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Nr. 247.
Donnerstag den 21. Oktober
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1897. «euaesÄS
Amtliches.
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Verloren: Eine hellblaue Knabenmütze. Eine silberne Cylinderuhr mit Gehâus, Nr. 45,354.
Hanau den 21. Oktober 1897.
Landwirthschaft und Industrie.
Nach der letzten Gewerkezählung ist die ackerbautreibende Bevölkerung aus 18 Millionen Seelen herabgegangen, die in ter Industrie beschäftigte auf 26 Millionen gestiegen. Zahlreiche Blätter schließen hieraus, daß Deutschland mit schnellen Schritten vom Agrarstaat zum Industriestaat übergeht, und fordern dementsprechend, daß auch vorwiegend die Interessen der Industrie berücksichtigt werden. Insbesondere verlangen sie die Beseitigung aller Getreide- und Viehzölle, damit das Getreide möglichst billig vom Auslande eingeführt werden kann und die deutschen Arbeiter recht billiges Brot erhalten, also auch mit geringern Löhnen vorlieb nehmen können.
Diese Schlüsse sind sehr willkürlich gezogen. In der That bedarf Deutschland zur möglichst großen Vervollkommnung seiner industriellen Erzeugnisse und zur Ver- L.^iaiiy seiner Ausfuhr einer bl sondern Pflege seiner Industrie. Aber Deutschland ist noch lange kein reiner Industriestaat und wird es bei seinen ausgedehnten, nur für den landwirthschaftlichen Betrieb geeigneten Ackerflächen voraussichtlich auch nie werden. Es wird Industrie- und Landwüthschaftsstaat zugleich sein, und des;alb wäre es eine sehr kurzsichtige Handlungsweise, wollte man nur die Industrie fördern und die Landwirthschaft ihrem Geschick überlassen.
Eine Vernachlässigung der Landwirthschaft ist gleichbedeutend mit dem Preisgeben der Volksernährung an das Ausland. Was für Gefahren daraus entstehen können, lehrt das Beispiel Englands, welches zur Zeit kaum über einen Monat hinaus genügendes Brotkorn besitzt, also ganz von der fremden Getreide-Einfuhr abhängig ist und im Falle eines Kampfes mit einer größern Verbindung von Mächten leicht der Aushungerung ausgesetzt werden kann. Es hat sich allerdings durch eine mächtige Flotte ziemlich erfolgreich gegen eine solche Möglichkeit geschützt; aber immerhin wirkt schon fitzt jede allgemeinere Mißernte nachtheilig auf seine Brotpreise zurück.
Für Deutschland wären diese Gefahren noch größer. In jedem Kriege hätte es bei seiner geringen Wehrkraft zur See sofort die Lahmlegung der überseeischen Getreideeinfuhr zu befürchten. Nun verbinde ihm zwar noch die Landein- fuhr; aber bisse könn'e bei einer allgemeineren kriegerischen Verwicklung auch wegfallen, mindestens würde Deutschland
Feuilletsn.
Das Licht des Haases.
Eine Studie für die Herbst- und Winter - Abende.
Von Anton Morhoff.
(Nachdruck verboten.) Ach. wenn in unsrer engen Zelle Die Lampe wieder freundlich brennt, Dann wird's in unser'm Busen Helle, Im Herzen, das sich selber kennt.
Kürzer und treffender hätte der Dichter den segensvollen Zauber, der von dem Lichte des Hauses ausgeht, gewiß nicht kennzeichnen können. Seit bei uns nicht mehr das Feuer offen im Kamine lodert und die Hausgenossen um sich versammelt, ist das Licht des Hauses der Mittelpunkt und das Symbol der Häuslichkeit und ihres Friedens geworden, und in seinem Krrise finden sich, wenn d-s Tages Last abge- schüttelt ist, Abends die Familienmitglieder zu traulicher Ge meivschast zusammen. Wohnt ihm so eine hohe gemüthliche, um nicht zu sagtn ethische Bedeutung bei, so ist es hygienisch und künstlerisch nicht minder wichtig und bestimmt in hohem Grade unser körperliches Wohlbefinden und die ästhetische Erscheinung unseres Heims. So knüpfen sich an die Beleuchtung des Hanseâ allerlei bedeutsame Fragen; ihre Beantwortung ist freilich um so sèwierigcr, alS das Beleuchtungswesen in den letzten Jakrz hnten eine vollkommene Revolution durchgemacht, neue Formen geschaffen, neue Aufgaben gestellt hat. Was zur Zett deS französischen Krieges als das Vollkommenste galt, sehen wir jetzt bereits als anti quitirt an, und wenn wir uns heut stolz unserer elektrischen Beleuchtungs-Einrichtungen freuen, so wissen wir nicht, ob nicht in der Stille irgend ein Tesla bereits ein neues
I in eine Abhängigkeit von einem seiner großen Nachbarstaaten I gebracht.
