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Nr. 205.
«8
Donnerstag den 2. September
1897.
Amtliches.
Bekanntmachung.
Der Königliche Rentmeister z. D. Karlhaus, welcher z. Zt. mit der Verwaltung der Königlichen Kreis- und Forstkaffe zu Hanau beauftragt worden ist, hat unter seiner vollen persönlichen Veiantwoitliakeit mit unserer Genehmigung seinen Privatgehülsen G u st a v Dücker zur Ertheilung von Quittungen über Zahlungen an die Kreis- und Forstkasse dortselbst bevollmächtigt.
Cassel den 26. August 1897. 12163
Königliche Regierung, Abtheilung sür direkte Steuern, Domänen und Forsten A. J. V.:
C. K. 808 Schmidt-Schwarzenberg.
^taöt^räe ^mxaxu
Büamltmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Bekanntmachung.
Ich bringe hierdurch in Erinnerung, daß nach der Ordnung für die Erhebung einer Gemeindesteuer bei dem Erwerbe von Grundstücken im Bezirke der Stadt Hanau jeder Eigenthumserwerb eines im Stadtbezirke belegenen Grundstücks innerhalb 4 Wochen nach dem Erwerbe dem Stadtrath anzuzeigen ist. Die Unterlassung der Anzeige zieht eine Strafe von 3—30 Mk. nach sich.
Hanau am 21. Juli 1897.
Der Oberbürgermeister.
J. V.: Heraeus. 10437
Fasel- und Ziegenmarkt zu Seligenstadt.
Zur Förderung der Rindvieh- und Ziegenzucht findet Mittwoch den 8. September 1897, vormittags 9 Uhr beginnend, zu Seligenstadt vor dem Mainthor ein Kasel- und Ziegenmarkt statt. — Indem wir das landwirthschaftliche Publikum innerhalb und außerhalb des Kreises zur Beschickung des Marktes mit schönen Thierexemplaren, zum Besuche und zur Benutzung der günstigen Ankaufsgelegenheit hierdurch einladen, wird bemerkt, daß sämmtliche vorgesührten Bullen und Ziegen von einer Sachverständigenkommission besichtigt, nach ihrer Güte gewürdigt und daß für die vorzüglichen Thiere Geldprämien
Feitilletsir
Fliegender Sommer.
Don Heinrich Geller.
Nachdruck verboten.)
Ferner rückt die Sonne unserem Planeten, Abende und Nächte werden tüdler, die Lust ist leicht und klar. In diesen Tagen, da letzte Sommerfreude und sanfte Herbstahnung sich wundersam mischen, schwimmen sie leise durch die ruhigen Lüfte, die ersten Boten des Herbstes, — die zarten Sonmer- säden, die Heck.n und Büsche mit ihrem Silbergespinnste bedecken. O die Herbsttage, da man, von der Sonne linde erwärmt, im Grase liegend zum stahlblauen milden Himmel, der dann so hoch und weit ist, aujschaut und nun das feine luftige Gewebe erblickt, wie es schaukelt, sich hebt und sich feittt? — ein Traum, etwas Unwirkliches scheint es und paßt so seltsam in das weltentrückte Feenland, dem unsere alte Mutter Erde im beginnenden Herbste gleicht. Wir wissen heul wohl, daß sehr kleine Spinnen v rschiedener Gattungen, vom Winde getrieben, diese Fäden nach sich ziehen; dennoch muihen sie auch btn modernen Menschen mit seinem eigenen Zauber an. Unwillkürlich bringt man dies feine Gewebe mit webenden Händen in Zusammenhang, und was Meister Gottfried von Straßburg einst vor Jahrhunderten sang, fühlen wir noch heut:
Ich mein', ihn haben Feinen (Feen)
Wunderbar gesponnen,
Und ihn in ihrem Bronnen
Geläutert und gereinet;
Er in fürwahr gefeinet.
Daß aber das Volk, und ganz besonders unser deutsches Volk, das von je die Naiurvorgänge zu vermenschlichen und so sich zu beleben liebte, dem yerbstgespinnste eine besondere
[ zuerkannt werden. Die Ziegenprämiirung ist auf Thiere aus dem Kreise Offenbach beschränkt.
Die Kreiskörkommission wird anwesend sein.
Die Fasel müssen längstens um 9 Uhr auf dem Platze, an den Vorderbeinen mit starken Schlingen gefesselt und von 2 Mann geführt sein. Im Gegensalle ist Wegweisung zu gewärtigen.
Die Zufuhr von rein Simmenthaler Raffe ist besonders erwünscht.
Durch die wiederholte Einfuhr von Schweizer- (Saanen-) Ziegen seitens des landwirthschastlichen Bezirksvereins, der in Seligenstadt Zuchtställe errichtet hat, ist die Landrasfe wesentlich verbessert worden, auch sind besonders durch die Bestrebungen des Ziegenzuchtvereins Seligenstadt vorzügliche reinrassige hier geborene Schweizerziegen vorhanden. Es steht sonach die Zufuhr von guten Zuchtziegen und Böcken zu erwarten.
