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Nr. 273.
Montag den 22. November
1897.
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Eine braune Kaputze. Eine Sturmlaterne. Ein hirschlederner Handschuh (linker). Ein Kontobuch (für Spezereiwaaren). Ein Zehntel Originallooâ. Ein Stoß karren und ein Pritschenwagen (stehen geblieben).
Gelandet: Ein Boden 7r Floßholz.
Hanau am 22. November 1897.
Unsere überseeischen Konflikte.
In Port au Prince, der Hauptstadt der Neger-Republik St. Domingo (Haiti) in Westindien, ist ein Deutscher unter groben Rechtsbeugungen verhaftet und eingesperrt worden, die fremde Regierung weigert sich, die von dem deutschen Reiche zu Gunsten des Schwergeschädigten geforderte Buße zu leisten. Die Umstände erfordern dringend, daß so bald als möglich ein Kriegsschiff im Hafen von Port au Prince erscheine und mit dem Präsidenten Sam deutsch rede, um die Forderungen durchzusetzen und den dort lebenden, von dem wüthenden Haß der Eingeborenen bedrohten Deutschen Schutz zu gewähren. Aber obwohl die Angelegenheit schon länger als einen Monat spielt, hat noch kein Kriegsschiff dort erscheinen können, weil keines verfügbar war. Bald hieß es, die in Reparatur befindliche „Gefion" sollte im Dezember nach Haiti geschickt werden, bald war von der Abkommandirung der „Kaiserin Augusta" aus den kretischen Gewässern nach Westindien die Rede, bald trat wieder eine andere Kombination auf.
Man kann durchaus nicht sagen, daß l sich durch ein unglückliches Zusammentreffen von Zwischenfällen, die da und dort zu gleicher Zeit das Auftreten der deutschen Flagge zur See erforderten, ein Mangel an Kriegsschiffen fühlbar mache. Während der griechischen Wirren waren wir nur mit einem Kriegsschiffe in der Flotte der Großmächte betheiligt, sodaß wir nicht einmal in dem Admiralsrathe der vereinigten Geschwader vertreten waren. Dies war am Ende mit dem Mangel eigener unmittelbarer Interessen und mit der Erwägung zu rechtfertigen, daß schon ein Kriegsschiff genügte, um die Theilnahme Deutschlands an der Friedensmission der Großmächte zu kennzeichnen. Die „Kaiserin Augusta" erhielt jetzt jedoch eine andere dringende Verwendung und ist bereits unterwegs nach Ostasien, sodaß wir vorläufig vor Kreta gar nicht mehr vertreten sind, bis ein Ersatz gesunden ist.
In Ostasien unterhalten wir seit dem japanisch-chinesischen Kriege eine Kreuzerdivision von fünf Schiffen. Nach der Besetzung der Kiantschu-Bucht, die auf die abermalige Ermordung SM: ■
feniUeten.
Uom Kunstverein.
Hana«, 22. Novbr.
Nachdem unser rühriger Kunstverein bereits im vorigen Jahre dem hiesigen Publikum die Bekanntschaft mit Herm ine von Preuschen durch eine reichhaltige Ausstellung ihrer Gemälde vermittelte, hat er jetzt wieder einen erneuten Genuß an den malerischen Leistungen der begabten Dame ermöglicht, in dem von gestern ab in der Aula der Kgl. Zeichenakademie das Kolossalgemälde „Asrael", der Todesengel, zur Ausstellung gekommen ist.
Das Gemälde wird gleichwie an anderen Orten auch hier seine Wirkung nicht verfehlen und uns darin bestärken, daß Hermine v. Preuschen, gleichermaßen als Malerin wie Dichterin eine eigenartige, interessante und bedeutende Künstlererscheinung, die Kraft besitzt, auch solche Vorwürfe anzufassen und zu bewältigen, die sonst als das Patrimonium der Männer gelten. Ihre Farben entnimmt die Künstlerin der hellsten leuchtendsten Wirklichkeit, während sie die Ideen ihrer größeren Gemälde mystischen Regionen entlehnt. So auch in „Asrael". Er ist von solch binreißender Pyantastik und eindringlicher Kraft in der Auffassung und solch meisterhafter Behandlung des Figuralen, des glühenden Mohnfeldes in seiner Farbenpracht und des geheimnißvolle Schauer erweckenden siygischen Meeres, daß man sich der gewaltigen Stimmung, die aus dem Bilde strömt, nicht entziehen kann.
