Drittes Blatt.
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Nr. 290. Samstag den 11. Dezember 1897.
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Politische und unpolitische Nachrichten
(Depesche n-B«r es« Herold.")
Berlin, 10. Dezbr. Montag Abend um 7 Uhr findet bei dem kommandirenden Admiral von Knorr ein größeres Diner statt, zu welchem auch der Kaiser sein Erscheinen angesagt hat.
Berlin, 10. Dezbr. Die Budget-Kommission des Reichstages wird in die Berathung der Marinevorlage vor Weihnachten oder Neujahr nicht mehr eintreten.
Berlin, 10. Dezbr. Wie die „Volksztg." hört, plant die Ruchstelegraphenverwaltung die Einführung von sogenannten Kartentelegrammen, wodurch man ein beschleunigtes Bestellen der Telegramme veranlassen umn. Die Kartentelegramme sollen durchweg 50 Psg. kosten und bis zu 15 Worte enthalten dürfen.
Berlin, 10. Dezbr. Der „Germania" zufolge hat der Papst am 5. d. Mts. den preußischen Gesandten beim Vatikan, Baron von Bülow in Privataudienz empfangen.
Berlin, 10. Dezbr. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet, ist der zur Zeit aus Urlaub in Berlin weilende Generalkonsul von Japan, Dr. Schmidt-Reda, dem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Freiherrn von Richthofen, zur Unterstützung bei der Verhandlung der Geschäfte der Kolonial - Abtheilung beigegeben worden. Wie die „Berliner Neuesten Nachrichten" noch berichten sungirt Dr. Schmidt schon seither als Stellvcrtrelsr des Kolonial-Direktors.
Berlin, 10. Dezbr. Nach der im Rnchseisenbahnamt ausgestellten Nachweisung der auf den deutschen Eisenbahnen mit Ausschluß Bayerns im Oktober vorgekommenen Betriebsunfälle sind im Ganzen 241 vorgekommen. Bei Unfällen wurden getödtet 69 Personen; verletzt 143.
Berlin, 10. Dezbr. In verschiedenen deutschen Städten haben Haussuchungen bei Anarchisten stattgesunden. In München beschlagnahmte die Polizei bei dem Anarchisten Josef Schweiger eine Anzahi anarchistischer Schriften; in Frankfurt a. M. wurde der Anarchist Jäckel auf Grund des Ergebnisses einer bei ihm vorgenommenen Haussuchung aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen und gegen den gleichfalls in Frankfurt a. M. wohnhaften Anarchisten Kanal hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Aufreizung zum Klaffenhaß erhoben. Oie Strafthat soll in einem Artikel der beschlagnahmten Nummer des „Sozialist" enthalten sein.
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Wiesbaden, 10. Dezbr. Der Geschäftsfühier-Ausschuß des deutschen Aerztevereins-Bandes beschloß, den nächsten deutschen A e r z t e t a g am 28. und 29. Juni n. Js. in Wiesbaden abzuhalten.
Wien, 10. Dezbr. Das Exekutiv-Komitee der Rechten berieth heute Vormiltag eine noch heute zur Publikation gelangende Kundgebung an die Wähler. Dieses Schriftstück enihült neben der neuerlichen Bedingung der Solidarität aller Gruppen der Rechten, auch eine Stelle, die dem Wunsche nach ftit blichen Beziehungen der Parteien und nach baldigster Wiedtrherstellung der parlamentarischen Lage Ausdruck gibt.
Paris, 10. Dezbr. Ein gewisser Guerin, der für Privatleute Börsengeschäfte gemacht hatte und etwa 500,000 Franks unterschlagen hat, wurde gestern verhaftet.
Petersburg, 10. Dezbr. Die Ernennung des bisherigen Gesandten in Brüssel, Fürst Urussow, zum Botschafter in Paris, an Stelle des zurückgeiretenen Baron Mohrenheim wird amtlich bekannt gegeben.
Wittermngshericht.
