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Amtliches Organ für Hiaöt- unö Lanökreis Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

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Nr. 154

Montag den 5. Juli

1897.

Weg weiter geht, wie sollten denn unser Kaiser und sein Kanzler dasselbe nicht auch thun!

Hierzu

Amtliche Beilage" Nr. 46.

Generalpoftmeister v. Podbielski.

Der Kaiser hat zum Nachfolger des Herrn v. Stephan als Staatssekretär des Reichspostamtes den Generallieutenant a. D. v. Podbielski ernannt. Wenn man die Auffassungen, die über diese Ernennung im Publikum und in der Presse laut werden, vernimmt, so sollte man meinen, der Sachver­stand sei plötzlich nach unten in die Sprecher gefahren und habe den Kaiser und feinen Kanzler verlassen. Ein General als Staatssekretär für die Post, das macht Demokraten und Hetzer rasend, und selbst ruhig denkende Leute werden stutzig. Die Zeitungen malen den Teufel an die Wand: es n ird ganz gewiß bei der Post einschwarzes Kabinet" geben, es wird nun an die Ermäßigung des Briefportos nicht mehr zu denken sein, es werden verabschiedete Majorsohne Examen" in höhere Poststellen einrücken, es wird eine stramme militärische Disziplin" unter den 150 000 Postbeamten ein- gesührt werden, überhaupt, die Grenze des in Preußen und im Reiche Möglichen wird überschritten werden, denn man denke! Herr v. Podbielski ist konservativer Reichstags­abgeordneter, und die Ernennung eines Konservativen in eine so hohe Reichsstclle macht Literaten und Nichtliteraten gruseln.

Sind es so vornehmlich die politiscken Bedenken, die bei den Gegnern der Konservativen gegen die Ernennung des Herrn v. Podbielski obwalten, so wird doch sowohl beim Publikum als auch der Presse immer wieder als Vorwand geltend gemacht, für eine solche Stelle bedürfe es der Fach­kenntniß, der Beherrschung des Details. So sei es bei Herrn v. Stephan ter Fall gewesen, dir von unten an ge­dient und aus den kleinsten Anfängen heraus sich durch eigene Kraft empor gearbeitet hatte. Von Herrn v. Podbielski ist nur bekannt, daß er in den verantwortlichen Stellungen, die er bisher innegehabt, sich durch organisches Talent, praktischen Sinn, humane Behandlung seiner Untergebenen und durch große Befähigung ausgezeichnet hat. Wenn es die Haupt­aufgabe des neuen Generalpostmeisters bleibt, das große Heer von 150 000 Beamten der verschiedensten Grade zufrieden zu erhalten und dabei die berechtigten Ansprüche und Wünsche der einzelnen Dienstkategorien zu berücksicttigen, so bedarf es keiner postalischen Details, sondern nur eines energischen Willens und einer hervorragenden Begabung. Ob der büreaukratische und juristische Fachmann etwa mehr erzielt, als der Mann der That und mil tärischen Entschiedenheit, dürfte doch nach den Erfahrungen, die bereits auf diesem Ge­biete gemalt sind, nur denen zweifelhaft sein, die absichtlich die Augen verschließen..

Mit dieser nicht allein für das Gedeihen der Reichspost, sondern auch für das staatliche Wohl eminent wichtigen Frage kann die Gesammtheit der schwebenden Postsragen keinen Vergleich aushallen. Ob das Briesgewicht von 15 auf 20 Gramm erhöht wird, ob der Fernsprechverkehr bei Ent- fernungeu über 50 Kilometer ermäßigt, ob die Postpacketsätze vertheuert, die Dampfervorlage glücklich vertheidigt, die Post­sparkasse eingeführt, der Zntungstarif geändert, die Luxus­bauten eingestellt und allerlei andere wünschenswe the Dinge für das Entgegenkommen der Post gegen das Publikum ein­gerichtet werden, das sind doch wirklich Fragen, um derent­willen man keinen Generalpostmeister ernennt.

