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Amtliches Organ für Htaöt- unö LanöKreis Hanau.
Erscheint täglich nâ Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 287.
Mittwoch den 8 Dezember
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1897.
Hievzit
„Amtliche Beilage" Nr. 86.
Die Flottenvorlage
ist mn Montag zur ersten Lesung gelang!. An diesem Tage standen die Vertreter der Regierung im Mittelpunkte der Verhandlungen; denn um die hohe Bedeutung des Gesetzentwurfs für die deutsche Wehrkraft, für Deutschlands Ansehen vnd für die gejammte innere Lage des Reiches klar erkennbar zu machen, ergriffen nicht nur der Reichskanzler und Admiral Tirpitz, sondern auch die Staatssekretäre Graf Posadowsky, v. Thielmann und von Bülow das Wort, während als Vertreter der Parteien nur der Führer der Konservativen, Graf Limburg- Slirum, der Sozialdemokrat Schönlank, das Mitglied der Freisinnigen Vereinigung Barth und der Pole v. Jadzewski sprachen.
Der Reichskanzler begründete in einer durch ihre Sachlichkeit sehr eindrucksvollen Rede die Nothwendigkeit b-r gestellten Forderungen und die Form, in der sie geltend gemacht werden. Die deutsche Marine habe bisher von b^r Hand in den Mund gelebt, hauptsächlich wohl, weil die Bevölkerung ihr wegen des Umstandes, daß wir auch ohne die Flotte zu einer glänzenden Machtstellung gelangt sind, nur geringes Interesse entgegengebracht habe. Aber jetzt beoürfen wir einer starken Flotte, um den deutschen Interessen zur See gereckt werden zu können. Allerdings verlange dies vom Reichstage eine gewisse Entsagung, doch sei man über die Zeiten hinaus, wo eine doktrinäre Auffassung des Bewilligungsrechts der Parlamente so weit gehen durfte, unter Umständen den Staatsorganismus lahm zu legen.
Der Staatssekretär Tirpitz trat in längerer Rede für die Einzelheiten der Vorlage ein. Er begründete insbesondere die Unentbehrlichkeit einer Echlachtflotte in dem geforderten Umfange. Er erklärte, daß die Bildung von zwei Geschwadern zu acht Schiffen auf einer seit Jahren gereiften Ansicht des gesammten See-Offizierkorps beruhe, daß diese SchiffS- zahl aber genüge, da gegen eine derartige Flotte an unsern Küsten vorzugehen sich selbst eine Seemacht ersten Ranges bedenken würde, weil sie selbst nämlich nicht erheblich größere Streitkräfte aus dem einzelnen Seekampsplatz würde verwenden können.
Diese Erklärung machte den tiefsten Eindruck und wird die Bevölkerung überall von der Unentbehrlichkeit und Gerechtigkeit der Regierungsforderungen überzeugen, zumal da Staatssekretär v. Thielmann noch nachwies, daß auch die Finanzlage des Reiches der Vorlage nicht widerstrebt. Von großem Interesse war ferner die Rede des Staatssekretärs v. Bülow, welcher erklärte, daß die Reichsregierung das deutsche Recht Haiti gegenüber kraftvoll wahren und auch in China ihre Stellung behaupten werde. Gewaltthaten, wie sie gegen die Missionare verübt worden sind, müsse vorgebeugt werden. Wir könnten nicht zugeben, daß sich in China die Ansicht festsktze, unS gegenüber sei erlaubt, was man sich andern gegenüber nicht herausnehmen würde. Da China andern Mächten Zugeständnisse gemacht habe, welche den materiellen Interessen derselben unmittelbar dienen, so benutze Deutschland zugleich die von China selbst geschaffene Gelegenheit, um darzuthun, daß „die deutsche Waare und der deutsche Unternehmer, die deutsche Flagge und bas deutsche Schiff ein ebenso großes Ansehen genießen muß, wie die anderen Mächte; wir sind weit entfernt, in China andern Großmächten zu nahe treten zu wollen; mit einem Wort; wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unsern Platz in der Sonne I^ Auch diese Erklärungen werden in den weitesten Kreisen lebhafte Zustimmung finden. Was England in Hongkong, Frankreich in Tongking, Rußland in der Mandschurei erlangt hat, kann Deutschland in der Klautschau-Bucht verlangen. —r
Deutscher Reichstag.
5. Sitzung vom 7. Dezember.
®er Reichstag setzte heute die erste Lesung der Flottenvorlage fort.
