Zweites Blatt.
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Nr. 12
Politischer Wochenbericht.
Am 11. d. M.hat die letzte Session der gegenwärtigen Landtagsperiode begonnen. Die Thronrede gibt ein erfreuliches Bild von den innern Verhältnissen der preußischen Monarchie. Der günstige Stand der Finanzen ermöglicht nicht nur eine Fortsetzung der bisherigen Schuldentilgung, sondern auch einen erheblichen Mehraufwand für Kultur- und Wohlfahrtszwecke mannigfachster Art. Ein bedeutungsvolles Arbeitsprogramm wird durch die Thronrede dem Landtage zugewiesen, ein Programm, welches eine Fülle von Berathungsmaterial zur Förderung staatlicher wie nationaler Ziele und Aufgaben enthält. Von hervorragender Wichtigkeit erweisen sich unter den Regierungsvorlagen das sogenannte Komptabilitätsgesttz, welches die gesetzliche Feststellung von Grundsätzen für die Veranschlagung, Führung und Kontrolle des Staatshaushalts zum Gegenstände hat, und ein auf Fortführung des Ansiedlungswerkes in Posen und Westpreußen durch Verstärkung der dafür bereits ausgeworfenen Mittel abzielender Gesetzentwurf.
Auch der Reichstag hat seine Arbeiten wieder ausgenommen. Der Schwerpunkt der parlamentarischen Thätigkeit im Reiche liegt gegenwärtig in den Kommissionen, wo das Flottengesetz und die Militärstrafprozeßordnung zur Berathung stehen. Das Plenum beschäftigt sich zur Zeit mit Aenderungen des Gerichtsverfassungsgesetzes, der Strafprozeßordnung, der Zivilprozeßordnung und eines dazu gehörigen Einführungsgesetzes.
In Prag ist der böhmische Landtag von neuem zusammengetreten. Der Czechenklub hat eine Proklamation beschlossen, in welcher unter Hinweis auf den Zusammentritt des Landtages betont wird, daß das Czechenvolk der Hüter der Ruhe und des Friedens sein werde. Trotzdem finden jedoch zahlreiche Belästigungen und Bedrohungen der deutschen Landtagsabgeordneten statt.
Für Frankreich steht die Dreyfus-Esterhazy-Angelegen- Heit noch immer im Vordergründe des Interesses.
Seitens der dänischen Regierung gibt sich das Streben kund, für Dänemark garantirte Neutralität zu erlangen, doch besteht zur Zeit wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ziel erreicht werde.
Wie aus Glasgow berichtet wird, hat hier eine große Anzahl von Maschinenbauern ihre Wiedereinstellung beantragt.
Auf Kuba erlitten die Aufständischen unter Maximo Gomez bei Sanio Espiritu eine Niederlage. Aus den Vereinigten Staaten trafen Hilfssendungen für die Kubaner ein.
In O st a s i e n hat das von Deutschland ohne Anwendung irgendwelchen Zwanges und unter weiser Beschränkung auf die Forderungen des zwingendsten nationalen Bedürfnisses gc-'
Samstag den 15. Januar
troffene Abkommen mit China weitreichende Beruhigung her- vorgerusen. Wohlthuend berührt die vornehm objektive, ja zum Theil warm und anerkennende Weise, in welcher der deutsche Nationalerfolg von zahlreichen französischen Preß- organen besprochen wird. Einer dieser Stimmen zufolge stellt der deutsche Pachtvertrag über Kiaotschau einen beispiellosen Erfolg der europäischen Diplomatie dar; denn in der freundschaftlichen und modernen völkerrechtlichen Art der gemachten Zugeständnisse habe sich ein völlig neues Prinzip für die Beziehungen Chinas zu den abendländischen Kulturstaaten Bahn gebrochen.
Betreffs der chinesischen Anleihe verlautet, daß England China eine Anleihe im Betrage von 16 Millionen Pfund Sterling zu 2*/* oder höchstens zu 3 Prozent gewähren werde, ohne dafür territoriale oder sonstige ausschließliche Konzessionen zu verlangen.
Nach englischen Nachrichten sollen in Persien die Dinge unmittelbar vor dem Ausbruche einer Revolution angelangt sein. Die Lage in Teheran sei derart bedenklich, daß ein Staatsstreich jeden Augenblick erwartet werden könne.
In Bombay fordert der Miederausbruch der Pest zahlreiche Opfer.
Auf südafrikanischem Boden sind unter den Basutos Unruhen ausgebrochen.
Einer Meldung aus Kapstadt zufolge ist von der Eisenbahn von Swakopmund in das Innere Deutsch-Süd- westafrikas nunmehr eine Strecke von 15 Meilen fertig- gestellt. Die fortschreitende Vollendung dieser Bahn erweckt die besten Aussichten für ein schnelleres Tempo in der wirth- schaftlichen Erschließung unseres südwestafrikanischen Kolonialbesitzes.
Politische und unpolitische Nachrichten.
(Depeschen-Busreau „Herold".)