Für das deutsche Reich ist es unerläßlich, daß es sein Brotkorn ganz, oder doch zum größten Theil selbst baut. Deshalb wird auch die Pflege der deutschen Landwirthschaft zu einer unabweislichen staatlichen Pflicht, Die zahlreichen kleinen Bauern vermögen von ihren Erträgen meist nur wenig für die allgemeine Volksernähruug abzugeben. Nur der größere Grundbesitzer ist der eigentliche Erzeuger von ! Handelskorn. Somit hat die deutsche Landwirthschaftspolitik auch denn Interessen wohl zu fördern, und es i|i ein tbenj) kurzsichtiges, wie staatsverderbliches Handeln, wenn die demokratischen Parteien die Bevölkerung unausgesetzt gegen den deutschen Grundbesitz aufwiegeln und als einen nie zu befriedigenden, unnützen Liebesgabenbettler verdächtigen. Die Arbeit des Grundbesitzers hat denselben Werth, wie die des Großin ustrellen. Man soll die Interessen beider wirksam fördern, und wenn man zur Zeit auch aus böheren Rückstauen bin deutschen Welthandel besonders begünstigt, so darf darunter doch nicht die deutsche Landwirthschaft leiden. — r.
Politische und unpolitische Nachrichttn
(Depe s che n-Bur eau „Herold.")
Berlin, 20. Oktbr. Dem „Berl. Tagebl." zufolge verlautet in militärischen Kreisen, daß die Kaisermanöver im kommenden Jahre zwischen dem XIII. (württembergischen) und XIV. (badischen) Armeekorps einerseits und den beiden Armeekorps der Reichslande andererseits stattfinden werden.
Köln, 20. Oktbr. Wie die „Köln. Ztg." aus Wiesbaden meldet, ist die heutige Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm unb dem Zaren durch die Vermittelung des Prinzen Heinrich gestern beschlossen worden.
Königsberg i. Pr., 20. Oktbr. Eine gestern hier eingetroffene Kommission von Ministerial- und Ober- bergamts-Veamten begab sich heute zu dem Geheimrath Becker nach Palmnicken, um über die Arrangements der neuen Verpachtung des Bergwerks an die Firma Stautien u. Becker zu verhandeln. Die Uebernahme der Bernsteinförderung durch den Staat kommt nicht in Frage.
Breslau, 20. Oktbr. Dem „Breslauer Generalanzeiger" zufolge wurde gestern Abend nach llVa Uar der Bahnwärter Josef Prauß aus Gräbschen ungefähr 150 bis 200 Meter von seiner Wärterbude entfernt todt aufgefunden, toeine Verletzungen deuten darauf hin, daß er von einem Eisenbahnzuge überfahren worden ist.
Wien, 20. Oktbr. In der gestrigen Nachtsitzung des Abgeordnetenhauses kau: es wiederum zu großen Tumulten, infolge der Obstruktion der Deutsch-Liberalen. Die Sitzung mußte schließlich nach 1 Uhr nachts unterbrochen werden.
System vorbereitet, mit dem wir ins neue Jahrhundert ein- trelen.
Auch in Bezug auf die Beleuchtung des Hauses geben die nationalen Individualitäten auseinander. Uns Deutschen ist es eine liebe Vorstellung, uns die Familienangehörigen um die freundlich brennende Tischlampe vereinigt zu denken. Wir lieben also die Zentralisation der Beleuchtung; dagegen sind die Engländer und die Amerikaner Freunde des dezentralisirten Lichtes. Besonders in Amerika, wo die elektrische Beleuchtung auch in Prioathäusern ungleich häufiger ist, als bei uns, find durch Verteilung zahlreicher Glühlampen verschiedener Größen und Brennstärken in den Ecken und an den Wänden der Zimmer ganz reizende Wirkungen erzielt worden. Beide Methoden haben ersichtlich lvre Vortheile. Das deutsche System trägt einen intimeren Charakter, führt die Hausbewohner znsammen und eignet sich in erster Linie für kleinere Räume. Die Dezentralisation des Lichts kennzeichnet sich als festlicher, gibt dem Einzelnen in Bezug auf seinen Aufenthalt und seine Beschäftigung freieren Spielraum und kommt großen Zimmern wesentlich zu Statten. Eine Regel aber ergibt sich vor Allem als leitender Grundsatz : auch in Bezug auf das Licht muß man die verschiedenen Räume des Hauses individuell behandeln. In einem Gesell schaftszimmer (deutsch: Salon) sollen sich die Gäste vertheilen und gruppiren, muß also auch dos Licht dezentralistrt, ver- theilt lnn. Im Eßzimmer hingegen ist eS ganz auf dem gemeinsamen Speisezimmer zu sammeln: und im Arbeits zimmer (eines Gelehrten z. B.) ist daiür So ge zu tragen, daß nicht nur der Schreibtisch ausreichend beleuchtet ist, sondern auch zwischen den Bücher-Regalen oder -Schränken Beleuchtungskörper so vertheilt werden, oaß die Auffindung und Benutzung eines Buches an Ort und Stelle möglich ist. So tlar aber diese Regel ist, so finden wir sie doch bei den modernen Einrichtungen mit einer fast unbegreiflichen Regel
Wien, 20. Oktbr. Aus Zacopane wird gemeldet: De^ Hörer der Philosophie aus Rußland, Casimir von Pietrowski, ist auf einer Gebirgstour abgestürzt. Die Leiche ist bereits gefunden worden.
