Erstes Blatt.
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für Stadt- rind Land« kreis Hanau 10 ^ die ^gespaltene Garmond« zelle oder deren Rau«, für Auswärts 15 ^
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Amtliches Organ für HLaöi^ unö Landkreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Berlage.
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Nr. 293. Mittwoch den 15. Dezember 1897.
Hierzu
„Atnttiche Beilage" Nr. 88.
Amtliches. cSanö^rcto ^anaxt.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsa mtcs.
Diejenigen Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises, in deren Gemeinden b«zw. Gvtsbeznken Zu und Abgänge an Einkommen- und Ergänzungèsteuer vom 1. Oktober er. bis jetzt vorgekommen und die noch im Rückstände mit der Einreichung der vorgeschriebenen Auszüge aus den Kontrollen sind, fordere ich auf, das Versäumte alsbald nachzuholen.
Hanau am 11. Dezember 1897.
Der Vorsitzende
der Einkommensteuer-Veranlagungskommission für den Landkreis Hanau.
J. St. 2812 I. V.: Dr. Becker, Reg.-Assessor.
Dicnstnachrichtkn aus dem Kreise.
Gefunden: Eine Knabenmanschette mit goldnem Knöpfchen. Ein Hundehalsband.
Hanau am 15. Dezember 1897.
Deutscher Reichstag.
10. Sitzung vom 14. Dezember.
Der Reichstag nahm heute in dritter Lesung die Vorlage an, welche das von Belgien, Spanien, Frankreich, Italien Luxemburg, Portugal, der Schweiz und Schweb, n-Noi weg« n mit den Niederlanden u. untereinander zur gemeinsamen Regelung einiger Fragen des internationalen Privat rechts abgeschlossene Abkommen vom 14. November v. Js. nebst Zusotzprotokoll vom 22. Januar d. J. betrifft, dem das Reich am 9. November, nachdem der Bundesrath seine Zustimmung ertheilt hatte, zusammen mit Oesterreich-Ungarn beigetreten ist. '
Daraus wird die erste Berathung des Etats fortgesetzt. Abg. Rickert (freist Ver.) betont gegenüber den neulichen Ausführungen des Abg. v. Leipziger, nach dessen Ansicht unter dem Regime Caprivi das Ansehen des Reiches gesunken sei, daß Graf Caprivi bleibende historische Verdienste habe, die auch von höchster Stelle anerkannt worden seien. In den Streit, ob wir jetzt eine günstige oder weniger günstige Finanzlage hätten, wolle er sich nicht mischen. Brauche man Geld für Militärzwecke, sei die Finanzlage immer günstig; sie sei dagegen ungünstig, wenn es sich um Kulturaufgaben handle. Jedenfalls müßten
wir Garantien dafür haben, daß, wenn später doch neue Steuern nöthig werden sollten, nicht etwa die schwächeren Schultern belastet würden. Der Redner berührt sodann die im Laufe der Debatte besprochenen Fragen und hebt dabei hervor, daß' er im Großen und Ganzen mit der R'chtung, welche die Flottenvorlage einschlage, einverstanden sei. Wenn Frankreich, Rußland und auch einige Staaten zweiten und dritten Ranges fortgesetzt Panzerschiffe bauten, wie könne Deutschland eS verantworten, wenn es im Hintertreffen bliebe! ie Frage der Schlachtschiffe sei auch eine Frage der Vertheidigung unserer Küsten; denn unsere Küstenbefestigungen seien nicht im Stande, dem Ansturm feindlicher Schiffe zu begegnen. Daß das Nothwendige geschehen müsse, sei ja auch von den Sozialdemokraten Auer und Bebel anerkannt worden, indem Herr Auer unter Berufung auf Herrn Bebel auf dem letzten Parteitage gesagt habe; Wenn wir schon einmal Militär haben, so müssen wir arch dafür sorgen, daß unsere Waffen nicht schlechter sind, als die des Auslandes.^ Der Redner bespricht nunmehr die Vorkommnisse im Kreise Sto'p und bittet den Reichskanzler, auf diese Angelegenheiten sein Augenmerk zu richten, denn die Unzufriedenheit im Lande sei groß, namentlich auch, weil der Bund der Landwirthe Alles so schwarz schildere. Ein Agrarierthum, wie wir es beute hätten, wäre freilich nicht möglich, wenn der Liberalismus nicht so gespalten wäre.
