Hanauer Anzeiger,
»mmnuineu: Amtliches Organ sm Stadl- und Landkreis Hanau. . J-,«,i°.s„.is-
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Nr. 52.
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Hierzu „Amtliche Beilage" Nr. 18.
flien|tnafiri fiten aus d>m Kreise.
Verloren: Am 2. d. Mts. eine silberne Damenremon- toiruhr mit vergoldetem Kettchen. Ein Zugbeutel mit 24 Mk.
Gefunden: Ein Ortskrankenkasfeubuch nebst Quitlungs- karte für Johannes Ebert aus Kcsselstadt. Ein Haarpfeil von Horn.
Vom Wafenmeister am 2. d. Mts. eingefangen: Ein brauner Jagdhund m. Grschl.
Zugelaufen: Im s. g. Poppenwald ein brauner Jagdhund m. Geschl., mit Kette.
Hanan am 3. März 1897.
Preußischer Landtag. Abgeordnetenhaus.
(Sitzung vom 2. März.)
Das Abgeordnetenhaus verhandelte heute zunächst die Interpellation der Abgg. F e l i s ch und Gen. (kons.), welcher folgendermaßen lautet: „Die Königliche Staatsregierung hat am 3. August 1896 im Deutschen Reichs- und Staatsanzeiger einen Gesetzentwurf, betreffend Organisation des Handwerks, veröffentlicht, welcher die Zustimmung des organisirten Handwerks erfahren hat, und von welchem man annehmen durfte, daß derselbe durch den Bundesrath baldigst dem Reichstag? zugehen würde. Da eine solche Vorlage bis jetzt nicht erfolgt ist, so richten wir an die Königliche Staatsregierung die Anfrage: ob eine Vorlage, welche den am 3. August 1896 veröffentlichten Entwurf als Grundlage hat, noch heute den Ansichten der Königlichen Staatsregierung entspricht und demnächst dem Reichstage zugehen wird?" Abg. Fetisch (kons.) verweist daraus, daß die Gewerbeordnung von 1869 aus den Meistern Arbeitgeber, aus den Gesellen und Lehrlingen Arbeitnehmer gemacht, die Traditionen des Handwerks untergraben und damit der Sozialdemokratie Vorschub geleistet habe. Die spätere Arbeitergesetzgebung habe zudem die Kleinineister, die für die Versorgung ihrer Arbeiter zahlen müßten, während für sie selbst nicht gesorgt sei, zu den wirthschastlich Schwächeren gemacht. Mit der Arbeiterfürsorge müsse Halt gemacht werden, weil sie bereits zu weit gehe. Verschiedene Vorlagen zur Reorganisation des Handwerks seien bereits gescheitert; ob die letzte an den Reichstag kommen werde, sei trotz der Erklärung des Staatsministers von Bötticher noch nicht sicher Jedenfalls müsse das Handwerk im ganzen Reiche einheitlich orgauisirt werden.
Handelsminister B r e f e l d antwortet, daß die Aenderung in den Verhältnissen des Handwerks durch die gesammte mo= derue Entwickelung herbeigeführt sei, die sich nicht anfhalten
Kleines Feuilleton.
Aus Kunst und Leben.
,,ParziVal" — ein Mysterium in fünf Akten von Wilhelm Henzen, dem Verfasste des Völksbühnenspiels „Die heilige Elisabeth", das demnächst in Homburg mit bürgerlichen Kräften zur Aufführung gelangt, ist auf Wunsch des Autors dem Spielplan der zu oolksthümlicher Darstellung geeigneten Werke eingefügt worden, auf deren weitere Verbreitung die bisherige Thätigkeit des Herrn Schauspielregisseurs Hertel nicht ohne fördernden Einfluß geblieben in.