Offenbach den 20. August 1897.
Grotzherzogliches Kreisamt.
V 6936 In Vertretung: Hölzinger.
Dicilstnachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Eine Doppelflinte mit der Gravirung M. A. Saam Frankfurt a. M. (in einer Droschke liegen geblieben), fünf Gebund Stroh, ein Portemonnaie mit etwas Geld, eine weiße Kmdersctmze mit rothen Blümchen, eine Brille.
Verloren: Eine Militär Feldmützte I. 94, von Großauheim bis Hanau der untere Theil einer schwarzen B Klarinette.
Hanau den 2. September 1897.
Zum Sedanfeft.
Wieder feiert heute, zum 27. Male, das deutsche Volk seiu Sedanfest, wenn auch nicht allerorten durch Festgottesdienst und Festessen, Festzüge und Festspiele. Aber gedacht wird dieses Tages überall, soweit die deutsche Zunge klingt. Und so kann auch keine deutsche Zeitung, wenn sie anders überhaupt noch deutsch sein will, an ihm vorübergehen, ohne an erster Stelle die Bedeutung dieses Tages gebührend hervorzuheben. Ja, wenn es recht stände, so würde gegen jedes Blatt, welches diesem Tage nicht sein Recht gäbe, aus dem eigenen Leserkreise sich ein Sturm der Entrüstung erheben. Versteht es sich doch für solche, die nicht gerade zu den „vaterlandslosen Gesellen" gehören wollen, ganz von selbst, daß dieser Tag ein Nationalfesttag ersten Ranges ist! Gewiß ist es für Alle, welche nach dem Jahre 1870 geboren sind, nicht so leicht, dies einzusehen, als für die, welche jene große Zeit selbst noch durchlebt haben und welchen es daher jedes Jahr aufs Neue ist, als ob sie den 2. September noch
Aufmerksamkeit widmete, ist natürlich. Schon in den allheidnischen Vorstellungen hatte es feinen Sinn nnb seine Stelle, und noch heute hat es seine heidnischen Erinnerungen, mancher Wandlungen unerachtet, nicht ganz abgestreift.
Die Germanen brachten die Sommerfäden mit b*n Schick salsgöitinen in Verbindung. Die Nornen spannen; sie fp innen der Menschen Schicksal. Ihr Gewebe dachte man sich ge wöhnlich wie Seile, die von Gipfel zu Gipfel liefen und fo die Berge der Erde gleich Brücken verbanden. Aber auch das feine Gespinnst der letzten Sommertage hielt man für ein Gewebe ihrer Kunst, und darum glaubt man noch heute im Rheinlande, daß es Glück bedeute, wenn sich Marienfäden Jemandem an den Rock hängen. Auf diese uralte Auffassung aber geht eine noch heute weit verbreitete Bezeichnung des Gespinnstes zurück. Die Schicksalsgöttiunen führten im angelsächsischen Dialekte den Namen der „Meten", d. h. der Messenden. Wie man in Dithmarschen, wenn Strauch und Feld von den feinen Fäden ganz überzogen erscheinen, bis auf den heutigen Tag sagt: „De Metten hebt spunnen," so heißt das Gewebe an vielen Orten Metjen oder Metken- sommer, woraus wieder unser „Mädchensommer" geworden ist, ohne daß jedoch ein Zusammenhang mit dem Worte „Mädchen" vorläge. Aber auch daS Wort „Sommer" ist nicht in der Benennung zu suchen. Vielmehr ersehen wir aus der englischen Bezeichnung gossamer d. h. gods samar, „Gottes Schleppkleid", daß „Sommer" eigentlich Schleppe bedeutet. Mädchensommer heifft also Nornenschleppe; und der Ausdruck „Altweibersommer" geht ersichtlich gleichfalls aus die germanischen Parzen, deren Schleppgewand in den beginnenden Herbsttagen in den Lüsten flattert. Doch wurde das Gespinnst wohl auch den Elf. n over Zwergen zuzeschrieben und der Schwede nennt deshalb Spinneweben dvärgsnet, d. h. Zwergnetz. Jedenfalls warm es stets göttliche Wesen, die diesen leichten Schleier über die Erde breiteten; und es
einmal erlebten. So fest, so unauslöschlich tief ist derselbe in ihr Gedächtniß geschrieben. Wir Alle, die wir damals lebten, hatten eben das Gefühl: ein solcher Tag ist seit den großen Befreiungskriegen nicht wieder dagewesen und wird auch sobald nicht wiederkommen; was dort vor Sedan geschehen, das gibt aus Jahrzehnte hinaus der Weltgeschichte I eine neue Wendung, das legt auch den Grund zu einer ganz neuen Zukunst unseres eigenen Vaterlandes. „Welch' eine Wendung durch Gottes Gnade!" Diese unvergeßlichen Worte unseres alten Heldenkaisers, mit welchen er damals seiner Gemahlin die Gefangennahme Napoleons verkündete, sie waren der Ausdruck der Herzensstimmung des ganzen deutschen Volkes. Und was es ahnte und wünschte, ging in baldige Erfüllung: Der Tag von Sedan wurde der Geburtstag des neuen deutschen Kaiserthums, des neuen, einigen, deutschen Reiches! „Das ist vom Herrn geschehen und ein Wunder vor unseren Augen," so ging es damals durch die deutschen Lande. Wäre Gott der Herr nicht mit uns gewesen und hätte er nicht unseren Waffen den Sieg verliehen, es stände wahrlich anders um uns, das war damals das offene, unwidersprochene Bekenntniß nicht nur der Heerführer und Krieger, sondern auch des ganzen deutschen Volkes. Und heute?
