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Nr. 143.
Dienstag den 22. Juni
1897
ifisasee
NmstnaiiiriKtm aus dem Kreise.
Gefunden: Eine Rolle Garn, mehrere Korsettstäbe und einige Meter Band. Ein rosarother Sonnenschirm. Ein Regenschirm und eine graue Mahne (von der Post). Ein Kinderschuh. Ein Paar weiße Damenhandschuhe.
Hanau am 22. Juni 1897.
Tagesschau.
Es darf als ziemlich gewiß angesehen werden, daß der Reichstag in seiner diesmaligen Tagung die beiden A r- beiterversicherungsentwürfe, welche ihm von den verbündeten Regierungen unterbreitet sind, nicht erledigen wird. Wenngleich die Unfallversicherungsnovellen in der Kommission durchberathen sind, so würde ihre zweite und dritte Plenarberathung doch mehr Zeit beanspruchen, als dem Reichstage diesmal anscheinend noch zur Verfügung steht, und daß der Jnvalidenversicherungsgesetzentwurf ohne Vorberathung in einer Kommission, welche bekanntlich abgelehnt ist, im Plenum erledigt werden könnte, daran ist nicht zu denken. Als die verbündeten Regierungen dem Reichstage die beiden großen Versicherungsvorlagen machten, gingen sie von der Idee ans, daß der Reichstag genug Kraft entfalten könnte, sie in einer und derselben Tagung zu verabschieden. Der Reichstag war nicht im Stande, für den Jnvalidenentwurf eine besondere Kommission einzusetzen, und mußte, da er ihn nicht an die mit der Unfallnovelle noch beschäftigte Kommission verweisen konnte, den ganz ungeheuerlichen Beschluß fassen, die zweite Plenarlesung ohne Kommissionsvorberathung eintreten zu lassen. Allerdings setzt der Reichstag dabei wohl, was ja auch zugetroffen ist, voraus, daß diese zweite Plenarlesung in der diesmaligen Tagung überhaupt nicht vor sich gehen würde. Daß die verbündeten Regierungen aus solchen Vorkommnissen Lehren ziehen müssen, ist nur natürlich. Die beiden vorgelegten Novellen sind nothwendig und werden deshalb später wieder erscheinen. Man dürfte aber nunmehr in Regierungskreisen überlegen, ob man dem Reichstage nochmals die Zumuthung stellen darf, beide Vorlagen in einer Tagung zu erledigen. Anscheinend reichen die Kräfte des Reichstages dazu nicht aus. Außerdem aber wird es sich auch darum handeln, welcher von beiden Entwürfen bei der Wiedervorlegung den Vorzug verdienen wird. Die Verhältnisse einzelner Versicherungsanstalten erfordern eine baldige Abhilfe in dieser oder jener Form. Beachtet man dieses Moment, so könnte v elleicht in der nächsten Tagung der diesmal so wenig eingehend behandelte Jnvalidenvcrstcherungsentwurf allein erscheinen, während die Unfallversicherungsnovelle für eine spätere Zeit aufbewahrt werden müßte.