Traurig wäre es, wenn das großartige Organisations­talent des Herrn v. Stephan die einzelnen Abtheilungen des Postwesens, der Telegraphie, der Reichsdruckerei, ja selbst die Beziehungen zum Weltpostverein in solchem Zustande hinter­lassen hätte, daß sie nicht von selber liefen und der geschulte Dienst und die sachmännische Bahn vollständig aus Jahre hinaus gesichert wäre. Was soll denn dem neuen General­postmeister noch zu thun übrig bleiben, wenn er nur für die Details da sein sollte und die große Hauptfrage, die Be­wahrung des Beamtenheeres vor Unzu riedenheit und vor der rücksichtslosen sozialdemokratischen Agitation beiseite lassen sollte?

Wer sich ängstig, n will, der mag sich ängstigen. Der Kaiser und sein Kanzler haben größere Gesichtspunkte, als die Kleinigkeitskrämer in den Redaktionsstuben und an den Stammtischen. Warten wir ab, wie sich Herr v. Podbielski bewährt, sehen wir, wie er arbeitet und was er kann. Er­kennen wir aber auch die Angriffe, die schon jetzt gegen ihn gerichtet werden, als das, was sie sind, Ausflüsse politischer Gehässigkeit und Parteievgherzigkeit. Wir sind nachgerade dahin gelangt, daß über alles und jeces geschrieen wird. Wenn schon jeder Mann aus tem Volke, der die Echreier kennt, im Vertrauen auf die bessere Einsicht ruhig seinen

Politische und unpolitische Nachrichten (Depeschen-BureauHerold.")

Berlin, 4. Juli. Der japanische Gesandte Vicomte Aoki wird mit seiner Familie am 22. Berlin verlassen und sich am 27. in Genua nach Japan einschiffen.

Hamburg, 4. Juli. Wie derHamb. Corresp." aus Berlin erfährt, sprach der Slaaissekietâr von Marschall in seiner letzten Audienz beim Kaiser vor Antritt des Urlaubs die Bitte aus, im Herbst von seiner hiesigen Stellung ent­bunden zu werden.

Travemünde, 4. Juli. Der Kaiser und Prinz Heinrich wohnten mit ihrem Gefolge drei Stunden dem Bier-Abend im Kur-Hotel bei.

Graz, 4. Juli. Gestern hielt der bekannte Berliner Freidenker Bruno Wille hier eiten Vortrag im konfessions­losen Verein. Infolge einer Aeußerung dcs Referenten wurde die Versammlung aufgelöst, Wille durch Polizei Agenten ver­haftet und im Landesgericht eingeliefert. Der Verein wird wahrscheinlich aufgelöst werden.

Lemberg, 4. Juli. Der Reichsraths-Abgeordnele Szajer, ein Bauer, ist wegen Majestäts-Beleidigung uno Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses zu acht Monaten schweren Kerkers, verschärft mit Fasten, verurtheilt worden.

Preßburg, 4. Juli. Der exzentrische Sänger Charles O-tion aus Höchst a. Main vergiftete sich mittelst einer Phosphor-Lösung.

Spa, 4. Juli. Prinz Philipp von Sachsen-Koburg ist heute zum Besuch des Königs der Belgier hier eingetroffen und wird abends nach Deutschland zurückkehren.

Paris, 4. Juli. Die gestern wegen zu scharfer Dis­ziplin ihres Vorstandes ausständig gewordenen Polizei Agenten der Polizei-Präfekiur habcn die Arbeit wieder ausgenommen, nachdem ihnen der Polizeipräfekt versprochen hat, ihre Forder­ungen zu berücksichtigen.

Paris, 4. Juli. Die Morgenblätter bezeichnen den Schaden, welchen der Hagelsturm und die Ueberschwemmung in den letzten 14 Tagen tm Südwesten Frankreichs ange­richtet haben, als unberechenbar. Die von der Regierung in der Kammer beantragten vier Millionen für die Opfer reichen nicht aus. In Toulouse und an anderen Plätzen sind Häuser eingestürzi. Die Ernte ist vollständig zerstört. Die Häuser stehen zwei Meter unt r Wasser. Zahlreiche Per­sonen sind vom Blitz erschlagen.