Der preußische Kriegsminister v. Goßler erwidert auf eine Anfrage des Vorreeners, es liege nicht in der Absicht, nach Ablauf des Quirquennats die gegenwärtige Dauer der Dienstpflicht zu ändern. Es hätten sich keine Erscheinunaen gezeigt, welche das nothwendig machen würden. Eine Vermehrung der Infanterie-Bataillone sei gleichfalls nicht beabsichtigt, dringendes Bcdütsn.ß sei ab^ eine anderweitige Or-^ ganisation der Feldartillerie.
Abg. Paasche (natlib.) entgegnet dem Abg. Rickert,! daß die Agrarier nur ihre berechtigten Interessen verträten. Herr Bebel irre, wenn er von einer Vernachlässigung her ’ Kulturaufgaben spreche. Was solle aus letzteren werden,! wenn wir unsere Landesvertheidigung vernachlässigen würden? Flottenenthusiasten seien seine Freunde nicht aus Interesse, sondern aus innerer Ueberzeugung. Ohne Arbeiterhânde gebe es freilich keine Industrie, aber für sein Kapital und seine Intelligenz, welche die Arbeuskraft an die richtige Stelle bringe, dürfe der Arbeitg^er mit Recht einen Unternehmergewinn beanspruchen. Auf der Linken spreche man von einem Fiasko der agrarischen Gesetze. Mit Unrecht, denn mit dem Verbot des Getreideterminhandels sei der Landwirth ganz zufrieden, ebenso mit der Entwickelung des Getreidepreises. Die Klage der Landwirthe über Mangel an Arbeitern sei durchaus begründet. Daß die Sozialreform nicht stocke, wünschten auch seine Freunde, aber der Fortgang müsse ein ruhigerer sein. Bezüglich der Handelsvertragsfrage bittet der
Redner die Regierung, bei den Vereinigten Staaten dahin zu wirken, daß daselbst unsere Zuckereinsuhr günstiger behandelt werde als vie der anderen Staaten, welche höhere Ausfuhrprämien zahlten als wir.
Staatsminister Graf Posadowsky theilt auf eine Anfrage des Vorredners mit, daß die Grundlage für die Ver- tragsverhandlungen mit Amerika und England vom Reichskanzler sestgestellt worden sei. Jetzt sei die Sache zur weiteren Erledigung an das Auswärtige Amt gegangen; sie befinde. sich also in einem Stadium, welches weitere Mittheilungen darüber hier einstweilen nicht gestatte. In den wirthschaftlichen Ausschuß seien Sachverständige berufen worden zur Auskunslsertheilvng über die Produktionsverhältnisse behufs Aufstellung des neuen Zolltarifs, der für den Abschluß der neuen Handelsverträge unbedingte Voraussetzung sei. Selbstverständlich würden später auch noch andere Sachverständige, auch Handwerker, vielleicht sogar Arbeiter gehört werden, aber diese doch nur über Einzel- fragen. Wenn man den Vorwurf erhoben habe, daß zu viele Landwirthe in den 'Ausschuß berufen seien, so verwei'e er auf die gegenwärtige mächtige landwirthschaftliche Bewegung, der gegenüber doch geprüft werden müsse, welche Forderungen der Landwirtbschaft berechtigt und mit den berechtigten Forderungen der Industrie und des Handels verträglich seien. Und insoweit sich die Berechtigung dazu herausstelle, werde man nicht umhin können, der Landwirthschaft einen höheren Schutz zu gewähren. Was das Zuckersteuergesttz betreffe, so sei es geboten gewesen, aber die Regierung werde sich noch immer freuen, wenn das Ziel der Abschaffung der Ausfuhrprämien erreicht werde.