Voll Bangen sieht man in Ungarn dem Peter-Paulstage (29. Juni) entgegen, an dem dort herkömmlich die Ernte beginnt. In dem fruchtbaren Alföld-Tieflande droht nämlich ein Aus st and der Erntearbeiter, die vom Sozialismus zu einem halb geheimen Bunde zusammengeschlossen worden sind und so über eine bedeutende Macht verfügen. Sie verlangen Lohnerhöhung und Abkürzung der Arbeitszeit. Schon in früheren Jahren ist dort Blut geflossen, jetzt haben sich diese Vorgänge sehr ernst wiederholt und bei der hochgradig gereizten Stimmung sind schwere Zusammenstöße zu befürchten, falls der Versuch gemacht werden sollte, fremde Arbeiter an Stelle der Ausständigen treten zu lassen. Der Landwirthschaftsminister hat den Gutsherren und Pächtern für den Fall des Schnitter-Ausstandes die Versicherung gegeben, er habe Alles organisirt, daß ihnen Arbeiter aus anderen Gegenden zur Verfügung ständen. Auf der Staatsdomäne Mezöhegyes, im Mittelpunkte des Alfölds, soll ein nach Tausenden zählendes Reserveheer von Feldarbeitern zusammengezogen werden, um sie von hier nach irgend einem Punkte zu leiten, wo die Schnitter ohne Schuld der Grundbesitzer die Arbeit verweigern. Falls diese Reserve sich als unzulänglich erweist, sollen sämmtliche Hilfsarbeiter der Staatsforsten auf die erste telegraphische Verständigung hin nach Mezöhegyes beordert werden können. Der Justizminister aber hat sich bereit erklärt, im Bedarfsfall alle jene Sträflinge, die für diesen Zweck ohne jede Gefahr verwendet werden können, gleichfalls zur Verfügung zu stellen, und die Eisenbahnen halten Sonderzüge für die Arbeiterbeförderung zur Verfügung. Gleichzeitig aber soll die Gendarmerie in den bedrohten Komitaten stark vermehrt und außerdem an den gefährdetsten Stellen Militär aufgeboten werden, während die Verwaltungsbeamten ihre Fürsorge ausschließlich der Arbeiterfrage widmen sollen. Um aber dem Vorwurfe einseitiger Parteinahme zu entgehen, erklärt die Regierung, sie sei ernstlich bemüht, eine Verbesserung der Lage der Arbeiter herbeizuführen. Schon in nächster Zeit würden Regulirungsarbeiten für mehrere Millionen
Gulden in Angriff genommen werden, auch werde die R.gie- rung wahrscheinlich noch in diesem Jahre einen Gesetzentwurf betreffend die Regelung des Verhältnisses zwischen Arbeitern und Arbeitgebern einbringen.
Von dem Jubiläumsfest in London.
Die Riesenstadt an der Themse, die sich zu dem Jubelfeste der greisen Königin Viktoria anschickt, hat wohl noch nie so viele gekrönte und erlauchte Gäste in ihren Mauern gesehen, wie in diesen Tagen. Zu den letzten Fürstlichkeiten, die auf englischem Boden landeten, gehörte die Kaiserin Friedrich. Widriges Wetter im Kanal hatte die Ueberfahrt verzögert, so daß die Landung erst am Sonntag früh in Sheerneß erfolgen konnte. Ale im Hafen lieqenden Panzerschiffe hatten Flaggenschmuck angelegt. Das Flaggschiff des kommandirenden Admirals gab einen Salut von 21. Schüssen ab. Die Landung der Kaiserin erfolgte um 7 Vs Uhr. Zur Begrüßung waren Admiral Nicholson sowie mehrere höhere Beamte anwesend. Die Kaiserin begab sich sofort nach Windsor-Castle. Mit großen Ehren wurde auch Prinz Albrecht von Preußen — Prinz Heinrich und Gemahlin waren schon frü! er angelangt — in London empfangen, den eine Abordnung des Garde-Dragoner-Regiments begleitet, dessen Chef die Königin von England ist. Zu diesem Empfange waren die Mitglieder der deutschen Botschaft und viele Vertreter der Londoner deutschen Kolonie erschienen. Nach der Begrüßung fuhr der Prinz nach dem Buckingham Palaste, wo er Wohnung nahm. Die Abordnung des preußischen Garde-Dragoner-Regiments begab sich in Hofequipagen nach dem Buckingham Palast-Hotel.