Der Humor in Steuersachen ist ein seltenes Pflänzchen. In Breslau scheint dieses gegenwärtig aber zu gedeihen, wie man aus einigen, in der „Bresl. Ztg." erzählten Schnurren entnehmen darf. So wurde die Steuererklärung eines Arztes, der sein Einkommen diesmal erheblich niedriger angegeben hatte, als in den Vorjahren, mit dem Bemerken beanstandet, daß dieser Einnahme-Ausfall einer näheren Erklärung bedürfe. Hierauf erwiderte der Arzt, daß ihm der Rückgang seiner Praxis leider ebenfalls unerklärlich sei. — Besonders gern will die Veranlagungskommission bei den verschiedenen Hausständen ansragen, wie viel von den in ihrem Geschäft hergestellten Waaren von den Mitgliedern der Haushaltung verwendet werden. So wurde ein „Pfefferküchler" gefragt, wie viel der süßen Waare von seiner Familie alljährlich verbraucht werde! Die gleiche Anfrage wurde an einen Destillateur gerichtet, der darauf indeß erwiderte: „Wir trinken keine Liköre, denn wir wissen, wie sie gemacht werden." Ein Wurstmacher, an den man ebenfalls eine solche Frage gerichtet hatte, meinte lakonisch: „Wir essen kein Pferdefleisch." — Ein Hausbesitzer hatte den Werth seines
Mittwoch den 3. März
lasse. Das Handwerk leide naturgemäß unter der übergreifenden Ausdehnung der Industrie. Die Regierung habe sicherlich die Aufgabe, dem Handwerk bei diesem schweren Uebergang, zu helfen und sie habe leider darin bisher nicht genug gethan. Die Organisation sei nur der Rahmen, welcher erst ausgefüllt werden müsse. In die Aufgabe, die volkswirthschaftliche Lage des Handwerks zu bessern, seien wir bereits eingetreten durch Förderung des Genossenschaftswesens zur Beschaffung von Kredit, von Materialien und Werkzeugen; eine Reihe von Genosfenschaftsverbäuden stehe bereits mit der Zentralgenoffenschaftskaffe in Verbindung. Die technische Leistungsfähigkeit sei auf dem Wege der Fortbildnngs- und Fachschulen, der kunstgewerblichen Sammlungen und Ausstellungen noch wesentlich weiter auszubilden. Ein wesentliches Mittel, das Jnnungswesen zu kräftigen, würden die Zwangsinnungen sein, wie sie in dem preußischen Entwürfe festgelegt seien, über welchen demnächst der. Bundesrath abstimmen werde. Der Entwurf habe in den Ausschußberathungen des Bundesrathes allerdings wesentliche Abänderungen erfahren. Die Erklärung des Reichsamts des Innern, daß der Entwurf bis zum 15. März an den Reichstag kommen sollte, werde sich erfüllen. Es habe sich aber als bedenklich hcraus- gestellt, gleichzeitig mit dem Zwangsinnungswesen allgemein den Befähigungsnachweis festzulegen, da dieser nur bei Gewerben nothwendig sei, bei denen ein öffentliches Interesse vorliege, insofern die Schädigung von Menschenleben zu verhüten sei. Der Befähigungsnachweis habe nicht bloß eine positive, sondern auch eine negative, andere Handwerkszweige ausschließende Bedeutung, und die Grenzen zwischen einzelnen Handwerkszweigen ließen sich nicht aufrecht erhalten. Darum möge man sich, sobald die Vorlage komme, auf das Erreichbare beschränken; damit werde dem Handwerk am besten gedient sein.
Abg. B u e ck (natlib.) führt die Gründe aus, weshalb seine Fraktion gegen Zwangsorganisationen und Befähigungsnachweis sei; sie würden dem Handwerk nicht helfen, sondern könnten nur dazu beitragen, daß die Energie der Handwerker noch mehr erlahme. Die Annahme, daß der Mittelstand in wirthschastlichem Rückgänge begriffen sei, werde durch die Ergebnisse der Einkommensteuer widerlegt. Noch immer habe der wachsende Verkehr die Schranken wieder gebrochen, die man der Gewerbefreiheit habe ziehen wollen.
