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Nr. 269. Dienstag den 16. November 1897.
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Verloren: Ein Kontobüchelchen in blauer Decke mit der Aufschrift: „Drehermeister Scheerer". Ein Körbchen mit Halstuch und anderen Meßwaaren.
Gefunden: Eine Wochensahrkarte Niederrodenbach— Hanau (hin und zurück). Zwei Portemonnaies mit je etwas Geld. Eine Peitsche ohne Zug. Ein goldner Ring mit r Stein, in angepaßtem Damenhandschuh auf der Messe vom Finger gestreift. Ein Paar schwarze Kinderhandschuhe.
Hanau am 16. November 1897.
Butztag.
Wenn morgen die Glocken läuten, rufen sie die Christen fast im ganzen deutschen Reiche zur Bußtagsfeit r. Wird dieser Ruf überall als solcher vernommen und befolgt? Stehen
nicht Tausende und Abertausende kopfschüttelnd oder gar spottend dem morgigen Tage gegenüber und sprechen: Was soll denn noch solch ein Tag? Er paßt nicht mehr in diese Welt, vor allem nicht in unsere Zeil, er ist nur ein Beweis
{mehr dafür, wie weit wir noch zurück sind? — Ja, was soll der Bußtag? Das ist eine Frage, welche allerdings eine klare Antwort erheischt. Die Buße ist ja doch das Innerlichste, was es geben kann. Denn Buße thun heißt, seinen Sinn ändern, sich selbst erneuern in seinem ganzen Wesen und Leben, und das läßt sich so wenig gebieten wie die Liebe. Das muß von innen herauskommen, aus der lebendigen Erkenntniß: ich bin auf verkehrtem Wege, der ins Verderben führt, und es gibt keine andere Rettung für mich, als umzukehren auf den rechten Weg. Und zu dieser Erkenntniß den Einzelnen wie das ganze Volk zu bringen, das ist in der That der Zweck des Bußtages. — Wer unsere Verhältnisse kennt, der muß ja zugeben, daß es so nicht weiter gehen kann, wenn nicht bald der große „Kladderadatsch" kommen soll. Wohl steht unser Volk äußerlich noch groß und mächtig da, aber wie sieht's im Innern aus? Gleicht es nicht einem Menschen, der in Gefahr steht, an Blutvergiftung zu sterben? Ist doch von allen Seiten das böse Gift in
Ta gibt es nur ein Heil-
seinen Körper gedrungen 1
mittel, das ist die Buße. Erst, wenn unser Volk sich wieder auf sich selchst besinnt, seinen Gott und Heiland wiedersindet und damit die Lebenskräfte, welche in seiner Religion und Kirch' '«gen, erst dann kann es wieder besser werden. Man mag über die christliche Religion denken, wie man will, das mub jeder Einsichtige zugeben, daß, je mehr unser Volk in den u^e.i I hrzehnten von der Religion sich abwandte, auch die inneren Zustände sich immer trauriger gestalteten. Aus
die kurzen Jahre des wirthschaftlichen Aufschwungs in den Bericht über das neue Spionagegesetz vorgelegt. Die wesent- siehziger Jahren folgte ein ebenso rascher Niedergang, Krach liche Bestimmung in der neuen Fassung des Sem'tsaus- kam auf Krach. Während auf der einen Seite die Reich-! schusses ist, daß der Landesverrath in Friedenszeit ar fhört,
Fenilletsn.
Stadttheater in Kanau.
Hanau, 16. Novbr.
