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Rr. 206.
Freitag den 3. September
1897.
„Amtliche Beilage" Nr. 61.
Das Königthum von Gottes Gnaden.
Bei dem Festmahl, welches die Rbeinprovin; unserm Kaiser paar in Koblenz bereiter hat, hob Kaiser Wilhelm in einer Tischrede die hohen Verdienste seines Großvaters hervor, von dem er mit besonderer Betonung rühmte, daß er „uns allen, und vor allen Dingen uns Fürsten, ein Kleinod wieder emporgehoben und zu Hellem Schein verhalfen hat, welches wir hoch und heilig Hallen mögen: das ist das Königthum von Gottes Gnaden, das Königthum mit seinen schweren Pflichten, seinen niemals endenden, stets andauernden Mühen und Arbeiten, mit seiner furchtbaren Verantwortung vor dem Schöpfer allein, von der kein Mensch, kein Minister, kein Abgeo r dnetenhaus, kein Volk den Fürsten entbinden kann."
Es ist selbstverständlich, daß diese Worte der demokratischen Presse ganz und gar nicht behagten und mit wenig Ehrerbietung vor unserm Kaiser einer abfälligen Kritik unterworfen werden. Selbst die „National-Ztg." will den Fürsten keine höhere Verantwortung für ihre Handlungen zugestehen, wie andern Sterblichen. Nach ihr findet jeder Mensch die un- ü'e.steiglichen Schranken für sein Thun in seinen Pflichten und Rechten; im Staatsleben darf kein Minister, kein Parlament genehmigen, was sie für falsch halten, — daiür sind sie verantwortlich vor der Gegenwart, vor der Geschichte, vor dem Volke.
Es sind dies die landläufigen Ansichten des fortgeschrittenen Liberalismus und derjenigen naturalistischen Schule, welche ben Gottes glauben längst als überflüssigen Ballast über Bord geworfen hat. Wer Gott leugnet, fühlt sich natürlich je'er Verantwortung vor einem höheren Wes n über- boben. Wie thurmbock steht Kaiser Wilhelm demgegenüber da in seiner hohen Auffassung des königlichen Regiments als eines den Fürsten von Gott übertragenen Amtes!
In der That ist das Königthum von Gottes Gnaden kein leerer, sondern ein inhaltsschwerer Begriff. In ihm sucht der Glaube einen Ausdruck, daß alles Irdische und so auch die Völker und die ihnen vorgesetzten Obrigkeiten nicht losgelöst sind von dem Walten einer höheren Macht. Wo dieses Bewußtsein ein Volk und seine Obrigkeit durchdringt, nehmen alle Verhältnisse eine wesentlich andere Gestaltung an, als in den Staaten, die von atheistischem Geiste durchdrungen sind. Ein Fürst, der sich bewußt ist, daß er seine obrigkeitliche Gewalt der Gnade Gottes verdankt und ihm für alle seine Handlungen Rechenschaft abzulegen hat, wird anders streben und urtheilen als Präsident einer Republik, welcher sein Emporkommen einer polnischen Partei verdankt. Der letztere wird unwillkürlich zu einem „Parteiregenten", welcher bei seinen Handlungen allein durch die Rücksichten auf die Parteigunst bestimmt wird. Dem König von Gottes Gnaden ist das göttliche Gebot die alleinige Richtschnur seines Handelns, und so wird er von selbst zum Träger einer Staatspolitik, welche die Vervollkommnung der Menschheit in allem Edlen und Guten als obersten Beruf betrachtet.
Dem Königthum von Gottes Gnaden erscheint die Pflege des Geistes und der Seele der Menschen, die Fürsorge für die Bedrängten und Schwachen, der Kampf für die Ehre des Vaterlandes, die Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit als eine sittliche Pflicht, — als der natürliche Ausfluß einer geläuterten, auf christlicher Grundlage beruhenden Weltauffassung. In dem atheistischen Staate sind alle Bestrebungen den weltlichen Dingen zugewandt. Da begegnet das Verantwortlichkeitsgefühl meist einer recht einseitigen Auffassung, und besonders die Parlamente nehmen, wie die Thatsachen beweisen, es oft recht leicht mit ihrer Verantwortlichkeit vor „der Geschichte und dem Volk". Man wird deshalb unserem Kaiser aufrichtig zustimmen, daß er dem Königthum von Gottes Gnaden im deutschen Nationalstaate seine . alte Stätte zu erhalten entschlossen ist. —r.
