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Amtliches Organ für Staöt- unö LanSKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Kr. 305.
Donncrstag den 30. Dezember
1897.
Dicnstliachüchten aus dem Kreise.
Gesunden: Ein Sack mit Gerste-Malz. Einige Briefmarken (von der Post).
Entflogen: Eine schwarze Brünner-Taube mit weißer Binde; dem Wiederbringer 3 Mk. Belohnung.
Entlausen: Ein gelber Bulldoggenhund mit Toppel- irase, m. Geschl.
Verloren: Ein Taschenmesser mit silbernen Backen.
Hanau am 30. Dezember 1897. §
Die innere Politik des Reiches.
Das seinem Ende zuneigende Jahr wird in der Geschichte zn den am wenigsten find thaten Abschnitten der innern Politik des Reiches gezählt werden. Ek hat seine Eigenart nesentlich durch die sortwährerden Kämpfe der parla- mentarischen Parteien mit der Reichsregierung um die Macht erhalten, welche der Thatkraft und den besten Absichten rer leitenden Kreise aus Schritt und Tritt Hemmnisse bereiteten.
So begann schon das Jahr nmer den heftigsten parla mentarischen Angriffen gegen die im Interesse der deutschen Wehrkraft gemachten Vorlagen und überhaupt gegen die deutsche Armee und ihr Offizierkorps. Mit gesuchter Gehässigkeit wurte der ^aU Brüsewitz", der Geist der Reserveoffiziere, die Dmllsiage und die Militârfirafprozeß-Reform behandelt. Mit absichtlicher Breite verweilte man bei den Besprechungen über die sogenannten Hamburger Enthüllungen, über den Hamburger Ausstand, über den Prozeß Leckert- Lützow und die politische Polizei. Tie Etatsberathungen wurden wochenlang durch Parteianträge und Reden der sozialdemokratischen Wortführer verzögen, wobei ihnen die andauernde mangelhoste Besetzung des Hauses das Spiel außerordentlich erleichterte. Es gelang der demokratischen Mehrheu füglich, die wichtigen, von unserm Kaiser selbst empfohlenen Forderungen für die Zwecke der Marine durch die Verweigerung von zwei Kreuzern und durch Abstriche von 12^2 Millionen Mark bis auf ein Panzerscheff herabzusetzen. Völlig vereitelt wurde die Reform des Strafprozesses und mit ihr die Einführung der Berufung gegen die Strafkammer- urtheile und die Entschädigung unschuldig Verurtheilter. Zurückgewiesen wurde ferner die wichtige Tampfersubventions- Vorlage, unerledigt blieb die Versicherungsvorlage. An positiven Ergebnissen steht dem nur die Annahme des Handelsgesetzbuches und der Grundluch-Ordnung, des Margarine- und des Auswanderungs-Gesetzes und der Handwerker-Vorlage sowie die Auflusstrung der Gehälter im Ruch gegenüber, ein sehr bescheidenes Ergebniß im Hinblick auf die lange Dauer der Sitzungen.
Als die preußische Regierung sich zur Vorlage des neuen Vereinsgesetzes veranlaßt sah, wurde im Reichstage künstlich ein nur agitatorischen Zwecken dienender Entrüstungssturm entfacht, welcher in einer Rede Richters seine Spitze unverkennbar gegen unsern Kaiser kehrte. Die Folgen der künstlichen Agitation gaben sich denn auch deutlich in den Resultaten verschiedener Ersatzwahlen zum Reichstage zu erkennen, rei denen die nationalen Parteien fast immer unterlagen.
