministeriums, Dr. v. Miguel, hat kürzlich im Abgeordnetenhaus? das Wort gesprochen: „Leider hat der Deutsche von alters die Gewohnheit, die großen gemeinsamen Aufgaben seiner Nation zurück- treten zu lassen in kleinen Korporationen, in kleinlichen Partei- Zersplitterungen und sich in einseitige Auffassungen kleiner Zusammen ottvngen zu verrennen; beispielsweise wenn er sich von seiner eigenen Nation loslöst, blos um der Fraktion, der er gerade angehirt, einen vermeintlichen Vorschub zu leisten/ Herr v. Miquel hat damit einen alten Fehler des deutschen Volkes treffend gekennzeichnet: den weltfremden Doktrinarismus, der in unserer Geschichte eine ebenso bedeutende, wie traurige Rolle spielt. Die Werke unserer Dichter und Philosophen stellten uns an die Spitze der geistigen Welt, große Kriegs- thaten beriefen uns zur Führung der europäischen Mächte, aber der nationale Gedanke ist noch lange nicht so zum allgemeinen Bewußtsein gekommen, wie bei andern Völkern.
Man muß mit Blindheit geschlagen sein, um die Gefahr, die uns von den Polen droht, nicht in ihrer ganzen Größe zu erfassen. Die polnische Agitation greift immer weiter um sich, das Deutschthum in der Ostmark geht immer mehr zurück, so daß die leitenden Kreise sich genöthigt sehen, Maßnahmen zu treffen, um den deutschen Besitzstand zu schützen. In andern Ländern würde in einem solchen Falle das gesammte Volk wie e i n Mann hinter der Regierung stehen und es ihr danken, daß sie einer direkt gegen den Bestand des Vaterlandes gerichteten Bewegung entgegen trift. Nur in Deutschland kann es vorkommen, daß die Interessen des Vaterlandes hinter die der Partei zurückgestellt werden. Hat nicht im preußischen Abgeordnetenhause der Wortführer der Freisinnigen, der Abgeordnete Jäckel, sich zum Schildträger der polnischen Bestrebungen gemacht? Hat er nicht, den Thatsachen entgegen, den Deutschen die Schuld gegeben an dem Gegensatz der Nationalitäten in der Ostmark? Hat er nicht den Deutschen, die sich doch im Zustande der Nothw hr befinden, den Vorwurf des gehässigen Chauvinismus gemacht? Und haben nicht die Freisinnigen den Polen sogar ihre Unterstützung bei den nächsten Reichstagswahlen zugesichert?
Der Altreichskanzler Fürst Bismarck hat diese Neigung, sich für fremde Nationalitäten und deren Bestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, eine politische Krank
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FerrMetsn.
Sta-ttheater in Hanau.
Hanau, 11. März.
Der beliebte Geist unserer Bühne, Herr Direktor Dreher, hatte für sein leider nur kurzes Gastspiel uns auch eine Novität mitgebracht, dre tn der alten Theaterstadt Wien das Licht der Lampen erblickte und leicht den Weg auf die deutschen Bühnen gefunden hat »DaS grobe Hemd; betitelt sich das Stück, das am Mittwoch, unterstützt durch das prächtige Darstcllungstalcnt Drehers, eine recht beifällige Aufnahme bei unserem Publikum fand; sein Verfasser C. Karl- weiß ist kem Neuling auf dem Gebiete dramatischer Arbeit, auch unsere Bühne hat vor Jahren ein nicht uninteressantes Stück von ihm gebracht. , Gleich dem vor kurzer Zeit hier zur Aufführung gekommenen Drerakter «Gebildete Menschen" segelt es unter der Flagge «Volksstück", mit diesem gemein hat es auch die Figur des Helden, der hier wie da von einfachen Verhältnissen es durch Glück und Arbeit zum Besitzer eines großen Vermögens gebracht, in seinen Charaktereigenschaften sich aber den geraden biedern ehrlichen Sinn bewahrt hat. »Schöllhofer", so heißt hier der Marin, lebt, wo die Handlung des Stückes einsetzt, in der angenehmen Lage, sich keinen Wunsch mehr versagen zu müssen, er ist Vater zweier Kinder, die Tochter ist verlobt mit dem Sohn der befreundeten Familie de» vau- rathes Wendelin und der Sohn Max ist gerade von