Erstes Blatt.
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Nr. 6. Samstag den 8. Januar 1898
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Hierzu
.Amtliche Beilage" Nr. 3.
Dicustnachiichtcn aus dem Kreise.
Gefunden: Eine braune wasserdichte Pferdedecke. Ein weißes Kindertaschentuch.
Verloren: Eine wasserdichte Pferdedecke, H. 8. gez.
Hanau am 8. Januar 1898.
Kiaotschou.
Eine sehr bemerkenswerthe, höchst sympathisch gehaltene Beurtheilung des Kiaotschou-Vertrages bringt die Freitagsnummer des Organs des Fürsten Bismarck, der „Hamburger Nachrichten". Auf dieses unzweifelhaft vom Altmeister deutscher Politik inspirirte Lob kann Herr v. Bülow nicht weniger stolz fein als auf die wohlverdiente hohe Ordensauszeichnung. Das Blatt des Altreichskanzlers schreibt:
„Der vom „Reichsanzeiger" mitgetheilte Pachtvertrag zwischen China und dem Deutschen Reiche entspricht der Form, welche im erstgenannten Lande für Gebietsabtretungen üblich ist. In der Praxis besteht kein Unterschied zwischen Verpachtung und Abtretung. . . . Der Vorbehalt des Austausches kann durch die Gefahr zunehmender Versandung des Hafens von Kiaotschou veranläßt worden sein; er bietet aber auch die Handhabe zur Vergrößerung des deutschen Gebietes. Es steht nichts im Wege, daß China gegen Erlaß der Kosten des Wiedererwerbes auf das verpachtet gewesene Gebiet verzichtet und es mit dem neuen in den Händen Deutschlands läßt. . . .
Die Uebertragung der Hoheitsrechte an Deutschland hat zur Folge, daß in dem von den Deutschen „gepachteten" Gebiet keine andere Macht, sei es auf Grund einer Meistbegünstigungsklausel, sei es auf Grund irgend welcher Verträge oder sonstigen Ansprüche etwas zu suchen hat. Da das abgetretene' Gebiet nur wenige Quadratmeilen umfaßt, sind die Anschuldigungen der „Times" unhaltbar, Deutschland strebe die Gründung eines großen deutschen Kolonialreiches in Ostasien oder, im Einverständniß mit Rußland und Frankreich, die Theilung des chinesischen Reiches an.
. . . Durch Abschluß des Vertrages wird allen inrer- nationalen Weiterungen die Spitze abgebrochen. Wir haben nie an sie geglaubt. Ohne Rußlands Einvernehmen würden wir schwerlich nach China gegangen sein. Die übrigen Mächte aber hätten längst Einspruch erhoben, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären. Auch England wird sich bon gre, mal gre beruhigen müssen.
Feuilletrir
Stadttheater in Donau.
Hauau, 8. Januar.
Jeder Mensch macht in seinem Leben einmal einen recht dummen Streich, das haben die Schicksalsgötter so beschlosien und wer von der Wahrheit dieses nicht überzeugt ist, der besuche eine Ausführung von Franz von Schönthan's Lustspiel „Der Schwabenstreich". Die meisten Menschen, so kalkulirt Herr Schönthan, machen ihren soge- genannten Schwabenstreich am Tage ihrer Hochzeit, aber sein Gutsbesitzer Friedrich Lörsch versichert uns, da keinen Schwabenstreich gemacht zu haben, sein Leben ist bis dato glücklich und zufrieden verlaufen, er ist glücklicher Vater zweier Töchter, von denen die eine verheirathet und für die andere zu Beginn des Lustspiels bereits ein annehmbarer Freier vorhanden ist. Aber gegen einen Beschluß der Götter kämpfen die Menschen vergebens und so zeigt uns der Verlauf des Lustspiels wie Herr Friedrich Lörsch seinen Schwabenstreich macht, wie er in seinen alten Tagen noch einmal anfängt zu dichten und in das Netz eines Ausbeuters geräth. Selbstverständlich trägt an diesem späten Schwabenstreich das einig Westliche in Gestalt seiner Gattin die meiste Schuld, denn Frau Lörsch konnte eS nicht überwindcu, daß ihr Mann so gar nichts ist, sie wollte chn so gerne