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Erstes Blatt.

Hanauer Anzeiger.

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Nr. 55. »****

Samstag den 6. März

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1897.

Amtliches.

^anöâret0 ^anau.

Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.

Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises fordere ich auf, mit allem Eifer auf Beseitigung der Raupen­nester in ihren Bezirken hinzuwirken.

Es sind nicht allein die Gemeinde-Obstbaumanlagen zu säubern, sondern es müssen auch die Besitzer der in den Gär­ten und Fluren stehenden Obstbäume angewiesen werden, daß sie die Säuberung der Obstbäume und Hecken von den Rau­pennestern vornehmen. Dabei ist denselben bekannt zu geben, daß 8 368,2 des Strafgesetzbuches Jeden, welcher das gebotene Raupen unterläßt, mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit entsprechender Haft bedroht.

Nicht bloß die leicht erkennbaren weißen Gespinnste der Nestraupe sind mit den Spitzen der Neste, woran sie kleben, zu entfernen, sondern auch so viel als möglich die steinharten Ringelraupen-Eier und die Wulste der Schwammraupe auf­zusuchen. Letztere finden sich am unteren Theil der Stämme, die Ringe der Ringelraupe aber an jungen Schossen, wo nur ein geübtes Auge sie erkennt.

Etwaige Unterlassungsfälle sind mir anzuzeigen, damit ich Bestrafungen eintreten lassen kann.

Hanau am 3. März 1897.

Der Königliche Landrath.

V. 2316 I. V.: Schneider, Kreissekretär.

Die anläßlich des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche über die Gemeinde Ostheim verhängte Ortssperre wird hiermit aufgehoben, da die Seuche daselbst nur noch über ein Gehöft verbreitet ist. Die Gehöftssperre bei dem Bullenhalter Georg Konrad Schustert daselbst bleibt vorläufig noch bestehen.

Die Herren Ortsvorstände wollen Vorstehendes sofort ortsüblich bekannt machen.

Hanau am 5. März 1897.

Der Königliche Landratb.

V. 2253 I. V.: Schneider, Kreissekretär.

Sienjtnniiiriditen ans dem Kreise.

Vom Wasenmeister am 5. d. Mts. eingefangen: Ein gestreifter dänischer Doggenhund m. Geschl.

Gefunden: Eine Legitimationskarte der Hanauer Orts­krankenkasse für Heinrich Obst. Ein Uhrgehäus nebst Kette. Ein graues Strickzeug. Ein goldner Ring mit Steinchen.

Entlaufen: Ein kleiner gelber Spitzhund m. Geschl.

Hanau am 6. März 1897.

Kleines Feuilleton.

Frankfurter Kries.

Frankfurt a. M., 5. März.

Jedem Theaterbesucher und Zeitungsleser ist bekannt, daß Frau Anna Hill eine recht talentvolle Schriftstellerin ist. Die geistreichen Feuilletons der jungen Dame verrathen eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe, und sind kleine, fein ziselirte Kabinetstücke. Auch die dramatischen Erzeugnisse der geist­reichen Frankfurterin, wie der prächtige EinakterDiana", der s. Zt. mit großem Beifall an vielen Bühnen zur Auffüh­rung gelangte, und das graziöse SoldatenstückchenFrank furt in Feindesland", das noch jetzt ein gern gesehe­nes Repertoirstück unseres Schauspielhauses ist, auch diese Erzeugnisse sind die Produkte eines vielseitigen, frisch pulst- renden Talentes, von dem wir wohl noch manche reiche Gabe erwarten dürfen. Daß aber Frau Hill auch eine ganz präch­tige Vortragskünstlerin ist, haben wohl ganz sicher die we­nigsten ihrer Verehrer gewußt, kein Wunder, daß der Saal desKaufmännischen Vereins" bis aufs letzte Eckchen besetzt war. Frau Hill hatte zu ihren Vorträgen ein buntes, reiches Programm gewählt; Ernst wechselte mit Humor, Hochdeutsch mit unseremscheene Frankforterisch", und die reiche und mannigfaltige Auswahl des Gebotenen ließ keine Langeweile aufkommen undfegte den Griesgram aus dem Haus". Es ist ein Ding der Unmöglichkeit für mich, alle die prächtigen Nummern einzeln aufzuzählen, mit denen die Vortragende das Publikum ergötzte und begeisterte, nur einigeSchlager" seien genannt. Dazu gehörte u. A. Hans Pfeilschmidts be­kannter prächtiger Schulschwank in sächsischer Mundart:Die Schlacht bei Dermobilä", dann Otto Hörth'sschwäbische Schwänke"; selbstredend fehlten auch unsere großen Lokal-