„Dorf und Stadt", Schauspiel in zwei Abtheilungen und fünf Akten von Charlotte Birch-Pfeiffer, gelangte am Sonntag zur Aufführung. Gespielt wurde unter der Regie des Herrn Stèin götter durchweg recht zufriedenstellend. Frl. Krause zeichnete das Naturkind, das „Lorie", mit seinen tiefen Empfindungen so packend und lebenswahr, so frisch und liebenswürdig in seiner Heiterkeit und so seelenvoll und ergreifend in seinem Schmerz, daß sie der alten Komödie zu neuem Erfolge verhalf. Herr Stein götter als „Maler Reinhard" fand für den ersten Theil seiner Rolle den frischen übermüthigen Ton und verstand es auch in dem zweiten Theile des Stückes durch überzeugende Charakteristik seine Parthie zur gewünschten Geltung zu bringen. Einfach und bieder mit dem nöthigen Humor gestaltete Herr Gehrmann den „Lindenwirth', vnd Frau Miller als „Bärbel" blieb in der glaubhaften humorvollen Verkörperung ihrer Rolle hinter den Andern nicht zurück. Mit dem „Christoph Balder" war Herrn Hilden eine größere Aufgabe übertragen worden, er zeigte darin recht hübsches Talent und fügte sich passend in das Ensemble ein. Der kleinen Rolle des Fürsten entledigte sich Herr Dy sing in seiner dezenten Weise, und Herr Linzen führte die mehr repräsentable Rolle des Präsidenten gut durch. „Ida von Felseck wurde durch Frl. Brandow mit der nöthigen Noblesse in Spiel und Sprache durchgeführt und auch Herr Tyrkowki als „Kammerjunker von Werden" soll mit Anerkennung genannt werden. Mit der Dialektaussprache fanden sich die Darsteller ziemlich befriedigend ab. Das Publikum zeichnete die Darsteller, besonders aber Frl. Krause, durch lebhaften Beifall aus.
Unser Kinderhort.
Hanau, 15. November.
Es ist eine längst anerkannte Thatsache, daß unsere Stadt in Bezug auf Wohlfahrtseinrichtungen vielen Großstädten ebenbürtig, ja manchen sogar weit voraus ist. Insbesondere darf Letzteres hinsichtlich der zu Nutz und Frommen unserer
thümer bis ins Ungeheuerliche sich häuften, wurden auf der anderen Seite Armuth und Noth immer größer. Die soziale Frage erhob drohend ihr Haupt, die alten Sitten und Ordnungen geriethen in V rfall, Verschwendung Genußsucht und Vergnügungssucht, Laster und Verbrechen nahmen überhand. Es war, als ob ein fremder Geist sich unseres Volkes bemächtigt hätte. Und dieser Geist kann nicht durch Gewalt und Gesetze, sondern nur durch den Geist des Christenthums überwunden werden. Dieser Geist hat noch heute die Kraft, auch ein ganzes Volk zu erneuern und wieder gesund zu machen. Wenn daher unser Volk diesem Geist wieder sich hingibt, so brauchen wir an seiner Zukunft noch nicht zu verzweifeln. Es wird, wenn auch langsam, so doch sicher vorwärts gehen. Schon mehren sich die Anzeichen, welche eine Wendung zum Bessern hoffen lassen. Es scheint, als ob die Erkenntniß dessen, was uns noth thut, sich immer mehr Bahn bricht. Möge auch der morgige Bußtag dazu beitragen, indem ein jeder an seine eigene Sünde denkt und an die Nothwendigkeit der eigenen Besserung, anstatt nur andere anzuklagen und alle Schuld in den Verhältnissen zu suchen! So wird auch der Bußtag ein Gnaden- und Segenstag. Das walte Gott!
Tagesschau.
Von der Marine. Laut telegraphischer Meldung an das Oberkommando ^der Marine ist S. M. S. „Gneisenau", Kommandant Kapitän zur See Hosmeier, am 12. November in Rio de Janeiro angekommen und beabsichtigte, am 14. d. M. nach Trinidad in See zu gehen.
Die Affaire wegen des Denkmals für die Berliner Märzgefallenen spukt noch immer fort. Der Berliner Magistrat hat es nicht über sich gewinnen können, das unverschämte Ansinnen der demokratischen und sozialdemokratischen Stadtverordneten a limine abzuweisen, sondern hat es vorgezogen, der Sache „näher zu treten". Berlin hat sich hierin von Charlottenburg beschämen lassen, da die Stadtverordnetenversammlung dieser Nachbarresidenz den bezüglichen Antrag mit großer Mehrheit ablehnte.
