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Nr. 136. W«™!™™S
Montag den 14. Juni 1897
F Amtliches.
Kekannlmachung.
Postanweisungen nach überseeischen Ländern.
Von jetzt ab sind Postanweisungen bis zu 10 Pfund Sterling nach Basutoland, der Nigerküste, Kudat (Britisch- Nord Borneo) und Panama (Columbien) durch Vermittelung der Britischen Postverwaltung zulässig. Ueber die Bedingungen ertheilen die Postanstalten Auskunft.
Berlin W., 7. Juni 1897.
Reichs Postamt, I. Abtheilung.
In Vertretung: Dambach.
^mxölirct^ ^banait.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
Diejenigen Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises, in deren Gemeinden bezw. Gutsbezirken Zu- und Abgänge an Einkommen- und Ergänzungssteuer vom 1. April d. J. ab bis jetzt vorgekommen sind, fordere ich auf, mir die vorgeschriebenen Auszüge aus den Kontrollen alsbald einzureichen.
Hanau am 10. Juni 1897.
Der Vorsitzende
der Einkommensteuer-Veranlagungskommission für den Landkreis Hanau.
v. Schenck,
J. St. 1629 Landrath.
Bei einem verendeten Schweine des Müllers Ullrich in Kälberau, Bezirksamt Alzenau, ist die Schweinepest festgestellt worden.
Hanau am 10. Juni 1897.
Der Königliche Landrath
V. 5743 v. Schenck.
öienjtnndiriiftten aus dem Kreise.
Gefunden: Eine Partie Papiere: Ersatzreservepaß, Quittungskarte, Arbeitsbuch rc. für Hermann Seifert aus Michaelisthal. Zwei Kämme. Ein Paar weiße Manschetten mit goldnen Knöpfen. Ein grauer Heirensonnen- schirm. Ein Hentelkorb mit Kleiderzeug be;w. Futter (in einem Laden stehen geblieben). Zwei Velocipedschraubcn schlüssel. Ein schwarzwclltnes Damenhalstuch (im Turn- und Fechttlub). — Im Lambcywald gesunden: Ein seidenes Knöpftüchelchen. Ein langer schwarzer Damenhandschuh. Ein Poricmonnaie mit Geld. Ein Faßhommer. Ein weißer Manschettenknopf.
Verloren: Ein Zehnmarkstück. Eine rothe Pferdedecke. Ein schwarzer Spitzenkragen. Ein Portemonnaie mit 14 Mk.;
dem Wiederbringer eine Belohnung. Ferner verloren im Lamboywald: Ein Spazierstock mit Horngriff. Ein goldner Zwicker. Eine Korallenkette. Ein Portemonnaie mit ca. 5 Mk. Ein goldnes Hemdenknöpfchen. Ein Schâdkrot- Portemonnaie mit 60 Mark. Ein goldnes Armband. Ein Kinder Violettsammtkraqen. Zwei Schirme. Ein coldnes Pincenez.
Entlaufen: Ein großer grauer Hund m. Geschl. Hanau am 14. Juni 1897._______________________
Die Reise des Präsidenten Faure nach Rußland
scheint nun für die zweite Hälfte des Sommers festzustehen — von der Deputirtenkammer in Paris soll nächstens der nöthige Kredit verlangt werden; — ungewiß ist jedoch noch der Reiseweg und das Ceremoniell, und die Pariser Presse fährt fort, hierüber sorgenvolle Betrachtungen anzustellen oder Scherze zu machen. Im Mittelpunkte steht dabei immer die Frage: Wie kann der Präsident etwaigen Liebenswürdigkeiten des deutschen Kaisers aus dem Wege gehen. Ganz thörichte Phantasten liest man da. So wurde z. B. behauptet, Kaiser Wilhelm beabsichtige, Herrn Faure, wenn er den Weg über die Ostsee einschlage, durch den Prinzen Heinrich an der Spitze eines Geschwaders begrüßen zu lassen. Unser Kaiser hat nie daran gedacht.