Möge Niemand verfehlen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten.
Frankfurter Krief.
Frankfurt a. M., 21. Novbr.
Der jugendliche Klaviertitaue Raoul von Koczalski. — Keipers Symphoniekonzert im Zoologischen Garten. — Die „echten" Wiener Schrammeln.
Ich bin noch nie so recht ein großer Verehrer von sogenannten „Wunderkindern" gewesen. Gewöhnlich werden diese
deutscher Missionare folgte, reichte diese Macht, die klein ist gegenüber der sechs mal größeren anderen Reiche, wie Rußland und Englano, nicht mehr aus, und auch die Verstärkung durch die „Kaiserin Augusta" entspricht noch keineswegs den Erfordernissen, wie sie durch die Nothwendigkeit gegeben sind, die zahlreichen deutschen Kaufleute, Unternehmer und Missionare in China zu schützen und den deutschen Einfluß möglichst von einem festen Stützpunkt aus zur Geltung zu bringen. An der Ostküste Südamerikas ist die deutsche Flagge in der letzten Zeit nur durch Schulschiffe gezeigt worden, an der ganzen Westküste des amerikanischen Erdtheils befindet sich überhaupt kein deutsches Kriegsschiff.
Die bedrückende Thatsache, daß wochenlang hin und her erörtert werden mußte, ob in dem dringenden haitianischen Bedarfsfälle ein Schiff gesandt werden könne, ist also nicht mit zufälligen Umständen zu entschuldigen, sie zeigt vielmehr, daß das Ansehen des Reiches die Vermehrung unserer Wehrmacht zur See dringend erfordert. Schließlich scheint man sich entschlossen zu haben, zwei unserer Schulschiffe, die sich in der Nähe der westindischen Gewässer befinden, den Hafen von Port au Prince anlausen zu lassen, obgleich solche Schiffe mit ihrer jungen in der Ausbildung begriffenen Bemannung ungeeignet sind, Reklamationen durchzusetzen. Man war aber zu diesem Nothbehelf genöthigt, da erst in einiger Zeit ein Kreuzer aus einer der heimischen Stationen nach Haiti aus- laufen kann.
Tagesschau.
Von der Marine. Laut telegraphischer Meldung an das Ober-Kommando der Marine ist S. M. S. „Kaiserin Augusta", Kommandant Kapitän zur See Koellner, am 19. November von Kanea nach Port Said in See gegangen.
Ersatzwahl. Am Dievstag findet im Wahlkreise Oldenburg-Plön die Reichstagsersatzwahl statt für das durch den Tod des bisherigen Vertreters Grafen von Holstein erledigte Mandat. Graf von Holstein wurde 1893 im eisten Wahlgang gewählt mit 9281 Stimmen gegen 3898 der freisinnigen Volkspartei und 3220 Sozialdemokraten. Diesmal stehen dem Kandidaten der Konservativen ein solcher der National-Sozialen, der Freisinnigen Volkspartei, der Freisinnigen Vereinigung und der Sozialdemokraten gegegüber.