Ueber die erste Sitzung der zweiten sächsischen Kammer berichtet die „Dresd. Ztg.": Als der Vorsitzende! der Einführungskommission Hofrach Ackermann ein Hoch auf den König ausbringen wollte, verließen die sozialdemokratischen Abgeordneten den Saal. Hofrath Ackermann bemerkte darauf: „Sind das Sachsen, die, wenn wir unserm Könige huldigen wollen, davonlaufen?"
Dem französischen Senat ist der Sonderausschuß
lieben Schuljugend getroffenen Einrichtungen behauptet worden. Unter all diesen segenbringenden Institutionen ist eine der beachtenswerthesten der Kinderhort, und das um so mehr, weil er seine Entstehung wie Erhaltung dem Wohlthätigkeits- stnn der Bürger verdankt und ausschließlich den arbeitenden Klaffen zu gute kommt. In dieser Anstalt finden nur solche Arbeiterkinder, die während der erwerblichen Beschäftignngs- zeit ihrer Eltern sich selbst überlassen wären, Obhut und Erziehung. Hier sind sie den hundertfachen Gefahren der Straße entrückt und ihr Sinnen und Streben wird auf Gutes und Nützliches hingelenkt. Die daraus wieder resultiren- den Vortheile für die Allgemeinheit sind kaum zu verkennen; sie sind ein weiterer Grund, die Aufmerksamkeit aller Kreise der Einwohnerschaft auf dieses Institut hinzulenken. Wie sehr man in der That den hohen Werth des Kinderhortes längst hier zu würdigen versteht, ist schon daraus ersichtlich, daß der Kreis seiner Freunde und Förderer von Jahr zu Jahr mehr gewachsen ist, so daß sich der Hort mit deren Hülfe aus einem unscheinbaren Anfang zu einer stattlichen Anstalt entwickeln konnte. Als der Kinderhort im Jahre 1884 eröffnet wurde, bestand er nur aus einer 30 Köpfe zählenden Knabenabtheilung. Heute umfaßt er bereits zwei Knaben- und zwei Mädchmabtheilungen mit zusammen 220 Zöglingen, und zwar besuchen den Mädchenhort 100, den Knabenhort 120 Kinder. Würden finanzielle Hindernisse nicht im Wege stehen, dann könnten diese Zahlen noch bei weitem erhöht werden, denn die Anmeldungen laufen, nament lich zu Beginn der rauhen Jahreszeit, in so großer Menge ein, daß, um die aus vorerwähntem Grunde gebotenen Grenzen nicht zu überschreiten, nur eine nach den fühlbarsten Bedürfnissen abgewogene Auswahl getroffen werden darf.
Zwei Zimmer im Obergeschoß der Knaben-Volksschule sind die Heimstätten des Knabenhortes und zwei Schulräume in der alten Akademie diejenigen des Mädchenhortes. Dort fin-
I den die Kleinen täglich, Sommer wie Wintei, in den Stunden von 4—7 Uhr unter Aufsicht von Lehrern und Erzieherinnen Ersatz für das ihnen durch soziale Verhältnisse verschlossene Elternhaus. Daß sich die Kinder in dem Horte in Wirklichkeit wie zu Hause fühlen, das beweist die Lust, mit welcher sie denselben besuchen, das beweist das innige Zutrauen, das sie ihren Erziehern und Erzieherinnen dortselbst entgegen bringen, das beweisen ihre heiteren Mienen, aus welchen die innere Befriedigung wiederstrahlt. Die Verthei- lung der Hortzeit regelt sich im Sommer in der Weise, daß die Zöglinge nach Empfang ihres Vesperbrodes von 4—5 Uhr unter Aufsicht der Erzieher ihre Schulaufgaben anfertigen, während die Zeit von 5—7 Uhr der Erholung durch Spiele und sonstige Belustigungen in freier Natur gewidmet ist. Ist die Witterung günstig, dann werden die Knaben an den Mittwochen und Samstagen zum Baden im Main geführt. Im Winter gestaltet sich die Thätigkeit insofern etwas anders, als die' Stunde von 6—7 Uhr anderweitige Verwendung findet. Nachdem es dem Verein Kinderhort durch werkthätige Hülfe seiner Mitglieder und Anderer möglich gemacht wurde, im Jahre 1893 zwei Lehrer des Knabenhortes einen Kerbschnitt- bezw. Papparbeitskursus absolviren zu lassen, werden seit jenem Jahre die Knaben vom sechsten bis achten Schuljahr täglich im Winter eine Stunde von 6—7 Uhr in einer dieser Handfertigkeiten unterwiesen. Die Zöglinge vom dritten bis fünften Schuljahr dagegen erhalten in dieser Zeit Unterricht in der Anfertigung von Stäbchenarbeiten (Naturholzarbeiten). Mit größter Hingabe liegen die kleinen Handwerksleute ihrer Vervollkommnung in diesen Dingen ob und mancher von ihnett bringt es bis zum Verlassen ter Anstalt nach seiner Konfination zu einer verhältnißmâßig großen Meisterschaft. D'-e gewöhnlich zu Ostern mranftalteten Ausstellungen der von den Handsertigkeits Abtheilungen vollendeten Arbeiten haben schon zu wiederholten Malen den Beweis
politischen Verbrechen gleichgestellt zu sein, und mit dem Tode bestraft wird.