Die Furcht Frankreichs vor dem Wieder­erstehen des Treikaiserbundes.

Die deutsche Presse hat sich in der letzten Zeit darauf beschränkt, nur die sogenannten großen französischen Zeitungen zu citiren und aus ihren Auslassungen Schlüsse zu ziehen auf die Haltung der französischen Politik im Orient. Diese großen Blätter es sind bei weitem nicht die weitgelesensten, auch nicht die einflußreichsten im Lande, aber doch die ernst­hafteren erhalten, unbekümmert um ihre Stellung zur französischen inneren Politik, fast durchweg ihre Informationen entweder direkt vom Auswärtigen Amt oder sie werden doch von solchen Politikern geleitet, beziehentlich beeinflußt, die den leitenden Kreisen in der Republik nahe stehen; sie geben also selbst dann, wenn sie die Regierungspolitik bekämpfen, ein ziemlich richtiges Bild dieser Regierungspolitik wieder. Gleich­zeitig aber kommen in den großen Zeitungen natürlich gewisse Strömungen, Hoffnungen und Befürchtungen nicht zum Aus­druck oder doch, wo dies dennoch der Fall ist, in so vorsich­tiger diplomatischer Form, daß man, um klar zu sehen, zu den sogenannten kleinen, aber viel gelesenen, weit verbreiteten Blättern, den sogenannten Sousblättern, die man auch unter dem Sammelnamen Sensations- oder Hetzblätter zusammen- fassen kann, seine Zuflucht nehmen muß. In diesem Theil der Pariser Presse nun ging es und geht es seit Wochen kundèrbunt zu. Herr Hanotaux, vor kurzem noch ein Genie, um das Europa Frankreich beneide", wird kurzer Hand zum Verräther gestempelt, und daß der fanatische Russencultus vergangener Monate und Jahre in eine sehr starke Animosität gegen Rußland umgeschlagen ist, das haben wir an dieser Stelle bereits wiederholt konstatirt.

Die Unzufriedenheit mit der eigenen und die Erbitterung über die russische Politik sind aber nur Wirkungen einer tiefer liegenden Ursache. Solange die französische Regierung mit ihrer auswärtigen Politik isolirt dastand, d. h. bis man vor einigen Jahren in Paris den Anschluß an Petersburg suchte, kam man nicht zum vollen Bewußtsein der gegen früher be­deutend veränderten Rolle, die Frankreich heute im europäischen Konzert noch zu spielen berechtigt ist. Seitab stehend von den anderen Mächten, gewissermaßen deren Gesellschaft gar nicht frequentirend, überschätzt man trotz allem den eigenen Werth und die eigene Bedeutung. Seit Jnaugurirung der franko­russischen Politik als Gegengewichtspolitik gegen die Politik des Dreibundes hat man aber zwei Dinge einzusehen g> lernt: erstens, daß Frankreich in der franko-russischen Entente als der bedeutend schwächere Theil ganz bescheiden an die zweite Stelle treten muß, und zweitens, daß im Rath der gesammten europäischen Rationen Frankreich nicht nur hinter Rußland, sondern auch unwiderruflich hinter Deutschland und in mancher Beziehung hinter England und Oesterreich zurückgetreten ist, oder, wie sich unlängst derGaulois", der, seit ihn Herr