Voraussichtliche Witterung: Fortdauer des veränderlichen Witterungscharakters.
Der Reichstag
ist gestern in die Besprechung der Interpellation Bassermann, betreffend den Petroleumhandel, eingetreten. Abg. Barth (Freis. Ver.) führt aus, die Standard Oil Company habe es meisterlich verstanden, die Konsumenten durch niedrige Preise bei guter Laune zu erhalten. Grade Deutschland sei für die Oil-Company ein wichtiges Absatzgebiet, weil die in Deutschland verbrauchte Petroleumsorte in Amerika und England nicht marktsähig sei. Die Gesellschaft werde sich auch wohl hüten, Deutschland schlecht zu behandeln. Würden wir zu Gunsten des russischen OelS das amerikanische durch Zollerhöhnugen benachteiligen, so würden wir damit doch nur unsern Konsumenten das Petroleum vertheuern. Abg. Frhr. Heyl zu Herrnsheim (nat.-lib.) empfiehlt Differenzirung des Zolles, auf Rohöl einen niedrigeren Zoll als auf das raffinirte Oel. Es sei durchaus an der Zeit, den Anmaßungen der Vereinigten Staaten mit Energie entgegenzutreten. Abg. Spahn (Ctr.) bemerkt, es liege gegenüber der Mannheim-
Bremer Gesellschaft gar kein Grund zu der großen Befürchtung vor. Der Petroleumpreis sei p auch bis in die Gegenwart nied ig gehalten worden. Abg. Hahn (b. k. F.) meint, die Gefahr, die uns aus diesem Weltmonopol erwachse, sei eine sehr große. Die amenkani che Gesellschaft sei eine reine Ausbeuter-Kompagnie, die den niedrigen Preis nur so lange niedrig halte, bis es ihr gelungen sein werde, die Konkurrenten zu beseitigen. Slaatsminister'Graf Posadowtzky fügt seinen vorgestrigen Ausführungen hinzu, daß schon am 5. Oktober ein Ausnahmetarif für russisches Oel von Alexan- drowo nach preußischen Stationen «^geführt worden sei. Ferner werde in allernächster Zeit der Waqenladungstarif Nr. 3 für raffinirtes Petroleum von russischen nach deutschen Stationen in Kraft treten. Eine weitere Begünstigung des schweren russischen Oels werde insofern erfolgen, als künftig die Mischungen von amerikanischem und russischem Oel nach dem Volumen verzollt werven solltcu. Abg. Fischbeck (freis. Volksp.) wünscht, daß es den süddeutschen Händlern gelingen möge, sich den Schlingen der Trustgesellschaft zu entziehen. Ein Differenzialzoll würde uns nichts helfen, wie Erfahrungen in Frankreich zeigten. Abg. Schippel (sozd.) widerspricht dem Gedanken, behufs Steigerung des Spiritusverbrauchs den Petroteumzoll zu erhöhen. Nach einigen Bemerkungen der Abgg. Hahn und Barth schließt die Besprechung der Interpellation.
Es folgt die erste Lesung des Etats. Staatssekretär Freiherr v. Thielmann gibt einen Ueberblick über die Finanzergebnisse für das Jahr 1896. Ihm sei es begreiflicherweise sehr erwünscht, wenn von de« Überschüssen über den Etat nicht nur ein Theil, sondern das Ganze zur Schuldentilgung Verwendung finden könne. Er glaube auch nicht, daß die verbündeten Regierungen dem widersprechen würden, vorausgesetzt, daß andererseits in den minder günstigen Jahren auch keine Erhöhung der Matrikularbeiträge erfolge. Wenn aber da auf die Zustimmung des Reichstages nicht zu rechnen sein sollte, so hoffe er, daß der Reichstag wenigstens das ihm jetzt vorgelegte Schuldentilgungsgesetz annehmen werde. Was das Jahr 1897 betreffe, so fei für die Reichskasse ein Ueberschuß von 20 Millionen zu erwarten. Die Ueberweisungen würden die Matrikularbeiträge um 53 Millionen übersteigen; davon sollten dem Schuldentilgungsgesetz gemäß drei Viertel, mithin 40 Millionen zur Schuldentilgung dienen, während die restlichen 13 Millionen an die Einzel-
Feuilleton
Der neue Stil.