Abg. Richter (freis. Volksp.) führt aus, nothwendigen Dewillig- ungeu habe sich der Reichstag niemals entzogen, das bewiesen die Steigerungen des Marine-Etats wie auch der Reichsschuld. Eine solche Machtentfaltung wie gegenwärtig habe aber unsererseits auf überseeischem Gebiet noch niemals stattgefunden. Wie könne man da dem Reichstage bezüglich der Entwickelung unserer Marine auch nur das geringste Verschulden vorwerfen? Wenn wir für jede Unbill eintreten wollten, die Deutsche im Auslande erlitten, müßten wir dann nicht auch für die Deutschen in Rußland oder in Oesterreich-Ungarn eintreten, die unter fremdem Uebermuth litten? Es seien hier auch die Handelsinteressen betont wrrden, aber die Marine und ihre Machtentfaltung stehe in keiner
Beziehung zu der Koukurrenzfähigkeit unserer Industrie. Und was die Wehrkraft anlange, so sei für uns doch die Wehrkraft zu Lande entscheidend, die Marine habe ja doch in dieser Hinsicht nur eine sekundäre Bedeutung. Man habe versichert, neue Steuern würden nicht nöthig werden, wolle man diese Versicherung nicht vielleicht gesetzlich festlegen? Es wäre dies um so nöthiger, als 1895 Graf Posadâsky erklärt habe, daß die Biersteuer immer wieder drohend ihr Haupt erhebe. Ehe man hier ein Marine-Aeteruat bewillige, solle man doch erst einmal abwarten, wie das nächste Militär-Quinquennat aussehen werde. Was das Etats- rechl betreffe, so sei doch zweifellos, daß hier eine Bindung des Reichstags vorliege. Wo sei ein Reichstag zu finden, der so wenig Einfluß und ein so bescheidenes Maß von Rechten habe? Niemand denke daran, den Staat lahm zu legen, man wolle nur auf finanzielle Ordnung halten. Er, Redner, lehne das Gesetz ab, weil er die Volksrechte nicht noch mehr geschmälert wissen wolle. .
Staatssekretär Tirpitz betont, daß die Zwischenfälle in Haiti und E^'a die Unzulänglichkeit unserer Flotte zeigten. Herr Richter stelle das Aeletnat als etwas Schlimmes dar, aber der Reichstag werde doch gewiß eine Flotte, die er bewillige, auch erhalten wollen. Wenn der Reichstag durch die Vorlage gebunden werden solle, so werde dadurch doch andererseits auch die Regierung gebunden. Der Vorwurf der Ufer- losigkeit sei unberechtigt gegenüber der Thatsache, daß hier eine Festlegung beabsichtigt werde. Der Abg. Richter habe angedeutet, daß hier noch andere Faktoren mitsprächen, aber was hier vertreten werde, das vertrete er, der Staatssekretär, verantwortlich und aus voller Ueberzeugung.
Abg. Graf Arnim erklärt namens der Reichspartei, daß sie die Vorlage für eine sehr gute Grundlage einer Verständigung halte. Die Sozialdemokraten meinten freilich, die Schisse seien nichts weiter als eine kulturfeindliche Erfindung der Regierung, in Wirklichkeit dienten aber die Schiffe dem Schutze unserer nationalen Arbeit. Auch der Abg. Richter- habe leider kein Verständniß für die Bedeutung der Krenzer für den Schutz unseres nationalen Handels. Das Mißverhältniß zwischen der Bedeutung des Handels und seinem Schutz durch die Marine sei nirgend so groß als bei uns.