Paris, 3. Juli. Der Untersuchungsrichter Poitterin zeigte sich in seiner gestrigen dreistündigen Vernehmung vor der Panama-Kommission sehr referüht. Er verwies alle Fragesteller immer wieder auf das vorliegende Alten-Material. Poitterin tunrigte den Schluß der Untersuchung für den 14. Juli an. Er wartet nur noch das Ergebniß der von der Kommission verfügten Vernehmung Charles Lfffeps in London, der Wittwe des Depu'.icten Guillot in Finland und Raoul Canivets in Alexandrien ab.

Kiew 4. Juli. Auf dem Knieper hat zwischen Kiew und Jetaterinoslaw eine große Schiffskatastrophe stattge­sunden. Einzelheiten fehlen noch.

Warschau, 4. Juli. Der Minister des Innen be­auftragte den General Gouverneur von Kiew, Vorschläge zu matten, auf Grund deren eine Kontrole über die in strategischer Beziehung wichtigen süddwestiichen Eisenbahnen ausgedehnt weroen soll.

Witterungsbericht.

Voraussichtliche Witterung: Zunächst noch warm und in Gewittern geneigt, dann zumal im Norden Bayerns trübes Wetter uno Niederschläge mit nachfolgender Ab­kühlung. _________

Aus Stadt- und Landkreis Hanau.

(Nachdruck unserer Lokalnachrichten nur mit Quellenangabe gestattet.)

* Bivouak. Das Ulanemenmciit unternahm am Samstag Morgen eine größere Felddieustübung. Nach Rückkehr von beifelbm, gegen 12 Uhr mittags, bezog es auf dem Exerzier­plätze ein Bivouak. Es murre Zette ausgeschlagen, abgekocht, das Trompeterkorps spielte, kurz es herrschte echtes Manöoer- leben.

* Lehrerkompagnien. Im Bereiche des 11. Armee­korps werden während der Herbstzeit vier Lehierkompagnien gebil' et, bei welchen die Volksschullehrer ihre zehn- und sechs" wöchentliche Uebung ableisten. Die beiden ersten Lehrerkom­pagnien (6 Wochen) üben vom 15. Sept, bis 22. Oklbr.

bei den Infanterie-Regimentern Nr. 166 in Hanau und Nr. 32 in Meiningen, die beiden anderen Kompagnien (10 Wochen) üben vom 15. Sept, bis 23. November bei den Infanterie Regimentern Nr. 167 (Cassel) und Nr. 168 (Offenbach). Die bei dem hiesigen Regiment Nr. 166 übende Lehrerkompagnie retrutht sich aus den Landwehrbe­zirken Wiesbaden, Wetzlar, Limburg, Marburg, Frankfurt a.M., Friedberg, Gießen, Mainz,Worms, Darmstadt, Eberbach.

* Das VolksbühnenspielDeutsche Bürger" von Dr. Wilhelm Henzen wird schon von Anfang dieser Woche an durch Einleitung der Proben im Einzelstudium der Rollen in fleißige Vorbereitung genommen. Zur Abhaltung dieser Proben ist der Saal imLöwengärtchen" bestimmt worden und finden dieselben zunächst Dienstag und Freitags, von Mitte Juli an auch Donnerstag Abends von ^29 Uhr an statt. Eme stattliche Zahl mitwirkender Kräfte ist bereits gewornen, tie für die ihn n gestellten Aufgaben das regste Interesse bekunden. Zur Vervollstä rdigung des darstellenden Körpers in den großen Volksszenen des Stückes sina der Leitung etwaige Anmeldungen zur Betheiligung noch erwünscht und gern willkommen. Solche bittet man event, an dm nächsten Peobeabenden anbringen zu wollen. Der Ver­fasser des LolkâbühnenspielsDeutsche Bürger" hat sich in der deutschen Bühnenlilteratur einen hochgeachteten Namen erworben. NMnKonrad von Wettin",Schiller und Lotte", dem Reformationsdrama Luther, dem Mysterium Par- zival und dem VolksbühnenspielDie Heilige Elisabeth", ist kürzlich auch ein einaktiges SchauspielDer Tod des Tibe- liuâ" von Dr. Wilhelm Henzen erschienen und am Königl. Schauspielhause in Berlin zur Aufführung gelangt.