So entschloß sich denn unser Kaiser zu einer thatkräftigen Abwehr dieses undemschen Verhaltens. Schon die Centenar- jfeier für Wilhelm den Großen bedeut«te in ihrem ganzen Verlcuf einen Appill zur Sammlurg an alle Vatcrlands- freunde. In zündenden Worten gab der Kaiser ferner in Bielefeld und Köln eine Richtschnur für die ganze innere ! Polink des Reichs. In den Ministerien fanden wichtige Veränderungen statt. Die Minister bezw. Staatssekretäre von Bötticher, von Marschall und Hollmann schieden aus ihren Aemtern, an ihre Stelle traten Finanzminister von Miquel als Vizepräsident des preußischen Ministeriums, Graf Posadowsky als Staatssekretär des Innern, Botschafter von Thielmann als Staatssekretär des Reichsschctzamls und Admiral Tupitz als Staatssekretär des Reichs-Marineamts. Gleichzeitig wurde General v. Podbielsli zum Nachfolger des verstorbenen Staatssekretärs der Reichspost bestellt.
Mit großer Thatkraft wurde eine neue Flotten-Voiläge vorbereitet und dem Reichstage vor gelegt. Auch ein Entwurf zu einer Militär-Ctrafprozeßrefcrm und zur Entschädigung im Wiederaufnahme-Verfahren Freigesprcchener wurde dem Reichstag überwiesen. So schließt dos Jahr mit großen Plänen, welche große Hoffnungen des Volks erwecken, denen sich auch die Reichstags-Mehrheit kaum entziehen wird. —r.
Deutschlands auswärtige Politik im Jahre 1897.
Als im Oktober 1896 die Anwesenheit des russischen Kaiserpaares in Paris mit großem Gepränge gefeiert wurde,
wiegten sich nicht nur französische, sondern auch russische Blätter in der Hoffnung, daß nun Deutschlands Einfluß in Europa gebrochen sei. Tie Ereignisse des Jahres 1897 haben gezeigt, daß Teutschland erfreulicherweise noch ein großes Maß von Einfluß in der Weltpolitik hat, und daß es glücklicherweise an der Spitze der Regierung Männer besitzt, die von diesem Einflüsse zum Nutzen des Vaterlandes und zur Stärkung des Ansehens Deutschlands Gebrauch zu machen verstehen.
Von großem Erfolge war die Aktion Deutschlands in der orientalischen Angelegenheit begleitet. Als Griechenland sich aktiv in die orientalischen Wirren einmischle, war Deutschland die erste Macht, die ein energisches Vorgehen der Mächte verlangte. Deutschland setzte die Blokade der kretischen Küste durch, und wenn es mit seiner Forderung, daß auch die griechische Küste blokirt werden sollte, nicht durchdrang, so zeigte sich doch alsbald, daß die Annahme dieser Forderung richtiger gewesen wäre, als die Ablehnung. Denn der höchst überflüssige und zeitweise den europäischen Frieden bedrohende griechisch-türkische Krieg wäre vermieten worden, wenn die Mächte durch eine Blokade der griechischen Häfen den Griechen gegenüber den nöthigen Ernst gezeigt hätten. Bei der Beendigung des griechisch-türkischen Krieges zeigte sich wiederum der Einfluß Deutschlands im hellsten Lichte, denn die deutscherseits im Sinne der Gerechtigkeit und im Interesse der griechischen Stoatsgläubiger gemachten Vorschläge drangen trotz aller englischen Jntripuen durch, und England holte sich eine gehörige Blamage. Durch sein Verhalten ist Deutschland aus der Balkan-Halbinsel an die Stelle Englands getreten, indem es auf den Sultan den mächtigen Einfluß «usübt, den Jahrzehnte lang England ausgeübt hat.
Deutschland ging bei der Abwicklung der orientalischen Angelegenheit mit Rußland Hand in Hand, während Frankreich infolge der im französischen Volke herrschenden phil- hellenischen Stimmung eine etwas zweideutige Haltung einnahm. Die Folge davon war eine entschiedene Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland.