Abg. Lieber (Etr.) hebt hervor, daß seine Partei nicht wie die Abgg. Richter und v. Iagdzewsti oder die Grafen Limburg und Arnim mit einem fertigen Votum in die erste Lesung der Vorlage eingetreten sei. Es handle sich um etwas Wichtiges, und da sei es unmöglich, schon jetzt zu einem abschließenden Urtheil zu kommen. Die politische Lage sei für eine solche Vorlage die denkbar ungünstigste. Mit Hängen und Würgen sei diese Vorlage sowie die Militär-strafprozeßordnung im Bundesrath zn Stande gekommen. Auch bezüglich der letztgenannten Vorlage sei seine Partei mit ihrem Urtheil nicht fertig; sie werde sie mit Wohlwollen, aber mit der schärfsten Sonde prüfen. Leider sei ferner das Versprechen bezüglich des Vereinsgesetzes in Preußen noch nicht eingelöst. Auch die Forderung des Reichstages hinsichtlich des Jesuitengesetzes sei vom Bundesrath nicht berücksichtigt worden. Trotzdem seien feine Freunde entschlossen, den vorliegenden Entwurf mit voller Objektivität zu prüfen hub die Stellungnahme zu ihm nur von Gründen, die in der Sache selbst lägen, sich biftiren zu lasseu. Die Bedenken, die von der allgemeinen Finanzlage herzuleiten seien, wären doch nicht so ganz von der Hand zu weisen. Auch die Frage, ob eine gesetzliche Regelung der Angelegenheit nothwendig sei, bedürfe einer Prüfung. Man habe dieses Septennat ein Aeternat genannt; eigentlich binde man sich aber bei jedem Gesetz, z. B. bei Beamtenbesoldungen. Zugegeben sei, daß hierbei auch eine moralische Bindung für die Regierung vorliege. Der Reichstag würde sich nach etwa fünf Jahren sogar noch viel eher einer solchen Bindung entziehen können, als die verbündeten Regierungen. Der Reichstag habe es in der Hand, ebenso gut wie die Schiffe, so auch die Formationen, die jährlichen Indienststellungen festzulegen. Jedenfalls sei diese Vorlage eines der glänzendsten Vertrauenszeugnisse, die die Regierung diesem Reichstage ausgestellt habe. Wenn die Zusicherung gegeben werde, daß die Kosten dieser Vorlage nicht auf die Schultern der breiten Massen, sondern derjenigen, denen die Vorlage zu Gute komme, gelegt würden, so wären neun Zehntel des Widerstandes gegen die Vorlage gebrochen. Redner wiederholt schließlich, daß seine Partei die Vorlage keineswegs wie der Abg. Richter, a limine ablehne, sondern sie sorgfältig prüfen wolle.
Staatssekretär Tirpitz sagt, der vom Vorredner angeregte Gedanke, eine Linsitirung der Kosten, sei von den Regierungen noch nicht erwogen worden. Er für seine Person stehe diesem Gedanken nicht ablehnend gegenüber, vorausgesetzt, daß dadurch der Zweck erreicht würde.
Abg. Graf v. Bernstorff (Welfe) will sein Votum von dem Ergebniß der Kommissionsberathungen abhängig machen.
Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr: Fortsetzung der heutigen Berathung; Interpellation Bassermann, betr. den Petrolcumhandel.
Tagesschau.
Von der Marine. Laut telegraphischer Meldungen an das Oberkommando der Marine sind S. M. Schiffe „Charlotte^ und „Stein", Kommandant Kapitän zur See Thiele (August) und Oelrichs, am 6 Dezember in Port au Prince (Haiti) angekommen; S. M. S. „Wolf", Kommandant Kor- vettenkapitär Schröder (Johannes), ist am 6. Dezember in Sierra Leone anzekommen und beabsichtigt, am 11. Dezember nach Mdnrovia in See zu gehen.
In dem Zwischenfall mit Haiti ist eine entscheidende Wendung eingeireten. In NewAork ist folgende Depesche aus Port-au-Prince eingelroffen: Zwei deutsche Kreuzer sind hier angekommen. Es wurde der Regierung von Haiti ein Ultimatum überreicht, in welchem eet langt wird, daß den Forderungen Deutschlands bezüglich der Genugthuung für den Fall Lüders innerhalb eines Zeitraumes von acht Stunden Genüge geleistet werde. In diplomatischen Kreisen von Port- au-Prince glaubt man, aß Haiti entschlossen fei, die Bedingungen Deutschlands anzunehmen. Die hier wohnenden Deutschen haben sich, da Ruhestörungen befürchtet wurden, auf zwei in dem hiesigen Hafen liegende Dampfer begeben;
der französische Gesandte requirirte einen französischen Dampfer für die Franzosen als Zufluchtsort. Unter der Bevölkerung herrscht große Erregung, doch verfügt die Regierung über beträchtliche Streitkräfte und ist entschlossen, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Nach weiteren Meldungen, welche über Jamaika in New Aork eingegangen sind, wurden in den Straßen von Port-au-Prir ce Plakate angeschlagen mit der Ueberschrift: „Nieder mit der Regierung!" Die Truppen sind in den Kasernen konsignirt. — In Uebereinstimmung mit der vorerwähnten New-Aorker Drahtmeldung wird vom Oberkommando der Marine mitgetheilt, daß S. M. S. S. „Stein" und „Charlotte", Kommandanten Kavt. z. S. Oelrich und Kapt. z. S. Thiele (Aug.) in Port-au Prince aus Haiti angekommen sind.