Bemerkenswerther als diese lächerliche Furcht vor einem Austausch internationaler Höflichkeiten zwischen dem Repräsentanten Frankreichs und dem Oberhaupt des Deutschen Reiches ist der Umstand, daß sich nachgerade russische Stimmen erheben, die nichts weniger als Zustimmung ausdrücken. Der „Grashdanin", dos von dem Fürsten Metschersky beraus- gkgebene Hosblatt, das allerdings immer die russiscb-franzö fische „Verbrüderung" mit einigen Zweifeln begleitet hat, findet in den französischen Reisesorgen geradezu einen Mangel an Bescheidenheit. Selbst wenn die Reise durch Deutschland gehen und Kaiser Wilhelm eine Liebenswürdigkeit erweisen sollte, so wäre das nur um so besser für den Präsidenten und für Frankreich. Das Blatt fährt dann fort:
„Wozu dieser Reise des Präsiventen, welcher eine Visite dem rulsischen Kaiser abstattet, antideutsche Demonstrationen beimischen? Wozu mit dieser Ausübung eines Höflichkeitsaktes irgend etwas Politisches vereinigen, und dazu noch etwas Unbescheidenes, wie eine Landung in Odessa, um nach Petersburg durch ganz Rußland zu reisen? Es wäre überhaupt für die Franzosen Zeit, eineußhen, daß ihre ausrich- tieen Freunde durâaus nicht diejenigen sind, welche ihre Ge- iühle des Neides oder die Revanchegelüste gegen Deutschland schüren, sondern gerade diejenigen, welche ihnen immer wieder dazu rathen, eine Annäherung an Drutschland zu suchen."
Uns kann es nur recht sein, wenn „das ewige Auftaucken eines dummen Chauvinismus" schließlich Unbehagen in Ruß
land erregt. In der That hat Rußland gar kein eigenes Interesse daran, die französischen Revancheträume sich bei jeder Gelegenheit breit machen zu sehen. Beruht auch die französische Russenbegeisterung sehr wesentlich aus der Hoffnung, Elsaß-Lothringen wiederzugewinnen, so wird diese Hoffnung doch für die russische Politik in allen Fällen hinderlich, in denen sie Ursache hat, die deutsche Freundschaft ebenso wie die französische zu wünschen, z. B. bei den großen russischenglischen Interessengegensätzen.
Der Gegenbesuch des deutschen Kaisers am Hofe des Zaren wird voraussichtlich dem des Präsidenten Faure vorausgeben. Kaisei Wilhelm gedenkt gegen Ende Juli von der Nordlandsfahrt zurückzukehren und dann Anfang August nach Rußland zu reisen. Wir sind in der glücklichen Lage, daß wir uns keine Sorgen um den Reiseweg und das Cere- moniell zu machen brauchen.
Tagesschau.
Da der Verein Berliner Getreide- und Produktenhändler der am 11. v. Mts. von dem Oberpräsidenten an ibn gerichteten Aufforderung, binnen drei Wochen eine Bö senordnung zur staatlichen Genehmigung einzureichen, nicht entsprochen hat, ist nunmehr gegen die Fortsetzung der nach Ansicht der Regierung ungesetzlichen Versammlungen des genannten Vereins im Berliner Feenpalast der Weg der polizeilichen Verfügung beschritten worden. Tie Verfügung des Polizeipräsidenten lautet:
„Berlin den 11. Juni 1897.
Wie dem Vorstande des Vereins der Berliner Getreide- und Produktenhändler in dem Erlasse des Herrn Oberpräsidenten vom 11. Mai d. Js. mitgetheilt worden ist, tragen die von dem Vereine in dem Feenpalast regelmäßig, werktäglich, zur Börsenzeit veranstalteten Versammlungen den Charakter einer Börse und bedürfen deshalb gemäß § 1 des Reichsbörsengesetzes vom 22. Juni 1896 der Genehmigung der Landesregierung.