Ach, es ist leider weiten Schichten unseres Volkes dos Bewußtsein von dem hohen Werthe der Güter, welche damals in saurem Kampfe errungen wurden, die Freude an dem Reiche und dem deutschen Kaiserthume geschwunden, und dafür eine Gesinnung verbreitet, welche nur in vollständiger Umwälzung, in dem Umsturz des Bestehenden das Heil erblickt, oder — was ebenso schlimm ist — der Entwickelung unserer Verhältnisse mit der größten G'e'chgiltigkeit gegenübersteht. Wie ist dieser beklagenswerthe Niedergang des mit Recht von jeher so berühmten deutschen Patriotismus zu erklären? Wohl ist in den letzten Jahrzehnten manches vorgekoinmen, was jeden Volks- und Vaterlandssreund mit tiefstem Schmerz erfüllen muß, sowohl auf politischem wie auf wirthschaftlichem und sozialem Gebiete; aber das Alles hat doch seinen letzten Grund darin, daß jener alte, fromme, gottesfürchtige Sinn, mit welchem unser Volk in den letzten Krieg gezogen, bei uns so sehr abgenommen und zum größten Theil ganz aufgehört hat. Wenn aber ein Volk die lebendige Quelle der Religion verläßt und sich selbst ausgehauene Brunnen macht, die doch kein Wasser geben, dann kann die Wohlfahrt nicht gedeihen, da muß es rückwärts gehen. — Möchte das religiöse, christliche und kirchliche Leben wieder überall in Stadt und Land neuen Aufschwung nehmen und dazu auch ein Jeder an seinem Theile dazu beitragen! So wird von hier aus sich ein Sege-'sstrom ergießen, der erneuernd und befruchtend auch auf das politische, wirthschastliche und soziale Leben unseres Volkes einwirkt, die vorhandenen Gegensätze werden sich mildern, die Unzufriedenheit wird weichen, und die alte Liebe zu Kaiser
theilten auch die Slaven diese Auffassung mit- den germanischen Völkern.
Als das Christerthum kam, mußten die heidnischen Nornen natürlich fliehen, und wie so vie e andere Naturerscheinungen, so wurde nun auch der Altweibersommer mit der Jungfrau Maria in Beziehung gesetzt. Es hieß nun, daß diese Fäden Theile von dem Tuche Mariä seien, mit dem sie im Grabe umhüllt gewesen sei. Als sie dann von den Todten auf; erstanden und glorreich gen Himmel fuhr, fiel ihr dies Tuch, wie einst bem Elies sein Mantel, ab, die Winde ergriffen es und zerrissen es in viele kleine Fäden, die nun zweimal im Jahre (die Fäden zeigen sich auch im Frühling) zum ewigen Angedenken zu sehen seien. Von dieser Legende stammt der Name Mariengarn oder Marienfaden, den wir auch im Französischen (fils de la Vierge) im Italienischen (filamenti della Madonna), im Tschechien und Uri zwischen wiedeifinden. Doch har diese Marienlegeude noch mannigfache Berührungen mit der altheionischen Vorstellung. So finden wir auch die Bezeichnung „Marienskiw", worin sich also das alte Bild von den spinnenden Nornen einfach auf die Getter - mutier überhagen zeigt. Maria als Spinnerin ist, wie C. M. Blaas bemerkt hat, eine dem deutschen Volke vertraute und liebe Vorstellung. In Wernher von ^egecnsee's „Marienleben" erscheint Maria grüne und rothe Seide ipinnenb; der bekannte ungenützte Rock C risti soll ihr Gewinst sein und die Künstler haben vom Mittelalter bis auf Josef von Führich sie gern als Spinnerin dargestellt. We n ter Engel der Jungfrau die Hobe Botschaft ihrer Bestimmung bringt, dann erscheint sie bei den deutschen Malern oft am Spinnrocken, während die Italiener sie gern bei frommer Lektüre zeigen; und der kleine Zug kennzeichnet gut die verschiedenartige Auffassungswelse der Nationen, die Vorliebe der Deutschen für das Trauliche, Häusliche. — Eine andere Berührung der Marirnlegende mit dem £ei)englauben zeigt