Hatte der Toast, mit dem Kaiser Nikolaus im September 1896 die Begrüßung seines kaiserlichen Wirthes erwiderte, einen äußerst formellen Charakter, so war der Trinkspruch auf den deutschen Kaiser bei dessen Gegenbesuch in Rußland bei Weitem herzlicher. Die Gemeinsamkeit der Bestrebungen wurde ausdrücklich fest gestellt. Auf diese Gemeinsamkeit wies mit kurzen Worten noch vor wenigen Tagen auch der deutsche Kaiser gelegentlich seines Besuches in Graudenz hin. Man braucht kaum zu sagen, daß die Besserung der Beziehungen Deutschlands zu Rußland schon darum von großem Erfolg ist, weil dadurch Deutschland nicht nur zu einer energischeren aktiven Politik freie Hand hat, sondern in gleicher Weise auch gegen die chauvinistischen Bestrebungen der Franzosen einen Rückhalt hat.
Hat Deutschland zu Rußland bessere Beziehungen ange- knüpst, so sind darum doch nicht die Beziehungen zu den beiden verbündeten Mächten gelockert worden. Die Tage von Homburg und von Budapest haben den Beweis dafür geliefert. Die Ergänzung, die diese Zusammenkünfte in dem Besuche des Grafen Goluchowski bei dem italienischen Könige fanden, zeigt, daß auch zwischen Italien und Oesterreich das buvdes- freundliche Verhältniß fortbesteht, und daß somit der Dreibund sich in feiner alten Festigkeit erhält. Die Sicherheit des Dreibundes und das gute Verhältniß zu Rußland lassen die Gefahr eines Konfliktes Deutschlands mit einer europäischen Macht gering erscheinen. Deshalb konnte sich Deutschland zu einer aktiven Politik in Ostasien entscheiden, um, wie sich der Staatssekretär von Bülow dem Reichstage gegenüber zutreffend ausgedrückt hat, neben den anderen Völkern seinen Platz in der Sonne zu haben. Tank den günstigen Beziehungen zu den kontinentalen Mächten ist Deutschland, trotz aller Intriguen Englands, ziemlich sicher davor, wegen seines Vorgehens in Kiau-Tschau in einen kriegerischetr Konflikt zu gerathen. So gelang es der deutschen Politik, auf friedlichem Wege im fernen Ostasien nicht nur einen maritimen Stützpunkt, sondern auch ein Gebiet zu erwerben, das einer reichen wirthschaftlichen Entwickelung fähig ist.
So ist in dem soeben zum Abschluß gelangenden Jahre der Einfluß Deutschlands nicht nur in Europa, sondern auch über die Grenzen Europas hinaus gewachsen. Mit Dank und Vertrauen blickt deshalb das deutsche Volk auf die Männer, die seine auswärtige Politik leiten, und hofft, daß es ihnen auch in der Zukunft vergönnt sein wird, durch eine geschickte und zielbewußte Politik das Ansehen Deutschlands zu erhalten und zu erweitern.
Tagesschau.
Von der Marine. Laut telegraphischer Meldung an das Ober-Kommando der Marine ist S. M. S. „Condor", Kommandant Korvetten-Kapitän Meyer, am 28. Dezember in Louren^o-Marques augekommen und beabsichtigr, am 2. Januar nach Sansibar in See zu gehen.
Kiaolschan, so wird in Zukunft, nachdem das Auswärtige Amt und das Oberkommando der Marine sich über diese Schreibweise geeinigt haben, die neueste Erwerbung Deutschlands amtlich geschrieben werden.
Wahlbewegung. Die Kandidaturen der christlichsozialen Partei sind, dem „Volk" zufolge, nunmehr folgende: Hosprediger a. D. Stöcker kandidirt in Siegen; Chef-Redakteur Dietrich von Oertz-n in Dillenburg; Volksschullehrer Bading in Wetzlar-Altenkirchen. In diesen drei Kreisen stehen den Christlich-Sozialen Liberale gegenüber und Sonderkandidaturen nahestehender Parteien sind bisher nicht bekannt geworden. Ferner wird Pfarrer Bernbeck trotz der von deutsch-sozialer und national-sozialer Seite gestellten Aufforderung, zurückzutreten, voraussichtlich in Friedberg-Büdingen kandidiren. Für den 1. Meininger Reichslagswahlkreis, Meiningen-Hildburg- Hausen, sind bereits fünf Kandidaten aufgestellt: Dr. Paasche von den Nationalliberalen, Redakteur Kurzhals von den Antisemiten, Fabrikant Juvghanß von den Volksparteilern, Dr. Scheven von den Nationalsozialen und Landtagsabgeordneter Wehder von den Sozialdemokraten.