Ende des deutsch haitischen Konflikts. Das Bureau Reuter erfährt aus Port-au-Prince: Haiti bewilligte alle Forderungen Deutschlands. Dem ersten Theil der Forderungen sei gestern Abend Genüge geschehen. Das haitische Flaggschiff „Cretea Pierrot", unter Admiral Killick, senkte vor den deutschen Schiffen seine Flagge. Das i Musikkorps der haitischen Flotte spielte die deutsche National- lymne. „Cretea Pierrot" gab einen Salut von 21 Schuß ab, ter von dem deutschen Flaggschiff „Charlotte" erwidert wurde. Der zweite Theil der geforderten zeremoniellen Genugthuung werde heute zur Ausführung oelangen. Der deutsche Geschäftsträger Schwerin werde in förmlicher, feierlicher Weise von den haitischen Beamten empfangen werden, f Letztere hätten übrigens die Versicherung abgegeben, daß gegen die Beamten, die für die gegenwärtige Entfremdung zwischen Deutschland und Haiti verantwortlich seien, eine summarische Justiz sollstreckt werden solle.
Kiautschou durch deutsches Militär besetzt. Wie ein Telegramm aus Shanghai meldet, veröffentlicht die ; North China Daily News eine Depesche aus Trinanfu, nach welcher am 3. Dezember 200 deutsche Marinesoldaten und Matrosen mit zwei Feldgeschützen in die Stadt Kiautschou, welche 18 Meilcn von der Bay entfernt liegt, eingerückt wären und die Wälle und Thore besetzt hätten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die chinesischen Truppen hätten sich bei dem Vormarsch dcr Deutschen zurückgezogen. — Das Bureau Dalziel meldet aus Shanghai: Letzten Freitag verließ Kapitän Becker mit 210 Mann deutscher Marinetruppen die Gegend von Kiautschou-Bay, um die umliegenden Dörfer zu okkupiren. Von hier marschirten sie weiter, um die Stadt Kiautschou in Besitz zu nehmen. Die chinesischen Forts eröffneten das F"uer auf die Deutschen, die das Feuer erwiderten. Drei Mann der Garnison wurden getödtet, worauf die Garnison floh. Der chinesische General wurde gefangen und daraus freigelassen. Verschiedene deutsche Matrosen wurden durch Steine verletzt, die die Bewshrer nach ihnen warfen. Der Schultheiß dieser Dörfer wurde dafür auf Befehl des deutschen Kommandanten mit Bambusstöcken geschlagen. — Zu den Forderungen, welche Deutschland an die chinesische Regierung aus Anlaß der Ermordung der beiden Missionare gestellt hat, gehörte bekanntlich auch die Errichtung einer Sühne Kathedrale. Diese Forderung hat ihren Ursprung in er katholischen Mission in Süd-Schantung, mit welcher sich das deutsche Auswärtige Amt vor der Urberreichung der Forderungen in Peking ins Benehmen setzte. Indessen hatte jener Wunsch der Mission keinen endgiltigen Charakter; er wurde vielmehr inzwischen dahin abgeändert, daß für jeden der beiden ermordeten katholischen Missionare die Errichtung eines Mausoleums auf Kosten der chinesischen Regierung gewünscht wurde. — Wie ein Telegramm aus Kiel meldet, trifft der Kaiser dort am 13. d. M. ein, um sich die nach China ausgehenden Truppen vorstellen zu lassen. Die Abreise des Seebataillons wurde daher verschoben. Der Kaiser wird auf dem „Kurfürst Friedrich Wilhelm" Wohnung nehmen. Das Panzergeschwader wird bis dahin von Norwegen zurückgekehrt sein.
Politische und Unpolitische Nachrichten (Depeschen-Bureau Herold.")
Berlin, 7. Dezbr. Zur Mobilmachung des Seebataillons erfährt die „Post", daß es nicht in cer Absicht der Marineverwaltung liege, diejenigen Mannschaften, deren Dienstzeit im Laufe des nächsten Jahres zu Ende geht, n«ch Ostasien zu senden. Um nun die Mannschaften auf die Stärke von 1200 Mann zu komplettiren, werden Freiwillige aus der Infanterie verwendet werden. Bei verschiedenen Armeekorps sind die dazu nöthigen Schritte bereits gethan. Ebenso sind Freiwillige der Artillerie zur Meldung »ufgefordert, da Leute als Bedienungsmannschaften für die Feldgeschütze nöthig sind. Die in Frage kommenden Leute