(Vortrag, gehalten von Herrn Dr. Georg Fuchs aus München am 7. d. M. im Kunstindustrie-Verein dahier.)
(Fortsetzung.)
Dieses erhabenste Kulturziel zu erreichen, hilft, nächst dem innigsten Versenken in die Natur, nicht so von Grund aus, als ein schöpferische» heimathliches Kunstgewerbe, eine große, den führenden Genius wie den begabten Handwerker umfassende Kunstübung, welche dazu führt, daß die Gegenstände des täglichen Gebrauches in einer dem praktischen Bedürfnisse entsprechenden Weise zu Ende gedacht, künstlerisch erlöst werden. Das Künstlerischste soll zugleich das Praktischste sein, sodaß wir die Schönheit gewissermaßen gebrauchen, ihrer bedürfen. Und hieraus ergibt sich sinngemäß die andere Forderung, daß die Motive dieser künstlerischen Ausgestaltung der Gebranchsgegenstände nicht solche sein dürfen, welche erst durch gelehrte oder sonstige Deutung verständlich werden, sondern solche, die aus den praktischen Bedingungen der Gegenstände selbst entspringen, oder solche, welche die uns unv geb'iibe Ratur, die heimathliche Aue in unerschöpflicher Fülle spendet.
Schon seit mehreren Jahren erhoben unsere hervorragend- sten Kenner diese Forderungen. Ich nenne nur Bode, Zeising, stich twark, Jessen, Brinckmann. Es fchien, cis ob sie keinen Erfolg damit haben würden. Die Eyniker rieben sich vergnügt die Hände. Nur ganz wenigen war eS vergönnt in die Werkstätten zu sehen, nur wenige wußten, daß z. B. H. E. v. Berlepsch schon seit der Mitte der 80er Jahre in diesem Sinne eifrig Versuche an- stellte. Lange wurde man einfach ausgelacht, wenn man auf Künstler wie Berlepsch, Eckmann, Obrist, Schwtu- dr az he im, Werle hinwies. Die fanatischen Fürsprecher der englischen und amerikanischen Manier überschütteten uns mit Spott und Hohn und riefen ihren begüterten VolkSge- noflen immer wieder zu: Tragt euer Geld in'» Ausland, zu
Haus erhaltet ihr doch nichts dafür. Es kam dann die । modernen angewandten Kunst gilt. Zeit, wo Einzelne Anerkennung fanden, wo gewisse voreilige stimmt n»a h^.if™..» m».,^- ... ( Theoretiker schon davon redeten, daß der allein seligmachende moderne Individualismus nun auch im Kanstgewerbe zur Geltung gelange: Köpping schuf seine Gläser, Obrist stellte Sticke,eien aus in München und Berlin, und als er damit gar in Sonbon einen großen Erfolg errang, da waren schon viele für seine Sache gewonnen. Der ausländische Erfolg überzeugte sie. Entlich trat in Berlin selbst ein dekorativer Künstler von ausgezeichneter Begabung aus den Plan : Melchior L e ch t e r. Er wurde mit Begeisterung von der sensationslustigen Menge der Höchstzebildeten ausgenommen. Das volle Orchester der Berliner Preffe setzte mit rauschenden Lobeshymnen ein. Sogleich aber zeigte es sich deutlich, daß diese ganze Begeisterung unecht war, daß sie auf einem Mißverstândniß der Absichten des Künstlers beruhte. Man betrachtete ihn als tiefen Symboliker, als Mystiker, als Träger geheimnißvoller Gralsweihen. Kurz und gut man verstand im Allgemeinen gar nichts vom eigentlich Künstlerischen, vom Sinnlich-Dekorativen, vom Stile dieser edlen Dinge. Und wieder sank denen, welche auf biâ Entstehen einer ehrlichen dekorativen Kunst - Tradition