Die Leipziger Maurer, welche ihren im Herbst nicht ausgetragenen Strike einstweilen nur verlegt und sich die Fortsetzung desselben zum Frübjahr vorbehalten hatten, scheinen inzwischen zu besserer Einsicht gelangt zu sein, da sie in Verhandlungen mit den Arbeitgebern einzutreten beschlossen haben. Bemerkenswerth erscheint die Begründung dieses Beschlusses mit der Erwägung, daß die öffentliche Meinung sich seiner Zeit entschieden gegen den Strike ausgesprochen hätte und sogar Arbeiter anderer Berufe demselben unsympathisch gegenüber gestanden hätten.
Der Göppinger Industrielle Guttmann, der, obwohl seiner politischen Gesinnung nach der süddeutschen Volkspartei zugehörig, dennoch, wie wir s. Z. erwähnten, zu Gunsten der Marineverstärkung eingetreten war und deshalb von den Blättern seiner Partei heftig angefeinoet wurde, vertheidigt sich dagegen mit Geschick und Erfolg. Insbesondere betont er, daß er sich in der Handels- und Gewerbekammer lediglich von industriellen und kommerziellen Erwägungen, frei von politischen, leiten lassen mußte und mit seiner Ansicht doch nicht vereinzelt dastehe. Ohne daß er sich weiter darum bemüht hätte, könnte er dennoch mit den Namen einiger, sonst mit der Volkspartei gehender Industriellen dienen, welche seinen Standpunkt theilen.
Die Affaire Dreyfus-Esterhazy. Aus Paris wird der „Fr. Ztg." telegrophirt: Die von Esterhazy freundlichen Blättern heute verbreitete Meldung, daß gegen die Brüder Dreyfus wegen eines angeblichen Bestechungsversuches an dem verstorbenen Obersten Sandherr die gerichtliche Untersuchung eröffnet sei, bestätigt sich thatsächlich. Major Ravary, der die militärische Untersuchung gegen Esterhazy führt, stellte Erhebungen über diese Bestechungsanklage an, die von dem Journal „Le Soir" gegen die Brüder Dreyfus erhoben wurde, und theilte das Resultat der Erhebungen dem Staatsanwalt mit. Von diesem wurde der Untersuchungsrichter Bertulus beauftragt, eine offiziöse Untersuchung zu eröffnen, die acht Tage lang unter dem größten Geheimniß geführt wurde. Bertulus vernahm einige Zeugen und ließ durch die Kriminalpolizei gewisse Feststellung vornehmen. Daraufhin wurde die offiziöse Untersuchung in eine offizielle umgewandelt und die Brüder Matthias und Leo Dreyfus wurden vorgeladen. Matthias Dreyfus erschien heute 1 Uhr im Justizpalast und blieb 3 Stunden beim Untersuchungsrichter. Tèmange ist der Advokat für Leo Dreyfus, der sich in Mülhausen befindet und von der Vorladung noch nicht erreicht ist. Bertulus wird auch mehrere Offiziere als Zeugen vernehmen. Andererseits reichte Matthias Dreyfus beim Justizminister eine Klage gegen Esterhazy ein, der an Hadamad, den Schwiegervater des Exkapitäns Dreyfus, einen Brief gerichtet hatte, in dem er diesen und Matthias Dreyfus mit dem Tode bedroht. Dieser Brief traf Ende Oktober ein, lange bevor Esterhazys Namen öffentlich genannt worden war. Esterhazy hatte ihn durch eineu Pariser Agenten befördern lassen, der die Spezialität pflegt, in Paris geschriebene Briefe in anderen Städten zur Post zu geben. Auch Scheurer-Kestner erhielt ähnliche Briefe. Er übergab sie dem Staatsanwalt.