Brüssel, 20. Oktbr. Gestern begannen hier die Verhandlungen im Prozeß wegen des berühmten Bildes Ecce homo von Munkacsy, welches hier ausgestellt gewesen ist. Der frühere Besitzer des Bildes fordert von der Gesellschaft, an welche er es verkaufte, einen rückständigen Betrag von 180 000 Fres.
Marseille, 20. Oktbr. Der Richter Leandier ist hier in der vergangenen Nacht überfallen und getödtet worden.
Dünkirchen, 20. Oktbr. Hier wurde eine Cichorien- fabrik von belgischen Arbeitern in Brand gesteckt. Man nimmt an, daß dieselben aus Rache gehandelt haben.
Madrid, 20. Oktbr. Ein Telegramm des „Heraldo" aus New-Jork behauptet, daß die Expedition, welche auf Kuba kürzlich Waffen eingesührt hat, vom Hafen von New Jork abgegangen sei, und zwar unter den Augen des mit der Bewachung der Küste betrauten Generals. Aehnliche Expeditionen sollen noch vorbereitet w<rden. — Ferner wird aus New-Jork gemeldet, daß dort ein karlistischer Agent eine große Anzahl Gewehre gekauft, um sie mit einer großen Menge Mu nit ion nach Kanea zu importiren.
Washington, 20. Oktbr. Hier liefen Nachrichten aus Guatemala ein, wonach der A u f st a n 0 unterdrückt sei und wieder vollständige Ruhe herrsche.
Chicago, 20. Oktbr. Georg Pullmann, der Präsident der internationalen Schlafwagengesellschaft, ist an einer Herzkrankheit g e st 0 r b e n.
WittermtgsherichL.
Voraussichtliche Witterung: Im Westen und Norden meist heiteres, im Süden uns Osten zunächst noch veränderliches Wetter mit wechselnder Bewölkung und etwas kälter.
Zum 29. Kongreß für Innere Mission in Bremen am 4. bis 7. Oktober.
(Schluß.)
In einem weiteren Vortrage wurde die evangelische Diakonissenarbeit von Pastor Büttner zu Hannover behandelt, der auLführte, daß die Diakonissensache etwas echt Eoangelffches sei, in ihrer Wurzel und in ihrem Wesen gesund und eine innere Nothwendigkeit in sich trage. Fern läge den Diakonissen der Gedanke, sie wären mehr, als ihre Schwestern im bürgerlichen B-rufe. „Die Diakonie hat gethan, was sie konnte, und hat ein großes und gutes Werk vollbracht. Namentlich hat sie in den evangelischen Kirchen Deutschlands eine weitverzweigte Thätigkeit entwickelt. Insonderheit hat sie
mäßigkeit ignorirt. In unseren Mietshäusern wird ein- für allemal die Mündung des Gasrohrs ohne Unterschied in der genau berechneten Mitte eines jeden Zimmers angebracht, selbst wenn etwa die unregelmäßige Gestaltung eines Zimmers darauf hinweist, daß ein Beleuchtungskörper in der Mitte der Decke ganz unzweckmäßig sein würde. Und doch ist gerade bei der Gas- und der elektrischen Anlage nichts leichter, als die Anbringung mehrerer Beleuchtungs-Gelegenheiten, die dann die Bewohner der Räume je nach deren Bestimmung benutzen mögen. In dieser Hinsicht ist also im Interesse einer modernen Beleuchtung unseres Heims zuerst Wandel zu schaffen.
Die Hauptfrage bleibt nun freilich immer die Wahl der Beleuchtungsart sUbst.
So riesenhaft die Fortschritte im Beleuchtungswesen sind, so ist doch die geschichtliche Kontinuität mit den alten Zeiten nicht unterbrochen. Nur die ^ccM ist endgiltig entthront, seitdem in unie em Jahrhundert der Kienipahn auch in den bescheidensten Häusern erloschen ist; und es wird wohl dieser Beleuchtungsart kaum jemand eine Thräne nachwemen. Die Kerze und das Oel hingegen spielen noch heute, wie bei den Alten, ihre Rolle; nur daß sie mit einander getauscht haben: das Wachslicht ist heute die theure, das Steinöl die billige Beleuchtungsart, während z. B. bei den Römern das Licht nur im Haushalte der Fermeren zur Verwendung gelangte, — vermuthlich weil man sich noch recht schlecht auf seine Herstellung verstand. Gegenwärtig ist nun das Wachslicht ganz von dem Petroleum in den Hintergrund gedrängt; eine gewisse Bedeutung wird es aber immer behalten, weil es eine sehr vornehme, ja man kann sagen: eine weihevolle Beleuchtung bildet. So haben sich die Kirchm uur sehr langsam an modernere Beleuchtungen gewöhnr, so werden schöne Wachskerzen auf festlichen Tafeln und in großen Reprâseu- tationsrâumen stets ihren Platz finden. Denn irr künst-