Eine Rede Lord Salisburys.
Wie alljährlich auf dem Bankett in Guildhall zu London hat auch in diesem Jahre der englische Premierminister eine längere politische Rede gehalten. Was Lord Salisbury über das europäische Konzert im Allgemeinen sagte, ist nicht besonders bemerkenswerth. Der Redner lobte die Einigkeit der Mächte in der türkisch griechischen Angelegenheit, ohne natürlich zu erwähnen, daß diese Einigkeit gerade durch die Haltung des englischen Kabinets recht erschwert worden war.
Der friedliche Grundton der Rede nahm nur bei Erwähnung der afrikanischen Streitfragen eine grellere Färbung an. Es gäbe eine Grenze für die englische Nachgiebigkeit, meinte der Redner; England könne aus Rücksicht für andere Mächte nicht gestatten, daß seine Rechte verkannt würden. Gegen den Satz an sich wäre nichts einzuwenden, nur lehrt eben die Erfahrung, daß die englische Politik sehr leicht von der Ansicht beherrscht wird, daß England ein natürliches Vorrecht auf alle werthvollen überseeischen Gebiete besitze (stehe namentlich Transvaal) und daß andere Mächte ihre kolonialen Erwerbungen, wie Frankreich Tunis und Madagaskar, Deutschland seine ost- und westafrikanischen Schutzgebiete nur der englischen Duldsamkeit verdankten. Diese Ansicht ist ja historisch wohl begründet, England hat es verstanden, sich im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte die reichsten Stücke Erde in fremden Welttheilen zuzueignen, während die Staaten des Kontinents unter einander mit englischer Nachhilfe im Streite lagen. Es ist auch ganz begreiflich, daß man sich in England von diesem Zustande nicht leicht trennen mag und daher noch immer geneigt ist, ferner die Rechtstitel auf überseeische Gebiete wie eine Art von Usurpation zu betrachten.
Während die englische Presse, besonders die Blätter, die den Spuren des heißspornigen und händelsüchtigen Kolonialministers Chamberlain folgen, mit der Rede Lord Salisburys sehr zufrieden ist, steht die Pariser Presse in jener Stelle eine deutliche Spitze gegen Frankreich und dessen Ansprüche im Nigergebiete. Gerade jetzt soll eine französisch englische Kommission in Paris ihre Berathung über ein Abkommen wegen der Streitfragen am Niger beginnen. Die Aufgabe ist ohnedies so schwierig, daß ihre glatte Erledigung am wenigsten durch Drohungen gefördert werden kann. So sagt das immer sehr ruhig urtheilende „Journal des Döbats": „Man kann die Aeußerungen über die mehr oder weniger lebhaften Unterhandlungen mit Frankreich, Deutschland und den andern Mächten nicht sehr glücklich finden im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände und besonders auf die englisch-französischen Auseinandersetzungen wegen Westafrikas, auf die Lord Salisbury anspielen wollte."