berühmt sehen. Herr Friedrich Lörsch wird von seinem Wahn, ein Dichter zu fern. geheilt und seine ledige Tochter bekommt ihren Mann und das Publikum verläßt befriedigt das Theater in dem Bewußtsein, sich zwei Stunden angenehm unterhalten zu haben. Franz von Schönthan erfreut sich diese Saison der ganz besonderen Gunst unserer Direktion, denn eine ganze Reche von Theaterabenden trägt seine Firma. Der „Schwabenstreich" gehört ja zu den alteren Erzeug- nissen seiner launigen Muse, aber er erfreut durch den geschmackvollen Plauderton des Dialogs, durch wirklich broBtge Situationen unb durch treffenden Witz. Die Menschen, die er uns vorsuhrt und deren Schwächen er geißelt, belustigen und unterhalten, man verweilt gern in ihrem Kreis, besonders wenn sie auch in so liebenswürdiger Art verkörpert werden wie bei der Aufführung am Mittwoch. Herr Direktor Oppmar entwickelte als Friedrich Lörsch eine solche Fülle von behaglichem Humor unb seiner unwiderstehlicher Komik, daß diese Figur zu ihrer vollen beabsichtigten Wirkung gelangte. Frau Millar als Frau Hildegard war recht lobenswerth und Frl. Köller und
. . . Es ist zu hoffen, daß der diplomatische Erfolg j Deutschlands nicht nur politische, sondern wirchschafiliche Vor- I theile mit sich bringen und die finanziellen Opfer lohnen wird, die die Niederlassung an der Kiaotschoubucht crsordert."
Unser Pachtvertiag mit China ist, wie die „Times" ; wissen wollen, auf 50 Jahre, nach dem „Bureau Dalziel" sogar auf 99 Jahre abgeschlossen. Den letzteren Zeitraum haben wir bereits als den wahrscheinlichsten angenommen.
Städtische Demokratie.
Die Berliner Stadiverordneteu haben bekanntlich beschlossen, den Märzgefallenen von 1848 ein Denkmal aus städtischen Mitteln zu setzen mit her Inschrift: „Den Gefallenen des 18. März 1848 die Stadt Berlin." Der Beschluß stützt sich angeblich auf die B Hauptung, jenen Märzgefallenen danke Preußen seine konuitutionelle Verfassung. In Wahrheit ober handelt es sich dabei nicht um ein Denkmal der politischen Veränderung dir das Jahr 1848 mit sich oebracht bat, sondern um eine Verherrlichung der Revolution. Darüber hat der Abgeordnete S nger keinen Zweifel gelassen. In einer im „Vo:wärts" veröffentlichten Erklärung stellt di-sr Fü-rer der Soziloewolratie 'fest, er habe in der Stadtverordneten Versammlung „ausdrücklich betont, daß unsere Motive für die Errichtung des Denksteines in dem Verlangen gipfeln, die Volkserhebung des Jahres 1848 zu feiern."
Schon diese Offenheit hätte die bürgerliche Demokratie, die im Berliner Rathhause das Wort führt, zur Vorsicht mahnen sollen, umso mehr, als geschichtlich festsieht, daß die Verfassung, btren wir uns heute erfreuen, uno zu deren Er- kämpfung angeblich die Märzgefallenen ihr Leben gelassen haben bereits mehrere Stunden vor den Kämpfen bekannt gemacht war. Und selbst wenn dies nicht der Fall wäre, läge für die Berliner Stab oerwaltung nicht der geringste Grund vor, den Opfern der Revolution ein Denkmal zu setzen, weil dieselben zum größten Theil Fremde waren. In einem Flugblatte, „Stimmen aus Oberschlesien", vom Mai 1848 beißt es:
Ein Aufsatz in Nr. 100 der „Kölnischen Z-.itung' würdigt am besten, inwieweit Berliner Bürger bei den Barrikadenkämpfen be- theiligt waren. Die betreffende Stelle lautet: „Die Gnade des Hi»mels hat wunderbar seine (nämlich Berlins) Grundbesitzer und treuen Bürger beschützt! Vielleicht beklagt Berlin bei den gefallenen Opfern des 18. und 19 März kaum einen geborenen Berliner; die sich zum Kampfe vordrängenden Tischler- und Schneidergesellen, die Kattundrucker und Arbeiter schützten mit Heldenmuth deren tapfere Brust, und endlich die dreiunddreißig nicht Erkannten, wer will sagen, welchem Vaterlande sie angehörten? Vielleicht? Wären sie in der Morgue zu Paris ausgelegt — würden sich unsere Zweifel heben"