T «r g e s fs ch a U.
Der Kaiser in Süddeiüschland. Anläßlich der Würzburger und Nürnberger Kaiserparade hat es sich wiener einmal gezeigt, was eigentlich an dem so oft zitirten „Reichsverdruß" der Bayern daran ist. Die berufsmäßigen Hetzer und Wühler können mit Schrecken ihren gänzlichen Mißerfolg konstatiren. In ganz Bayern thut sich in diesen Tagen eine so große Freude am Reiche kund, daß alles Gerede und alle Nörgelei bagegen verstummen muß. Am gestrigen Sedantage, der durch die Eintracht der beiden hohen Verbündeten, des Prinzregenten von Bayern und des deutschen
Kaisers, und durch den Jubel der bayerischen Bevölkerung am besten gefeiert wurde, konnte man gern zurück denken an den Tag vor 26 Jahren, an welchem Preußen und Bayern gemeinschaftlich ihr Blut und Gut hingaben, um den deutschen Sieg unb die deutsche Einheit zu erringen. In diesen 26 Jahren friedlicher gemeinsamer Arbeit ist diese Einheit und Eintracht so stark gefestigt und ist der Gewinn aus derselben ein so reichlicher gewesen, daß wohl Niemand mehr an dem Segen, den das Deutsche Reich gestiftet hat, blind vorübergehen kann. Auch in Bayern ist die Erkenntniß von der Nützlichkeit und Nothwendigkeit des Reiches überall zum Durchbruch gelangt. Die Bestrebungen, die auf Zerstörung der Reichseinheit hinarbeiten, haben ft inen Erfolg; von Reichsverdruß merkt man in diesen Tagen nichts. Das wieder einmal in's Bewußtsein gebracht zu haben, ist der Erfolg des Kaiserbesuchs in Süddeutschland.
Der Bericht der Delegirten des Berliner Zentralkomitees, der bekanntlich darauf hinauslies, daß in den Ueberschwemmungsgebieten „kein augenblicklicher Nothstand" herrsche, hat in Schlesien erhebliches Kopfschütteln verursacht. U. A. schreibt die Breslauer Zeitung: Danach scheinen die Delegirten gerade zu einer Ansicht gelangt zu sein, die wir — und wir glauben über die Sachlage doch auch informirt zu sein — für die denkbar verkehrteste halten, nämlich zu der Ansicht, daß man bei deu Unterstützungsspenden nach dem Grundsatz verfahren soll: „Nur immer langsam voran". Wir wollen jenen Berichten der Delegirten statt langer Ausführungen nur folgendes sehr beredtes „Eingesandt" entgegensetzen, das wir im Boten a. b. Riesengeb. finden: „Die Vertheilung der für die Ueberschwemmten gesammelten Gelder wird dringlich. Jetzt fangen hilfsbedürftige Geschädigte an, in den Straßen unserer Stadt umherzuwandern und, theils ohne Bescheinigung, theils mit Bescheinigungen von Amtspersonen versehen, milde Gaben zu erbitten. Es ist hohe Zeit, die gesammelten Gelder zu ver- theilen, damit nicht ehrenwerthe Leute in die peinliche Lage kommen, selbst für sich sammeln zu müssen". — „Inzwischen", so schreibt ein anderes schlesisches Blatt, „hat ein Zentralkomitee für die Ueberschwemmten die Nothstandsgebiete bereist, „um sich selbst zu überzeugen". Als wenn die Berichte der Kreis- und Gemeindebehörden nicht zuverlässig wären! Der gesammelte Fonds beläuft sich schon auf einige Millionen, während die bis jetzt vertheilte Summe circa 200 000 Mark beträgt.