seinen Reisen zurückgekommen. Statt nun der erhofften Dankbarkeit seiner Kinder, denen er eine sorgenfreie Zukunft geschaffen, findet er bei seinem Sohn Vorwürfe, Vorwürfe wegen seines gesammelten Reichthums. Derselbe ist mit neuzeitlichen Ideen überfüttert und sieht in dem Reichthum seines Vaters einen Grund, der ihn hindert, selbst dem Erwerb Ü5^i"8ehen und seine Kräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen. Da Max für alle vernünftigen Gründe seiner Vaters taub bleibt, so entschließt sich dieser zu einer Radikalkur. Er macht seinen Kindern
seinen Freunden glaubhaft, daß er sein ganzes Vermögen durch Spekulation an der Börse verloren habe, und daß sie nun von dem Ertragnis; der Arbeit des Sohnes leben müßten. Der an großen «uxus gewöhnte junge Mann, der das Geld mit vollen Händen aus- ff'/“ gewohnt war, muß nun mit Vater und Schwester eine kleine ^(Z^^°huung beziehen und für die Seinen das tägliche Brod vcr- >enen. Aber das grobe Hemd der Arbeit drückt schwer, weit schwerer,
heit genannt. Wir begegnen dieser Krankheit auch bei der Sozialdemokratie. DaS nationale Empfinden wird hier preisgegeben zu Gunsten der internationalen Phrase. Kein französischer Sozialist wird für die Lostrennung Savoyens von Frankreich, kein Engländer für die Trennung der grünen Insel von dem Vereinigten Königreiche, kein Ungar für die Loslösung der Rumänen und siebenbürgischen Sachsen eintreten, aber deutsche Sozialisten verlangen auf ihren Kongressen die Zerstückelung des Reiches, die Preisgabe der Reichslande, die Unabhängigkeit Polens. In der französischen Kammer stimmen die Sozialisten einmüthig für jede Forderung, die zu Gunsten von Heer und Marine gestellt wird, keiner von ihnen wagt es, dem Abgeordneten Bebel nachzueifern und gleich ihm die vaterländische Wehrmacht anzugreifen.
Ein Glück ist es, daß der Kern unseres Volkes gesund ist. Als dir Tapfern vom „Iltis" mit einem Hoch auf Kaiser und Vaterland in die Tiefe sanken, da regte sich doch in der Seele des ganzen Volkes etwas, das noch mehr war als freudiger Stolz; als die Erinnerungszeit des großen Krieges heraufzog, wurden die Herzen warm; jetzt, wo die deutsche Flagge hinübergetragen wird über das Weltmeer, vergißt selbst mancher Demokrat die Lehren seiner Führer und nimmt Theil an der Genugthuung, die uns erfüllt. Und träte wiederum eine schwere Schichalsaufgabe an unser Volk heran, klänge wieder, wie vor 28 Jahren, weltgeschichtlicher Posauvenschall, so würde wieder derselbe Geist das deutsche Volk beherrschen, der unsere Väter und Brüder vor Sedan beseelte. Ersterben kann der deutsche Idealismus niemals, aber er wird heimkebren müssen aus dem Irrgarten, in dem die Blume der weltbürgerlichen Phrase erblüht, und er wird sich kräftig besinnen müssen auf seine nationalen Pflichten.
Tsgesschau.
Zehn Jahre sind es heute am 11. März, daß der deutsche Kaiser Friedrich III., aus dem sonnigen Süden kommend, den Boden seines Reiches betrat. Nach genau 24stür>diger Fahrt von San-Remo über den Brenner traf der kaiserliche Zug am 11. März früh 8l/x Uhr in München ein und am Abend um 6^/r Uhr fand in Leipzig der Empfang des gesammten Staatsministeriums dmch den Kaiser in seinem Salonwagen statt. Fürst Bismarck blieb bei dem Kaiser bis zum Ende der Fahrt in Charlottenburg, wo Kaiser Friedrich mit Gemahlin, Töchtern und Gefolge um ll1/* Uhr ’ abends eintraf. Vom Bahnhof Westend, auf welchem das neue Kaiserpaar den Salonwagen verließ, ging die Fahrt bei heftigem Schncesturm und unter den lauten Zurufen der vieltausendköpfigen Menge zum Charlottenburger Schloß, wo der todkranke Kaiser seine Residenz aufschlug. Am andern Tage wurde das erste Krankheilsbulletin auf deutschem Boden ausgegeben und am Schloßportal in Charlottenburg angeschlagen.