Abu Metzner (Ctr.) hofft, daß die Mittheilungen der „Franks. Ztg." über die im Bundesrath liegende Vorlage sich als unzutreffend erw.'isen würden, denn ein solches Gesetz könne den Handwerkerstand nicht befriedigen. Abg. Frhr. v. Zedlitz (freikons) glaubt, daß die Einführung von Zwangsinnungen auch diejenige des Befähigungsnachweises nach sich ziehen werde. Freunde und Gegner müßten wünschen, daß recht bald die Probe damit gemacht werde, und deshalb möge die Staatsregierung recht schnell die Jnitmtioe er- freisen, wie dos der Hohen ollernpolitik ent'vreche. Abg.
Grundstückes auf 80 000 Mark angegeben, worauf ihm bemerkt wurde, diese Schätzung sei viel zu niedrig, sein Haus wäre mindestens 100 000 Mark werth. „Mit 100 000 Mark akzeptire für Sie", lautete die Antwort des nothleidenden Hausbesitzers. Ein anderer Steuerpflichtiger war zur Vorlegung seiner Bücher aufgefordert worden. Er erschien und verlangte den Herrn Regierunasrath persönlich zu sprechen. Das wurde ihm nach einigen Umständen gestaltet, un^ nun erschienen drei Dienstmänner auf dem Plan, jeder schwer beladen mit Büchern und Aktenstücken, die sie zu Füßen des Regierungsraths niederlegten. Der gewissenhafte Steuerzahler hatte zur größeren Sicherheit seine sämmtlichen Bücher und Belege seit den sechziger Fahren zur Stelle geschafft. Wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß in den vorstehenden Anekdoten die Wahrheit stark mit Dichtung vermengt sein dürfte.
Eine Rabenmutter. Unterm 26. Februar schreibt der Brüsseler Korrespondent der „Münch. N. N.": Der kleine, von seinen Eltern zu Tode gemarterte Pierre Gregoire aus dem Faubourg Montmartre in Paris hat einen Leidensgefährten gefunden. In einer Vorstadt Gents wohnt die von ihrem ersten Mann geschiedene und von ihrem zweiten Mann getrennt lebende Frau Dekoninck. Aus ihrer ersten Ehe hat sie einen zwölfjährigen Knaben, aus der zweiten zwei Mädchen von zehn und acht Jahren. Dieser Tage nun wurde die Polizeibehörde durch ein anonymes Schreiben benachrichtigt, daß das jüngste dieser Kinder, Namens Charlotte, verschwunden zu sein scheine; die Nachbarschaft bekomme es nie zu Gesicht. Die Folge war, daß ein Polizeikommissär im Hause der Frau sich einstellte und nach dem Verbleib des Kindes fragte. Nach anfänglicher Weigerung, es zu zeigen, führte die Mutter den Kommissär in ein abgelegenes Zimmer des Erdgeschosses, wo, bei ihrem Eintritt ein kaum 60 Cen- timeter großes, mißgestaltetes, ohne Schuhe und Strümpfe, nur mit schmutzigen Lumpen bekleidetes Wesen sich in einen
1897.
V. Brockhausen (kons.) verheißt, daß die Konservativen im Reichstage, sobald die Vorlage dahin komme, Abânderungs- anträge im Sinne des preußischen Entwurfes stellen und auf dem Befähigungsnachweise bestehen würden. Abg. Ehlers (freist Ver.) meint, ebenso wenig, als die Gewerbeordnung von 1869 direkt an eine Blüthezeit des Handwerks angeknüpft habe, werde auch aus einer Vorlage zu dessen Reorganisation eine solche entstehen. Auf den Gebieten, die der Minister als solche bezeichnet Hobe, wo dem Handwerk aufzuhelfen sei, könne im Rahmen der bestehenden Gewerbeordnung alles Nützliche geschehen. Abg. Fe lisch (kons.) betont, daß die Mehrheit des Hauses für die geschlossene Organisation des Handwerks eintrete; komme der Befähigungsnachweis nicht in die Vorlage hinein, so werde das für die Wahlen im nächsten Jahre nicht gut thun. Nachdem der Abg. Pleß (Ctr ) ebenfalls für die Zwangsorganisation gesprochen, ist die Interpellation erledigt.
