22 Februar
panauer Anzeiger
Seite 3
Talente nur wegen des Guten, das es schaffen könne, nickt aber wenn es Argwohn ausstreue und zur Revolte führen könne. Nein, fuhr der Generalstaatsanwalt fort, es ist nicht wahr, daß sich ein Offizier habe bereit finden lassen, den Andern ihr Urtheil vorzuschreiben. Nein, die vielen Offiziere des Kriegsgerichts baden nicht auf Befehl einen Freispruch gefällt, wie die Angeklagten zu behaupten wagen. Ihr Wahlspruch (zu den Geschwerenen gewendet) wird die Lügen der Angeklagten verkünden. (Anhaltende Bewegung.) Um 2 Uhr wird eine Pause gemacht. Im Saale herrscht völlige Ruhe.
Bei Wiederaufnahme der Sitzung verliest der Angeklagte Zola eine Erklärung, wobei er sich den Zeugenschranken nähert. Er legt Verwahrung ein gegen die den 12 Geschworenen zugewiesene Aufgabe, die nationale Ehre zu retten und ihn zu verurtheilen (Lärm). Er habe niemals die Armee beschimpft, wie man gesagt; er habe vielmehr einen Alarmruf ausgestoßen und überlasse es der Geschichte, seine Handlung zu würdigen. Die Frankreich entehrten, feien Diejenigen, welche die Rufe: Es lebe die Armee! mit denjenigen: Nieder mit den Juden! vermischten uns welche es wagten, es lebe Esterhazy! zu rufen, nach den Briefen, die dieser geschrieben (Bewegung, Lärm). Wenn ich hier strh-, so ist es, weil ich verlangte, vor Ihnen zu erscheinen, die Sie der Ausfluß der Gerechtigkeit des Landes sind. Zola beklagt fit, daß man ihm alles verweigert habe und daß man die Zeugen terroristit habe. Ihretwegen, fährt er zu den Geschworenen gewendet, fort, habe ich den Alarwruf erhoben, habe ich Wahrheit und Licht bringen wollen, ohne Erfolg vielleicht; aber hier stehe ich vor Ihnen und Ihre Gerechtigkeit wird walten. Zola weist dann auf seine geringe Gewandtheit in öffentlichen Angelegenheiten hin und fährt fort; Ihr Gedanke, den ich Ihnen im Gesicht zu lesen glaube, ist der: Nun ist es genug. Es muß ein Ende gemacht werden. Ich ver theidige meine Freiheit nicht, meine Herren. Wenn Sie mich bestrafen, werden Sie nur dazu beitragen, auch zu erhöben. Sehen Sie mich an, meine Herren. Bin ich ein Verkaufter und ein Verräther? (Bewegung.) Ich bin ein freier Schrift steller, der auf seinen Platz zurückkehren und seine unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen wird. Zola wendet sich sodann mit Entrüstung gegen die Angabe, daß er Jraliener sei und ruft aus: Nein, ich vertheidige mich nicht. Nicht wegen meiner Freiheit bin ich in Sorge. Verurtteilen Sie mich nur, wenn Sie wollen. Das wird ein Fehler mehr sein. Es wird das Samenkorn sein, das aufgeben und verhindern wird, daß Beschwichtigung eintritt. Wenn das Land in Sorge ist, so liegt die Schuld an der obersten Ge-
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walt, die in der Hoffnung, einige Schuldige zu retten, hatf habe. Der „Eclair" behauotete, das Dokument fei ein ch-ffrir-
ve, hindern wollen, daß die Wahrheit an den Tag komme. (Unruhe.) Das Leben unseres Volkes selbst ist in Gefahr, lährt Zola fort, an Ihnen, meine Herren Geschworenen ist es, die Wahrheit über diese Angelegenheit auszusprechen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Zola spricht so:ann davon, wie viele Herzen von diesem schmerzlichen Leid bedrückt seien, das der Zweifel an der Schuld des Driyfus entstehen ließ. Die Regierung, welcher Alles wohl bekannt ist, welche wie wir, von d;r Unschuld des Dreyfus überzeugt ist, wird dies eines Tages kund thun, und sie wird es bekannt geben, ohne irgend eine Gefahr zu laufen. (Anhaltende Unruhe.) Vor der ganzen Welt, führt Zola aus, schwöre ich, daß Dreyfus unschuldig ist. (Zu drei verschiedenen Malen wiederholt Zola die Betheuerung von der Unschuld des Dreyfus. während sich im Hintergrund des Saales Murren und Pfeifen hörbar macht.) Es wird der Tag kommen, schließt er seine Rede, wo Frankreich mir dafür danken wird, daß ich seine Ehre gerettet habe. (Langanhaltende Bewegung, Lärm und Murren.) Unter allgemeiner Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft ergreift der Vertheidiger Labori das Wort. Mit