Lothringische Kindereien. Der „Köln. Ztg." wird aus Straßburg geschrieben: „Vor einiger Zeit ging durch die Presse die Nachricht von der Glückwnnschadresse, die einige Bürger der lothringischen Stadt Saarburg an den französischen Radfahrer Bourrillon gerichtet hatten und in der sie diesem ihren Dank dafür aussprachen, daß er die französischen Farben, die auch die ihrigen seien, zum Siege geführt habe. Wie sich allmählich herausstellte, war die Sache doch ernsterer Natur, zumal da ein Theil der Gratulanten zugleich Mitglieder des Saarburger Kriegervereins sind. Die Regierung hat nun die Vorstände be; Vereine, denen jene Herren als Mitglieder angehören, aufge'ordert, diese auszuschließen, widrigenfalls die Vereine aufgelöst würden. Ferner wurde dem einen Unterzeichner der Adresse, der Restaurateur ist, die Wirthschaftskonzession entzogen. Wir begrüßen es mit Freude, daß j gerade jetzt die Regierung gegen derartige kindische Versuche,' das Zarenwort vom Weltfrieden zu korrigiren, unuachsichtlich einschreitet".
Von der Mannszncht in der französischen Marine. Es wirft ein unangenehmes Licht auf die Mannszucht in der französischen Marine, daß bei der Abfahrt des Geschwaders in Petersburg gegen 150 Mann der Schiffsbesatzung fehlten, die tags vorher mit und anch ohne Urlaub ans Land gegangen waren. Die meisten fanden sich noch am Abend bezw. am Tage nach der Abfahrt des Geschwaders ein; gegen 40 sollen auf ihre inständigen Bitten von einem gerade auslaufenden französischen Privatdampfer mitgenommen sein. Angeblich fehlten aber am 29. August, mithin drei Tage nach der Abfahrt des Geschwaders, noch immer gegen 20 Mann, nach deren Verbleiben die Polizei eifrig forscht.! Beim Auslaufen des deutschen Geschwaders fehlte an Bord kein einziger Mann, und die vorher an Land beurlaubt Gewesenen hatten doch in Petersburg tüchtig trinken müssen.
„Noch Berlin!" Aus Paris wird vom 1. September gemeldet: Ueber 100 meist junge Leute formirten sich heute Nacht, während das Gros des Publikums sich Harm- losen Belustigungen auf improvisirten Tanzplätzen hingab, zu ! einer Kolonne und marschirten unter den Rufen „Nieder mit ^Deutschland, Hoch Elsaß-Lothringen, nach Berlin!" gegen die Rue Fanbourg-Laint Honore, um vor dem Elysöe zu de-
monstriren. Ein starker Polizeiposten von den benachbarten Kommissariaten versperrte ihnen jedoch den Weg. Es kam zu einer blutigen Rauferei, infolge deren vier Personen verletzt und zehn Verhaftungen vorgenommen wurden. Auch auf dem Montmartre wurden Demonstrationen gegen Deutschland verursacht, die jedoch nicht zu Stande kamen. Die Demonstranten beabsichtigten, sowohl vor der englischen Botschaft, welche sich wenige Häuser vom Elysöe befindet, als auch vor der deutschen Botschaft lärmende Szenen hervorzurufen. Sie waren sehr erstaunt über das plötzliche Hervorbrechen eines starken Polizeiaufgebots, das in Erwartung derartiger Tumulte in Bereitschaft gehalten worden war. Der „Matin" stellt, in Uebereinstimmung mit den anderen Blättern fest, daß es als ein wahres Glück zu bezeichnen sei, daß die höchst bedauerliche Kundgebung nicht ernstere Dimensionen angenommen.
Würzburger Fürstentage.
(Original-Korrespondenz des „Hanauer Anzeiger".)