Abg. Zimmermann (dtfchsoz. Resp.) betont, daß wir für Rußland und für Amerika gute Abnehmer für ihre Waaren seien, wir müßten daher diese Position bei unserer Zollpolitik ausnutzen. Zu den Überraschungen der Etatsberathung gehöre das Auftreten des Abg. Bebel als Freund der Landwirthschaft; aber wenn seine Rathschläge befolgt würden, so würde der Preis der landwirthschaftlichen Produkte noch mehr sinken, was den Produzenten kaum gefallen werde. Der Redner geht sodann auf die Einzeletats ein, bezeichnet die Ejnführung einer progressiven Reichseinkommensteuer als den einzigen Weg, auf dem künftig die Mehrforderungen bestritten werden könnten, und bedauert, daß die Regierung Sympathiekundgebungen für unsere bedrohten deutschen Stammesgenossen in Oesterreich nicht zulassen wolle.
Abg. Frhr. v. Hodenberg (Welfe) verbreitet sich gleichfalls über unser Verhältniß zu Oesterreich-Ungarn und sodann über das Verhältniß der deutschen Bundesstaaten zu einander.
Abg. Frhr. v. Stumm (Reichsp.) wendet sich zunächst gegen die beiden letzten Vorredner, deren Angriffe gegen befreundete Staaten nicht zu billigen seien. Es sei wieder einmal der Beweis erbracht, daß der Reichstag sehr wohl daran thue, die auswärtige Politik möglichst wenig in den Bereich der Debatten zu ziehen. Der Redner kommt hierauf auf das vielbesprochene Verbindungs-
Feuilletsu.
Zum dreihundertjährigen Jubiläum der Neustadt Aanau.
Unter diesem Titel bringt das Dezemberheft der „Zeitschrift für bildende Kunst" einen längeren Artikel von Prof. M. Semrau-Breslau, den wir nachstehend des besonderen Interesses halber wiedkrgeben.
Wer das freundliche und gewerbereiche Hanau besucht hast kennt den eigenartigen Dualismus seiner baulichen Anlage, wie ihn so ausgesprochen nicht viele deutsche Städte aufweisen. Eine Altstadt von mittelalterlichem Gepräge schmiegt sich engbrüstig mit krummen Gassen und unregelmäßigem Marktplatz an ein früheres Kastell, das die Niederungen der dem Main zufließenden Kinzig beherrschte, eine Neustadt mit geraden Straßen, regelmäßigen Häuservierecken und weitem Markt- und Kirchplatz setzt sich unmittelbar daran, in das Blachfeld nach dem Hauplstrom selbst hinausstrebend, und mit dem sie ursprünglich durch einen, jetzt größtenteils verschütteten, Kanal in unmittelbare Verbindung gebracht war. Das historisch Interessante ist nun, daß wir in dieser Neustadt Hanau — abgesehen natürlich von den modernen Vorstädten — eine nach einheitlichem Plan fast schon im modernen Geiste vollzogene Stadtgründung des 16.Jahrhunderts vor uns haben. Niederländische und wallonische Protestanten erst im benachbarten Frankfurt ausgenommen, dann durch den Glaubenseiser der lutherischen Stadtprediger wieder verscheucht, sind ihre Urheber. Sie schlossen am 1. Juni 1597 mit dem resormirten Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau- Münzenberg einen Vertrag, der ihnen die Gründung und Ausgestaltung eines eigenen städtischen Gemeinwesens gewährleistete nachdem bereits in den ersten Monaten des Jahres
das neue Stadtgebiet abgesteckt und die Besiedelung eingeleitet war.