beredten Worten leitet er seine Ausführungen ein und fährt fort: Auf der einen Seite die Dreyfus-Vertheidiger, auf der anderen Seite die Dreyrus-Gegner, zwischen beiden Gruppen das Volk, schlecht informirt, aber voll guten Glaubens. Im Parlament gibt es gegenwärtig dreihundert Deputirte und 250 Senatoren, die Anhänger der Revision des Dreyfus-Prozesses sind; aber stillschweigendes Einverständniß herrscht, die Frage nicht vor den Wahlen aufzuwerfen. Man will die Wihlen unter der Herrschaft eines Geheimnisfes machen. Das ist nicht möglich, das wird nicht sein! Labori spricht vom „Syndikat". Das ist ein kindisches und infames Wort. Wohl kann man sagen, daß eine Familie ihren Wohlstand ruinirt, um ein Mitglied zu retten, das sie unschuldig weiß; man kann sagen, daß einige Freunde ihr bei dem Rettungswerk helfen. Das Alles ist höchst respektabel, aber wenn man behaupten will, Männer wie Zola, Trarieux, Scheurer Kestner seien gekauft, so sagt man eine Albernheit und Lüge. Auch abscheulicher Antisemitismus hat anläßlich der Dreyfus-Affaire sein Haupt erheben wollen. Diejenigen, welche diesem niederträchtigen Instinkt des Hauses nachgeben, sind die wahren Beleidiger der Armee. Labori beginnt die Besprechung der Dreyfus-Kampagne bei dem vorjährigen Artikel im „Eclair", der nicht, wie der Staatsanwalt behauptet, von Picquart kam, sondern von F inden Dreyfus, weil er Lügen enthielt, um Dreyfus zu verderben. Der Artikel enthielt zuerst die Mittheilung, daß ein geheimes Dokument dem Dreyfus Kriegsaericht vorgelegen
ter Brief des deutschen an den italienischen Militärattache, der den Namen Dreyfus enthält, aber es ist eine Lüge, daß der Brief chiffrirt ist und daß der Name Dreyfus darin vor- kommt. Wenige Tage nach dem Erscheinen dieses Artikels traf der Dreyfus-Vertheidiger Demange seinen alten Freund Salle und dieser erzählte Demange, er habe die Mittheilung des geheimen Dokuments von einem Mitglied des Dreyfus- Kriegsgerichts selbst erfahren; jetzt, nachdem der „Eclair" dies enthalten, könne Salle auch darüber reden. Seitdem wuchs die Zahl Derjenigen, welche die Revision des Dreyfus-Pro- z^sfes verlangten. Noch wußte man nicht, daß Dreyfus unschuldig, aber man wußte, daß die Rechte der Vertheidigung verletzt worden sind. Diese Leute bilden das eigentliche Syndikat, ein Syndikat der Wahrheit und Uneigennützigkeit! (Stimme aus dem Publikum: Und des Geldes!) Labori zum Publikum: Wenn wir euch bezahlt hätten, würdet ihr für uns manifestiren! Zola hat die Ehre nachgesucht, zu diesem Syndikat zu gehören. Man sagt, Zolas Artikel sei ein revolutionärer Akt, aber das war nöthig, um im wüsten Getümmel zum Durchbruch zu kommen. Diese Reoolmion hat nicht viel schaden gethan und Sie, meine Herren Geschwo enen, werden sie friedlich durch einen Freispruch beenden. Zola hat nicht die Armee beleidigt. Wir alle respektiren die Armee und ihre
Chefs, aber man verletzt nicht den Respekt gegen die Chefs, wenn man sagt, daß sie Irrthümern unterworfen seien, wie andere Menschen. Auch bedeutet der Respekt vor der Armee nicht, daß den Chefs Alles erlaubt ist. Es gibt in unserem Lande keine unentbehrlichen Persönlichkeiten und wenn g wisse Chefs der Armee sich zurückziehen, wie sie hier angedroht haben, so wird man in unsrer bewunderswerlhen Armee schon Leute finden, die fähig sind, sie zu rrietzen. Nichts müßten wir mehr in unserm freien Lande fürchten, als die militärische Unterdrückung. Diese wäre bei uns furchtbarer als die Tyrannei bei den Tartaren; denn diese Vö ker haben wenigstens ein verantwortliches Oberhaupt. Wir aber würden unter der dunklen und unverantwo tlichen Tyrannei der Bureaux stehen. Ueber der Armee steht das Geietz! Das allein hat Zola gesagt und das ist keine Beleidigung. Die wahren Beleidiger der Armee sind auf Seite derjenigen, die sich heute als ihr Vertheidiger aufspielen. Labori verliest dabei Schimpfartikel gegen den Generalstab un) die Armee aus dem „Jutranstgeant" und der „Libie Parole". Hierauf erklärte er, er werde den Beweis des guten Glaubens Zolas erbringen durch eine genaue Darlegung der Affairen Dreyrus und Esterhazy. Er werde versuch n, die Wahrheit allen Augen sichtbar zu machen.
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