hofften, der Muth. Es schien, daß man sich auf eine individualistische Zersplitterung der Kräfte gefaßt machen müsse, es schien, als ob wir zwar einen dekorativen Symbolismus, nie aber eine reine einheitliche KunstÜbung erwarten dürsten. Da kam die Münchener VII. Internationale Kunstausstellung von 1897. Im Glaspülaste sanden sich zwei kleine Räume, welche laut Katalog der „Kleinkunst" überwiesen und von den Architekten Martin Dülser und Theodor Fischer eingerichtet waren. Aber siche da, nach genauerem Studium stellte sich heraus, daß das, was hier nicht gerade sehr respektvoll als „Kleinkunst" vorgeführt wurde, nichts Anderes und nichts Geringeres war, als die Anfänge eines eigenartigen und modernen deutschen Kunstgewerbes. Ich glaube, daß alle Kenner und Kritiker von Ansehen diese Anschauung in den führenden Zeitungen und Zeitschriften ausgesprochen haben, an ihrer Spitze kein Geringerer als Wilhelm Bode, der wohl unbestritten als der bedeutende Kenner auf dem Gebiete der
Mir ist keine einzige Stimme aus berufenem Munde zu Gehör gekommen, welche bei allen Umständen und Einwänden im Einzelnen diese Thatsache geleugnet hätte. Fast alle Zweige der angewandten Kunst waren hier schon in deachtenswerthen Erzeugnissen ver- treien. Da waren Möbel von Berlepsch, Stickereien und eine Truhe von Hermann Obrist, Webereien und schmiedeeiserne Leuchter von Eckmann, ein Buffet von Riemerschmid, Knnstglasereien von Ule, Zinngegenstände von Karl Groß, getriebene Knpfergefäße von Kellner und Winhart, Webereien und Stackfriese von Endell, Buch-Einbände von Erler, Kacheln und keramische Arbeiten der Familie von Heider, von Schmuz-Baudiß und C. Laeuger, ein Ofen von Fischer, ein Wandschirm von Engelhart, ein Sofa von Bertsch und ein Stuhl von Pankok und viele, viele andere Dinge. Die Ueberraschung, die Freude war groß. Alsbald regte sich die Kauflust des Publikums und eine geradezu fieberhafte Bewegung ging durch alle Kreise, die zunächst interessirt waren. Angewandte Kunst! Deutsches originales Kunstgewerbe! so scholl die Losung durch die Schaaren unserer jungen Maler und Bildhauer. Mit elementarer Gewißheit brach sich die Ueberzeugung unter ihnen Bahn: hier ist der Fortschritt, hier winken uns große, neue Ziele, große und lohnende Aufgaben. Publizistische Organe, wie der „Pan" in Berlin und die Zeitschrift deS bayerischen Kunstgewerbe-Vereins in München, stellten sich sofort in den Dienst der neuen Bewegung, andere Organe größten Stiles, wie man sie bisher in Deutschland nicht gekannt hatte, entstanden.
Während eine derselben, die „Dekorative Kunst" in Müchen, die deutsche angewandte Kunst innerhalb eines internationalen Rahmens zu pflegen verspricht, hat eine andere, die „Deutsche Kunst u nd D e k o r a t i o n", heransge- geben von Alexander Koch in Darmstadt, sich offenbar ganz von den Ideen leiten lassen, welche meines Erachtens eine nationale Kunstübung gewährleisten» Diese zuletzt erwähnte Monatsschrift: „Deutsche Kunst und Dekoration", welche übrigens im gleichen Verlage erscheint wie die schon längst auf dem Gebiete der Wohnungs-Ausstattung eine führende Rolle spielende „Zeitschrift für Junev-Dekoration", erließ