Am Sonntag Vormittag fand in der St. Georgskapelle ein feierlicher Gottesdienst statt, dem die Königin, die Mitglieder des königlichen Hauses, der Hof und die anwesenden fremden Fürstlichkeiten beiwohnten. Um einen Begriff von der Zahl der erschienenen fremden Fürstlichkeiten zu geben, seien sie hier aufgezählt. Es fanden sich ein: Prinz Albrecht von Preußen, Prinz und Prinzessin Karl von Dänemark, Großherzog und Großherzogin von Mecklenburg Strelitz, Prinz und Prinzessin Aribert von Anhalt, Prinz und Prinzessin zu Schaumburg Lippe, Herzog und Herzogin von Sachsen- Koburg, Großhrrzog und Großherzogin von Hessen, Erbprinz Alfred und Prinzessin Beatrice von Sachsen Koburg, Großfürst Cyrill, Prinz Waldemar von Dänemark, Prinz Eugen von Schweden und Norwegen, Prinz Hermann von Sachsen- Weimar; ferner das diplomatische Korps, die Peers in Amtstracht und viele andere hervorragende Persönlichkeiten. Für die Vertreter der katholischen Staaten fand in dem Brompton- Oratorium Festgottesdieust statt. Dem Publikum war der Zutritt nicht gestattet. Die Königin, in Begleitung der Kaiserin Friedrich und der Prinzessin Beatrix, trafen um 11 Uhr in der Kapelle ein. Die Königin sowie die Kaiserin Friedrich waren ganz in Schwarz gekleidet. Erstere trug nur eine weiße Feder im Haar. In unmittelbarer Nähe der Königin bemerkte man den Herzog von Connaught, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, die Prinzessin von Battenberg mit ihren Kindern und den Großfürsten Sergius von Rußland. Der Dechant von Windsor hielt den Gottesdienst ab. Dann ließ die Königin die Mitglieder der königlichen Familie zu sich rufen und umarmte die einzelnen, zuerst die Kaiserin Friedrich. Am Nachmittag fand in derselben Kapelle ein öffentlicher Gottesdienst statt. Die Mitglieder des Oberhauses wohnten einem Gottesdienste in der Westminsterabtei und die Mitglieder des Unterhauses einem Gottesdienste in der Pfarrkirche von Westmünster, „St. Margaret", bei. In der Nähe der Kirchen, welche dicht gefüllt waren, hatten sich große Menschenmengen angesammelt. Am Sonnabend Abend hatte in Windsor ein großer Zapfenstreich stattgesunden.
Politische und unpolitische Nachrichten.
(Depeschen-Bureau »Herold.")
Berlin, 21. Juni. Das Staatsministerium trat unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe heute Mittag 2 Uhr in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 21. Juni. Prinz Heinrich wird, wie die „Post" erfährt, nach Schluß der diesjährigen Flotten Haupt- manöver von dem Kommando der zweiten Division des ersten Geschwaders zurücktreten, um für den nächsten Winter ein Kommando in der Stellung als Kontreadmiral bei den Marinetheilen am Lande zu übernehmen. In erster Linie dürste hierfür die Jnspektionsstelle der 1. Marine-Inspektion mit dem Sitz in Kiel in Berücksichtigung kommen. Da Prinz
Heinrich während der bevorstehenden Flottenmanöver zum ersten Male eine Panzerdivision befehligt, nimmt man an, daß der Kaiser einem Theil der Haupt-Flottemnanöoer an Bord der Hohenzollern beiwohnen wird, um die Kritik der taktischen Uebungen abzuhalten.
Berlin, 21. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: An die Thatsache der Berufung des Finanzministers von Wiesbaden nach Berlin, wie an das Gerücht, daß Staatssekretär Bötticher beabsichtige, vom Reichsamt des Innern zurückzutreten, werden in der Presse die mannichfachsten Vermuthungen geknüpft, welche den Ereignissen weit vorgreisen. Eine Würdigung im Einzelnen halten wir zur Zeit für un- nöthig, solange der thatsächliche Boden dazu fehlt. Nur das Eine möchten wir schon jetzt zurückweisen, daß Fürst Hohenlohe beabsichtige, sich auf den „Altentheil der auswärtigen Angelegenheiten" zurückzuziehen, die ausschließliche Leitung der inneren Politik aber anderen Händen zu überlassen. Solange Fürst Hohenlohe Reichskanzler und Ministerpräsident bleibt, kann er sich der Leitung der inneren Angelegenheiten Preußens und des Reiches nicht entziehen. Eine selbstständige Vertretung für die gesammte innere Politik Deutschlands und Preußens ist unabhängig vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten nach der Verfassung nicht zulässig.