Würzburg, 2. September. Gestern Abend um 7 Uhr fand die Paradciafel bei S. K. H. dem Prinzregenten von Bayern in den prächtig geschmückten Räumen der Würzburger R-sioenz statt, deren herrliche Innenarchitektur sich mit dm Pflanzendekorationen und den strahlenden Lustres zu einem prächtigen Bilde vereinigten. Die Musik zu der Tafel hatten die beiden Regimenter des Kaisers, die ersten bayerischen Ulanen und das sechste Infanterieregiment gestellt. An der Tafel nahmen sämmtliche in Würzburg anwesenden Fürstlichkeiten Theil. Im unteren Saale der Residenz sand Mar- schalltasel statt. Der Prinzregent brachte einen Trmkspruch aus, in welchem er dem Kaiser für die Gnade dankte, die Parade des zweiten Armeekorps durch Seme Gegenwart Der- derrlicht zu haben, in dem er auf den 1. September 1870 dinwus und welchen er mit einem Hurrah auf die Kaiserlichen Majestäten und sämmtliche fürstlichen Gäste schloß. Dcr Kaser erwiderte mit einem innigen Dank für den herrlichen Empfang unb die gnädigen Worte des Prinzregenten. Er freue sib, den heutigen Ehrentag der bayerischen Armee mit zu verleben und sei bei der vorzüglichen Haltung des Korps der Ueberzeugung, daß dasselbe wie einst bereit sein werde, für des Reiches Herrlichkeit elnzustehen. Ter Kaiser schloß mit einem Hurrah auf den Prinzregenten und die Kgl. Familie. Während die Allerhöchsten Herrschaften Cercle hielten, waren die Musitkorps von 29 Regimentern auf bim schönen Platze vor dem Schloß aufmarschirt, die Häuser er- Nrahlten im Lichtglanze, auch die alten Kirchthürme der Stadt hoben sich beleuchtet vom Nachthimmel ab und eine ungeheure l unkelwogende Menge füllte den Platz uno alle Zugänge. Vor dem alten Franconiabrunnen stand auf dem Dirigemen- pult Musikdirigent Burow vom 5. Infanterieregiment, der mit einem elektrisch leuchtenden Taktstock dirigirte. Magnesium- fackeln erhellten den Platz. Nach dem Konzert erfolgte der Abmarsch der Musikkorps unter den Klängen des alten bayerischen Zapfenstreichs. Der König von Württemberg und der Großherzog von Hessen hatten nach der Tafel Würzburg verlassen. Von einem besonderen Komitee arrangirt, fand gleichzeitig das croße Mainfest statt, zwischen der alten Brücke und der Ludmigsbrücke. Die Ufer, die Uferstraßen, die^ Boote und Kähne auf dem Main waren erleuchtet, der röthliche Schein der Pechfackeln mischte sich mit dem Flimmern und Leuchten der anderen Lichtkörper. Aufführungen verschiedener Vereine fanden statt. Die Veste Marienberg überragte das Ganze in ernster Ruhe. Am Donnerstag Morgen 7 U^r 35 Minuten fuhren die Majestäten und Fürstlichkeiten mittelst Sonderzuges nach Nürnberg, auch zur frühen Morgenstunde von zahlreichen Ovationen der Meng' begleitet. Würzburg bleibt in Festschmuck und in Festesstimmung. Kehren koch die hohen Herrschaften nochmals dorthin zurück. Die Straßen und öffentlichen Lokale sind voll von frohen Menschen, die Landbevölkerung ist zahlreich vertreten.
Der 2. September in Nürnberg.
Nürnberg, 2. September. Den 2. September hatten die in Würzburg weilenden hohen Gäste des Prinzregenten zu einem kurzen Besuch der alten Reichsstadt ausersehen; gleichzeitig mit diesem Besuch sollte auch eine Heerschau über das 1. Bayerische Armeekorps stattfinden. Die Fürstlichkeiten trafen mittelst Sonderzuges um 940 auf einer besonders erbauten Haltestelle bei Schweinau ein, dortselbst war Prinz Leopold zum Empfange anwesend, ebenso die schon mit einem früheren Zuge angelangten fremdherrlichen Offiziere, sowie der Ehrendienst. Am Bahnhof stiegen die Fürstlichkeiten zu P'erde und ritten, von dem Jubel des zahlreich erschienenen