Daß die Berliner Revolutionäre meistens aus dem Ass- lanbe hergekommen waren, wird auch durch die bei Mittler
Frl. Krause als Hedwig und Martha erfreuten durch ihr frisches Stimue schadkufroh ins Ohr gekichert. Und so steht man 6 daul von Greddmg imn mit einem Male mitten drin in dem neuen Jahr und hatte als Landwirth etwas derb natürlicher sein können. Die Um- , , » ... .,
Wandlung, die seine Frau in der zweiten Hälfte des Stückes konsta- ^ fion einen ^erg von Aerger und Unannehmlichkeiten tirte, konnten wir nicht finden. Eineprächtige humorvolleLeistung war der hinter sich und denkt bekümmert daran, daß man beim Ein- frühere Tanzmeister Palmiro Tamburini des Herrn Hille und Herr tritt etwas versäumt hat, was nicht wieder gut zu machen Tyrkowski war mit gutem Erfolg bestrebt, den Dr August Winkel- " - - - - -
berg in charaktenstisch-satyrischer Weise zu verkörpern, doch bietet diese Rolle noch eine Fülle feiner Nüancen, die von dem Darsteller nock
unbeachtet blieben. Die hübsche Liebhaberrolle des Stückes wurde von Herrn Steingötter flott und gefällig dargestellt, wie auch das flotte Ensemble dem Künstler als Regisseur zur Ehre gereichte.
P1ou-erstündchen.
Hanau, 8. Januar.
So ohne Weiteres ins neue Jahr hineinzusegeln, ohne
seinen Lesern ein herzliches Prosit Neujahr zuzurufen, ist keine täglich fetter^werdenden Gänse mehr in dem primitiven eigentlich nicht recht. Dies sehe ich mit Beschämung ein und Holzverschlag schnattern, wie bald wird der letzte Seufzer über
ich würde gerne die versäumte Pflicht noch heute nachholen,
wenn nicht das Jahr schon so ein paar kräftige Flügelschläge getban und bereits eine ganz ansehvliche Strecke seinem Ende zugesaust wäre. Es ist nicht Vergeßlichkeit ober gar Gleichgültigkeit, womit ich meine Unterlassungssünde zu entschuldigen habe; nein, ich betheuere meine Schuldlosigkeit bei dem Höchsten, was ich besitze, meiner — (Nein, das verrathe ich doch nicht). Ich hatte schon mit freundlichem Lächeln mein Punsch glas erhoben und den Mund zu ein paar Versen gespitzt, da kam das neue Jahr barsch auf mich zu, schlug mir mein Glas aus der Hand und hielt mir ohne Weiteres den Mund zu. „Nicht reden, mein Lieber, ehe deine Zeit gekommen ist. Vergiß nicht, daß Samstag dein Tag ist, an dem du dich allein zum Wort melden darfst!" Und damit ließ es mich mit meinem verdutzten Gesicht stehen und das alte Jahr, ein häßliches, verschrumpstes Geschöpf, hatte daneben gestanden und mir mit seiner dünnen, vertrockneten
Die he«ttge Nummer umfaßt außer dem Unterhaltungsblatt 12 Seite«.
u. Sohn in Berlin erschienenen Aufzeichnungen des Prinzen Kraft zu Hohmlohe-Jngelfingen, weiland Generals der Artillerie und General-Äojutanten Kaiser Wilhelm des Großen, „Aus meinem Leben" bestätigt, worauf wir schon früher hingewiesen haben. Hier heißt eS S. 32, wo die Erstürmung der Barnkave am Köllnischen Ratyhause in Berlin geschildert wird:
Im großen Rathhaussaale waren siebenundvierzig sogenannte Vaterlandsvertheidiger wohlbcwaffnct versammelt. Als die Soldaten eindrangen und von Bajonett und Kolben Gebrauch machten, scholl ihnen der Ruf entgegen: Piti6! Vous etes donc pire que lei Busses. (Erbarmen! Ihr seid ja schlimmer, als die Rusien.) Kein einziger dieser .Berliner Helden' konnte deutsch sprechen. Unsere Leute riefen: .Wat, die wollen wir mal zeigen, wie man deutsch redet.' Und binnen kurzem waren es siebenundvierzig Leichen.