Berlin, 14. Januar. Am heutigen Todestage des Vaters der Kaiserin, des im Jahre 1880 verstorbenen Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augusten- burg, ließ das Kaiserpaar einen kostbaren Kranz in der Gruft zu Primkenau niederlegen. Das Kaiserpaar nahm sodann im neuen Palais das Abendmahl.
Berlin, 14. Januar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adlerordens an den bisherigen türkischen Botschafter am hiesigen Hofe, Ghalib Bey.
Berlin, 14. Januar. Freiherr von Eberstein, Bezirksamtmann beim Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, ist den „Berliner Neuesten Nachrichten" zufolge zur Dienstleistung in der Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amtes berufen worden.
1898
Berlin, 14. Januar. Auch die „Nordd. Allgem. Ztg." bezeichnet die Meldung einiger englischer Blätter, wonach ein Abkommen zwischen Deutschland und England, betreffs die chinesische Anleihe, dem Abschluß nahe sein soll, für unbegründet.
Berlin, 14. Januar. Die Meldung englischer Blätter, daß sich das britische Kabinet entschlossen habe, mit der deutschen Regierung Hand in Hand zur Ausgabe der chinesischen Anleihe zu gehen, ist, wie die Post auf Grund zuverlässiger Informationen mittheilt, durchaus unzutreffend. Es haben in Berlin und London von Regierung zu Regierung keinerlei Verhandlungen gedachter Art stattgefunden.
Köln, 14. Januar. In der Aachener Landesverraths- affaire ist heute noch ein Bezirksfeldwebel in Montjoie verhaftet worden auf Grund des § 139 des R.-Str.-G.-B. Der in Aachen verhaftete Feldwebel wurde dem Kölner Militärgefängniß eingeliefert. Die Spuren führen wahrscheinlich wieder nach Luxemburg.
Rheydt, 14. Januar. Die Drahtweberei von Gebrüder Safferath ist heute Morgen vollständig niedergebrannt. Der Schaden ist enorm. Der Betrieb ruht.
Darmstadt 14. Januar. Der Museumsinspektor Professor Adamy, bekannt als kunsthistorischer Schriftsteller, ist nach längerem Leiden gestorben.
Prag, 14. Januar. In der heute Vormittag abgehaltenen Versammlung sämmtlicher deutsch-böhmischen Abgeordneten wurde beschlossen, in der bisherigen oppositionellen Haltung zu verharren und sich an keiner Aktion der Regierung in der Sprachensrage zu betheiligen.
Budapeft, 14. Januar. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses legte der Finanzausschuß den Bericht über das Budget von 1898 vor. In demselben erreicht die Summe der Einnahmen und Ausgaben eine Höhe von nahezu einer Milliarde.
Paris, 14. Januar. Die Presse bespricht den Brief Zola's an den Präsidenten Faure und tadelt zumeist das Verhalten Zola's. Der „Rappel" veröffentlicht ein Manifest, in dem die Revision des Dreyfus-Prozeßes gefordert wird. Etwa hundert Gelehrte, Schriftsteller und Künstler haben das Manifest unterzeichnet.
London, 14. Januar. Aus Haiti wird gemeldet, der Präsident der Republik wird sich nach Washington begeben, um über die Annexion der Insel durch die Vereinigten Staaten zu verhandeln.
London, 14. Januar. Aus Shanghai wird gemeldet, daß der Vizekönig Li Hung Tschang mit großem Gefolge den Prinzen Heinrich bei seiner Ankunft in China namens des Kaisers von China begrüßen und den Prinzen nach Peking geleiten wird.
Ferrilletsii
Plauderstündchen.
Hanau, 15. Januar.
Jedesmal wenn ich auf der Straße einem Hund begegne — und dies gehört hier wirklich nicht zu den Seltenheiten — greift mir das Mitleid an's Herz, denn ich erblicke in jedem Exemplar dieser vortrefflichen Säugethiere einen unglücklichen öeidensgcnossen meines eigenen treuen Köters, der mir in aller Unschuld seines edlen Hundeherzens kürzlich einen Schmerz bereiten mußte, der mir noch jetzt an der Seele nagt. Und welcher beneidenswerthe Besitzer eines Moppels, eines Pintschers oder Spitzes hätte nicht dieselbe schmerzliche Empfindung gehabt, als er vor einigen Tagen betrübt die Hand in die Tasche senken mußte, um sie mit einer blanken Münze wieder herauszuziehen — nur weil er so ein treues Hundevieh sein eigen nennt und nur sein eigen nennt, ohne daran zu denken, daß auch Andere ein Anrecht darauf haben. And diese Anderen wachen mit scharfem Auge über die geschätzten vierbeinigen« Hausgenossen und wehe dem Unglücklichen, der nicht zur bestimmten Frist die metallene Marke am stolzen Hundehals trägt, diesen so wenig begehrten und doch so unentbehrlichen Schmuck. Daher rührt mein Mitleid für die Klaffe der Hunde. Ob sie es würdigen? Ich weiß es nicht; ja, ich glaube es kaum, denn erst vor wenigen Tagen versuchte so ein ruppiger, alter Rattenpintscher, mit struppigem, grauen Fell mir in die Beine zu beißen, als ich ihm den gewohnheitsmäßigen mitfühlenden Blick schenkte. Vielleicht war es einer von den wenigen Glücklichen, die dem Argusauge des Gesetzes entronnen sind und den meine Theilnahme beleidigte. Hunde sollen ja eine ganz respektable Portion Klugheit besitzen, oft mehr als gewisse Menschen. Dies hat mir
schon vor längerer Zeit ein bedeutender Zoologe bestätigt, der unbegreiflicher Weife bei dem Neujahrs-Preisräthsel nicht prämiirt wurde.