Da eine solche Genehmigung weder ertheilt noch nachgesucht worden ist, so untersage ich die Fortsetzung dieser nicht genehmigten Börsenversammlungen und drohe für den Fall der Zuwiderhandlung gegen diese Verfügung unmittelbar Zwang an.
gez. v. Windheim.
An den Verein der Berliner Getreide- und Produktenhändler, z. H des Vorsitzenden des Vorstandes Herrn Siegmund Pinkus, Wohlgeboren, Schinkelvlatz V
Die Verhandlungen, die der Obcrprästdent gleichzeitig mit der von ihm erlass, nen Aufforderung mit Vertretern des Aeltestenkollegiums der Berliner Kaufmannschaft, der brandenburgischen Landwnthschaftskammer und des Vorstandes mehr- erwähnten Vereins eingeleuet hat, um auf dem Boden der bestehenden Gesetze womöglich eine Verständigung ter Be- theilieten über die Wiederherstellung einer ordnungsmäßigen Produttenbörse herbeizuführen, werden durch die jetzt getroffene Mas-regel nicht berührt und demnach fortgesetzt wer-
fentUekit.
Kunststickerei.
Hanau, 14. Juni.
Da die Stickerei an unserer kgl. Akademie bestens gepflegt wird, dürfte die kunstsinnige Damenwelt der Bericht interessiren, den der „Rheinische Kurier" in Wiesbaden über ein großes, Aufsehen machendes Kunstwerk jüngst gebracht lat. Wer das schöne Wiesbaden zuweilen besucht, möge nicht verfehlen, dieses Bild zu besichtigen.
Rafaels Sixtinische Madonna in Naturgröße gestickt — lautete die Ankündigung, die jüngst zur Besichtigung einlud. Ich habe so viele verfehlte Dilettanten-Sückereien gesehen, welche lediglich unzulängliche Kraft, schlechten Geschmack und verfehlte Mittel bei frommster Gesinnung bekunden, daß ich mich sehr schwer entschließen konnte, den so oft in Dresden vom Original empfangenen Eindruck durch eine vermuthlich schlechte Kopie zu verderben oder abzuschwächen. Schließlich glaubte ich doch wenigstens den Fleiß und die Kraft anerkennen zu müssen, und ferner reizte es mich, den Lehrsatz in dieser großen Stickerei bestätigt zu sehen, daß je nach dem Standpunkte des Beschauers, die Reflexe der Seidenfäden so statt wechseln, daß eine harmonische Wirkung kaum zu erziel.n ist. MU dem Selbstgefühl, der Stickerin sagen zu können, sie hätte sich dankbarere Aufgaben wählen sollen, da es die traurige Gewohnheit der Dilettanten sei, stets das Schwerste leicht zu nehmen und die blauesten Ideale vom Himmel zu holen, trat ich vor dieses gestickte Bild. Wenn ich nun offen gestehe, daß meine wiederholten Besichtigungen nur dazu beitrugen, meine Bewunderung zu steigern, ja zu gestehen, daß der Eindruck der Kopie dem des Originals möglichst entspricht, ja in gewisser Hinsicht über
trifft, so gebe ich offen zu, daß wieder einmal die lebensgrüne Praxis die aschgraue Theorie besiegte. Keineswegs, daß meine Bedenken im allgemeinen falsch waren; es liegt der seltene Fall vor, daß eine so iminente Begabung, wie Frl. Clara Ripberger sie besitzt, genial und fast spielend die Klippen umschiffte, an ber einfache Talente scheitern. Es dürfte auf dem großen Gebiete der alten und neuen Textilkunst, wenn wir die kunsthistorischen Gobelins als Wirkwerke ausnehmen, keine Stickerei sich vorfinden, die mit dieser sixlinischen Madonna sich messen kann. Ja, es ist bervorzuheben, daß ganz neue Bahnen durch dieses Vorgehen eröffnet sind. Im höchsten und besten Sinne des