Ferner bei der Waffenausgabe im Zeughause an die Bürgerwehr am 20. März (S. 58):
Ich hörte— ich war in Zivil — wie zwei sehr anständig gekleidete Herren sich darüber unterhielten. ,.II faHait avoir ceci dem jours plus tot.“ (Man hätte dies zwei Tage früher haben müssen), sagte der eine, .ä präsent o’est trop tard " (Jetzt ist es zu spät.) „Malheur pour nous!* (Unglück für uns.)
Das sind die „Helden", für die die Berliner Stadtväter ein Denkmal auf Kauen der Steuerzahler setzen wollen. Man wird es verstehen, daß dieser Beschloß in den weitesten Kreisen der Berliner Bevölkerung lebhafte Erbitterung und Entrüstung hervorgerufen hat. Der Empörung darüber wird fortgesetzt in den nationalen Blättern Ausdruck gegeben. Sie protestiren mit Entschiedenheit gegen eine solche Vergewaltigung des monarchisch gesinnten Theils der Bevölkerung. Ob der Magistrat dem Beschlusse der Stadtverordneten seine Zustimmung ertheilen wird, ist abzuwarten. Jedenfalls — und das verleiht dem Vorgehen der Btrliver Stadtverordneten seine Bedeutung über das Weichbild der Reichshauptstadt hinaus — hat sich wieder einmal gezeigt, daß die bürgerliche Demok.atie da, wo sie etwas zu sagen hat, sich rücksichtslos über andere Anschauungen hinwegsetzt und sich nicht scheut, mit der revolutionären Demokratie an einem Strange zu ziehen. **
Tagesschau.
Der Bundesrath hat in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, den vom Reichstag angenommenen Gesetzentwurf, betr. die Kontrole des Reichthaushalts, des Landeshaushalts von Elsaß-Lothringen und des Haushalts der Schutzgebiete für 1897/98, zur Allerhöchsten Vollziehung vorzulegen. Den zuständigen Ausschüssen wurden überwiesen: der Reichstagsbeschluß 3U_ der Denkschrift, betr. die Ausführung der seit 1875 erlassenen Anleihegesetze; der Gesetzentwurf zur Ergänzung der Gesetze über Postdampfschiffsverbindungen mit überseeischen Ländern; der Gesetzentwurf wegen Aufhebung der
ist. Ja, wenn man es machen wollte wie gewisse Menschenkinder, die einem mit ausgestreckter Hand noch am 13. Juni zum neuen Jahr gratuliren und dabei verlangend nach der Tasche schielen, in der bei wallst mitten Menschen das Portemonnaie steckt. Aber deren Wünsche sind ja interesselos und ihre Nebenabsicht durchaus unedel.
O, es geht erstaunlich rasch auf dem neuen Jahresweg; so rasch, daß man fast den Athem verliert und manchmal
verwundert rückwärts blickt, kaum glaubend, daß man schon eine so große Strecke zurückgelegt hat. Wie bald werden
die traurigen Eisverhältnisse verhallt sein. Ach, es ist recht tückisch vom Winter, daß er uns so schmählich um dieses Vergnügen betrügt, das unser lichter Hoffnuogspunkt während deS ganzen Sommers war. Sehr unschön und undankbar gehandelt von dem rauhen Knaben, denn
WaS gibt es schön'res auf der Erde, Wo kann man mehr Vergnügen seh'n Als auf der spiegelglatten Fährte, Wo Hunderte sich lustig dreh n, Wenn fausend um die rothen Wangen Ein kräftiger Nordostwind pfeift, Der Blick in suchendem Verlangen Bald hierhin und bald dorthin schweift. Und hat man endlich das gefunden, Wonach man lange auSgespäht, Dann wird gewöhnlich unumwunden In kühnem Bogen beigedreht. Ein kurzer Ruck, graziöses Halte« Bor .ihr", die ma« nun endlich fand,