Der Attsschutz des „Bundes der Landwirthe" trat am Samstag Vormittag 10 Uhr im neuen Reichstagshause unter dem Vorsitz des Reichstags- und Landtagsabge ordneten v. Ploetz zu seiner regelmäßigen Sitzung zusammen.
armen, bedauernswerthen Geschöpfe wie Schlachtttziere von Olt zu Ort geschleppt, haben ein müdes, bleiches Aussehen und verkommen und verwelken in einer Zeit, wo gewöhnliche Sterbliche erst anfangen, ins Leben zu treten. Raoul von Koczalski, der vor wenigen Jahren sich der erstaunten Welt als außergewöhnlich befähigtes Wunderkind präsentirte, scheint erfreulicherweise eine lümh'mliche Ausnahme zu machen. Aus dem Kleinen ist inzwischen ein hochgewachsener, frischblickender und stattlicher Jüngling geworden, der sich körperlich und geistig in erfreulicher Weise entwickelt hat. Das Spiel Koczalski ist geradezu phänomenal zu nennen; für diesen jungen Künstler gibt es keine technischen Schwierigkeiten mehr, dabei sind seine Auffassung und Eigenart so frei und selbständig und sein Spiel so wohldurchdacht und gereift, daß man ihn heute schon den ersten seines Faches beizählen kann. Koczalski, der jüngste „Hofpianist" unserer Zeit, hat in den letzten Tagen nicht weniger als vier Konzerte gegeben, alle vor dichtbesetztem Saale, und eine wahrhaft begeisterte Aufnahme gefunden. In seinem letzten Klavierabend am vergangenen Freitag brachte der junge Meister zum größten Theil Kompositionen seines großen Landsmannes Chopin zum Vortrag. Sein Spiel und Auffassung der schwierigen F-moll-gantafie, der Mazurka in B-moll, des bekannten Ois-moU Walzers op. 64 und anderer Klavierwerke von Chopin waren im höchsten Grade bewunderungswürdig. Man weiß nicht, was man bei diesem gottbegnadeten Genie mehr bewundern soll, dies außerordentliche Gedächtniß, die seltene Ausdauer und Frische seines Spiels, oder die gereifte mannhafte Künstlerschaft. Kraft in den Fortestellen, duftiges Piano, neckiges Plaudern, tiefer Ernst, — alles weiß Koczalski meisterhaft zur Geltung zu bringen. Angesichts dieser seltenen musikalischen Erscheinung kann man nur wünschen und hoffen, daß sich der junge Künstler gesund und kräftig weiterentwickeln und sich die nöthige Zeit zur Erringung neuer Körperkräfte gönnen möge. Ist dies der Fall, dann wird der Pianist und Komponist Koczalski dereinst den großen Meistern beigezählt werden können.
Kaum waren die letzten Töne des jungen, genialen Polen verhallt, als mich mein ruheloses Reserentenamt schon einem
Der Ausschuß beschäftigte sich bis zur Mittagspause mit dem Anträge auf zeitweises Verbot der Getreide-Einfuhr, mit der Stellungnahme zu den bevorstehenden Reichstagswahlen, mit der Vorbereitung der Handelsverträge und anderen schwebenden Fragen. Es ergab sich in allen Hauptfragen eine Uebereinstimmung mit den Maßnahmen des Vorstandes und volle Einmüthigkeit in der Stellung zu den Wahlen und zu den nächsten und weiteren Aufgaben der Zukunft.
Aufhebung gemischter Transitläger. Der Bundesrath wird sich in einer seiner nächsten Sitzungen mit der Aufhebung einer weiteren Anzahl gemischter Transttläger be- schästigen. Eine generelle Aufhebung dieser Transttläger ist aus Rücksicht auf Süddeutschland abgelehnt worden.
Aus Schaumburg 5 Lippe. Der Staatsminister, Wirkliche Geheime Rath von Wegnern ist in der Nacht vom Freitag auf Samstag in Bückeburg gestorben.
Der Lippesche Landtag nahm Sonnabend Mittag mit großer Mehrheit einen Beschluß an, dahin lautend, es seien keine Bedenken gegen die Erbfolgefähigkeit der Gräflichen Söhne verhanden. Die Herstellung dauernder Zustände sei dringend nothwendig. Fürst Georg von Schaum-, burg-Lippe weroe aufgefordert, bis zum 1. Februar 1898 den Weg der gerichtlichen Entscheidung zu betreten; falls die Klage bis dahin nicht erfolgt sei, werde sein Protest weiter nicht berücksichtigt und die Thronfolge durch Landesgesetz geregelt werden. Bis dahin bleibe die Berathung über den Thronfolge-Gesetzentwurf zurückgestellt.