Es solgt die Berathung des Antrags der Abgg. Brütt (freikons) und Gen., „die Staatsregierung zu ersuchen, gegenüber der Thatsache, daß die Fähren über den Kaiser Wilhelm-Kanal ihren Zweck nicht erfüllen, möglichster Beschleunigung Maßnahmen zu treffen, durch welche entsprechende Abhülfe geschaffen wird." Der Antrag wird angenommen.
Nächste Sitzung Freitag.
Politische und unpolitische Nachrichten.
(Depeschen-Bureau .Herold".)
Berlin, 2. März. Morgen Abend wird der Kaiser sich nach Wilhelmshafen begeben, um übermorgen daselbst der Vereidigung der Marine-Rekruten beizuwohnen.
Berlin, 2. März. Der Kaiser empfing heute Mittag den Staatssekretär von Bötticher zu einem längeren Dortrage und gegen 1 Uhr die außerordentliche persische Botschaft, welche auch von der Kaiserin empfangen wurde. — Dem hiesigen persischen Gesandten, dem Führer der hier eingetroffenen Bots^aft, wurde das Kreuz zum Rothen Adlerorden verliehen.
Berlin, 2. März. Im weiteren Verlauf der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde der Antrag Bruett (freicons.) auf schleunigste Abhilfe der mangelhaften Fähr- Verhältnisse am Nordostsee-Kanal angenommen und alsdann kleine Vorlagen erledigt. Nächste Sitzung Freitag. Tagesordnung : Landwirthschastsetat.
Berlin, 2. März. Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet aus Wien: Die Note, welche die Botschafter in Konstantinopel überreichen, soll auch den Rath an die Pforte enthalten, nach dem Rückzüge der Griechen aus Kreta die dortigen türkischen Truppen allmählich in die befestigten Plätze zusammenzuziehen. Bezüglich der Note au Griechenland wurde der Vorschlag Englands, die Frist zur Rückberufung der griechischen Schiffe
in der Ecke stehenden Weidenkorb flüchtete. Der Kommissar besichtigte es näher und fand, daß es in der That die mehr einem Affen als einem Menschenkinde ähnliche kleine Charlotte war. Ihre Beine waren krumm gebogen und von entsetzlicher Magerkeit, ebenso die Arme, Rückgrat und Becken waren so schwach und gekrümmt, daß der Kopf auf die Schultern herabhing. Dem Oberkiefer fehlten sämmtliche Zähne, der Unterkiefer wies deren nur drei auf. Die Haut war von oben bis unten mit einer dicken Kruste Schmutz bedeckt und die Füße zeigten an mehreren Stellen Brandwunden. Stehen konnte das unglückliche Wesen überhaupt nicht, sondern nur kriechen oder wie ein Hund zusammengekauert sitzen. Der Kommissär befahl der Mutter, es einzuhüllen und ihm zu folgen, und als sie sich dessen weigerte, nahm er es selbst auf seine Arme und trug es zu seiner Behausung. Erst unter vielem Zureden gelang es hier, dem unglücksichen Kinde einige Worte zu entlocken, aus denen hervorging, daß es nichts Anderes kannte, als nur in seinem Korbe unter dem Tische zu liegen. Die Brandwunden hatte ihm die Mutter zur Strafe für Verunreinigungen mit einem glühenden Eisen beigebracht ! Viel Prügel waren feine tägliche Nahrung, daneben einige Krumen Brod, die ihm unter den Tisch zugeworfen wurden; der leere Weidenkorb war sein Nachtlager. Die Polizeibehörde übergab das Kind dem Krankenhause, wo es sofort in die sorgsamste Pflege genommen wurde. Die Rabenmutter, die bereits mehrere Male verhört worden ist, befindet sich noch auf freiem Fuße; die Aufregung in der Nachbarschaft ist aber so groß, daß die Polizei sie und ihr Haus gegen die Wuth der Leute zu schützen gezwungen ist, die dieses umlagern und ihren Drohungen gegen das entmenschte Weib lauten Ausdruck geben. Eine wohlthätige Dame von Gent hat sich bereits erboten, das Kind dauernd an sich zu nehmen, wenn das Gericht es der unnatürlichen Mutter entzogen haben wird.