0 Konzert. Im Saalbauzum deutschen Haus" kon- zrrtirte gestern Nachmittag und Abends das Stockholmer Damen- Trio. Fiel schon im Eingang des Konzerts der ausgezeich­nete Pianist der Gesellschaft, Herr Hoßfeld, durch sein vollen­detes Spiel auf, so verstand es ebenso auch das in schwedi­scher Nationaltracht auftretende Trio durch vorzügliche Ge­sangsvorträge in teutscher und schwedischer Sprache die Zu­hörer zu fesseln und zu stürmischem Beifall zu veranlassen. Heute Abend, um 8 Uhr beginnend, konzertirt das Trio wie­der und zwar zum letzten Male imDeutschen Haus" und wollen wir nicht versäumen, auf einen Besuch des Künstler- Ensembles empfehlend hinzuweisen.

* Sieger im Gesangswettstreit. Bei einem gestern in Sprendlingen veranstalteten Gesangswettstreit errang der GesangvereinSângerlust"-Langendiebach unter 16 Mitbewerbern den ersten Preis, einen silbernen Pokal.

* Sport. M. Herty in Klein-Steinheim errang auf dem gestrigen internationalen Radwettfahren in Darmstadt den TitelMeisterschaftsfahrer von Hessen", den 2. Preis (Mk. 150) und Diplom; außerdem wurde er mit Strutt- Mainz in Tandem Erster (Preis 100 Mk.).

* 3«m Diamantarbeiterstreik. Die Vereinigung der Diamautschleisereibesitzer übermittelt uns folgendes Schreiben: Unter Bezugnahme aus einen Artikel in der Volksstimme" vom 3. d. Mts., Hanau den 3. Juli,Zum Diamantarbciterstieik" haben wir zu erklären, baß weder die Vereinigung noch ein Mitglied derselben mit einemH. Schmitt" unterzeichneten an Polak, Amsterdam, gerichteten Brief irgend etwas zu thun haben und daß erst durch die Veröffentlichung in den Hanauer Blättern und ia derVolksstimme" die Existenz eines derartigen Schreibens zu unserer und unserer Mitglieder Kenntniß gelangte.

* Karambolage. In der Lamboystraße fuhren gestern Abend zwei Chaiseit gegeneinander, infolge dessen bei der einen das Vorderrad brach.

* Achsenbruch. Bei einem mit Kartoffeln beladenen Wagen eines hiesigen Gastwirths brach am Samstag Abend, als er die Hospitalstraße (Allst ) pafslrte, die Achse.

Kür heute. Kunstoerein: Ausstellung Procter Oelge- mälde. - Saalbauzum deutschen Haus": Abends 8 Uor: Konzert des schwedisch-deutschen GesangsterzettStockholms Damen Trio". Evang. Männer- und Jünglingsverem: Abends 81/» Ubr; Gebetsversammlung (Ältst. Rathhaus). Verein der Briefmarkensammler: Ebenfalls abends 8*/» Uhr: -Zusammenkunft im VereinslokaleRestaurant Mohr". - Turn und Fechtllub: Abends von 8*/,10 Uhr: Turnen der Herrenabtheilung. Freiwillige Feuerwehr, 5. Komp.: Abends 9 Uhr in derAllemania"; Brandwache und Rettungskorps in der Brauerei Kaiser.

Versteigerung-- & Verpachtung-, re. Kalender für Dienstag den 6. Juli.

Von nachmittags 2 Uhr ab wird durch den b.-eib. Taxa­tor und Auktionator Herrn irr. Kämpfer die angesangene Versteigerung Auheimerweg 10b fortgesetzt.