Die Kiatttschu-Bttcht, von den Chinesen „Chiu-chu" genannt, die unsere Marinetruppen jetzt besetzt haben, ist eine 480 Quadratkilometer große, geschützte Rhede, in welcher Schiffe gegen alle Stürme gesichette Ankerplätze finden, fast gleich weit von Shanghai und Peking entfernt. Die Bucht hat guten Ankergrund und weist auf den einzelnen Ankerplätzen Wasserliefen von 12—20 Meter auf. Die Einfahrt hat eine Tiefe von 24—40 Meter und ist verhältnißmäßig frei von Untiefen, daher leicht zu passiren. Im Hinterlande von Kiautschu befindet sich bei dem etwa neun Meilen nordwestlich entfernten Orte Wai-Sin Steinkohle, die nur der bergmännischen Gewinnung harrt und deren Fundstelle leicht mit dem Hafen durch eine Bahn zu verbinden ist. Das Klima ist, nach einem der besten Kenner von Land und Leuten, Richthofen, ein ausgezeichnetes, für Europäer das gesundeste von ganz China; die Provinz Shantung ist die bevölkertste des Reiches. Durch eine schon aus alter Zeit stammende künstliche Kanal Anlage in Verbindung mit den
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zweiten 5 ankerte zusührte. Diesmal geleitete mich mein Weg in den n.»gebauten, herrlichen „zoologischen" Saal, allwo Meister Keiper sein erstes dieswinterlichei Symphoniekonzert leitete. Auch hier wurde gediegene Musik gemacht! Kapellmeister Keiper hatte in dankbarer Erinnerung an den großen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, dessen hundertjähriger Todestag vor einigen Tagen überall gefeiert wurde, zwei Werke des unsterblichen Meisters aufs Programm gesetzt: die farbenprächtige Ouvertüre zur „schönen Melusine" und die sogenannte „italienische Symphonie". Beide Werke wurden präzis und fein abgetönt zu Gehör gebracht. Großen Beifall fand der Walzer aus op. 24 von Nicode, der stürmisch da capo verlangt wurde. Auch der Solist des Abends, der gewandte Cellist Herr Nedon, fand wohlverdienten Applaus durch die feindurchdachte Wiedergabe des Violinkonzert Nr. 2 von Goltermann. Dem strebsamen, tüchtigen Dirigenten, Herrn Keiper, kann für das gediegene Programm und die exakte Ausführung aller Nummern das größte Lob gespendet werden. Den weiteren Konzerten der vorzüglich geschulten Kapelle aber sehen alle Freunde einer gediegenen Musik mit Interesse entgegen.
Freunde einer „populären" Musik finden aber auch eben hier in Frankfurt ihre Rechnung. Die bekannte, vorzügliche Wiener Musiker- und Natursänger-Gesellschaft „D' Schrammeln" veranstalten alltäglich urfidele Konzerte. Wer einen kernigen und doch feinen Humor liebt (und wer thut dies nicht?), verlebt bei diesen Wiener Gästen einen anregenden Abend. Die aus acht Musikern bestehende Gesellschaft setzt sich sonderbar genug zusammen; nämlich aus zwei Geigern, einem Ziehharmonika-Virtuosen, einem Guitarrespieler und vier Sängern. Die humoristischen Ensemblescenen, Duette, Kouplets und Jnstrumentalvorträge der Schrammeln sind so voller ursidelem „Weaner Hamur", daß das Publikum nicht aus dem Lachen heranskommt. Da sich des großen Andranges wegen der Saal der „Kaiserhallen" als zu klein erwies, haben die beliebten Wiener Gäste, wie wir hören, den großen Saal im „Saalbau" gemiethet. E. L.