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als es sich der junge Schwärmer gedacht, und so kommt er denn bald zur Besinnung und lernt den Reichthum seines Vaters schätzen und das Stück schließt mit den üblichen Seriebuttgen. Daß die Radikalkur, die der Vater zur Heilung seines Sohnes »on dessen sozialistischen Weltbeglückungsideen auch so eine Art von Goldprobe für den Verlobten der Tochter bildet, dürfte nicht besonders betont werden. Jedenfalls dürfte die Handlung interessiren, wenn ihr auch kein all- zugroßer geistiger Gehalt nachzurühmen ist. Das Ganze ist ein gutes Schwankmotiv und Schürzung und Lösung des Knotens sehr leicht motivirt. Gespielt wurde unter der Regie des Herrn Steingötter recht zufriedenstellend. Herr Dreher entfaltete in der Rolle des Schöllhofers die ganze Virtuosität seines humorvollen Cha- rakterisirungsvermögens. Die elegante Leichtigkeit seines Dialogs, sein warmer geniüthvoller Ton b-i den ernstere« Stellen des Stückes und sein feiner Humor, dessen Wirkung gerade in seiner Einfachheit um so größer ist, seine übersprudelnde Laune rissen die Zuschauer immer wieder zu den lebhaftesten Beifallsbezeugungen hin. Urter den heimischen Kräften sei in erster Linie der Darstellung des BaurathS Wendelin durch Herrn Hille gedacht. Der talentvolle Darsteller bot eine fein aus eführte humoristische Leistung, die jedenfalls sehr der Beachtung werth war. Ueberrascht hat uns Herr Walter. Dem jungen Darsteller ward diese Saison wenig Gelegenheit, sich hervorzuthun und wir freuen uns, ihn diesmal ganz besonders hervorheben zu können. Sein .Baikrl" war eine prächtige Leistung und die Anerkennung des Publikums, das ihn mit wohlverdientem Applaus auSzeichnete, möge ihn veranlassen, daß er uns oft mit solch gelrmgenen Partien erfreue. Von den übrigen Darsteller» seien noch besonders Frau Millar als Frau Wendelin und Frl. Krause als FranZi erwähnt.
Aus Kunst und Leben.
DaS Pasteur Institut in Paris erhielt von Madame Durand eine Schenkung von 32 000 Mark zur Beförderung der Forschungen über die Tuberkulose, welche diesem altberühmten Institute viele Fortschritte verdanken.
Der fünfte internationale Kongreß für Hydrologie, Klimatologie und Geologie wird in diesem Jahre vom 25. September bis 1. Oktober in Lüttich
Es lautete: „Seine Majestät der Kaiser haben trotz der angreifenden Reise und der Gemüthsbewegung eine sehr gute Nacht gehabt und fühlen heute keine Beschwerden. Die Respiration ist unbehindert, und die örtlichen Erscheinungen sind unverändert. Weitere Bulletins werde« auf Allerhöchsten Befehl von Zeit zu Zeit ausgegeben werde«. Morell Mackenzie. Wegner. Krause. Mark Hovell/
Der Bundesrath hat in seiner gestrigen Sitzung dem Gesetzentwürfe, betr. die elektrischen Maßeinheiten, dem Entwurf einer Verordnung wegen theilweiser Inkraftsetzung des Gesetzes vom 26. Juli 1897, betr. die Abänderung der Gewerbeordnung, dem Entwurf von Bestimmungen, betr. die Beschäftigung von Arbeiterinnen in Konservenfabriken, und dem Ausschußantrage, betr. die Ausführung des Gesetzes über das Auswanderungswesen, die Zustimmung ertheilt. Ueber das Ausschußprotokoll vom 23. Februar d. Js., betr. Zoll- tarifirung von Waschmaschinen, wurde in ablehnendem Sinne Beschluß gefaßt. Die Beschlüsse des Reichstages zu einer Petition wegen Regelung des Kellnerinnenwesens und zu Petitionen, betr. die Sonntagsruhe, wurden dem Reichskanzler und ein Antrag von Schaumburg-Lippe, betr. die Thronfolge im Fürstenthum Lippe, den zuständigen Ausschüssen über- wiesen. Schließlich wurde über eine Reibe von Eingaben Beschluß gefaßt.