Berlin, 21. Juni. Soweit sich bisher übersehen läßt, dürften der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge die Geschäftsdispositionen des Reichstages dahin gehen, daß zunächst die dritte Lesung der Handwerksvorlage durchgeführt wird. Alsdann sollen die Besoldungsvorlage und die Nachtragsetats zur dritten Lesung gelangen. Weiterhin soll der Gesetzentwurf, betr. den Servistarif und die Klasseneintheilung der Orte, welcher ebenfalls noch der dritten Lesung harrt, erledigt werden. Außerdem dürfte noch die Entscheidung über die Wahl des Abgeordneten Dr. Merz (Donau-Eschingen) getroffen werden. An die Berathung weiterer Vorlagen und Anträge sei schwerlich zu denken.
Wörishofen, 21. Juni. Die Beerdigung des Prälaten Kneipp hat heute Vormittag 9 Uhr unter ungeheurem Andrange stattgesunden. Es waren zahlreiche Deputationen der verschiedenen Kneipp-Vereine vertreten, welche Blumenspenden überbrachten. Während der Beerdigung herrschte strömender Regen.
Wien, 2 L. Juni. Nach Meldung der „Montagsrevue" sollen zwischen der Commune Wien und der Wiener Tramway Gesellschaft Verhandlungen stattfinden, welche zum Zweck haben, die Tramway in den Besitz der Stadt zu übernehmen.
Wien, 21. Juni. Direktor Mauthner von der Kreditanstalt ist in der Angelegenheit der ungarischen Jnvestitions- anleihe nach Budapest abgereist.
Trieft, 21. Juni. Ein österreichischer Segler, mit Daubenladung nach Bordeaux unterwegs, ist 148 Seemeilen von Taranto in Brand gerathen. Zwei italienische Torpedoboote retteten die aus 21 Personen bestehende Mannschaft, während die Schiffsladung verloren ging.
Prag, 21. Juni. Um Mitternacht hier eingelaufene Telegramme melden ein Riesenfeuer in Collin. Das ganze Jndenviertel steht in Flammen. Nähere Einzelheiten fehlen, da die Telephon-Verbindung mit Prag gestört ist.
Mailand, 21. Juni. Das Garoasee-Gebiet sowie ein großer Theil der unteren Po-Ebene wurden gestern von einem giftigen Wirbelsturm, verbunden mit starkem Hagelschlag helmgesucht. An Häusern und Feldern wurde großer Schaden angerichtet. Die Ausläufer der Alpen sind mit frisch gefallenem Schnee bedeckt. In Venedig wüthete ebenfalls ein großes Unwetter. Die Straßen wurden überschwemmt. -Sieben große Boote wurden im Kanal umgeworfen. Das Kriegsschiff Verdetta wurde vom Sturme gegen den Strand des Markus-Bassins geschleudert.
Paris, 21. Juni. Heute fand das Begräbniß der Opfer des großen Wirbelsturmes statt. Die Gemeinderäthe der heimgesuchten Gemeinde bewilligt«» Kredite für die Hinterbliebenen. Außerdem wurde ein Künstler Ausschuß gebildet, welcher für die Unterstützung derjenigen Budenbesitzer, die bei dem Unwetter ihre ganze Habe verloren haben, sorgen soll.
Paris, 21. Juni. Der Temps bespricht die Miquel- Krise und sagt, die Ernennung Miquels zum Vizekanzler würde bedeuten, daß die Autorität der Regierung verstärkt werden muß, da eine strengere Politik gegen die Sozialdemokraten Noth thue. Miquel würde die Aufgabe zufallen, dem deutschen Volke begreiflich zu machen, daß eine starke Regierung vor einem Staatsstreich nicht zurückschrecken darf, wenn es gilt, di? Flotte zu verstärken und das Vaterland nach innen und außen zu retten. Miquel hat, wenn nicht