„Aber um's Himmelswillen, was machen Sie denn?" fragt mich eben ein Kollege, der mir schon seit einiger Zeit über die Schulter gesehen haben muß. „Sie schreiben ja eine Abhandlung über Hunde. Was hat denn das mit der Woche zu thun? Wollen Sie etwa Mitarbeiter vom „Thierfreund" oder Theilhaber des „Cäsar- und Minka"-Versandtgeschäftes werden?" Ich schüttle traurig den Kopf, denn der Mann hat recht: es gehört nicht in meine Wochenbetrachtung. Eben erst hat mir mein eigener Teckel, der krumme Beine hat wie ein türkischer Haremswächter, durch sein Benehmen seine und seiner sämmtlichen Kollegen Unwürdigkeit bewiesen. Fort, schamloser Kläffer, Du wirst alt und bekommst nicht einmal mehr ein neues Gebiß wie die hundertvierjährige Athenerin, die eben, an ihrem späten Lebensabeud, noch einmal zu zahnen anfängt. Griechenland, das schöne Ländchen mit der klassischen Vergangenheit und der aussichtsreichen Zu kunft, kann mir nationalem Stolz dem nächsten Aerztekongreß dies Wunder vorzeigen und der Ruhm, den ihm das neidische Schicksal in historischer Beziehung nicht gönnt, ist ihm auf der wissenschaftlichen Seite gesichert für alle Zeiten. Nur nach New Aork dürften sie ein solch merkwürdiges Kind nicht bringen, denn in dieser gesegneten Stadt hat sich die löbliche Behörde soeben entschlossen, das Küssen zu verbieten. Und wer könnte der Lust wiederstehen, ein solches Wunder mit der ausdrucksvollsten aller Zärtlichkeiten, einem Kusse, zu beschenken? Echt amerikanisch ist diese Verfügung, diktirt von der nüchternen Vernunft und derffchnödesten Habsucht, unter brutaler Verdrängung aller besseren, innigen Gefühle, mit dem Motto; „Time is money*. Wenn sich diese rücksichtslose Verordnung, die diesem Lande so wenig Ehre macht, wenigstens i bloß auf Amerikaner und Amerikanerinnen bezöge. Aber so
werden in der rohesten Weise auch die Empfindungen der Einwanderer tyrannistrt und es sollte mich nicht wundern, wenn sich unser Auswandererstatus daraufhin bedeutend verringern würde. Dann hätten uns die Herrn Amerikaner freilich unbewußt einen Gefallen gethan. Aber denken Sie einmal, verehrteste Leserin, wenn Sie sich aus irgendwelchen Gründen entschlossen hätten, eine Reise nach Amerika zu machen, wenn Sie die Schrecken der Dampferfahrt standhaft überwunden hätten und sich am Bahnhof der großen Dollar- stadt angekommen sähen, wo sie ein lieber Verwandter — sagen wir 'mal ein junger, hübscher Vetter — schon von Weitem mit allen Zeichen lebhaftester Freude begrüßt. Können Sie sich in diese Süualion versetzen? Gut, Die können's. Die Freude des Wiedersehens wäre natürlich eine gegenseitige und der junge, hübsche Vetter, dem die freien Sitten des ArnkeelandeS bereits in Fleisch und Blut übergegangen sind, würde ohne Weiteres von dem alten Rechte aller hübschen, überseeischen Vettern Gebrauch machen, Ihnen im Dränge der Wiedersehensfreude um den Hals fallen, um Ihnen sans fa^on auf den schönen Mund einen echt vetterlichen — — „No kissing allowed dersi" *) schriee Ihnen da plötzlich ein alter amerikanischer Cerberus mit seiner Kolkrabeustimme in die Ohren und ein wirerlicher Whiskey-Duft würde, Ihre Geruchsnerven beleidigend, die süße, poetische Stimmung verderben. Und wenn Sie dann den betrunkenen amerikanischen Nachtwächter bestürzt und verständnißlos ansähen, die rothen Lippen immer noch lieblich gespitzt, dann würde Sie daS rohe Ungeheuer barsch am Arm fassen und Ihnen noch einmal augenrollend die verhängnißvollen Worte zurufen ; „No kissing allowed here I" und der junge, hübsche Vetter würde auf Ihren fragenden Blick resignirt mit dem Kopf nicken und die Freude des Wiedersehens wäre durch das nüchterne Ver-
*) Küssen verboten.