Das dreihundertjähr'ge Jubiläum der Gründung der Neustadt Hanau, das somit zu Pfingsten 1897 g feiert worden ist/ hat mehrere Festschriften^ hervorgerufen, dre je nach ihrem speziellen Zweck auch die Kunstdenkmäler der Stadt in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen. Da diese Publikationen aber in erster Linie lokalhistorische Gesichtspunkte verfolgen, so ge nügt es hier im allgemeinen auf sie hinzuweisen. Nur das der Neßler'schen Schrift in einer Lichtdruckreproduktion beigegebene interesfante Bildniß Jean Calvins (datirt 1540) sei hervorgehoben, das allerdings nicht, wie der Verfasser meint, „Holbein oder seiner Schule" zuzuschreiben sein wird. Eine kunstgeschichtliche Festgabe zum Jubiläum haben A. W i n k- l e r und I. M i t t e l s d o r f mit ihren „Bau- und Kunstdenkmälern der Stadt Hanau" gebracht?) Sie ist um so wichtiger, als die kärglichen Notizen, mit denen Hanau bisher (bei Lotz und Dehn Rothfelser, Lübke, Gurlitt) in der kunstgeschichtlichen Litteratur vertreten war, an entscheidenden Punkten ungenau sind. Nun liegt aber gerade für die Baugeschichte der Stadt ein sehr reiches und zuverlässiges Material vor, das gestattet, namentlich die so eigenartige, im Sturmschritt vollzogene Gründung und Entwickelung der
*) Graf Philipp Ludwig II. und die Gründung von Neu-Hanau. Von Dr. O. Ank el. — Festschrift zur 300jährigen Jubelfeier der wallonischen Gemeinde zu Hanau. Von Carl Neßler, Pfarrerder wallonischen Gemeinde. Mit 25 Lichtdrucktafeln, 2 Autotypien und 2 Zinkätzungen. — Festschrift zur 300jährigen Jubelfeier der nieder- ländisch-reformirten Gemeinde zu Hanau. Von Pfarrer Arthur Weisel. — Dr. R. Suchier, die Münzen der Grafen von Hanau. (Sämmtlich Hanau 1897.)
*) Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Hanau. 1. Theil. Bearbeitet und herausgegeben von Dr. A. Winkler, Bibliothekar der König!. Zeichenakademie, und 3 Mittelsdorf, Architekt und Lehrer der König!. Zeichenakademie. Hanau 1897.
Neustadt mit aller Sicherheit zu verfolgen. Für die Geschichte des deutschen Städtebaues ist hier ein neuer Eckstein gelegt. Wir sehen, wahrscheinlich zum allerersten Mal, ein bürgerliches Gemeinwesen ohne geschichtlichen und eigentlich nationalen Zusammenhalt — sprach doch der größere Theil der Ansiedler französisch, der andere vlâmisch —, aber geeint durch Glaubenseifer und gemeinsam erlittene Verfolgungen sich nach eigenem Bedürfniß und Plan eine woblbefestigte Stadt erbauen, genau wie sie auf dem Papier entworfen war, nüchtern und reizlos für das nach malerischen Eindrücken suchende Auge, aber bequem, praktisch und mit einer Voraussicht späterer Entwickelung. Läßt sich für den Plan der Stadt und ihrer Befestigungen noch ein persönlicher Urheber namhaft machen — der Ingenieur Nicolas Gillet —, so ti itt der demokratische Grundzug dieses merkwürdigen Stadtbaues noch deutlicher hervor in dem bedeutendsten Einzelwerk, das er aufzuweisen hat: der französisch-niederländischen Doppelkirche. Auch den sorgfältigsten Untersuchungen Winklers ist es nicht gelungen, in dem reichhaltigen Urkundenmaterial unzweifelhafte Hinweife auf eine bestimmte Persönlichkeit zu entdecken, welcher Plan und Ausführung dieses seltsamen Bauwerkes zugeschrieben werden könnte. Es muß vielmehr als wahrscheinlich gelten, daß die ersten Risse im Kreise der Ansiedler selbst entstanden, vielleicht aus gemeinsamen Berathungen hervorgegangen sind. Die drei Namen, welche in der Baugeschichte der Kirche — von 1599 bis 1608 — besonders hervortreten : Rene Mahieu, Daniel Soreau und Johann de Hollande bezeichnen auch nur Laien, die sich vielleicht im Besitz einiger dilettantischer Architektur- und Zeichenkenntnisse befanden. Berufsmäßige Bauleute wurden erst im späteren Verlauf der Arbeit gelegentlich zu Gutachten herangezogen. Der Bau ist also — und das erklärt zugleich am Besten seine Eigenart — Laienarbeit, hervorgegangen aus dem praktischen Bedürfniß einer doppel-
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