poeten Stoltze senior und junior nicht, von denen manch köst­liches Stück behagliche Heiterkeit erregte. Frau Anna Hill besitzt ein hervorragendes Vortragstalent. Es ist erstaunlich, mit welcher Meisterschaft und Verständniß sie die einzelnen Dialekte behandelt; mit welchem Gefühl sie ernste Lyrik, und mit welchem Humor siefrankforterisch" oder schwäbisch vor­trägt. Man lacht mit ihr, und man weint mit ihr. Selbstverständlich konnte sich ihre Kunst bei den Frankfurter Nummern am reichsten entfalten, und speziell auf diesem Ge­biet dürfte Frau Hill nur einen einzigen ebenbürtigen Kon­kurrenten haben Herrn Strohecker, unseren unvergleich­lichen Darsteller Frankfurter Typen. Nach jeder Nummer des Programms sowie am Schluffe wurde der Vortragenden stürmischer Beifall gespendet, der die Künstlerin hoffentlich veranlassen wird, recht bald wieder an die Oeffentlichkeit zu treten.

Von sonstigenKunstgenüssen" (gibt es überhaupt denn noch solche für einen Rezensenten? Anmerkung des Setzers) habe ich im Laufe der vergangenen Woche wenige durchkostet. Am Karnevals-Dienstag habe ich jâh die Flucht ergriffen und durchwandelte die verschwiegenen Pfade eines kleinen Rhein- städtchens, das glücklicherweise noch nicht karnevalistisch durch feucht ist, dagegen hatte ich erst gestern einen wirklich reinen, erhebenden und weihevollen Kunstgenuß, und zwar in unserem Schauspielhause, woselbst Lessing's in ewiger Jugend- frische prangendes MeisterwerkNathan der Weise" zu wirk­lich guter Aufführung gelangte. Das ideale Werk, das noch wenig Spuren seines ehrsurchtgebietenden Alters aufweist, war prächtig und stilvoll inszenirt, und das Zusammenspiel erwies sich als des höchsten Lobes würdig. Herr Diegelmann (Nathan) vermochte es zwar nicht, seinen Vorgänger Zademak oder gar Lobe vergessen zu machen, aber seine Darstellung war gut ausgefeilt. Namentlich gelingen ihm warme Herzens­töne, wie wir sie an dem verstorbenen Schneider so sehr *

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Cornely dirigirt, eine der einsichtsvollsten französischen Zei­tungen geworden ist, daß Frankreich zwar noch kein Staat zweiten Ranges geworden ist, obgleich sein Zurückbleiben hinter den anderen Großmächten wahrhaft erschreckend sei, daß aber Frankreichs Politik nur noch einePolitik der zweiten Stelle" sein könne.