Wortes haben wir die großartigste, vollendetste „Na d el mal er ei" vor Augen. Was der Pinsel strichweise erreicht, kommt hier durch Fäden strich- und stichweise zu Stande. Es muß gewiß zugestanden neiden, daß besonders in der Fleisch farbe die Mallechnik beqmnur die Ueber« äuge findet, aber andererseits ist die Leuchtkraft der Seide eine viel größere und ist die Wiedergabe der Gewänder entschieden eine schönere. Wir lernen aus diesem gestickten Bilde, daß dort die Wirkung die ansprechendste und die dem Material entsprechendste ist, wo die Verklärung oder Leuchtendes darzustellen ist. Der Kopf der Madonna und der des Jesukindes sind durch ihre Leuchtkraft von wunderbarer Schönheit. Zudem ist der geistige Ausdruck strenger in dieser Kopie gewahrt, als in manchem Kupferstiche. Erfahren wir, daß eine Kommission anerkanntester Dresdener und Berliner Kunstkenner den Versicherungswerth dieser Stickerei auf 60 000 Mark schätzte, so steigt wohl die Achtung vor dem Können dieser Dame. Meine Frage, in welcher Akademie oder in welchem Atelier sie sich als Malerin ausgebildet, beantwortete Fräulein Ripberger, sie habe lediglich die Stickerei erlernt und habe nicht einmal vor dem Original, sondern zu Hause das aus großer Leinwand kon- turirte Bild stückweise (zwischen zwei Rollen) 5 Jahre hindurch
gestickt. Sie sei unendlich oft mit den Seidenfäden vor das Original getreten, bis sie jede Nuance getroffen. Da nun Letztere nicht im Handel vorräthig, mußte sie verschiedene Fäden so drehen, bis die Mischung die Nuance erreichte. Ein eminentes Farbengefühl, das wohl nur ein Makart in schöpferischer Weise reicher besaß, konnte solch ein Werk schaffen. Man muß sich wie vor dem Original in Dresden in beschaulicher Muße hinsetzen, um nicht nur dieses wunderbare Bild an und für sich, sondern seine Leuchtkraft zu bewundern. Wie anders wie in der Oelmalerei flimmert die grau-blaue Himmelsluft, aus deren Ferne die Engelsköpse aufdämmern? Wie farbensait wirken die Gewänder!
Da das Bild bisher erst in Dresden ausgestellt war, fehlte die Erfahrung, wie es am vortheilhaftesten in den weiteren Städten zu plaziren ist. Am geeignetsten ist der Altar einer nicht zu Hellen Kirche. Man muß sich weit zurücksetzen können (was in den Kolonnaden fehlt). Jeder Reflex und jedes Seitenlicht stört bei der Seide noch mehr, wie bei den Oelgemälden. Das Bild stimmt durch seine ideale Vollendung, die wir Rafael und der Kopistin verdanken, wie ein Largo Händels. Es sind Weihemomente der Andacht oder des Gebets, die wir ohne Rücksiât auf Glauden und Aberglauben vor solchem Bilde verleben. Die spätere Bestimmung dieser Nadelmalerei kann selbstverständlich nur die sein, daß eine sehr reiche Dame es für eine Kirche als Altarschmuck kauft. Würde das sehr bemittelte South Kensington-Museum diesem Bilde einen besonderen Saal einräumen, so käme durch das Eintrittsgeld gewiß die Verzinsung heraus.
Für unsere Kunstpflege in Wiesbaden hat die Ausstellung dieser Stickerei den großen Werth, daß unsere jungen Mädchen ersehen, was Fleiß und Geschicklichkeit mit der Nadel erreichen. Die Technik ist zwar die einfachste, denn der Filo- sell-Plattstich ist keine besondere Kunst. Es tadelte jemand die Schlichtheit dieser Stiche, als ob es nöthig wäre, technische *