Konservative Reichstag-kandidaturen Der Gesammtoor stand des konservativen sächsischen Landesvereins hat beschlossen, von den 23 sächsischen Wahlkreisen 13 mit eigenen Kandidaten zu besetzen und zwar den 2. (Löbau), 3. (Bautzen), 4. Dresden Neustadt), 5. (Dresden-Altstadt), 6. (Dresden-Land), 7. (Meißen), 8. (Puma), 9. (Freiberg), 10. (Döbeln), 11. (Grimma), 14. (Borva), 20. (Marien- berg), 23. (Planen). Voraussichtlich kommen noch einige Kreise hinzu. Die Mehrzahl der Kandidaten ist bekannt. Nach den Mittheilungen des Vorstandes haben sich die Chancen der konservativen Partei seit den letzten Wahlen in Sachsen wesentlich gebessert, und die Wahlaussichten wärm dem«ach die günstigsten.
Prinz Ludwig von Bayern bat sich dieser Tage zu einem Freunde der „Tägl. Rundschau", nachdem er sich ebenso wie Staatsminister von Crailsheim scharf gegen den Vorschlag, die Deckung der Marinevorlage durch Besteuerung der direkten Interessenten vorzunehmen, ausgesprochen hatte, wie folgt geäußert: „Der dem Thatsächlichen am nächsten liegende Gedanke, daß alle Stände ihre Rechnung finden, wenn zur Mehrung der nationalen Größe des Reiches Opfer verlangt werden, herrscht jetzt auch im bayerischen Volke vor, welches nie vergessen wird, welch? direkten Vortheile die Reichseinheit ihm zugänglich machte!"
Schafräude. Aus den Berichten über das Auftreten der Schafräude in Preußen (mit Ausschluß des Kreises Graf- *»^^WW»M«MWW«MM^MWWMMWMWMWBW»«^
abgehalten werden. Prinz Albert von Belgien hat den Ehrmvorsitz übernommen.
Wozu die Perronsperre besonders nützlich ist. Die Schattenseite der Perronsperre wird trefflich illustrirt durch eine tragikomische Szene, die sich kürzlich auf dem Bergisch-Märkischen Bahnhöfe in Elberfeld abspielte. Als der «m VaO Uhr nach Deutz fahrende Zug eben eingefahren war, stürzte athemlos der Händler I. B. in das Wartezimmer, um seinen ungetreuen Kassirer N., der ein Billet nach Brüssel gelöst hatte, zurückzuhalten. Als Letzterer seines Pcinzipals ansichtig wurde, eilte er schleunigst auf dem Perron in ein Koupee. B. wollte ihm nach, allein der unerbittliche Hüter des Bahnsteig-Sperrgesetzes bedeutete ihm, sich erst mit einer Bahnsteigkarte zu versehen. Als der vor Aufregung zitternde Prinzipal der erhaltenen Weisung nachgekommen war und wüthend auf den Perron eilte, sah er den Eisen- bahnzug mit dem Defraudanten abfahren. Sofort wurde der Telegraph in Bewegung gesetzt, und nach Verlauf banger Stunden traf die Drahtmeldung ein, daß der Flüchtling bereits verhaftet worden sei.
Auf nach Kiaotschau! war das Feldgeschrei zweier zehn- bis zwölfjähriger Ausreißer, welche, nachdem der eine derselben, der Sohn eines Berliner Fabrikanten, aus der Kasse seines Vaters 200 Mk. entwendet hatte, nach Spandau gefahren waren, um dort entsprechend auch mit Waffen sich auszurüsten. Sie legten aber schon bei dieser Gelegenheit so wenig Raffinement an den Tag, daß sie schon auf dem dortigen Bahnhof, auf welchem sie bei einem Beamten nach einem Waffengeschäft sich erkundigten, verhaftet werden konnten. Sie räumten unumwunden die Absicht, nach Kiaotschan zu reisen, ein, werden aber vorläufig von China wohl nichts Anderes zu sehen bekommen, als das — Bambusrohr.