Das, was derGaulois" ehrlich ausspricht, was alle Welt in Paris unbestimmt fühlt, dem will sich die Hetz- und Chauvinistenpresse vorläufig noch verschließen; sie sieht die Wirkungen der Abnahme des französischen Einflusses und Ansehens, aber sie will diese Abnahme selbst nicht zugestehen. Daher ihr Toben auf den vomGenie" plötzlich zumCretin" gewordenen Minister des Aeußern und daher ihr Schimpfen auf Rußland, dem man vorwirft, Frankreich nur schnöde aus­zubeuten, Gleichberechtigung nur Deutschland und Oesterreich und allenfalls noch England zuzugestehen. Und damit kommen wir zu dem eigentlichen Alb, der auf den Gemüthern der französischen Chauvinisten und deren Wortführern in der Presse drückt: Wie ein drohendes Gespenst, wie ein Gespenst, das man kommen sieht und fühlt, aber nicht beschwören kann, erhebt sich vor ihnen der neuerstehende Dreikaiserbund. Das macht die Leute rasend, läßt sie den Kops verlieren, und in ihrer Raserei graben sie das eigene Grab, das Grab ihrer eigenen Hoffnungen, immer tiefer und tiefer. Das franko­russische Bündniß ist eine Mißgeburt, die Lächerlichkeit hat bei ihm Gevatter gestanden. Die Franzosen warfen sich den Russen in die Arme, nicht um den eigenen Interessen zu dienen, sondern um Deutschland einen Tort zn spielen, und sie warfen sich den Russen mit einer solchen Würdelosigkeit, mit einer solchen Gefühlsübertreibung, aber auch mit einer so krassen Ueberschätzung ihres eigenen Werthes und der eigenen Bedeutung in die Arme, daß die Wirkung gar nicht aus­bleiben konnte. Die Russen nahmen die devote Liebe der Gallier lächelnd entgegen, schmeichelten deren Eitelkeit und borgten ihnen die fabelhaftesten Summen ab.

Einer ernsthaften Belastungsprobe wurde die Brücke, die von Paris nach Petersburg hinüberführte, lange nicht unter­worfen. Jetzt in den letzten Wochen hat eine solche Probe stattgefunden. Das Ergebniß hat weder den russischen noch den französischen Wünschen entsprochen. In Rußland hat man eingesehen, daß auf die Regierungen der Kaiser von Oesterreich und Deutschland mehr Verlaß ist als auf die wetterwendische französische Republik. Und die Pariser Macht­haber haben eingesehen, daß Rußlands Wege im Orient nicht die Wege Frankreichs, daß beider Völker und Regierungen Weltanschauungen grundverschieden sind und daß es für eine demokratisch parlamentarische Republik ungeheuer schwer ist, auf die Dauer und bei Lösung großer prinzipieller Fragen mit einem Autokraten Hand in Hand zu gehen.

Der Bruch hat sich noch nicht vollzogen, aber langsam findet sich in Europa zusammen, was zusammen gebot t. Das

schätzten, ganz vorzüglich. Herr Bauer stellte einen prachl vollenSultan" auf die Bühne, und die Leistung des Herrn Hermann in der Rolle des beschränkten Klosterbruders wird ja von früher her als eine der besten des Künstlers geschätzt. Auch Frau Freund (Daja), Frâul. Landori (Recha) und Herr Szika (Patriarch) boten durchaus Gutes. Die Vorstellung fand bei ermäßigten Preisen statt. E. Lbm.

Aus Kunst und Leben.

Hanau, 6. März.

Gleichstellung der Studenten und Studen­tinnen in England. Der vom Senat der Universität Cambridge eingesetzte Ausschuß hat sich in seiner Mehrheit dafür entschieden, den Studentinnen die akademischen Grade eines B. A. (bacchalaureus artium) und eines M. A. (magister artium liberalium) zu verleihen. Von den 14 Mitgliedern des Ausschusses stimmten nur 5 dagegen. Auf allen britischen Universitäten, mit Ausnahme von Ox­ford, Cambridge und Trinity Kollege in Dublin, sind bezüg­lich dieser akademischen Ehren Studenten und Studentinnen gleichberechtigt.

KapitänBoycott", welcher die englische und an­dere Sprachen durch seinen Namen bereichert bat, als ihm vor 16 Jahren die Bewohner der Grafschaft Mayo den so­zialen Krieg erklärten und ihm nichts verkaufen, noch für ihn arbeiten wollten, ist heutigen Tages einer der beliebtesten Einwohner der Gegend. Selbst wüthende Nationalisten ge­stehen dieses zu. So ändern sich die Zeiten.

Der neueste Börsenwitz über die kretische Frage ist in Berlin verübt worden und lautet:Das europäische Konzert kann nicht stattfinden, da die Noten nach Athen ge­schickt worden sind.